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Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik

Matthias Karadi

"Fehleinschätzung der Nato"
Die Vorwürfe an die Adresse der westlichen Alliierten angesichts ausufernder Gewalt im Kosovo werden lauter. Zurecht, meint auch Matthias Karadi vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik.

THOMAS SPANHEL: Manche Beobachter des Kosovo-Konflikts sind schockiert darüber, wie unuorbereitet d ie Nato der Gewalt des Krieges gegenübersteht.

MATTHIAS KARADI: Der Nato sind einige katastrophale Fehleinschätzungen unterlaufen. Die Einschätzungen, unter denen die Nato die Luftangriffe startete, haben sich als falsch herausgestellt. Weder hat der serbische Präsident Slobodan Milosevic in letzter Sekunde angesichts drohender Nato-Angriffe eingelenkt, noch konnten ihn die Bomben der letzten Nächte dazu bewegen, das Friedensabkommen von Rambouillet zu akzeptieren. Man hat kaum damit gerechnet, daß Banden und serbische Polizei so schnell und so brutal gegen die Bevölkerung vorgehen. Sonst hätte man zumindest angesehene und damit besonders gefährdete Persönlichkeiten warnen und außer Landes bringen können. Jetzt muß sich die Nato vorwerfen lassen, daß sie die Gewalt noch verstärkt hat.

Sehen Sie Alternativen, d ie d ie Nato noch kurz vor Beginn derAngriffe hätte ergreifen können?

KARADI: Schwierig zu sagen. Viele Militärs meinen, man hätte rechtzeitig vor Beginn eines Nato-Schlags ausreichend Bodentruppen an der Grenze zum Kosovo stationieren müssen. Dann hätte Milosevic nicht damit rechnen können, daß er gegenüber dieser Streitmacht bestehen kann. Luftangriffe allein können die Vertreibungen nicht verhindern.

Die UCK berichtet, daß sie von den Serben förmlich überrannt wird. Wurde sie zu wenig unterstützt?

KARADI: Die UCK hat das erreicht, was sie wollte: Die Nato-Flugzeuge sind ihre Luftwaffe. Auf dem Boden ist die Truppe allerdings trotzdem zu schwach, um gegenüber der serbischen Armee bestehen zu können. Die UCK kann nur eine Politik der Nadelstiche gegenüber den Serben betreiben. Sicherlich kommt es dabei ebenfalls zu gewaltsamen Ubergriffen und Vertreibungen. Schon vor Beginn der Luftangriffe flohen immer mehr Serben aus dem Kosovo nach Montenegro oder Serbien. Jetzt werden vor allem im amerikanischen Kongreß die Stimmen lauter, die UCK besser zu bewaffnen. Das würde einen Frieden aber in weite Ferne rücken.

Wie stark muß man sich die UCK vorstellen ?

KARADI: Geschätzt wird sie auf bis zu 50 000 Mann. Sie hat sich die Struktur einer Armee mit einem Oberkommandierenden und verschiedenen Einheiten gegeben. Vor allem im Norden Albaniens gibt es Ausbildungslager. Dort erhalten die Kämpfer Waffen. Der Waffenschmuggel blüht, viele Exilalbaner sind daran beteiligt. Insgesamt befindet sich die UCK aber wohl auf dem Rückzug. Gegen die schweren Waffen der Serben kann sie kaum etwas ausrichten. Die Männer ziehen sich in schwer zugängliche Gebirgsgegenden vor allem an der Grenze nach Albanien zurück.

Sehen Sie momentan Chancen, den Krieg schnell zu beenden?

KARADI: Ich persönlich habe die Hoffnung, daß die neueste Verhandlungsrunde mit dem russischen Premierminister Jewgeni Primakow etwas bewirkt. Es könnte sein, daR er den Serben das Einverständnis abringt, Truppen unter Führung der Uno im Kosovo zuzulassen. Unter bestimmten Voraussetzungen könnte damit auch die Nato leben. Dann ginge es vor allem um die Frage, wie man die serbische Minderheit im Kosovo so schützt, daß sie auch in einem weitgehend autonomen Kosovo leben kann. Oder man muß die Frage diskutieren, ob eine Teilung des Kosovo sinnvoll ist, wie sie Milosevic im Auge hat.

Dokumentiert in: Südwestpresse, 31.3.1999.

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