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Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt und er findet mit deutscher Beteiligung statt. Die systematische Vertreibung und Tötung der Menschen im Kosovo durch die Soldaten und Banden Milosevics und der Krieg der NATO gegen Serbien sind eine große Belastung und Herausforderung für diejenigen, die sich seit vielen Jahren für eine Erziehung zum Frieden und für die Etablierung ziviler Formen der Konfliktbearbeitung eingesetzt haben. Krieg, in welcher Form er auch auftritt bzw. herrscht, ist ein Zeichen für die Schwächen der Zivilgesellschaft und für das Versagen der Politik. Auch wenn am Anfang die verführerische Hoffnung bestand, Gewalt mit Gegengewalt beenden zu können, darf dieser Krieg der Nato unter deutscher Beteiligung nicht kritiklos zur Kenntnis genommen werden.
Jetzt erst, nach über zwanzig Tagen Bombenkrieg beginnt eine öffentliche Diskussion über die politischen Versäumnisse der Vergangenheit und der Gegenwart. Ein Teil der Versäumnisse besteht in der fahrlässigen Mißachtung mancher Möglichkeiten und Chancen, deeskalierend auf diesen Konflikt einwirken zu können. Dazu gehört die jahrelange Ignorierung des gewaltfreien Widerstandes von Kosovo-Albanern und -Albanerinnen gegen die Unterdrückung durch den serbischen Machtapparat. Dazu gehört auch die mangelnde Bereitschaft, Ressourcen für zivile Formen der Konfliktbearbeitung bereitzustellen. Die europäische Unfähigkeit, die notwendige Zahl von 2.000 OSZE-Beobachter und Beobachterinnen in den Kosovo entsenden zu können, ist ein deutliches Beispiel dafür ebenso der Verzicht, prominente Vermittler einzubeziehen. Wer sich in Verhandlungen mit immer mehr und gewaltsameren Drohungen selbst unter Druck setzt - wie dies die NATO getan hat - , wird zum Gefangenen der eigenen Verhandlungsführung, steht schließlich "ohne Alternativen" da und ist zum Handeln gezwungen. Das Übergehen der UNO und die Mißachtung des Völkerrechts haben die Eskalation des Konfliktes beschleunigt. Die Einschätzung, einen schnellen, "sauberen" Krieg ohne größere zivile Opfer führen zu können, hat sich als naiv erwiesen. So wird das mit Argumenten der Humanität begründete militärische Eingreifen der NATO von der bitteren Einsicht begleitet, daß - wieder einmal - nicht alles getan worden ist um ein militärisches Eingreifen, einen Krieg als vermeintliche ultima ratio zu verhindern.
Diese Feststellung bedeutet nicht, daß irgendjemand über ein Rezept oder gar über eine Garantie verfügt hätte oder verfügt, die mörderische, rassistische und nationalistische Politik der serbischen Führung mit zivilen Mitteln zu stoppen. Doch es muß diskutiert werden können, ob nicht eine verstärkte und konsequente Behinderung des serbischen Vorgehens mit friedenspolitischen und humanitären Mitteln sinnvoller gewesen wäre oder ob nicht eine Intervention möglich gewesen wäre, die weniger Todesopfern auf allen Seiten, weniger Flüchtlinge, weniger Haß zwischen den Menschen und weniger irreparablen Schäden für das Zusammenleben der Staaten und Gesellschaften zur Folge gehabt hätte. Die Zivilgesellschaft und ihre SprecherInnen in den Parteien, Verbänden oder den Nichtregierungsorganisationen müssen diese Diskussion jetzt mit großer Intensität einfordern und führen. Persönlichkeiten aus den Bereichen Wissenschaft, Friedensforschung und Menschenrechtsorganisationen haben eine
Stellungnahme "Zurück zum Völkerrecht, zurück zur UNO"
abgegeben, der sich auch Vorstand und Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Geschäftsstelle des Vereins für Friedenspädagogik verbunden fühlen. In der Stellungnahme heißt es u.a.: "Aus humanitären und auch aus politischen Gründen ist es dringend erforderlich, zum Bemühen um eine nicht-militärische, zivile und politische Lösung zurückzukehren". Öffentliche Erklärungen mit einem klaren Bekenntnis zum Primat der Politik sind wichtiger denn je.
Die in Deutschland fünfzig Jahre lang geltende Prämisse "Nie wieder Krieg" bzw. "Nie wieder Krieg mit deutscher Beteiligung" wurde von den politisch Verantwortlichen sicherlich nicht leichtfertig aufgegeben. Aber der Kurswechsel ist als Signal für eine neue deutsche Positionsbestimmung in der Weltpolitik unübersehbar. Dieses Signal der amtierenden Regierung bedeutet einen tiefen Einschnitt in der weiteren Entwicklung unserer zivilen Gesellschaft. Der Kampf- Einsatz deutscher Soldaten verändert nicht nur die Außenpolitik, sondern auch die politische Kultur im Innern. Eine neue, grundlegende Auseinandersetzung mit den individuellen, gesellschaftlichen und internationalen Hintergründen der Bereitschaft zum militärischen Einsatz ist erforderlich. Wie halten wir es mit dem "Recht des Stärkeren"? Welcher "Preis" darf der Einsatz für Menschenrechte haben? Die Friedenserziehung in Europa muß sich diesen Fragen stellen.
Friedenserziehung - wie sie im Verein für Friedenspädagogik verstanden wird - bedarf einer langfristigen Orientierung. Sie setzt auf die Veränderung von Einstellungen und Verhaltensweisen. Dies enthebt jedoch nicht von der Verantwortung, sich in aktuelle Konflikte einzumischen. In diesem Sinne hat sich der Verein für Friedenspädagogik im Rahmen seiner Möglichkeiten und Kompetenzen auch für die Förderung einer zivilen Entwicklung im ehemaligen Jugoslawien eingesetzt. Dies geschah zum Beispiel durch die intensive Beratungstätigkeit bei mehreren Projekten des "Kinderberg e.V." in Bosnien. Unterstützt wurde das Projekt "Bosnische Kids Online" und der Aufbau eines Bildungsservers zur Demokratieentwicklung in Kroatien. Um angesichts der Eskalation des Krieges im Kosovo und in Jugoslawien rasch zur Meinungsbildung mit beitragen zu können, wurden auf dem Internet-Server des Vereins eine Reihe von Stellungnahmen vor allem aus dem Bereich der Friedensforschung aufgenommen. Ca. 6.000 Zugriffe auf den Server pro Woche zeigen, wie wichtig ein kritisches Informationsangebot ist. Auf diesem Weg werden auch zuverlässige Spendenmöglichkeiten verbreitet, wie sie zum Beispiel "Brot für die Welt" bzw. das Diakonische Werk mit Flüchtlingslagern in Mazedonien anbietet. Mit "Brot für die Welt" verbindet den Verein für Friedenspädagogik seit mehreren Jahren eine intensive Kooperation. In Vorträgen, Seminaren und mit Bildungsmaterialien leistete der Verein lange vor dem aktuellen Krieg einen medienpädagogischen Beitrag, um die Medienberichterstattung durchsichtiger zu machen und um zu zeigen, welchen Mechanismen "Krieg im Fernsehen" unterliegt. Weiter ist schließlich die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten ziviler Konfliktbearbeitung ein zentrales Handlungsfeld des Vereins für Friedenspädagogik. Der Verein hat sich der bundesweiten "Plattform ziviler Konfliktbearbeitung" angeschlossen.
Alle diese Aktivitäten müssen verstärkt werden, um einen Beitrag zur anstehenden, neuen Auseinandersetzung in unserem Land über die zentralen Fragen von Krieg und Frieden leisten zu können. Dazu gehört:
Aufklärung über Ursachen, Hintergründe und Eskalationsstufen von Kriegen: 1998 wurden weltweit über 20 Kriege geführt und Krisen gewaltsam ausgetragen. Kriege sind immer noch Mittel für Herrschaftssicherung, Machtaustragung und "Konfliktbereinigung". Kriege haben ihre (Vor-)Geschichte, sie werden vorbereitet, sie bedürfen (zumindest in Demokratien) der Legitimation. Um sie führen zu können, müssen Waffen, Soldaten, finanzielle Mittel und eine öffentliche Zustimmung vorhanden sein. Friedenserziehung im Krieg bedeutet, auch humanitär begründete Kriegseinsätze kritisch zu reflektieren, Tabus zu brechen und zur Meinungsbildung beizutragen.
Aufklärung über die Leiden der Bevölkerung: Krieg bedeutet immer zuerst Leiden für die Bevölkerung. Nicht nur die Fernsehbilder von den Kriegsschauplätzen, sondern auch Berichte von Betroffenen, die nach Deutschland kommen, zeigen dies. Diese Menschen benötigen zunächst materielle Hilfe und psychosoziale Betreuung. Friedenserziehung im Krieg erfordert, Empathie und Hilfe für die Opfer von Kriegen zu fördern. Dies bedeutet u.a., Flüchtlinge und Vertriebene vor Ort und zuhause zu unterstützen, ihnen eine Zuflucht zu bieten oder die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen. Dies bedeutet aber auch, das Gespräch mit den MitbürgerInnen aus allen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens zu suchen.
Aufklärung über Veränderungen und neue Entwicklungen in der Sicherheitspolitik: Anders als in den 80er Jahren sind sicherheitspolitische Fragen kein öffentlich diskutiertes Thema mehr und auch in der politischen Bildungsarbeit nicht mehr präsent. Friedenserziehung hat hier die Funktion, jenseits der "Mainstream-Themen" solche Fragen aufzugreifen und immer wieder in die Diskussion zu bringen. Sie muß vor allem die Alternativen einer zivilen Konfliktaustragung deutlich machen.
Aufklärung über Manipulation und Propaganda: "Das erste Opfer im Krieg ist immer die Wahrheit." Informationen werden verzerrt, verfälscht, unterdrückt - auf allen Seiten. Feindbilder werden notwendig, um die eigenen Kriegsanstrengungen zu rechtfertigen. Friedenserziehung in Zeiten des Krieges muß einen Beitrag dazu leisten, daß die Formulierung "Serbien muß sterbien" keine Renaissance erlebt.
Vorbereitung und Einübung ziviler Konfliktlösungsstrategien: Nicht nur militärische "Lösungen" sondern auch zivile Konfliktbearbeitung bedarf der Vorbereitung, einer Infrastruktur und einer langfristigen Einübung. Friedenserziehung muß und kann dazu beitragen, daß das Kennenlernen und die Anwendung von Instrumenten ziviler Konfliktbearbeitung zu einem Kernbereich ziviler Gesellschaften wird. Dazu gehört z.B.: das eigene Konfliktverhalten beobachten, bevor wir andere belehren, wie sie sich hätten verhalten müssen; unsere eigene Gewaltbereitschaft überprüfen; Bedingungen für gelungenes Konfliktverhalten herausfinden.
Globales Lernen fördern: Globales Lernen, verstanden als Bewältigung komplexer Situationen, zukunftsorientiertes Denken und Handeln unter Einbeziehung anderer Kulturen, Länder und Kontinente, ist heute eine Notwendigkeit, um Orientierung in einer unübersichtlichen Welt gewinnen zu können. Die Verbindung von Nahem und Fernem, von Alltag und globalen Ereignissen ist dabei eine zentrale Aufgabe. Globales Lernen zeigt, wie uns die Entwicklungen in anderen Gebieten beeinflussen und berühren und wie wir selbst Einfluß ausüben können.
Friedenserziehung in Zeiten des Krieges bedeutet, alte Aufgaben neu zu formulieren und auszurichten. Dazu gehört nicht zuletzt die Förderung der Verflechtungen zwischen den friedensorientierten Teile der Gesellschaften. Vielleicht bieten elektronische Kommunikationsmittel zusätzlich neben anderen Anstrengungen mittelfristig erfolgreiche Möglichkeiten, die grenzüberschreitende Dialogbereitschaft und -fähigkeit "von unten" zu einem wachsenden Faktor in einer internationalen Kultur des Friedens zu machen.
Geschäftsführung und Vorstand des Vereins für Friedenspädagogik Tübingen e.V., April 1999.