Home / Themen / Krieg in Jugosl... / Der Kosovo-Krie... / Lehren aus dem Krieg
1. Der Krieg beginnt schon mit dem Ultimatum und der Forderung nach bedingungsloser Unterwerfung: Ein Ultimatum zwingt denjenigen, der es in der Hoffnung ausspricht, dadurch das Unheil abzuwenden, das Angedrohte irgendwann doch tun zu müssen. Die Fatalität einer solchen Selbstfesselung hat sich schon im Golfkrieg 1991 und jetzt noch viel schlimmer in Jugoslawien gezeigt. Wer praktisch von vornherein "unconditional surrender", die bedingungslose Kapitulation fordert - in Rambouillet sollte die jugoslawische Delegation der völligen Bewegungsfreiheit der NATO und Abtretung weiterer Souveränitätsrechte in ganz Jugoslawien und nicht nur im Kosovo zustimmen (Appendix B)(11) - der soll nicht von Verhandeln reden. Wenn man in Verhandlungen etwas erreichen will, braucht man ganz andere Bedingungen und Vorgehensweisen. Vorbildlich waren und sind die Osloer Verhandlungen zum israelisch-palästinensischen Frieden, auch wenn die Ergebnisse infolge des Wahlausgangs in Israel später torpediert worden sind.
2. Politverbrecher und Diktatoren kann man im Zeitalter des Nationalismus auch mit massiven Angriffen nicht "zur Vernunft zwingen": Es ist völlig irrational, darauf zu setzen, daß Politiker, die als Polit-Verbrecher gebrandmarkt sind und mit dem Rücken zur Wand stehen, unter Kriegsandrohung rational reagieren. Angriffe und Drohungen befördern nicht Rationalität, sondern Irrationalität. So lange es noch irgendwelche Hoffnungen gibt, und seien sie noch so vage (man denke nur an Hitlers "Wunderwaffe" oder die Hoffnungen der Nazigrößen nach Roosevelts Tod) werden öffentlich geächtete Politiker und Diktatoren sich daran klammern. Und solche Hoffnungen gab und gibt es im jugoslawischen Fall genug:
die Erfahrung, daß es letztlich die US-amerikanische Öffentlichkeit war, die ihre Regierung Anfang der 70er Jahre gezwungen hat, den verlustreichen Vietnamkrieg zu beenden und die Hoffnung, dies werde sich im Fall eines längeren Widerstands gegen die NATO im Jugoslawienkrieg wiederholen, usw...
3. Es ist so gut wie unmöglich, daß ein Unrechtsregime von innen gestürzt wird, solange es eine Bedrohung von außen gibt: Die Erwartung, im Anfangsstadium eines Krieges wäre es den oppositionellen Kräften in einem gleichgeschalteten Staat möglich, das Regime zu stürzen und auf ein Diktat der Angreifer einzugehen, das allgemein als nationale Demütigung empfunden wird, entbehrt jeder historischen Grundlage. In keinem der bekannten Fälle (außer in dem sehr anders gelagerten der CSSR 1968) war ein solcher Umsturz möglich. Das Wort des deutschen Kaisers vom Juli 1914: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche" gibt sinngemäß sehr gut die Stimmung wieder, die sich unter dem Vorzeichen des Nationalismus immer dann einzustellen pflegt, wenn ein Staat von außen angegriffen wird.
Grundlegende Veränderungen in den Einstellungen der Mehrheitsbevölkerung sind erst dann möglich, wenn in einem längeren Krieg Zermürbung, Zerrüttung, Hunger, Mangelerscheinungen jeder Art und Kriegsmüdigkeit sich einstellen, wenn alles buchstäblich am Boden liegt und außer der bedingungslosen Kapitulation keinerlei Auswege mehr sichtbar sind. Trotz solcher Einstellungsveränderungen wäre es selbst im April 1945 kaum möglich gewesen, die Naziherrschaft in Deutschland von innen her zu stürzen, ohne alliierte "Bodentruppen".
Wer also auf einen Umschwung von innen setzt und "Keine Verhandlungen mit Milosevic!" fordert, muß sich auf einen langen Krieg mit allen vernichtenden Konsequenzen auch für die Kosovoalbaner einrichten. (12)
4. Es gibt keinen "sauberen" Krieg ohne Massenttung von unschuldigen Zivilisten: Auch wenn die Treffsicherheit moderner Waffen größer geworden ist: Die Behauptung, man könne mit quasi "chirurgischen Eingriffen" ausschließlich das Militär des Gegners treffen und die Zivilbevölkerung oder Unbeteiligte aus fremden Staaten schonen, hat sich wieder einmal als Mär erwiesen. Schon zählen die serbischen zivilen Opfer nach Hunderten, von den materiellen Schäden, die die Zivilbevölkerung treffen, ganz zu schweigen. Auch Serben haben Menschenrechte, und sie werden durch den Luftkrieg verletzt. Das gilt ganz besonders für die Kinder und das ungeborene Leben: Die Umweltschädigung durch die Bombardements wird "noch in Jahrzehnten spürbar sein" (Ölpest auf der Donau und im Schwarzen Meer, Freisetzung von krebserregendem Dioxin weit über Jugoslawiens Grenzen hinaus durch Beschuß von Düngemittelfabriken; akute Gefährdung von Atomkraftwerken durch fehlgeleitete Raketen und den Ölteppich auf der Donau).(13)
Man kann die Menschenrechtsverletzungen der einen Seite nicht gegen die der anderen aufrechnen.
5. Luftangriffe vermgen nichts gegen paramilitärische Trupps, sondern begünstigen sie: Die schlimmste Geißel im Kosovo sind nicht die offiziellen Truppen und Polizeieinheiten, sondern die paramilitärischen, die nur teilweise von Belgrad aus "gesteuert" sein dürften (auch das war schon lange vor dem Krieg erkennbar). Sie sind mit Bombardements nicht zu treffen und nicht zu stoppen.