|
Um konstruktive Lösungen für Konflikte erarbeiten zu können, müssen diese zunächst in ihren Grundlagen, Ausformungen und Eskalationsstufen analysiert werden. Erst vor dem Hintergrund dieser Analyse läßt sich der Konflikt nicht nur verstehen, sondern es lassen sich auch alternative Lösungswege suchen. Die folgenden Leitfragen wurden von der Berliner Friedensforscherin Ulrike C. Wasmuht entwickelt:
|
1. Konfliktbeschreibung
- Wie heißt das Konfliktthema?
- Worum handelt es sich inhaltlich?
- Warum handelt es sich hier um einen Konflikt?
- Handelt es sich um einen Mikro- oder Makrokonflikt? Handelt es sich um einen Konflikt, bei dem die Konfliktparteien auf der gleichen Ebene stehen (symmetrischer Konflikt) oder verfügen sie über unterschiedliche Macht- und Einflußbereiche (asymmetrischer Konflikt)?
- Um welche Analyseebene geht es: den interpersonellen, den sozialen (politischen), den internationalen Konflikt?
- Welche Dimensionen von Gewalt sind in Bezug auf die Konfliktaustragungsformen und die Konfliktfolgen zu erkennen?
|
|
2. Konfliktgeschichte
- Welche strukturelle Ursache hat der konkrete Konflikt?
- Ist dieser Konflikt nur ein Symptom, ein Ausdruck für einen tieferliegenden gesellschaftlichen Konflikt?
- Welche gesellschaftlichen Faktoren haben diesen Grundkonflikt produziert und ermöglicht?
- Wie sieht die Geschichte dieses Grundkonfliktes aus?
- Welche konkreten Ursachen hat der aktuelle Konflikt?
- Was war der auslösende Faktor?
- Wo und in welchem Zeitraum findet der Konflikt statt?
- Wer ist beteiligt?
- Welche Interaktionen, welche Konfliktaustragungsformen gibt es zwischen den konfligierenden Parteien?
- Gibt es interessierte dritte Parteien, die vermitteln?
- Welche Eskalationsstufen gab und gibt es im Konfliktgeschehen?
|
|
3. Konfliktzusammenhang
- Wie hängen die strukturellen Ursachen mit dem aktuellen Konflikt - vom Allgemeinen zum Besonderen - zusammen?
- Welche Rolle spielen einzelnen Personen oder Gruppen?
- Welches Beziehungsgefüge besteht zwischen den gesellschaftlichen (politischen) Strukturen einerseits und dem Entstehen und Austrag des aktuellen Konflikts andererseits?
- Welche Beziehungen bestehen zwischen den direkt betroffenen, den indirekt betroffenen KonfliktakteurInnen, den parteiischen und den unparteiischen Dritten?
|
|
4. Konfliktparteien
- Wer sind die beteiligten Konfliktparteien, die einen entscheidenden Einfluß auf das Konfliktgeschehen haben?
- Direkt betroffene Personen und/oder Gruppen, deren Ziele unvereinbar und die direkt im Konfliktgeschehen involviert sind, um ihre Ziele durchzusetzen.
- Wie sind sie betroffen und was hängt für sie vom Konfliktergebnis ab?
- Indirekt betroffene Personen und/oder Gruppen, die nicht direkt am Konflikt beteiligt sind, aber von den Konfliktfolgen berührt werden.
- Interessierte, nicht-neutrale dritte Parteien, die für eine Konfliktpartei votieren und ein Interesse daran haben, daß diese ihre Ziele erreicht.
- Interessierte, neutrale dritte Personen, die ein Interesse daran haben, im Konflikt zu vermitteln, ihn auf gewaltfreie Weise zu regeln und ein Konfliktergebnis zu erzielen, das nicht zum Nachteil für eine der konfligierenden Parteien gereicht.
|
|
5. Konfliktorientierung
- Um welche Art von Konflikt handelt es sich?
- Handelt es sich um einen inhaltsorientierten Konflikt, bei dem es um eine konkrete Sache geht?
- Handelt es sich um einen wertorientierten Konflikt, bei dem es darum geht, was sein sollte?
- Handelt es sich um einen interessenorientierten Konflikt, bei dem es z.B. um die Verteilung knapper Ressourcen geht?
- Handelt es sich um einen machtorientierten Konflikt, bei dem es darum geht, Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu klären?
- Handelt es sich um einen nicht-rational orientierten Konflikt, bei dem unbewußte psychische Motive eine wesentliche Rolle spielen?
|
|
6. Konfliktdynamik
- Hier muß nochmals die Konfliktentwicklung unter dem Aspekt der Wechselwirkung zwischen den strukturellen und den aktuellen Konfliktursachen untersucht werden.
- Die einzelnen Eskalationsstufen werden in Bezug auf die Einflußnahme der einzelnen AkteurInnen, auf die Konfliktpolarisierung sowie die sich verändernde gegenseitige Wahrnehmung (Feindbildaufbau) analysiert.
|
|
7. Praktizierte Konfliktregelung
- Wie wird der Konflikt ausgetragen?
- Welche Regelungen wurden gefunden?
- Welche Konfliktfolgen gibt es bzw. sind zu erwarten?
- Warum sind die praktizierten Konfliktregelungsmuster abzulehnen?
|
Ulrike C. Wasmuht: Friedensforschung als Konfliktforschung. Zur Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf den Konflikt als zentrale Kategorie. AFB-Texte, Nr. 1/1992, S. 4 ff.
|