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Seelische Faktoren in sozialen Konflikten |
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Konflikte üben auf die meisten Menschen eine Wirkung aus wie ein Fluß im Gebirge: Wir geraten in den Strudel der Konfliktereignisse und merken plötzlich, wie uns eine Macht mitzureissen droht. Wir müssen all unsere Sinne wach halten und sehr überlegt handeln, damit wir uns nicht in eine Dynamik des Geschehens weiter verstricken, die über unsere Kräfte geht. Wie ist diese Wirkung der Konflikte zu erklären? (...) Konflikte beeinträchtigen unsere Wahrnehmungsfähigkeit und unser Denk- und Vorstellungsleben so sehr, daß wir im Lauf der Ereignisse die Dinge in uns und um uns herum nicht mehr richtig sehen. Es ist so, als würde sich unser Auge immer mehr trüben; unsere Sicht auf uns und die gegnerischen Menschen im Konflikt, auf die Probleme und Geschehnisse wird geschmälert, verzerrt und völlig einseitig. Unser Denk- und Vorstellungsleben folgt Zwängen, deren wir uns nicht hinreichend bewußt sind. Auch unser Gefühlsleben wird stark beeinträchtigt. Wir werden zunächst sehr hin und her gerissen zwischen Verstehen und Ablehnung, Sympathie und Antipathie; bis sich dann starke Gefühle und Emotionen ausbreiten und fixieren, von denen wir uns später nur ganz schwer lösen können. Sie setzen sich in uns fest und gewinnen ein Eigenleben. Ähnlich auffällig sind die Veränderungen in unserem Willensleben. Wir werden einseitig auf unsere vermeintlichen Interessen fixiert; mit jeder Aktion und Reaktion im Zuge der Konfliktaustragung werden in uns solche Seiten angesprochen, deren wir uns im großen und ganzen gar nicht beweist sind. Wir können dann zu unserem Erstaunen feststellen, daß wir imstande sind zu hassen, wie wir es von uns nicht für möglich gehalten haben. Und daß sich in unseren Aktionen Dinge entladen, die nicht zu unseren besten menschlichen Absichten gehören und die mit unseren sonstigen sittlichen Auffassungen nicht zusammenpassen. All diese Veränderungen und Beeinträchtigungen wirken zusammen. Sie beeinflussen einander, verstärken sich gegenseitig und führen dazu, daß wir auf diese Weise die Kontrolle über uns selbst verlieren. Dies drückt sich dann in unserem äußeren Verhalten aus: Es wird aggressiver, zerstörerischer. Wir lösen durch Wort und Tat Wirkungen aus, die wir zumeist so gar nicht gewollt hätten. Und all dies bewirkt nur, daß auch unsere Gegenparteien im Konflikt zu mehr Gewalt greifen, daß auch sie starrer und rücksichtsloser werden und uns noch mehr ärgern, reizen und bedrängen. Dadurch steigern wir einander in eine Eskalation des Konfliktes, die zuletzt so intensiv werden kann, daß wir uns dem Konflikt völlig ausgeliefert fühlen. (...) Die ersten drei Faktoren (1) Perzeptionen, (2) Gefühle, (3) Wille wirken innerlich in uns. Unser Gegner im Konflikt kann sie aber entweder über die äußerlich sichtbaren Faktoren (4) Verhalten, (d.h. in Wort und Tat) wahrnehmen, oder er kann über seine Gefühle und seine Intuition die äußerlich verborgene Wirklichkeit direkt erleben. Die Wirkungen unseres verbalen und non-verbalen Verhaltens werden als (5) Effekte für unsere Gegenpartei innerlich wie äußerlich erfahrbar: Der Gegner fühlt sich verkannt, abgewiesen oder negiert. Oder es tritt objektiv feststellbarer Schaden auf, weil Güter zerstört werden oder weil durch den Konflikt die Arbeit merkbar leidet bzw. weil Kunden den Betrieb meiden und dergleichen. Die Wirkungen können also subjektiver oder objektiver Art sein. Im Laufe des Konfliktes beginnen wir, die Welt anders zu sehen und zu verstehen. Unser Blick verengt sich. Selektive Aufmerksamkeit: Manche Dinge sehen wir besonders scharf, andere übersehen wir. (...) Nach und nach wird unsere Wahrnehmung also gefiltert und verzerrt. Eine besondere Form dieser selektiven Aufmerksamkeit ist eine auffällige Einengung unserer Raum- und Zeitperspektiven. Wir tun uns immer schwerer, viele und komplexe Dinge aufzunehmen, bei denen die Zusammenhänge recht kompliziert sind. Wir simplifizieren und reduzieren die Wirklichkeit zu einer einfachen und überschaubaren Konstruktion unserer Wirklichkeit. (...) Genau so werden der Konfliktstoff und die Konfliktgeschehnisse einseitig und verzerrt wahrgenommen: Wir registrieren gar nicht, um welche Streitgegenstände es dem Gegner geht, weil wir nur unsere eigenen Konfliktpunkte im Kopf haben. Friedrich Glasl: Konfliktmanagement. 3. Aufl. Bern/ Stuttgart 1992, S. 34 ff., Auszüge |