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Grundannahmen zum Projekt der Zivilisierung |
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"Nicht zweckmäßig ist es, den Begriff der Zivilisierung mit dem Begriff der Moderne oder dem der Zivilisation gleichzusetzen, da die letzteren doppelgesichtig sind: Barbareien können nicht mehr wie ein naiver Begriff der Moderne unterstellt - als vormodern oder heutigen Wirklichkeit ferne, archaische Gewaltformen begriffen werden, sondern sie sind - wie Auschwitz, Gulag und Hiroshima gezeigt haben - immanenter Teil der Moderne, aber das extreme Gegenteil von Zivilisierung. (...) Den in der Friedensforschung formulierten Konzepten und Projekten der "Zivilisierung" liegen in der Regel die folgenden - teils benannten, teils nicht ausgesprochenen oder nicht bewußt gemachten Prämissen zugrunde: Zivilisierung sei gegen das gattungsspezifische Chaospotential des/der Menschen konstruiert. Sie diene dazu, menschliche und gesellschaftliche Aggressionsausbrüche zu verhindern, Gewalt zu bändigen, Ordnung zu schaffen und dadurch Freiheit und Entwicklung zu ermöglichen. (...) Angenommen wird, die Menschen würden sich vor allem (oder nur) deshalb inhuman unzivilisiert, barbarisch verhalten, weil sie es nicht besser gelernt hätten und/oder ihre ungünstigen Lebensumstände (Wohn-, Arbeits-, Sozialisationsbedingungen etc.) - die Bedingungen und Verhältnisse - den Nährboden für Grausamkeiten und Gewalt abgäben und den Erwerb von zivilisierender Friedenskompetenzen nicht zuließen. (...) Manche (radikal-pazifistischen) Konzepte der Zivilisierung gehen von der Vorstellung oder Hoffnung aus, Aggression und Gewalt könne durch Zivilisierung möglicherweise ganz "abgeschafft" und oder "konfliktreguliert" werden. (...) Die Konzepte der Zivilisierung gründen auf dem Leitsatz der Aufklärung, wonach sich Vernunft im Laufe der Zeit als Handlungsmaxime in Alltagshandeln übesetzt und dadurch Gewalt in und zwischen den Gesellschaften aufzuheben sei. Die Stärke des Rechts könne das Recht des Stärkeren letztlich überwinden. (...) Festgehalten wird an dem Verdingt der Aufklärung, "daß weltumspannend alle Probleme der Menschen gelöst werden, wenn man darauf vertraut, daß mündige, freie, selbstbestimmte Bürger sich von allen irrationalen Normen des Feudalismus, des Ständestaates und der Kirche emanzipieren und in formale-rechtlicher Gleichheit, nur der Rationalität verpflichtet, zum Wettbewerb der Argumente antreten, da in der offenen Diskussion das rationalste Argument gewinnen und das Problem lösen wird." Durch die Realisierung friedenskonstituierender Bedingungen (Gewaltmonopol, Verteilungsgerechtigkeit, Erwartungsverläßlichkeit etc. sei Zivilisierung und damit Frieden "inszenierbar", d.h. planbar und steuerbar. Durch eine entsprechend angelegte und durchgeführte Friedenspolitik sei der Zivilisierungsprozeß herstellbar und letztlich unumkehrbar zu machen. Der Prozeß der Zivilisierung durchläuft Konjunkturen und unterliegt immer wieder Krisen. Die Prozesse der Zivilisierung sind angesichts der vielen Imponderabilien schwer oder gar nicht prognostizierbar. Erreichte Zivilisierungewinne sind dem Risiko der steten Rückfallgefährdung ausgesetzt. Vgl. Wolfgang Vogt: Frieden durch Zivilisierung? In: Ders. (Hrsg.): Frieden als Zivilisierungsprojekt - Neue Herausforderungen an die Friedens- und Konfliktforschung. Baden-Baden 1994/95, S. 26 f. |