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Was tun gegen rechte und rassistische Gewalt!? - 5 Beispiele und 25 Tips

Mit rechter und rassistischer Gewalt wird die Öffentlichkeit immer häufiger konfrontiert! Viele Leute reagieren ängstlich oder schauen weg, wenn so etwas passiert. Wir meinen: In solchen Situationen ist Zivilcourage gefordert, damit diesem üblen Treiben etwas entgegengesetzt wird.
Aber, was ist zu tun?

  • Wie kannst Du reagieren, wenn ein Mensch aufgrund seiner Hautfarbe und seiner ausländischen Herkunft, auf der Strasse, in der Bahn oder sonstwo angegriffen wird?
  • Was kannst Du machen, wenn Rechtsextremisten öffentlich Propaganda gegen unsere Demokratie oder Völkerverständigung richten?
  • Welche Möglichkeiten hast Du, wenn Du selber von den gewalttätigen Rassiaten angegriffen wirst?

Zunächst ein paar grundsätzliche Gedanken:

  • Es gibt keine Patentrezepte. Die Situation ist jedesmal, abhängig von der Öffentlichkeit, vom Täterprofil, vom Opfer und anderen Beteiligten, unterschiedlich.
  • Es sollte dafür gesorgt werden, dass die Pollizei verständigt wird. Du solltest nicht davon ausgehen, dass "die anderen" sich schon kümmern werden.
  • Niemand erwartete dabei von Dir, dass Du Deinen Gesundheit oder sogar Dein Leben aufs Spiel setzt, um anderen zu helfen.
  • Es muss Dir klar sein, zu welchem persönlichen Risiko Du bereit bist und als Du in einer konkreten Situation leisten kannst.
  • Es hat keinen Zweck, mit den Angreifern zu reden oder zu argumentieren. Erstens machen sie dieses "intellektuelle Spielchen" nicht mit Dir und zweitens fürchtet der Anführer der Gruppe, dass seine "Autorität" untergraben wird.
  • Es sollten keine Abwehrwaffen und -geräte, wie z. B. Messer eingesetzt werden. Als Alternative gibt es Signalgeräte, wie z.B. Trillerpfeifen oder Schrillalarmgeräte: Damit kannst Du Aufmerksamkeit erregen und den Täter in der ersten Schrecksekunde stoppen.

1. Beispiel: In der Bahn, im Bus
Ein großer kräftiger und gefährlich aussehender Skinhaed macht sich über einen "Ausläner" her. Er fängt an, ihn grundlos zu schlagen. Die Mitfahrenden sind schockiert, sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen.

Folgendes kannst Du tun:

  • Du kannst den Fahrer auffordern, die Polizei zu rufen. Er ist verpflichtet, dies zu tun. Sonst kann er wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt werden.
  • Wenn Du nicht direkt zum Fahrer gelangen kannst, kannst Du diejenigen, die vorne sitzen, laut anschreien: "Der Fahrer soll die Polizei informieren."
  • Du kannst andere Mitfahrende auffordern laut zu schreien und zu rufen. "Feigling, Feigling, lass ihn los!!" Andere machen dabei mit. Jetzt ist die Situation für den Skinhead riskant, weil sie unüberschaubar und unberechenbar ist. Er scheut das Risiko und versucht in der Regel, sich vom Ort des Geschehens zu entfernen.
  • Je nach Sachlage und Situation kannst Du auch den Fahrer auffordern, die Türen abzusperren, so dass sich der Täter nicht entfernen kann, bis die Polizei eintrifft.
  • Du solltest auf keinen Fall die Notbremse ziehen, um den Täter zu erschrecken, denn Du kannst Dich und andere verletzen und musst für die Folgen aufkommen.

Merke!
Es ist wichtig, andere mit in die Verantwortung zu nehmen - um so stärker ist der Eindruck gegenüber dem Provokateur!

2. Beispiel: Demonstration
In unsrer Demokratie ist das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit sehr wichtig. Deshalb ist es schwierig, die Kundgebungen von Neofaschisten und extrem rechten Parteien zu verbieten. Gerade wenn viele Nazis auf einem Haufen stehen, fühlen sie sich stark und trauen sich besonders viel. Du beobachtest von außen, dass ein paar Leute mitten in einer goßen Menge den Hitlergruß zeigen.

Was kann geschehen und was kannst Du unternehmen?

  • Es sind meistens genug Polizeibeamte in der Nähe. Nur kann es sein, dass ein Hinweis von Dir an den nächsten Polizisten nicht reicht. Er kann selbst oft nicht alleine entscheiden und verweist dann auf den Gruppenführer und der weiter an den Einsatzleiter.
  • Der Einsatzleiter könnte seine Beamten auffordern, einzuschreiten und die Täter aus der Menge herauszuholen und zur Wache mitzunehmen oder überhaupt nichts tun, weil er keine Strassenschlacht auslösen will. Das ist rechtlich in Ordnung und auch verständlich. Dieses nennt man das Opportunitätsprinzip.
  • Du kannst trotzdem eine Anzeige gegen Unbekannt stellen.

Merke!
Auch wenn Du nicht selber eingreifen kannst, ist es immer ratsam, eine Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten und Deine Beobachtungen mitzuteilen.

3. Beispiel: Du bist "Ausländer" und wirst bedroht

Eine Gruppe von Jugendlichen spricht Dich an und provoziert Dich zum Beispiel aufgrund Deines Aussehens. Du fühlst Dich bedroht.

Du kannst Dich an folgenden Ratschlägen orientieren:

  • Versuch bitte wegzulaufen! Die Gruppe ist stärker als Du. Versuche dahin zu laufen, wo viele Menschen sind! Du kannst sie auffordern, Dir zu helfen. Wenn es in der Nähe einen geschützten Raum gibt, kannst Du dahin laufen. Du sollstest den Raum aber nicht verlassen, bevor die Hilfe nicht gewährleistet ist.
  • Wenn Du nicht weglaufen kannst, versuche mit ihnen zu reden. Es kann vielleicht helfen. Du solltest aber nicht aggresiv, provozierend, drohend oder beleidigend wirken. Meistens haben Jugendgruppen oder Banden einen Anführer. Du kannst ihn direkt ansprechen und versuchen, ihn zu überzeugen. Er entscheidet letztendlich, wie es weitergehen soll. Versuch Blickkontakt herzustellen und mit ihm zu kommunizieren! Sprich ruhig, laut und deutlich und erkläre, was Du von dieser Situation hätst. Höre zu, was Deine Angreifer zu Dir sagen. Du hast ein bisschen Zeit gewonnen.
  • Es ist wichtig, dass Du die Nerven nicht verlierst. Du solltest Panik und Hektik vermeiden. Wenn Du ruhig bist, weisst Du, was Du tust und wirkst auf die Täter beruhigend. Du solltest die Angreifen nicht anflehen und Dich unterwürfig verhalten. Ergreife die Initiative, um die Situation zu Deinem Vorteil zu wenden. Du bist dann nicht mehr das Opfer.
  • Tue etwas Unerwartetes! Nutze den Überraschungseffekt zu Deinem Vorteil aus! Versuche die Täter abzulenken, um die bedrohliche Lage zu verändern!
  • Wenn dieses alles nicht hilft und Du bekommst auch keine Hilfe von den Aussenstehenden, bleibt Dir nichts anderes übrig, als das zu tun, was sie von Dir verlangen.

Merke!
Wenn Du Dich wehrst, wirst Du umgehend körperliche Gewalt an Dir erfahren. In der Regel wird körperliche Gegenwehr mit brutaler Gewalt beantwortet. Es soll immer ein gewisser Abstand zwischen Dir und dem Angreifen sein. Du solltest möglichst jeden Körperkontakt mit ihm vermeiden.

4. Beispiel: In einer Kneipe

Du bekommst mit, wie einige ältere Leute über die "Fremden" herziehen. Sie werfen ausländische Familien, Asylbewerber, Aussiedler in einen Topf und schimpfen über sie. Dann fangen sie an, Judenwitze zu erzählen. Und wenn jemand versucht, die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigen sie mit einem zackig gebrüllten "Heil Hitler", wer in dieser Kneipe das Sagen hat.

Du hast zwei Möglichkeiten:

  • Du kannst zum Wirt gehen und ihn bitten, die Polizei anzurufen, denn der Wirt hat die Pflicht, Straftaten in seinem Lokal zu verhindern. Wenn er dieses Verhalten seiner Gäste duldet, kann ihn das die Lizens kosten.
  • Du kannst die Polizei selber anrufen und vor der Gaststätte auf sie warten. Da kannst Du ihr in Ruhe erklären, was passiert ist.

Merke!
Es ist besser, wenn Du versuchts, andere Gäste als Zeugen zu gewinnen. Dann bist Du stärker und selbstsicherer. Später stehst Du auch vor Gericht nicht alleine.

5. Beispiel: In der Fußgängerzone

Ein ausländischer Mitbürger wird von Rechtsradikalen angegriffen. Sein Hilferuf wird von Passanten ignoriert. Sie haben Angst, fühlen sich hilflos und reagieren mit Gleichgültigkeit. Das Opfer wird allein gelassen.

Folgendes solltest Du beachten und unternehmen:

  • Lass Dich nicht provozieren! Gewaltträchtige Situationen entstehen oft, weil ein Wort das andere gibt.
  • Duze die Täter nicht! Denn sonst vermuten die Passanten einen rein privaten Konflikt.
  • Übernimm die "Leiterfunktion", sprich andere Beteiligte persönlich an! "Sie da im grünen Mantel, bitte helfen Sie mir, und rufen die Polizei!" Wenn dieser Passant darauf reagiert, dann ist meistens der Knoten geplatzt und der sogenannte Schneeballeffekt tritt ein. Jetzt kannst Du auch andere Passanten aktivieren.
  • Für die Angreifer oder Provokateure wird jetzt die Situation schwierig. Sie sind überrascht, denn bisher war ihre Erfahrung, dass das Umfeld gleichgültig reagiert.

Merke!
Die Polizei braucht von Dir genaue Angaben über die Täter: Größe, Alter, Kleidung, besondere Merkmale, um schnell und wirkungsvoll tätig zu werden.

Zum guten Schluss:

  • Eine Anzeige bildet Erfahrungsgemäß den besten Schutz vor erneuten rassistischen Gewalttaten, da die Täter durch polizeiliche Ermittliungen und juristische Urteile Unannehmlichkeiten zu befürchten haben.
  • Die Polizei ist rund um die Uhr für uns alle da: auf den Dienststellen, am Telefon oder über den Notruf 110
  • Mit Deiner Zivilcourage trägst Du wesentlich zur Sicherung aller Bürger bei.
  • Wir sollten uns alle bewusst werden, dass wir jederzeit in eine Situation kommen können, in der wir auf Hilfe und Zeugen angewiesen sind.

Wir freuen uns, wenn dieses Faltblatt weitergeholfen hat. Wir bemühen uns Initiativen, Gruppen, Schulklassen und Einzelpersonen weitere Vorschläge für ihre Arbeit zu machen.
Wir freuen uns aber auch über Hinweise für neue Ideen, die wir aufnehmen können, um unser Anliegen nach einer toleranten und bunten Republik zu erreichen.
Wer unter den Signet der Gelben Hand Aktionen durchführen möchte, kann dazu weitere Materialien erhalten oder sich unsere Ausstellung ausleihen, in der viele Möglichkeiten zum Einsatz der gelben Hand dargestellt sind.
Für alle Anfragen, Wünsche, Bestellungen und sonstigen Kontakte sind wir hier zu erreichen:

Verein gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus
"Mach meinen Kumpel nicht an!" e.V.
Geschäftsstelle: junges forum, Festspielhaus
Otto-Burrmeister-Allee 1, 45657 Recklingshausen
Telefon: 0 23 61 / 1 55 21, Fax: 0 23 61 / 91 84 85
Gefördert vom
bmb+f Bundesministerium für Bildung und Forschung

 

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