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Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit gewalttätigen Psychiatrie-Patienten

Auf dem Hintergrund langjähriger Erfahrungen im Umgang mit gewalttätigen Psychiatriepatienten haben MitarbeiterInnen der psychiatrischen Universitätsklinik Bern folgende Regeln zum Umgang mit Gewalttätigkeiten formuliert:

Gewalttätigkeit ist eine Form von Kommunikation, eine recht verzweifelte Form, weil andere Mittel nicht zur Verfügung stehen. Ziel der Bemühungen ist es daher, mit dem Patienten in eine nicht-schlagende Kommunikation zu treten.

Gewalttätig wird, wer überfordert ist, wer den Überblick verliert, wer mit konventionellen Mitteln nicht zum Ziel gelangt. Es gilt also, soziale Verhaltensweisen, Gesichtszüge, Gesten detailliert wahrzunehmen um den Kontext einer Situation richtig zu erfassen und zu deuten. Wir achten auf eine genügende Beleuchtung im Raum, damit der Patient unsere Gesichtszüge erkennen kann und merkt, daß wir ihm gut gesinnt sind. Störende und ablenkende Lärmquellen wie Radio oder Straßenlärm durchs offene Fenster schalten wir aus, damit der Patient hört, was wir sprechen.

Gewisse Patienten fühlen sich bedroht, wenn wir ihnen zu nahe treten. Wir achten also auf genügend Abstand, und wir lassen ihnen den Fluchtweg offen. Bisweilen - wenn wir uns selbst bedroht fühlen - ist es besser, uns selber den Fluchtweg offen zu lassen.

Einer Gewalttätigkeit geht meistens eine symmetrisch eskalierende Beziehung voraus, in der zwei Beteiligte je auf ihrem Standpunkt beharren und immer lauter und immer beharrlicher darauf pochen, recht zu haben. Bisweilen gelingt es, dem Patienten recht zu geben, mindestens ein Thema oder einen Aspekt der Sache zu finden, in dem der Patient recht hat. Man erlaubt ihm damit, das Gesicht zu wahren. Wenn es zwischen einem Patienten und einem Betreuer zu einer Eskalation gekommen ist, dann dürfen notwendig werdende Zwangsmaßnahmen nicht von dem bei der Eskalation beteiligten Betreuer vorgenommen werden, sonst kann es zu Gewaltausbrüchen kommen.

Umgang mit Gewaltausbrüchen verlangt von allen Mitarbeitern Solidarität: Beim respektvollen Umgang mit den Gefühlen der KollegInnen, aber auch beim gemeinsamen Setzen von Grenzen, beim gemeinsamen Tragen von Entscheidungen.

Es gibt Techniken, die bisweilen erfolgreich sind beim Umgang mit Erregten und Gewalttätigen:

  • "Die Bescherung betrachten." Ich versuche, mich in die Haut des Patienten zu versetzen, die Situation durch seine Augen zu betrachten. Vielleicht schimpfe ich mit ihm eine Weile über sein Schicksal, über das wenige Geld, über Nebenwirkungen oder was ihn sonst bedrückt.
  • "Emotionales Erleben verbalisieren." Ich versuche, mich in die Situation des Patienten einzufühlen und sie in Worte zu kleiden, dem Erleben des Patienten Ausdruck zu geben.
  • "Verstecken wir unsere Angst nicht!" Ich stehe ganz offen zu meiner Angst und ordne sie auch genau zu, d.h. ich bitte einen Patienten, ein bestimmtes Verhalten aufzugeben, weil er mir damit Angst macht.
  • "Die Ebene wechseln!" Bisweilen gelingt es, den Patienten abzulenken von dem Thema, das seine ganze Aufmerksamkeit in Beschlag nahm und das seine Wut auslöste. Hier können Techniken des "Ja, aber ..." und des "Ja, und außerdem noch ..." sehr hilfreich sein.
  • Patienten auffordern, nochmals zu wiederholen, was er eben gesagt hat. Damit unterbricht man den spontanen Ablauf, holt den Patienten aus der Regression heraus und bringt ihn zum Reflektieren.

Daran denken, daß Frauen in der Psychiatrie eher seltener angegriffen werden als Männer: Frauen wirken weniger bedrohlich. Als Mann frage ich mich also, wodurch ich bedrohlich wirke.

Prophylaktische Maßnahme: Es sollte routinemäßig nach Aggressionsimpulsen gefragt werden sowie nach Art, Ort, Zeit des Auftretens, nach der Richtung und danach, wie der Patient damit umgeht.

Wichtige Regeln: Unbedingt sich selber schützen - keine Heldentaten! Daran denken, daß Gewalt auch von uns ausgeht, wenn wir "Nein" sagen, Patienten einsperren oder zwangsbehandeln.

Vgl. Tedy Hubschmid: Gewalt in der Ohnmacht. Vom Umgang mit gewalttätigen Psychiatriepatienten. In: Gruppenpsychotherapie & Gruppendynamik, Bd. 27, Heft 2, Juli 1991, S. 111-119.

 
     

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