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Deeskalationserfahrungen mit gewaltbereiten Jugendlichen

Praxisbeispiele aus der offenen Jugendarbeit

Einzelschlägereien/Duelle
Bei Duellen/Schlägereien greifen wir direkt ein und trennen die Kontrahenten. Sie werden in einen separaten Raum geführt (z.B. Büro). Das schenkt den Akteuren Aufmerksamkeit durch die Sozialarbeiter, trennt aber gleichzeitig vom zuschauenden Publikum, vor dem sie nicht ihr "Gesicht verlieren" wollen.
Hinter verschlossenen Türen wird der Konflikt besprochen, eine Regelung, also klare Vereinbarung getroffen und durch Handschlag besiegelt.
Dieses Vorgehen braucht neben dem Sozialarbeiter/der Sozialarbeiterin, der/die den Konflikt bearbeitet, auch eine/n Kollegin, die/der bei den anderen Personen weiterhin Aufsicht führt.

Diskothekveranstaltungen
Sie sind eine Art "Geigerzähler" für Einrichtungen. Hier werden neben der Musik oft auch Rivalitäten gesucht. Diskothekveranstaltungen sind eine »Bühne" für Gewalt. Cliquen kommen oft. Sie haben in der Regel klare Strukturen mit einem Anführer.
Wir setzen uns in der Regel schon zu Beginn des Auftretens mit den Anführern in Verbindung vereinbaren Regeln mit ihnen. Damit werden sie ernst genommen. Sie verhandeln mit dem "Anführer" der Einrichtung, also mit der Sozialarbeiterin und schließen eine Vereinbarung zum Verhalten im Hause.
Sollte es trotzdem zu Ausschreitungen kommen, sind in diese oft eine Reihe von Jugendlichen verwickelt, also 10 bis 30 und mehr. Auch hier ist es notwendig, dass der/die Sozialarbeiter/in die Regelung unter Berücksichtigung der hierarchischen Struktur der Cliquen, also mit den Anführern trifft.

Bewaffnung von Cliquen
Nach Ausschreitungen, Duellen oder anderen Gewalttätigkeiten gibt es immer wieder Reaktionen, in denen sich die verschiedenen Gruppierungen bewaffnen. Die Atmosphäre in den Einrichtungen wird sehr gespannt, da alle auf eine Gelegenheit warten, auch ihre Waffen (Messer, Gaspistolen, Chakos usw.) benutzen zu können.
In solchen Situationen haben wir uns frühzeitig mit der örtlichen Polizei zusammengesetzt und mit ihnen zusammen die Jugendlichen in die Einrichtung eingeladen. In dieser Besprechung sind die Jugendlichen aufgeklärt worden über Waffenbenutzung und Erfahrungen der Polizei beim Einsatz solcher Waffen, mögliche Straftaten und Konsequenzen, sowie Hilfen und Hinweise zu Konfliktlösungen. Diese Besprechungen waren sehr gut besucht und es folgte jeweils eine freiwillige Entwaffnung der Jugendlichen.

Aus der Diskussion
Als günstig hat es sich erwiesen, wenn bei Gewaltszenen weibliche Mitarbeiterinnen der betreffenden Einrichtung "dazwischengehen". Frauen gelten bei den (zumeist männlichen) an Gewaltszenen Beteiligten nicht als Rivalen und werden nicht tätlich angegriffen. Die Bereitschaft der weiblichen Mitarbeiterinnen ist natürlich Voraussetzung für ihren Einsatz in solchen Situationen; hierin liegt aber selten ein Problem. Aus dem TeilnehmerInnenkreis wurde das Bedürfnis nach mehr Information über Einzelheiten von Deeskalationsstrategien artikuliert.

Richard Spätling: Deeskalationserfahrungen mit gewaltbereiten Jugendlichen. Stiftung "Dr. Georg Haar", Weimar. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Umgang mit Gewalt in Bildungseinrichtungen. Bildungspolitisches Fachgespräch der heinrich-Böll-Stiftung. 2. Auf. 1999, S. 33-36.

 

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