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Globales Lernen - Was ist das denn?

Jörg-Robert Schreiber

1. Die dynamische Globalisierung von Kommunikation, Finanzwirtschaft, Umweltzerstörung, Migration und zahlreicher anderer Erscheinungen offenbart nicht nur ein risikoreiches Machtvakuum auf globaler Ebene und völlig unzureichende soziale und ökologische Kontrollen des Weltmarktes, sie steht auch im Widerspruch zur Bereitschaft und Fähigkeit des einzelnen in wachsendem Maße global und zukunftsorientiert zu denken und zu handeln.

Wer nicht möchte, daß zukunftsbestimmende Entwicklungen einer kleinen Elite von global agierenden Strategen, dem Markt oder dem Zufall überlassen bleiben, muß sich den intellektuellen und emotionalen Herausforderungen einer globalen Existenz stellen und dem Globalen Lernen hohen Stellenwert einräumen.

2. Globales Lernen ist eine Antwort auf die Globalisierung und damit verbundene Risiken. Es läßt sich durch vier Grundaspekte kennzeichnen:

3. Auch Globales Lernen braucht Leitbilder. Sie stellen allerdings keine engen Konzepte dar, sondern bemühen sich um Konsens, sind Wegbeschreibungen und Momentaufnahmen und fordern zur Umgestaltung und Weiterentwicklung heraus. Globales Lernen ist dem sehr offenen Leitbild verpflichtet, unsere Welt ökologisch und sozial zukunftsfähig zu gestalten. Sein Menschenbild wird von kultureller Vielfalt, Solidarität, Partizipation und ethischen Grundsätzen geprägt. Auf der politischen Ebene stellt sie eine internationale Strukturpolitik, die an globalen Risiken ansetzt und umfassend Konfliktvorbeugung betreibt, neben oder über die Ausrichtung auf nationale Interessen.

4.Globales Lernen lebt aus dem Spannungsverhältnis zwischen

Um sein Ziel zu erreichen, fördert Globales Lernen daher auch Perspektivwechsel und inklusives Denken, das in anderen Kulturen z.T. weit verbreitete "Sowohl - als auch", das Erkennen der Einheit in der Vielfalt.

5. Globales Lernen ist eine Grundfunktion unseres Daseins. In unseren allgemeinbildenden und beruflichen Schulen fördert es als durchgehendes Unterrichtsprinzip die Fähigkeit, Sachlagen in einem weltweiten und ganzheitlichen Zusammenhang zu sehen. Es steht für einen Lernprozess, der Fühlen, Denken, Urteilen und Handeln betrifft, Identität und Weltsicht gleichermaßen stärkt und zu der Bereitschaft führt, globale Entwicklungen mit lokalem Handeln in Einklang zu bringen.

6. Obwohl um Weltsicht bemüht, ist Globales Lernen elementar auf die Wahrnehmung und Er gründung von Situationen auf der Mikroebene angewiesen. Der Erkenntnis- und Lernprozeß im Zusammenhang mit globalen Phänomenen bemüht sich um eine Verflechtung wichtiger Entscheidungsebenen - von der familialen über die lokale und nationale bis zur globalen.

7. Globales Lernen ist kein neues Fach und kein neugeschnittener Fachbereich, sondern ein wesentliches Prinzip für Unterricht schlechthin - themenbedingt für das eine Fach mehr als für das andere - aber vor allem für einen ganzheitlichen, von Phänomenen ausgehenden Projektunterricht, der in Form einer Rhythmisierung nicht auf Phasen lehrgangsmäßigen Wissenerwerbs verzichten kann.

8. Für die Auswahl der Themen und Felder, in denen Globales Lernen als Unterrichtsprinzip eine wesentliche Rolle spielt, können die "gesellschaftsrelevanten Schlüsselprobleme" Wolfgang Klafkis herangezogen werden oder eine Liste der globalen Risiken, wie sie von Thomas Fues (in E+Z 8/95) veröffentlicht wurde:

1. Umweltzerstörung

2. Massenarmut

3. soziale Desintegration

4. gewaltsame Konfliktaustragung

5. Wanderungsbewegungen

6. internationale Kriminalität

7. unkontrolliertes Atompotential

8. ruinöse Standortkonkurrenz

9. spekulative Kapitaltransaktionen

10. Bevölkerungsentwicklung.

Die Themenauswahl orientiert sich allerdings nicht konseqent an Konfliktfeldern und arbeitet auch nicht globale Risiken ab. Sie macht sich ebenso auf den Weg, faszinierende und Freude bereitende Weltbilder zu entdecken und zu entwerfen. Im Einzelfall läßt sie sich dabei durch Aktualität, Vorkenntnisse, alters- und gruppenspezifisches Interesse, Fachorientierung, Lehrplanvorgaben und eine Vielzahl jeweiliger Unterrichtsgegebenheiten und Voraussetzungen leiten.

Um nicht zum grenzenlosen Sammelbecken von Lernzielen und Themen zu werden, muß sich Globales Lernen gegenüber anderen Unterrichtsprinzipien, wie z.B. der Mediendidaktik, aber auch gegenüber der stärkeren Sachorientierung einer lokal verankerten Umweltpädagogik, abgrenzen und neben der Zukunftsorientierung seine Ausrichtung auf weltweite Zusammenhänge hervorheben. Seine Themenvielfalt und der fächerübergreifende Charakter erfordern Schwerpunktbildung und stellen neue Anforderungen an die Koordination innerhalb von Schule, Lehreraus- und Lehrerfortbildung.

9. Die Notwendigkeit zur Öffnung des Unterrichts wird im Zusammenhang mit dem Unterrichts prinzip Globales Lernen deutlicher als in herkömmlichen Lernstrukturen. Kooperation mit au ßerschulischen Einrichtungen, Begegnungen mit Fremden und Fremdem, Partnerschaften, Ak tionen, Ausstellungen, Spiele, Theater, Diskussionen sind dabei wichtige Lernformen und erfordern eine offene Unterrichtsorganisation.

10. Globales Lernen ist in seiner Entwicklung in hohem Maße auf eine Kooperation von schulischer Praxis mit

Diese Kooperationsleistung kann von Schule allein nicht erbracht werden; sie muß auf Länderebene von entsprechenden Schul- oder Beratungsstellen getragen werden.

Jörg-Robert Schreiber, 23. 11. 1995

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