Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Ökumenische Grundüberzeugungen zur Gewalt (Konrad Raiser)

Vier Grundüberzeugungen können herausgestellt werden, die für unsere gegenwärtige Reflexion (über das Verhältnis von Christen zur Gewaltfrage, d. A.) weiterhin als Richtlinien dienen sollten.

1 . Krieg ist kein legitimes Mittel zwischenstaatlicher Politik mehr. Moderne Kriege unter Einsatz von Massenvernichtungswaffen, die keinen Unterschied zwischen Zivilbevölkerung und Kriegsteilnehmern machen, müssen nach den ethischen Kriterien der Lehre vom gerechten Krieg abgelehnt und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit geächtet werden.

2. Gerechtigkeit und Frieden gehören untrennbar zusammen. Frieden ist nicht allein Abwesenheit von Krieg, und Strukturen der Ungerechtigkeit stellen eine permanente Bedrohung für die Sicherheit der Menschen dar. Der Prozess der Erhaltung und Konsolidienmg des Friedens muss begleitet sein von dem beharrlichen Eintreten für grössere Gerechtigkeit und konsequentere Respektierung der Menschenrechte. An die Stelle der klassischen Lehre vom gerechten Krieg, die Kriege verhindem oder begrenzen sollte, muss heute die Konzeption eines gerechten Friedens treten. Krieg kam nicht länger ein Akt der Gerechtigkeit sein.

3. Sicherheit ist nicht allein ein militärisches Problem im Zusammenhang mit der Erhaltung staatlicher Ordnung und Integrität. Es geht vielmehr darum, dass die Menschen in Sicherheit leben können. Eine solche Sicherheit kann nur in Zusammenarbeit, d. h. als gemeinsame Sicherheit gewährleistet werden. Daher sind kooperative Sicherheitssysteme auf regionaler Basis zentrale Bausteine einer neuen internationalen Friedensordnung.

4. Dem langjährigen Zeugnis der historischen Friedenskirchen für Gewaltlosigkeit kommt in der heutigen Situation neue Bedeutung zu. Es stellt die grundlegendste Herausforderung an die herrschende Kultur der Gewalt dar und ist daher nicht mehr länger eine zwar achtenswerte, aber idealistische und apolitische Position, sondern es lässt deutlich werden, dass eine neue politische Vernunft gefordert ist, die wir erlernen müssen, wenn die Menschheit überleben soll.

Konrad Raiser: Friede auf Erden: Eine neue Vision und Praxis. Zit. nach: Ökumenischer Rat der Kirchen: Programm zur Überwindung von Gewalt. Genf 1997.
Konrad Raiser ist Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen.

 

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