Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Erfahrungen und Perspektiven im Umgang mit Gewalt-Vortrag zur Dekade "Gewalt überwinden" des Ökumenischen Rates der Kirchen

Uli Jäger, Institut für Friedenspädagogik, Tübingen e.V.

An erster Stelle möchte ich mich sehr herzlich für die Einladung bedanken, im Rahmen dieser Tagung einen Beitrag zur Konzeption und Ausgestaltung der Dekade "Überwindung von Gewalt" leisten zu dürfen. Wie einige von Ihnen vielleicht wissen, setzt sich der Verein für Friedenspädagogik seit über 20 Jahren intensiv mit den unterschiedlichen Formen der Gewalt auseinander und sucht nach Wegen aus der Gewalt. Von der Alltagsgewalt in den Familien bis hin zur gewaltsamen kriegerischen Konfliktaustragung in den internationalen Beziehungen spannt sich der Bogen, der im Blickfeld der friedenspädagogischen Arbeit liegt. In der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis angesiedelt konnten in den vergangenen Jahren zahlreiche Sachbücher, didaktische Materalien und Medien zu Themen wie "Gewaltfrei Leben Lernen" oder "Soft Power Wege ziviler Konfliktbearbeitung" erstellt und veröffentlicht werden. 1999 wurde dem Verein für Friedenspädagogik ein Sonderpreis der UNESCO für Friedenserziehung verliehen, unter anderem für die didaktische Umsetzung internationaler Kampagnen und für die innovative Arbeit mit neuen Medien für ein ,Globales Lernen'. Die Arbeit des Vereins für Friedenspädagogik wird vor allem von Bundes- und Länderministerien und von der Berghof-Stiftung für Konfliktforschung gefördert. Beim Verein für Friedenspädagogik angesiedelt ist die Schulprojektstelle Globales Lernen, die von der evangelischen Aktion ,Brot für die Welt' getragen wird. Gemeinsam mit ,Brot für die Welt" werden auch die ,Fair-Life-Aktionen' geplant und durchgeführt, die entwicklungs- und friedenspädagogisches Lernen mit sportlichen ,Events' wie die Fußballweltmeisterschaft oder die Olympischen Spiele verknüpfen.

Im folgenden Beitrag möchte ich einige Erfahrungen und Perspektiven im Umgang mit Gewalt und der Überwindung von Gewalt unter fünf Leitbegriffen knapp skizzieren und danach fünf Anregungen und Konkretionen zur Ausgestaltung der Dekade geben. Einige der diesbezüglichen Vorschläge wurden bereits im "Arbeitskreises Friedensauftrag der Kirchen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg" dessen Mitglied ich bin diskutiert und in einer diesbezüglichen Stellungnahme festgehalten. In den Beitrag fliessen auch Überlegungen ein, die sich aus unserer Mitarbeit in einem von der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) anläßlich des UNESCO-Jahres "Kultur des Friedens 2000" eingesetzten Arbeitskreis ergeben. Die UNO hat bereits Mitte der neunziger Jahre eine Dekade ,Kultur des Friedens' beschlossen. Die Dekade beginnt 2000 und ihrer Umsetzung ist die UNESCO massgeblich beteilig. Wichtige Aktionselemente für das Jahr "Kultur des Friedens 2000" sind erstens eine Selbstverpflichtung, die über das Internet (www.unesco.de/2000/manifest.htm) abgerufen und unterzeichnet werden kann. So sollen 100 Millionen Unterschriften gesammelt und bei der UNO-Generalversammlung im September 2000 vorgelegt werden. Darüberhinaus können sich zweitens in Deutschland Initiativen bei der DUK als "Modell-Projekt" bewerben, die sich für eine "Kultur des Friedens" engagieren.

I. Leitbegriffe für die Auseinandersetzung mit Gewalt im Rahmen der Dekade "Überwindung von Gewalt"

Die fünf Leitbegriffe, die ich unter friedenspädagogischen Aspekten für die Dekade ,Überwindung von Gewalt' für relevant halte, lauten: Sensibilisierung, Enttabuisierung, Qualifizierung, Ermutigung sowie Handlungs-, Adressaten- und Zielorientierung.

1. Sensibilisierung und Selbstvergewisserung

Die Sensibilisierung für unterschiedliche Gewaltformen und -erfahrungen ist m. E. eine zentrale Voraussetzung für eine konstruktive Auseinanderstezung mit Gewalt und mit der Fragen der Überwindung von Gewalt. Nur wer sich um Klärungen über eigene Gewaltpotentiale und -erfahrungen bemüht und auch die eigene Haltung zu (militärischen) Gewaltanwendungen außerhalb des persönlichen Nahbereiches überdenkt, kann sich glaubwürdig für die Überwindung von Gewalt einsetzen. Dies setzt aber die Bereitschaft und die Fähigkeit voraus, sich mit einem brisanten, in den persönlichen Bereich eindringenden Thema zu beschäftigen. Zur Sensibilisierung gehört also erstens die Selbtvergewisserung: Wie stehe ich zur Gewalt? Wo erlebe ich Gewalt? Wie begegne ich Gewalt? Wie stehe ich zur militärischer Gewalt in den internationalen Konflikten? Unter welchen Bedingungen lehne ich Gewalt ab, wann legitimiere ich Gewaltanwendung? Entstehen dabei ,Glaubwürdigkeitslücken' und welche Folgen ergeben sich daraus? Jugendliche zum Beispiel nehmen ihre eigenen Gewaltanwendungen häufig als legitime Gegengewalt wahr und fühlen sich darin bestärkt, wenn auch in der internationalen Politik ,Gegengewalt' moralisch legitimiert wird. Die Probleme dieser Spannungsfelder müssen immer wieder erneut diskutiert werden.

Zur Sensibilisierung über Gewalt gehört zweitens, Aufmerksamkeit für die unterschiedlichen Formen von Gewalt zu gewinnen. Die Definitionen des Begriffes ,Gewalt' sind ja sehr schillernd und häufig auch interessengeleitet. In der Friedenspädagogik bezieht man sich zu Recht seit Mitte der sechziger Jahre auf den Friedens- und Gewaltbegriff von Johan Galtung, der hier auch in seiner jüngsten Ausweitung noch einmal ins Gedächtnis gerufen werden soll. Der norwegische Friedensforscher schlägt vor, neben der direkten oder persönlichen Gewalt, die einen Täter und ein Opfer kennt, von strultureller Gewalt zu reden. Diese liegt nach Galtung immer dann vor, wenn Menschen so beeinflußt werden, daß sie sich nicht so verwirklichen können, wie dies eigentlich möglich wäre (strukturelle Gewalt). Sein bekanntes Beispiel: ,Eine Lebenserwartung von nur dreißig Jahren war in der Steinzeit kein Ausdruck von Gewalt, aber dieselbe Lebenserwartung heute (ob aufgrund von Kriegen, sozialer Ungerechtigkeit oder beidem) wäre nach unserer Definition als Gewalt zu bezeichnen." Nachdem Galtung Ende der sechziger Jahre zwischen der personalen oder direkten Gewalt einerseits und der strukturellen Gewalt andererseits unterschieden hat, geht er heute einen Schritt weiter: ,Heute arbeite ich meistens mit einem Dreieck: direkte Gewalt, strukturelle Gewalt, kulturelle Gewalt. Die strukturelle Gewalt verletzt Bedürfnisse, aber niemand ist direkt Täter und in diesem Sinne verantwortlich. Die kulturelle Gewalt ist die Legitimierung von struktureller oder direkter Gewalt durch die Kultur'. Diese Gewaltdefinition ist unter analytischen Aspekten nicht unumstritten. Sie eröffnet aber eine konstruktive Auseinandersetzung, weil sie den Blick für viele Facetten von Gewalt öffnet und vor allem weil sie Zusammenhänge sichtbar macht. Galtung weist nachdrücklich darauf hin, daß in jeder Ecke des Dreieckes Gewaltausbrüche beginnen und in den anderen Ecken weitere Verschärfungen auslösen können. Dies gilt aber auch umgekehrt: Wenn die kulturelle Legitimation von Gewalt abnimmt, kann dies zur Eindämmung struktureller und direkter Gewalt führen ein für die Dekade ,Überwindung von Gewalt' wichtiger Hinweis!

Zur Sensibilisierung gehört drittens die Frage nach einer realistischen Perspektive. Die ,Überwindung von Gewalt' ist in konkreten Situationen möglich und darüber hinaus als umfassende Zielsetzung unverzichtbar. Gleichwohl sollte im Rahmen der Dekade dem konstruktiven Umgang mit Konflikten ein großer Stellenwert eingeräumt werden. Vielen Gewaltsituationen geht eine Konflikteskalation voraus. Glücklicherweise gibt es einen wachsenden Erfahrungsschatz im konstruktiven Umgang mit Konflikten. Unterschiedliche Konflikttypen verlangen differenzierte Herangehensweisen und einen Blick für das Leistbare. Tief liegende und verfahrene Konflikte sind zum Beispiel nur schwer zu lösen. Bei ihnen kommt es auf die Fähigkeit und die Bereitschaft an, wie sie in eine Form transformiert werden können, in denen sie überhaupt zu bearbeitem sind. Dies klingt in der hier gebotenen Kürze sehr abstrakt. Es soll aber verdeutlichen, wie eng die Grenzen gesetzt sind, wenn man einer gewaltsamen Eskalation vorbeugen will.

Diese Sensibilisierung sind m.E. wichtig, um eine Dekade mit diesem inhaltlich hohen Anspruch und mit einer breiten Basisorientierung durchführen zu können. Wer zur Dekade aufruft und sie vorbereitet, muß sich darüber im Klaren sein, daß diejenigen, die die Dekade gestalten sollen zum Beispiel die Multiplikatoren im kirchlichen Bereich ein Recht haben, mit diesen und den folgenden Problemstellungen vertraut gemacht zu werden.

2. Enttabuisierung und Entdramatisierung

Wer Gewalt thematisieren will, stösst auf vielfache gesellschaftliche, individuelle und im besonderen Masse sicherlich auch innerkirchliche Widerstände. Viele Gewaltformen wurden erst in den zurückliegenden Jahren aus der Dunkelheit des Tabus und des Schweigens hervorgeholt und viele Formen werden dort auch noch verborgen. Jüngst ist im neuen Diakonie-Report zum Beispiel über ,Gewalt in der Pflege' zu lesen. Auch sind Rückschritte immer möglich: Der Erziehungswissenschaftler Wilfried Schubarth hat hinsichtlich des Themas ,Gewalt an den Schulen' kürzlich in einem Interview in der Frankfurter Rundschau geäussert: "Man hat nach der Gewaltdebatte in den neunziger Jahren geglaubt, dass man da schon weiter ist, aber jetzt zeigt sich doch, dass das Thema Gewalt nach wie vor tabuisiert wird, möglicherweise auch stärker an Gymnasien als an anderen Schulen". Diese Erfahrung gilt für andere Bereiche auch und es ist zwingend erforderlich, ein Forum zu finden, wie in allen Phasen der Dekade ein intensiver Erfahrungsaustausch stattfinden kann. Vielleicht bietet dazu das Internet eine Möglichkeit, dazu aber später mehr. Erfahrungen im Umgang mit Tabuthemen gibt es ja, wie das Beispiel der Kampagne gegen Gewalt an Frauen und Mädchen eindrucksvoll zeigt. Vielleicht wäre es möglich, einen Leitfaden zu entwickeln mit Fragen und Problemen, die es zu beachten gilt, wenn man Gewaltthemen in der Gemeinde aufgreifen und thematisieren will.

Zur notwendigen Enttabuisierung gehört aber häufig auch die Entdramatisierung. Damit meine ich nicht, daß irgendeine Form von Gewalt verharmlost werden soll. Damit meine ich die Notwendigkeit, sich im Rahmen der Dekade auch intensiv und kritisch mit der Rolle der Medien zu beschäftigen. Dies gilt sowohl für die Lokalpresse, aber besonders für Fernsehen und Sensationspresse. Wiederholt haben wir die Erfahrung gemacht, daß Gewaltthemen wie zum Beispiel das Thema ,Gewalt an Schulen' von den Medien aufgegriffen und hochgespielt wird. Man geht ja soweit, Jugendliche Gewaltszenen gegen Geld nachspielen zu lassen. Hauptsache sind eindrückliche Fotos und eine gute Story. Auch haben wir gesehen, wie die Medienberichterstattung die Haltung der Bevölkerung zu militärischen Gewalteinsätzen massiv beeinflussen kann. Mit wochenlangen, undifferenzierten Berichten über reale oder vermeintliche Greueltaten und mit der systematischen Ausblendung von zivilen Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung kann eine Stimmung erzeugt werden, in der die Zuschauer und Zuschauerinnen zur psychischen Selbstentlastung eine rasche Lösung des Problems verlangen. Dann ist es zum Griff nach der militärischen Allmachtsphantasie nicht mehr weit und es bleibt wieder einmal nur noch die militärische Intervention. Nicht alle Medien berichten so und Differenzierungen sind wichtig. Aber wer Gewalt thematisiert, kann eine (auch lokale) Medienlawine lostreten, die kontraproduktive Folgen haben kann. Medienkompetenz ist nicht nur ein pädagogisches Schlüsselwort unserer Zeit. Medienkompetenz muß auch für die Dekade ,Überwindung der Gewalt' neu buchstabiert werden.

3. Qualifizierung und Bildungsinitiativen

"Wir sind grossenteils Friedens-Analphabeten und hilflos im Umgang mit Konflikten. Ist es vorstellbar, daß wir Studenten der Universitäten oder höheren Schulen ihre Diplome geben würden, ohne sie je in Mathematik zu unterrichten und ihnen dann sagen würden: viel Glück, wurstelt euch irgendwie durch? Aber so gehen wir mit Konflikten um: Wir geben Durchwurstlern ihre Diplome und fragen uns mit falschem Erstaunen, wieso das Land so gewalttätig ist?" Dieser schon vor zehn Jahren geschriebene Kommentar aus der Washington Post weist meines Erachtens auf eine Kernherausforderung für die "Dekade zur Überwindung von Gewalt" hin. Dem Bildungsbereich wird sowohl im ÖRK-Programm als auch im Rahmen der UN-Dekade einen entscheidenden Stellenwert hinsichtlich der Vermittlung von Friedenskompetenzen und Konfliktfähigkeit zugemessen. Im Rahmenkonzept für die Dekade wird die daraus resultierende Aufgabe wie folgt beschrieben: ,Aufbauend auf vorhandenen insbesondere christlichen Modellen Sammeln, Zusammenstellen und Verbreiten von Lehrplänen zur Friedenserziehung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene; Vernetzung von in der Friedenserziehung Tätigen und Sachverständigen sowie theologischen Institutionen, die sich im Bereich von Konfliktlösung, Konfliktumwandlung und Vermittlung engagiert haben. Infragestellung von Bildungssystemen und Medien, die Konkurrenzdenken, aggressiven Individualismus und Gewalt vor allem unter Kindern verfestigen." Die neuen Aufgaben der Friedenserziehung und -arbeit (zum Beispiel die Verfahren der Vermittlung in Konfliktsituationen, der Streitschlichtung oder der Mediation) erfordern von den beteiligten Personen ein hohes Maß an Wissen und sozialen Fähigkeiten. Die diesbezüglichen Aneignungs- und Vermittlungsebenen im Inland sind dabei vielfältig. Neben der direkte Friedensarbeit der kirchlichen Basis- und Initiativgruppen umfassen sie alle kirchlichen Bildungsbereiche. Diese reichen von den Ausbildungsgängen zum Beispiel für die Pfarrerinnen und Pfarrer, über den Religionsunterricht in den Schulen und den Konfirmantenunterricht bis hin zu den Rüstzeiten und den anderen Formen kirchlicher Jugend- und Erwachsenbildung. Betroffen sind alle MultiplikatorInnen, die sich mit Konfliktbearbeitung beschäftigen bzw. mit Konfliktsituationen konfrontiert sind. In allen diesen Bereichen muß die Verbesserung der Fähigkeit zum Umgang mit Konflikten eine zentrale Rolle spielen. Diesbezügliche Empfehlungen und Beschlüsse sind ebenso notwendig wie die Bereitstellung von Bildungsmaterialien und -angeboten für Aus- und Weiterbildung.

In diesem Zusammenhang kann zum Beispiel die Landeskirche eine Reihe von Maßnahmen initiieren und fördern. Zwei Bereiche sind besonders dringlich:

Erarbeitung und Veröffentlichung von didaktischen Materialien für den Konfirmanden- und Religionsunterricht zu den Themenbereichen ,Gewalt-Gewaltlosigkeit; Krieg-Frieden; Konflikte-konstruktive Konfliktbearbeitung'.
Angebote für die Fort- und Weiterbildung im Bereich konstruktive Konfliktbearbeitung unter besonderer Berücksichtigung von Streitschlichtungs- und Vermittlungsansätzen wie der ,Mediation'. Zielgruppe dieser Angebote sind nicht nur LehrerInnen und MultiplikatorInnen der Jugend- und Erwachsenenbildung, sondern auch interessierte Personen aus den Gemeinden.

Man kann lernen, für Konflikte und Gewalt sensibel zu werden und man kann auch lernen, mit Konflikt- und mit Gewaltsituationen konstruktiv im Sinne einer Deeskalation und Transformation umzugehen. Glücklicherweise liegen auch im kirchlichen Bereich eine Reihe von Erfahrungen in der diesbzüglichen Qualifizierung und Ausbildung vor. Jetzt wäre eine systematische Auswertung dieser Erfahrungen notwendig und die Entwicklung von Standards für die Fortsetzung und die Intensivierung solcher Ausbildungsgänge. Wenn dies im Rahmen der Dekade nicht geleistet wird, wäre eine Chance vergeben, dem ,Durchwursteln' zumindest in Ansätzen ein Ende zu bereiten. Doch es ist auch Vorsicht geboten: Nichts wäre verhängnisvoller, als die Ausbildung für konstruktiven Konfliktaustrag und die Chancen auf Konfliktbearbeitung zu überschätzen. Es wird immer Konflikte geben, die nicht bearbeitbar sind, weil die Konfliktparteien es zum Beispiel nicht wollen und es wird immer die ungezielte, sinnlose zerstörerische Gewalt geben. Und nicht alle Menschen bringen die Fähigkeiten mit, sich auf den langen, zähen Prozess der Konfliktauseinandersetzung einzulassen. Und doch wachsen die Chancen auf ,Überwindung von Gewalt', wenn Menschen zumindest Kenntnisse über die vorhandenen Handwerkszeuge erhalten. Auch darauf haben sie einen Anspruch.

4. Ermutigung

Viele Menschen arbeiten seit vielen Jahren in ihrem Beruf oder bei ihrer Arbeit mit kirchlichen Gruppen an der Überwindung von Gewalt. Das Spektrum der Möglichkeiten umfaßt die Friedenserziehung oder interkulturelle Erziehung im Kindergarten ebenso wie das regelmässige Sammeln von Geld für gewaltmindernde Projekte in Übersee, zum Beispiel in der Kinderkirche. Arbeit an der Überwindung von Gewalt kann konstruktiv sein, wenn Konfirmantengruppen sich kritisch mit der Jugendgewalt auseinandersetzen oder in Gemeindefesten mit sportlichen Angeboten zum gemeinsamen Fair Playaufgefordert wird. Manchen ist die Wichtigkeit dieser und anderer Initiativen für die Überwindung von Gewalt oftmals nicht bewußt. Die Dekade zur Überwindung von Gewalt könnte diese Bedeutung betonen und entscheidend zur Ermutigung beitragen. Ohne diese Ermutigung wird es kaum gelingen, neue Menschen für neue Herausforderungen zu begeistern. Auf eine Möglichkeit der Ermutigung werde ich später bei meinen konkreten Vorschlägen eingehen.

5. Adressaten-, Handlungs- und Zielorientierung

Je konkreter die Ziele und Handlungsansätze der Dekade unterteilt und auf bestimmte Zielgruppen abgestimmt sind, desto besser sind meines Erachtens die Aussichten auf positive Resonanz. Im Verlauf unserer Diskussionen im Arbeitskreis "Friedensauftrag der Kirchen" haben wir zum Beispiel für Kirchengemeinden allgemein drei Handlungsfelder beschrieben:
1. Die Dekade soll ja gerade auch den internationalen Aspekt von Überwindung von Gewalt hervorheben. Kirchengemeinden können Unterstützer-Kreise für Personen bilden, die einen Friedensdienst im Ausland ableisten bzw. ableisten wollen. Diese Praxis gibt es teilweise seit der Entsendung von Freiwilligen durch Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste und kann reaktiviert und aktualisiert werden. Aufgabe des Unterstützerkreises ist zum ersten eine gewisse finanzielle Unterstützung. Zweitens kann in der Gemeinde eine Sensibilisierung für die jeweiligen Krisenregionen erfolgen, in denen der Einsatz stattfindet. Drittens kann der Kreis aber auch eine psychische Unterstützung für die häufig ausserordentlich belastende Arbeit der Freiwilligen sein. Es ist darauf hinzuweisen, daß unter Friedensdiensten erstens Friedensfachdienste verstanden werden. Damit sind Einsätze von gutausgebildeten und erfahren Personen in besonders konfliktträchtigen Regionen dieser Erde gemeint, die sich insbesondere auf Formen der direkten Gewaltausübung beziehen. Solche Einsätze können von Nichtregierungsorganisationen, aber auch von internationalen Organisationen ( zum Beispiel der OSZE) angeboten werden. Zu den Friedensdiensten gehören zweitens aber auch die Lerndiensteinsätze, wie sie seit vielen Jahren auf Seiten der Evangelischen Kirche im Rahmen der AGDF von Einrichtungen wie Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste oder von Eirene angeboten und durchgeführt werden, sowie die Entwicklungsdienste und Einsätze im Rahmen der Not- und Katastrophendienste, beispielsweise durch das Diakonische Werk. Alle diese Einsatzformen beziehen sich insbesondere auf Formen der strukturellen Gewalt, sind vielschichtig und beinhalten u.a. auch pädagogische Einsatzfelder.

2. Kirchengemeinden können mehr als jemals zuvor Verantwortung bei der Vermittlung in gesellschaftlichen Konflikten wahrnehmen und Initiativen unterstützen, die sich nicht nur dieser Aufgabe verpflichtet fühlen, sondern auch fachlich dazu in der Lage sind. Hierzu gehört es, Konfliktparteien an einen Tisch zusammenzuführen oder aber auch ,nur', von Gewalt und Kriegsleid betroffenen Menschen Raum und Gelegenheit zum Reden zu bieten. Die Anzahl dieser Personen ist angesichts der vielfältigen Formen von Gewalt, wie sie im Rahmenkonzept der Dekade beschrieben werden, beträchtlich (zum Beispiel Opfer sexueller Gewalt, Opfer von Fremdenfeindlichkeit). Der Arbeitskreis ,Friedensauftrag der Kirche' hat bereits während der heißen Phase des Krieges im ehemaligen Jugoslawien darauf hingewiesen, daß Kirchengemeinden zum Beispiel den hier lebenden serbischen oder kroatischen MitbürgerInnen Gehör schenken sollten. Hierzu wird die Bildung von Gesprächskreisen vorgeschlagen, in denen Personen vertreten sind, die Erfahrung in der Konfliktvermittlung haben oder sich diesbezüglich kundig machen wollen. An dieser Stelle sei nochmals betont, daß Vermittlungstätigkeiten wie andere Formen der konstruktiven Konfliktbearbeitung auch Fachlichkeit voraussetzt.

Im Rahmen initiierter und vorbereiteter Gesprächskreise hat auch der Vorschlag des ÖRK seinen Platz, sich gegenseitig Geschichten über Gewalterfahrungen zu erzählen und Erfahrungen auszutauschen.

3. Schließlich ist zu überlegen, inwieweit Kirchengemeinden Partnerschaften mit Gemeinden in Konfliktregionen gezielter als bislang für die Auseinandersetzung mit den Fragen von Gewalt, Krieg und Frieden fruchtbar machen. Erfahrungen aus dem Bereich der Schul- und Städtepartnerschaften zeigen, daß der Abbau von Vorurteilen oder der Aufbau von Empathie auch im Rahmen von Partnerschaften nicht automatisch erfolgt sondern nur unter bestimmten Rahmenbedingungen möglich ist.

Das ÖRK-Programm ,Überwindung von Gewalt' muß ,mit Leben' gefüllt werden, um unter anderem auch Kinder und Jugendliche ansprechen zu können. So wird im Rahmenkonzept für die Dekade die "praktische Unterstützung von Kirchen und Gruppen in ihren Bemühungen um die Durchführung von Kampagnen zu speziellen Themenbereichen mit dem erklärten Ziel, Gewalt im eigenen Kontext zu verhüten, umzuwandeln und zu überwinden" hervorgehoben. Die Erfahrungen mit der Kampagne ,Frieden für die Stadt' zeigen dabei, daß nicht zuletzt durch die Einbeziehung von Städten in der ganzen Welt und die diesbezügliche elektronische Vernetzung ein großes Interesse ausgelöst hat. Es sollte deshalb überlegt werden, inwieweit das Internet auch in der Landeskirche eine Rolle bei der Umsetzung der Dekade spielen kann. So ist das Internet zum Beispiel hervorragend dafür geeignet, um die vielfältigen Aktionen und Ansätze präsentieren und vernetzen zu können.

Jugendliche lassen sich immer wieder durch den Sport und ihre diesbezüglichen Idole begeistern. Das Fair-Play-Gebot ist ein wichtiger Bestandteil des Sports und hat große Aussagekraft auch hinsichtlich des Umgangs mit Konflikten und der Auseinandersetzung mit Gewalt. Die evangelische Aktion ,Brot für die Welt' hat diesen Sachverhalt für ihre Aktion ,Fair-Life' aufgegriffen. Die UNESCO weist im Rahmen ihrer eingangs vorgestellten Dekade ausdrücklich auf die Wichtigkeit hin, ethische, moralische und kulturelle Werte des Sports zu fördern und für die Etablierung einer Kultur des Friedens fruchtbar zu machen. Es wäre ein sinnvoller Schritt, über populäre Themen wie zum Beispiel den Sport Kinder und Jugendliche auf die Dekade und ihre Ziele aufmerksam zu machen bzw. sie in das Programm einzubeziehen.

II. Vorschläge für die Konzeption und Ausgestaltung der Dekade

Die folgenden Vorschläge sollen mithelfen, einen Spannungsbogen für den langen Zeitraum einer Dekade zu entwickeln und erste, konkrete Identifikationselemente für die Dekade zu entwerfen.

6. Transparenz

Die Konzeption und Ausgestaltung der Dekade ,Überwindung von Gewalt' kann nur in einem sehr transparenten Prozess umfassend und erfolgversprechend verlaufen. Die Evangelischen Akademien und andere kirchliche Diskussionsforen wie zum Beispiel die Ökumenischen Netzwerke sind hierbei von großer Bedeutung. Gleichwohl erscheint es mir wichtiger als jemals zuvor, die Möglichkeiten der neuen elektronischen Kommunikationsmedien zu nutzen. Über Internet und E-Mail lassen sich Menschen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit am Prozess der Entwicklung der Dekade beteiligen. Diese Chance sollte frühmöglichst genutzt werden.

Gemeinsame Essentials

Meines Erachtens ist es wenig sinnvoll, die Dekade über die Auseinandersetzung mit einigen ausgewählten Formen der Gewalt bzw. der Überwindung von Gewalt zu definieren. Diese Auswahl sollte denjenigen Personen, Initiativen oder Organisationen überlassen werden, welche sich an der Dekade beteiligen wollen. Sie sollen entscheiden, welche Problembereiche aus dem umfassenden Themenspektrum, welches der ÖRK bereits vorgeschlagen hat, vor Ort von Bedeutung sind.

Demgegenüber könnte eine übergreifende Gemeinsamkeit durch das Herausstellen von ,Essentails' für die Auseinandersetzung mit Gewalt und den Umgang mit Konflikten geschehen. Durch eine Veröffentlichung von beispielsweise ,Zehn Regeln für konstruktive Konfliktbearbeitung' als ,inhaltliches Logo' könnte die Dekade ihren Kristallisationsbereich erhalten und auch nach außen attraktiv wirken. Diese Regeln sollten in einem gemeinsamen Diskussionsprozeß erarbeitet werden, an welchem sich auch der Verein für Friedenspädagogik mit konkreten Vorschlägen beteiligen würde. Vorerfahrungen gibt es: Die Herausgabe eines Plakates ,Streitkultur' (es enthält neun Schritte der Konflikteskalation) stößt seit zwei Jahren auf rege Nachfrage. Dieses Plakat hängt mittlerweile in vielen Familien, Schulen, in Rathausfraktionen und an anderen Orten, wo Konflikte zum Alltag gehören.

8. Bildungs- und Qualifizierungsinitiative

Wie bereits ausführlich erwähnt, halte ich eine gezielte Qualifizierung vor allem auch kirchlicher MitarbeiterInnen im Rahmen dieser Dekade für unverzichtbar. In einem ersten Schritt wird es darum gehen müssen, Personen und Einrichtungen zu benennen, die über Erfahrungen und Kompetenzen in der Ausbildung konstruktiver Konfliktbearbeitung und in der Erstellung didaktischer Materialien verfügen und in der Lage sind, in den kommenden zehn Jahren die angesprochenen Beiträge zur ,Überwindung des Analphabetismus in Sachen Konfliktbearbeitung' zu leisten.

9. Wettbewerb und Ermuting

Langjährige Erfahrungen mit der Handlungsbereitschaft von Personen zeigen, daß man sich erheblich gestärkt und motiviert fühlt, wenn Engagegent überhaupt wahrgenommen und gewürdigt wird. Dies läßt sich zum Beispiel durch die Ausschreibung eines Wettbewerbes unterstützen. Warum sollte es nicht möglich sein, jährlich in der Landekirche oder auf EKD-Ebene einen Wettbewerb ,Überwindung von Gewalt' auszurufen, bei denen immer andere Personenkreise oder Initiativen zum Mitmachen aufgefordert sind? Dadurch könnte für viele ein interessanter Spannungsbogen entstehen wenn bekannt ist, daß es zum Beispiel bei dem Jahreswettbewerb 2002 um die Friedenserziehung im Kindergarten geht.

10. Monitoring

Schließlich würde ich mir drei Berichte über "Gewalt in Deutschland" bzw. in den Regionen der jeweiligen Landeskirchen wünschen zu Beginn der Dekade, nach fünf Jahren und nach zehn Jahren, am Ende der Dekade. Die Berichte sollen von ExpertInnen und PraktikerInnen in einem gemeinsam Diskussionsprozess erstellt werden. Die Zusammnesetzung dieser Arbeitsgruppe ist allerdings von ganz besonderer Bedeutung: Die Mehrheit dieser Kommissionsmitglieder sollen den "Blick von aussen", den "Blick mit anderen Augen" präsentieren. Sie kommen nicht aus Deutschland, sondern aus unterschiedlichen Regionen und Kirchen dieser Erde. Dieser Monitoring-Prozeß mit Team-Visiting und interkulturellen und interreligiösen Dialogformen könnte über die Dekade hinaus weltweite Impule für die Überwindung von Gewalt setzen.

Uli Jäger: Erfahrungen und Perspektiven im Umgang mit Gewalt
Vortrag zur Dekade "Überwindung von Gewalt" des Ökumenischen Rates der Kirchen
Evangelische Akademie Bad Boll, 20. Januar 2000

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