Home / Themen / Gewalt überwinden / 50 Jahre ÖRK: Auseinandersetzung mit Gewalt
Die Frage der Haltung der Kirchen zur Gewalt hat den Ökumenischen Rat seit seiner Gründung beschäftigt. Bereits während des Zweiten Weltkrieges spielte dies insbesondere im Verhältnis des in Gründung begriffenen Ökumenischen Rates zu den Deutschen Christen, die nicht nur Antisemitismus und Rassismus, sondern auch Gewalt legitimierten, eine Rolle. Die Stuttgarter Schulderklärung vom Oktober 1945 erst ermöglichte bekanntermaßen eine Teilnahme der deutschen Kirchen an der Vollversammlung 1948 (in Amsterdam) als Gründungsmitglied des Ökumenischen Rates. Von diesem Ereignis bis zum heutigen Tag hat die Gewaltfrage, sei es im Verhältnis zur strukturellen Gewalt mit Blick auf die Länder des Südens oder auch mit Blick auf den Rassismus sowie die Gewalt gegen Frauen - aktuell im Rahmen der Ökumenischen Dekade Kirchen in Solidarität mit den Frauen -, eine große Rolle gespielt. Stets war auch die Haltung zur Kriegsfrage betroffen. Bereits in Amsterdam gab es bekanntermaßen drei unterschiedliche Haltungen: den Pazifismus, die Lehre vom gerechten Krieg und den Staat als göttliche Ordnung, die Christen zur Verteidigung ihres Landes rufen kann. Die christlichen Friedenskirchen (Mennoniten, Quäker, Herrnhuter Brüdergemeinden) blieben in all den Jahren Teil der ökumenischen Bewegung, auch wenn ihre Herausforderung selten im Zentrum der Debatte blieb. Allerdings hat die Amsterdamer Versammlung festgehalten: "Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein". Diese Grundüberzeugung wurde zwar bald durch neue Kriege, z. B. in Korea, in Vietnam etc., herausgefordert, dennoch wurde die ökumenische Bewegung als Friedensbewegung gesehen (Ernst Lange). Ein Zusammenwachsen der Christen und Kirchen schien vielen ein Hoffnungszeichen, daß Religion nicht mehr als Faktor der Gewalt, der Kriegsintensivierung mißbraucht werden könnte. Dies kann bis heute als eine zentrale Herausforderung für die ökumenische Bewegung verstanden werden.
Gewaltfrage in den 60er und 70er Jahren
In den sechziger und siebziger Jahren bekam die Gewaltfrage eine neue Form: Rassismus und die Befreiungskämpfe in vielen Teilen der Welt lösten eine Debatte über eine "gerechte Revolution" aus. Bei der Weltkonferenz über Kirche und Gesellschaft 1966 kamen erstmals die Stimmen der Kirchen des Südens zu Gehör. Die Vollversammlung in Uppsala bat daraufhin den Zentralausschuß, Studien über die Frage der Gewaltfreiheit in Auftrag zu geben. Diese Studien resultierten in einem Bericht von 1973 über Gewalt, Gewaltfreiheit und sozialen Wandel, die zwar die Anwendung von Gewalt zurückwies, aber eine gewisse Zurückhaltung gegenüber einer Verurteilung derjenigen aufzeigt, die Gewalt im Kampf gegen soziale, rassistische und ökonomische Ungerechtigkeit anwenden. Dieselbe Vollversammlung gab den Impuls für das Programm zur Bekämpfung des Rassismus (PCR), das besonders mit seinem Sonderfond zu heftigen Auseinandersetzungen führte. Eine differenzierte Betrachtung der Gewaltfrage im Rückblick auch auf PCR ohne die großen, auch emotionalen Auseinandersetzungen jener Zeit steht durchaus noch aus. Von 1975 an war es verstärkt die Frage der Nuklearwaffen, die den Ökumeni§§schen Rat beschäftigte. Während in Nairobi die Befürwortung der Revolution durch die einen und die Erklärung, ohne den Schutz von Waffen leben zu wollen, durch die anderen präsent waren, stand in Vancouver 1983 die Frage der Verknüpfung von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung im Mittelpunkt. Der konziliare Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung () war der ausschlaggebende Impuls für die kommenden Jahre.
Margot Käßmann: Gewalt überwinden. In: Ökumenische Rundschau, 47. Jahrgang, Heft 3/1998, S. 331 f.