Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Umgang mit Krisenereignissen

Notfallsituationen sind gekennzeichnet durch ihre geringe Wahrscheinlichkeit des Auftretens, durch ihre Unvorhersehbarkeit und Unterschiedlichkeit, durch die Bedrohung für Leben und Wohlbefinden und die Notwendigkeit des schnellen Eingreifens.

„Die Schulleiterin oder der Schulleiter (Schulleitung), die Lehrkräfte, die sonstigen Bediensteten der Schule und die Schülerinnen und Schüler müssen vorbereitet werden, Gewaltvorfälle wie Bombendrohungen, Geiselnahmen usw. und Schadensereignisse wie Brände, Katastrophen, Unglücksfälle richtig einzuschätzen und unter Einschaltung der dafür fachlich zuständigen Stellen zu bewältigen. Die Lehrkräfte und die sonstigen Bediensteten an Schulen sind verpflichtet, sich rechtzeitig mit den dargelegten Verhaltensregeln vertraut zu machen und sie im Ernstfall zu beachten.“ So die Verwaltungsvorschrift 1721.6-7/16 des Kultusministeriums Baden-Württemberg über Gewaltvorfälle und Schadensereigenisse an Schulen.

In den letzten Jahren haben fast alle Bundesländer sog. Notfallpläne für Schulen als Verwaltungsvorschriften erlassen. Diese sind unterschiedlich konkret und regeln (wie z.B. in Baden-Württemberg) oft nur Zuständigkeiten.

Trotz dieser Pläne bleibt die Feststellung von Eikenbusch (2005, S. 7) richtig, dass in vielen Krisen Lehrkräfte unvorbereitet, hilflos und unsicher sind. Dabei entscheidet sich ob und wie eine Krisensituation bewältigt werden kann lange vor der Krise durch die Art und Weise der Auseinandersetzung mit und der (inneren und äußeren) Vorbereitung auf solche Notfallsituationen.

• Notfallpläne: Individuelle ausgearbeitete Notfallpläne für Schulen, legen fest wer bei Krisen / Notfällen welche Aufgabe übernimmt, wie die Verantwortlichen in Krisenfällen erreichbar sind, was bei bestimmten Ereignissen zu tun ist, wer welche Unterstützung leisten kann, wer die Schüler, die Eltern, die Öffentlichkeit informiert usw. (Vgl. Eikenbusch ebd.) Um mit solchen Plänen auch wirkungsvoll umgehen zu können, ist die Einrichtung von Notfall- oder Krisenteams in der Schule Voraussetzung.

• Notfallordner: Als ein wichtiges konkretes Hilfsmittel in der Schule haben sich sog. Notfallordner erwiesen, die an einem leicht zugänglichen zentralen Ort aufgestellt alle wesentlichen Informationen in Form von Checklisten enthalten.

Koordination der Abläufe: Zentral für das Handeln in Notfällen ist der Personenschutz und die Mobilisierung von professionellen Einsatzkräften wie Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste. Regelmäßige Übungen dienen dazu Missverständnisse und Schwierigkeiten zu beheben.

• Bedrohungsanalyse: Zur Einschätzung von Bedrohungen bei Drohanrufen, Drohschreiben oder im Internet veröffentlichten Drohformulierungen müssen Fachleute der Polizei hinzugezogen werden.

• Substantielle Drohungen müssen ernst genommen werden. Mögliche Reaktionen reichen von Gesprächen mit dem Betroffenen und seinen Eltern über Verhaltenstrainings bis hin zu Strafanzeigen, Hausdurchsuchungen und – bei dringendem Tatverdacht – Festnahme durch die Polizei.

• Pressearbeit: Der sensible Umgang mit den Medien, die bei Gewaltdrohungen und Gewaltvorfällen oft dazu neigen nicht sachlich, sondern sensationsheischend und voyeuristisch zu berichten ist wichtig. Es muss klar sein, über wen (ausschließlich) die Presseinformation läuft.

• Verhalten in Gewaltsituationen: Eine der schwierigsten Aufgaben ist die Entwicklung von günstigen Handlungsweisen in Gewaltsituationen. Opferschutz geht immer vor der Identifizierung oder Verfolgung des Täters. Deckung und Schutz suchen, Klassen zusammenhalten, Türen verschließen, Fenster und Türen meiden sind dabei grundlegende Verhaltensweisen zu denen auch gehört, dass Fluchtwege für Täter offengelassen und nicht abgeschlossen werden dürfen. (Vgl. Wickenhäuser 2007, S. 214). In speziellen Trainings kann der Umgang mit Gewaltsituationen zwar geübt werden, wie die eigenen Reaktionen in einer Realsituation jedoch tatsächlich sein werden ist nicht planbar. 

Literatur

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Bolt, Friedegunde: Junge Menschen stark machen gegen Widrigkeiten und Belastungen. In Pädagogik 4/2005, S. 31-39

Christians, Heiko: Amok: Geschichte einer Ausbreitung. Bielefeld 2008.

Diagnostische Kriterien für die Posttraumatische Belastungsstörung nach DSM-IV, 1996 (309.81)

Eikenbusch, Gerhard: Was passiert, wenn das Unfassbare passiert ... Mit Katastrophen, existentiellen Krisen und Unglücken in der Schule umgehen. In: Pädagogik 4/2005, S. 6-10.

Geipel, Ines: Für heute reicht‘s. Amok in Erfurt. Berlin 2004.

Gerhard Eickenbusch / Ragnhild Wedlin: „Jetzt weiß ich, was ich tunmuss, wenn etwas passiert!“. In: Pädagogik 4/2005

Gugel, Günther/Uli Jäger: Global Handeln für Frieden und Entwicklung. Tübingen 1999.

Hoffmann, Jens/Isabel Wondrak (Hrsg.): Amok und zielgerichtete Gewalt an Schulen: Früherkennung / Risikomanagement / Kriseneinsatz / Nachbetreuung. Frankfurt 2007.

http://www.polizeieinsatzstress.de/was_ist_ptsd.htm

Jens Becker: Kurzschluß. Der Amoklauf von Erfurt und die Zeit danach. Berlin 2005

Koch, Sannah: Wie erkennt man School Shooter? In: Psychologie heute, 11/2007

Kraemre, Horst: Das Trauma der Gewalt. Wie Gewalt entsteht und sich auswirkt. Psychotraumata und ihre Behandlung. München 2003

Kultusministerium Baden-Württemberg: VwV Gewaltvorfälle, Schadensereignisse an schule - Verhaltens VwV vom 27.6.2006, Az.: 1721.6-7/16

Luwe-Schleberger, Gabriele: „Nach der Katastrophe kommt die Krise ..“ Wie Lehrer helfen können, kritische Lebenssituationen zu verarbeiten. In: Pädagogik 4/2005

Ministerium für Kulturs, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.): Vom Umgang mit Trauer in der Schule. Handreichung für Lehrkräfte und Erziehr/innen. Stuttgart o.J.

Robertz, Frank J.: School Shootings. Über die Relevanz der Phantasie für die Begehung von Mehrfachtötungen durch Jugendliche. Frankfurt/M. 2004.

Robertz, Frank J./Ruben Wickenhäuser: Der Riss in der Tafel. Amoklauf und schwere Gewalt in der Schule. Heidelberg 2007

Schefold. Werner/Hans-Jürgen Glinka/Thomas Giernalczyk (Hrsg.): Krisenerleben und Krisenintervention. Ein narrativer Zugang. Tübingen 2008, S. 346-348

Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Bildung für Berlin (Hrsg.):  Verstehen und Handeln X. Gewaltprävention im Miteinander. Berlin 2007

Wolfelt Alan D.: Für Zeiten der Trauer. wie ich Kindern helfen kann: 100 praktische Anregungen. Stuttgart 2002

Auszug aus: Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention. Für Sekundarstufen und die Arbeit mit Jugendlichen. Tübingen 2010. i.E.

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