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School Shootings

Obwohl krisenhafte Ereignisse wie sog. Schulmassaker oder Amokläufe nur selten vorkommen, ist ihre Anzahl in den letzten Jahren gestiegen.

Das erste School Shooting fand am 13.12.1974 in Olean, New York statt als ein 18-Jähriger Schusswaffen und selbst gebastelte Bomben mit in die Schule brachte (vgl. Wickenhäuser 2005, S. 13). Über 100 weitere (davon der Großteil in den USA) haben seitdem weltweit stattgefunden, 66 davon in den letzten zehn Jahren. Fast 200 Schüler und Lehrkräfte fielen den Gewalttaten zum Opfer (vgl. www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,612730,00.html.)

Solche Ereignisse kommen meist – da mögliche Anzeichen nur unzureichend wahrgenommen und verstanden werden – unerwartet und überraschend. Sie bringen die Betroffenen in eine existentielle Stresssituation, die sofortiges Handeln erfordert, das über Leben und Tod entscheiden kann.

Auch wenn solche Ereignisse wohl nie vollständig verhindert werden können, kann man ihnen präventiv begegnen und sich auf sie angemessen vorbereiten. Hierzu gehören das Aufstellen von Notfallplänen, das Einüben von günstigen Handlungsweisen in Extremsituationen sowie der Umgang mit den Betroffenen nach dem Ereignis.

Ein Amoklauf  ist in den seltensten Fällen nur blindwütige Raserei, die sich impulsiv aus einer Situation heraus ergibt. Bei Amok handelt es sich in aller Regel um eine genau geplante und organisierte Tat. Fast alle Täter beschäftigen sich vor der Tat einige Zeit gedanklich mit dem bevorstehenden Gewaltakt und planen diese oft sehr genau. Die Täter beschaffen sich gezielt die Tatwaffen. Die Opfer werden in den meisten Fällen bewußt ausgewählt.

Der Begriff Amok“ ist das einzige aus dem Malaiischen entlehnte Wort in der deutschen Sprache. Es bedeutet ursprünglich „im Kampf sein Letztes geben“. Amokkämpfer in Südindien oder Malaysia warfen sich mit Todesverachtung in die Reihen des Feindes. Gefallene Amokkrieger galten als Helden des Volkes und als Lieblinge der Götter. Handlungsreisende berichteten im 16. Jahrhundert über Malayen, die sich mit Opium berauschten, plötzlich mit einem Dolch bewaffnet auf die Straße stürmten und jeden niederstachen, der ihnen begegnete. Dabei riefen sie „Amock“ (vgl. Focus, 18/2002, S. 26).

Tätertypen

Der Amokforscher Lothar Adler (2000) unterscheidet drei Tätertypen:

1. Die Schizophrenen: Sie bekämpfen aus einer Wahnvorstellung heraus irgendwelche bösen Mächte oder Invasoren aus dem All.

2. Die Depressiven: Sie bilden sich ein, durch eine schandhafte Tat etwa die Ehre ihrer Familie befleckt zu haben, und töten, um den ihnen Nahestehenden die Schmach zu ersparen.

3. Die Persönlichkeitsgestörten: In der Regel verbergen sich dahinter narzistische Persönlichkeiten, die beziehungsgestört und leicht kränkbar sind. Sie sind sehr bemüht, sich anzupassen. Zugleich haben sie eine ganz genaue, hochstrebende Vorstellung von sich selbst, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Diese Menschen erleiden deshalb eine Kränkung nach der anderen, und im Gegensatz zu den meisten Menschen vergessen sie keine davon. Die Schmach wühlt und wühlt in ihnen, bis sie irgendwann gegen die ihrer Meinung nach ungerechte Welt losschlagen.

Nahlah Saimeh, ebenfalls Amokforscherin nennt als typische Merkmale von Amokläufern: Sie haben großen Niederlagen erlebt und empfinden sich als Looser. In Familie, Schule oder Beruf sind sie isoliert. Sie besitzen kein funktionierendes soziales Netz. Der Wunsch, „ganz groß rauszukommen“, treibt sie zum Verbrechen.

 

Phasen eines Amoklaufs

Die Amokforschung hat typische Phasen der Entwicklung eines Amoklaufes herausgearbeitet:

1. Zurückweisung: Ein zentraler psychischer Faktor ist in der Regel eine tiefe Kränkung, oft ausgelöst durch eine zurückgewiesene Verliebtheit, Spott durch Mitschüler oder einen ernsthaften Konflikt mit Lehrern oder der Schulleitung.

2. Rückzug in die Fantasie: Auf die erlebte Zurückweisung reagieren die Betroffenen mit einem Rückzug in die Fantasie, in der Macht und Gewalt in narzistischen Größen und Allmachtsvorstellungen ausgelebt werden.

3. Fantasie und Realität vermischen sich: Diese geheime innere Welt der Kontrolle und Dominanz wird immer weiter ausgebaut, bis sie schließlich bei einigen wenigen die Grenzen in die Realität überschreitet.

4. Die Tat: Am Ende bedarf es gar keines Auslösers mehr. Die Mordgedanken reifen eher wie eine Eiterbeule, die irgendwann platzt.

School Schootings

Der National Research Council in den USA hat Mitte 2002 einen Report über Schulmassaker veröffentlicht, in dem Psychologen, Kriminologen und Verhaltensforscher Täterpersönlichkeiten und Tatabläufe analysieren und Wege zur Prävention aufzeigen:

Die Gemeinsamkeiten:

• Alle Täter waren Jungen

• Fast alle hatten ungehinderten Zugang zu Waffen

• Die meisten stammten aus weißen Mittelschichtfamilien

• Die Täter stammten aus „funktionierenden“ Familien und kamen nicht aus zerrütteten Familienverhältnissen

• Allen Tätern gemeinsam war eine ausgeprägte Bereitschaft zum Selbstmord, die sie oft vorher artikulierten.

•Psychische Auffälligkeiten: Die Täter wiesen in weit überdurchschnittlichem Maß Anzeichen psychiatrischer Erkrankungen auf, meist Depressionen oder Schizophrenie. Diagnostiziert wurden diese Veränderungen jedoch grundsätzlich erst nach der Tat.

• Schusswaffen: Schusswaffen waren allgegenwärtig und leicht zu beschaffen.

• Medien: Gewaltverherrlichende Video- und Computerspiele sowie Gewalt glorifizierende Musik spielten im Leben der meisten Attentäter zwar eine gewisse, aber nicht die dominante Rolle.

• Nachahmer: Es zeigte sich, dass Gewalttaten, die den Täter prominent machen, bei psychisch instabilen jungen Menschen den Wunsch zur Nachahmung auslösen.

Weitere Studien (Vgl. Wickenhäuser 2007, S. 31) kommen noch zu den Erkenntnissen dass

• es sich bei den Tätern um introvertierte Einzelgänger handelte, die in ihrer subjektiven Sichtweise keine funktionsfähigen sozialen Strukturen aufweisen.

• die Täter lange vor der Durchführung ihre Tat planen.

• die Täter kurz vor der Durchführung ihrer Pläne Andeutungen oder Drohungen zur Umsetzung ihrer Tat machen.

• direkt vor der Tat oft schwere persönliche Niederlagen erlebt wurden, die als Auslöser zur Realisierung ihrer Tatplanung betrachtet werden können.

Literatur

Adler, Lothar: Amok. Eine Studie. München 2000.

Bolt, Friedegunde: Junge Menschen stark machen gegen Widrigkeiten und Belastungen. In Pädagogik 4/2005, S. 31-39

Christians, Heiko: Amok: Geschichte einer Ausbreitung. Bielefeld 2008.

Diagnostische Kriterien für die Posttraumatische Belastungsstörung nach DSM-IV, 1996 (309.81)

Eikenbusch, Gerhard: Was passiert, wenn das Unfassbare passiert ... Mit Katastrophen, existentiellen Krisen und Unglücken in der Schule umgehen. In: Pädagogik 4/2005, S. 6-10.

Geipel, Ines: Für heute reicht‘s. Amok in Erfurt. Berlin 2004.

Gerhard Eickenbusch / Ragnhild Wedlin: „Jetzt weiß ich, was ich tunmuss, wenn etwas passiert!“. In: Pädagogik 4/2005

Gugel, Günther/Uli Jäger: Global Handeln für Frieden und Entwicklung. Tübingen 1999.

Hoffmann, Jens/Isabel Wondrak (Hrsg.): Amok und zielgerichtete Gewalt an Schulen: Früherkennung / Risikomanagement / Kriseneinsatz / Nachbetreuung. Frankfurt 2007.

http://www.polizeieinsatzstress.de/was_ist_ptsd.htm

Jens Becker: Kurzschluß. Der Amoklauf von Erfurt und die Zeit danach. Berlin 2005

Koch, Sannah: Wie erkennt man School Shooter? In: Psychologie heute, 11/2007

Kraemre, Horst: Das Trauma der Gewalt. Wie Gewalt entsteht und sich auswirkt. Psychotraumata und ihre Behandlung. München 2003

Kultusministerium Baden-Württemberg: VwV Gewaltvorfälle, Schadensereignisse an schule - Verhaltens VwV vom 27.6.2006, Az.: 1721.6-7/16

Luwe-Schleberger, Gabriele: „Nach der Katastrophe kommt die Krise ..“ Wie Lehrer helfen können, kritische Lebenssituationen zu verarbeiten. In: Pädagogik 4/2005

Ministerium für Kulturs, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.): Vom Umgang mit Trauer in der Schule. Handreichung für Lehrkräfte und Erziehr/innen. Stuttgart o.J.

Robertz, Frank J.: School Shootings. Über die Relevanz der Phantasie für die Begehung von Mehrfachtötungen durch Jugendliche. Frankfurt/M. 2004.

Robertz, Frank J./Ruben Wickenhäuser: Der Riss in der Tafel. Amoklauf und schwere Gewalt in der Schule. Heidelberg 2007

Schefold. Werner/Hans-Jürgen Glinka/Thomas Giernalczyk (Hrsg.): Krisenerleben und Krisenintervention. Ein narrativer Zugang. Tübingen 2008, S. 346-348

Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Bildung für Berlin (Hrsg.):  Verstehen und Handeln X. Gewaltprävention im Miteinander. Berlin 2007

Waldrich, Hans-Peter: In blinder Wut: Warum junge Menschen Amok laufen. Köln 2007.

Wolfelt Alan D.: Für Zeiten der Trauer. wie ich Kindern helfen kann: 100 praktische Anregungen. Stuttgart 2002

 

Auszug aus: Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention. Für Sekundarstufen und die Arbeit mit Jugendlichen. Tübingen 2010. i.E.

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