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Kann man Amokläufe verhindern?

Kann man Amokläufe verhindern?

Die Meinungen darüber, ob man Amokläufe verhindern könne, gehen auseinander. Verschiedene Fachleute vertreten die Ansicht, dass derartige Ereignisse eher schicksalhaften Charakter hätten. Dass man sie weder verhindern oder „vorausahnen“ könne. Andere weisen darauf hin, dass es im Vorfeld solcher Ereignisse immer auch Hinweise und Symptome gäbe, die als Hilferufe zu verstehen seien, die zeigten, dass jemand mit seinen Problemen nicht zurecht komme.

Begreift man schwere Gewalttaten und Amokläufe nicht als Schicksalsschläge, sondern als krisenhafte Entwicklungen, so gibt es vielfältige Möglichkeiten auf Warnsignale zu reagieren. Hierzu gehören u.a. Gewaltdrohungen (mit konkreten Zeit und Ortsangaben), Suizidäußerungen, Zugang oder Besitz von Waffen, Rückzug und Isolation, Gefühl der Ausweglosigkeit. Das Problem der Identifizierung solcher Frühwarnsignale liegt jedoch darin, dass sie oft zu wenig trennschaf sind und dadurch  auf viele Jugendlichen zutreffen und somit die Gefahr besteht ein Klima von Verdächtigungen zu schaffen. Solche Hinweise, die sich nach Amokläufen immer rekonstruieren lassen und auch immer vorhanden sind vor einer Tat rechtzeitig zu erkennen ist das Ziel des Berliner Leaking-Projektes. „Beim Leaking lässt der Täter seine Tatfantasien oder Pläne im Vorfeld „durchsickern“. Somit bietet dieses Phänomen einen Anhaltspunkt für ein präventives Eingreifen“ (www.leaking-projekt.de).

 

Im Bereich der primären Prävention gilt es Verantwortlichkeiten in vielfältigen Bereichen zu erkennen und wahrzunehmen:

• Eltern: Welchen Erwartungsdruck vermitteln Eltern? Bleibt Zeit für Auseinandersetzung und Anerkennung?

• Freunde und Bekannte: Ist genügend Neugier vorhanden, den anderen auch als Mensch kennenzulernen? Wird vom anderen Rechenschaft für sein Verhalten verlangt? Wird eine gewisse Verantwortung für sein „Wohlergehen“ empfunden?

• Schule:  Werden neben Leistung und Noten auch Mitmenschlichkeit und Solidarität vermittelt und gelebt? Werden Alarmsignale erkannt? Werden Konfliktlösungsmöglichkeiten eingeübt, Schwächen nicht ausgenützt und Stärken gefördert?

• Medien: Werden alle Möglichkeiten der Unterbindung von Gewalt verherrlichenden Medien ausgeschöpft? Wird die Produktion und der Vertrieb solcher Medien auf ihre Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit geprüft?

• Waffen: Wie kann verhindert werden, dass Waffen problemlos legal (und illegal) zu beschaffen sind? Wie kann sichergestellt werden, dass Waffen „sicher“ aufbewahrt werden?

• Gesellschaft: Wie kann eine Kultur des Friedens und der Anerkennung entwickelt werden, die Gewalt auf allen Ebenen tabuisiert, die auch den Schwächeren eine erstrebenswerte Zukunft und ihren Platz in der Gesellschaft ermöglicht?

• Politik: Wie kann erreicht werden, dass Politik sich um die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen stärker kümmert.

Indikatoren, die auf eine substantielle Drohung hinweisen:

• Die Äußerung enthält spezifische Details wie etwa Daten oder Orte.

• Sie wird wiederholt oder vor unterschiedlichen Menschen geäußert.

• Sie enthält konkrete Handlungspläne.

• Der drohende Schüler hat Komplizen oder versucht, Zuschauer für seine Tat zu werben.

• Es liegen konkrete materielle Hinweise vor, beispielsweise eine Schusswaffe oder eine Liste potenzieller Opfer.

Sannah Koch: Wie erkennt man School Shooter? In: Psychologie heute, 11/2007, S. 38

Frank J. Robertz/Ruben Wickenhäuser: Der Riss in der Tafel. Amoklauf und schwere Gewalt in der Schule. Berlin 2007.

Literatur

Adler, Lothar: Amok. Eine Studie. München 2000.

Bolt, Friedegunde: Junge Menschen stark machen gegen Widrigkeiten und Belastungen. In Pädagogik 4/2005, S. 31-39

Christians, Heiko: Amok: Geschichte einer Ausbreitung. Bielefeld 2008.

Diagnostische Kriterien für die Posttraumatische Belastungsstörung nach DSM-IV, 1996 (309.81)

Eikenbusch, Gerhard: Was passiert, wenn das Unfassbare passiert ... Mit Katastrophen, existentiellen Krisen und Unglücken in der Schule umgehen. In: Pädagogik 4/2005, S. 6-10.

Geipel, Ines: Für heute reicht‘s. Amok in Erfurt. Berlin 2004.

Gerhard Eickenbusch / Ragnhild Wedlin: „Jetzt weiß ich, was ich tunmuss, wenn etwas passiert!“. In: Pädagogik 4/2005

Gugel, Günther/Uli Jäger: Global Handeln für Frieden und Entwicklung. Tübingen 1999.

Hoffmann, Jens/Isabel Wondrak (Hrsg.): Amok und zielgerichtete Gewalt an Schulen: Früherkennung / Risikomanagement / Kriseneinsatz / Nachbetreuung. Frankfurt 2007.

http://www.polizeieinsatzstress.de/was_ist_ptsd.htm

Jens Becker: Kurzschluß. Der Amoklauf von Erfurt und die Zeit danach. Berlin 2005

Koch, Sannah: Wie erkennt man School Shooter? In: Psychologie heute, 11/2007

Kraemre, Horst: Das Trauma der Gewalt. Wie Gewalt entsteht und sich auswirkt. Psychotraumata und ihre Behandlung. München 2003

Kultusministerium Baden-Württemberg: VwV Gewaltvorfälle, Schadensereignisse an schule - Verhaltens VwV vom 27.6.2006, Az.: 1721.6-7/16

Luwe-Schleberger, Gabriele: „Nach der Katastrophe kommt die Krise ..“ Wie Lehrer helfen können, kritische Lebenssituationen zu verarbeiten. In: Pädagogik 4/2005

Ministerium für Kulturs, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.): Vom Umgang mit Trauer in der Schule. Handreichung für Lehrkräfte und Erziehr/innen. Stuttgart o.J.

Robertz, Frank J.: School Shootings. Über die Relevanz der Phantasie für die Begehung von Mehrfachtötungen durch Jugendliche. Frankfurt/M. 2004.

Robertz, Frank J./Ruben Wickenhäuser: Der Riss in der Tafel. Amoklauf und schwere Gewalt in der Schule. Heidelberg 2007

Schefold. Werner/Hans-Jürgen Glinka/Thomas Giernalczyk (Hrsg.): Krisenerleben und Krisenintervention. Ein narrativer Zugang. Tübingen 2008, S. 346-348

Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Bildung für Berlin (Hrsg.):  Verstehen und Handeln X. Gewaltprävention im Miteinander. Berlin 2007

Waldrich, Hans-Peter: In blinder Wut: Warum junge Menschen Amok laufen. Köln 2007.

Wolfelt Alan D.: Für Zeiten der Trauer. wie ich Kindern helfen kann: 100 praktische Anregungen. Stuttgart 2002

 

Auszug aus: Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention. Für Sekundarstufen und die Arbeit mit Jugendlichen. Tübingen 2010. i.E.

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