Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Richard Friedli

Prof. (em.) Dr. Richard Friedli, Chaire de Science des Religions, Faculté des Lettres, Universität Fribourg.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, für welches die Prognose von der „Zeit der Religionen“ (André Malraux) und vom „Kampf der Kulturen“ (Samuel P. Huntington) gewagt worden ist, ist die Befähigung zur gewaltverminderten, aber luziden Kommunikation eine notwendige Kompetenz. Ich verstehe die friedenspädagogische Plattform von Tübingen als ein Laboratorium zum Einüben eines solch risikoreichen Lebensstils.

Dazu scheint mir – gerade in den gesellschaftlich-politischen Prozessen, in denen es um „Wahrheit und Versöhnung“ geht –, dass heute die Entwicklung von Ritualen der Vermittlung, des Vergebens und der Versöhnung eine entscheidende Herausforderung ist. Die kognitiv-argumentative Vergangenheitsbewältigung und prophetische Zukunftsproklamation sind zwar wichtige Vorgaben – und die Arbeit an ethischen, globalisierbaren Leitplanken im Alltags- und Konfliktverhalten ist unumgänglich. Sie ist aber – gerade in den 30 vergangenen Jahren auch in der Tübinger Friedenspädagogik – schon weitgehend lokal und global erbracht worden. Aber brauchbare Rituale zur individuellen und kollektiven Versöhnung mit sich selber, mit Mitmenschen und zwischen Ethnien und religiösen Traditionen scheinen mir aber weitgehend zu fehlen. Die „Trust-Studies“ möchten ergründen, wie gerade nach Krisen, Konflikten und Kriegen das Vertrauen gegen das Misstrauen progressiv aufgebaut werden kann.

Die gesellschaftlichen Mechanismen, die wirtschaftlichen Vorgaben und die politischen Rahmenbedingungen von Konfliktanalysen und von Friedensprojekten sind sicherlich bisher äußerst kompetent erarbeitet worden. Es scheint mir aber, dass es nötig wird, mit Mediatorinnen und Mediatoren noch intensiver nach Methoden des inneren Persönlichkeitstrainings, des emotionalen Copings und der Stressverarbeitung zu suchen. Zu einer solchen Arbeit am persönlichen Ur-Vertrauen und gegen das eigene Ur-Misstrauen – sowohl im mentalen und praktischen Alltag als auch in Katastrophensituationen – scheint mir für die nächsten 30 Jahre das Tübinger Institut für Friedenspädagogik noch manche Projekte gestalten zu müssen.

Aus meinen vorausgehend formulierten Gedanken wird es wohl ersichtlich, dass ich davon überzeugt bin, dass die bisherigen friedenspädagogischen Arbeiten sich zwar sehr intensiv und kompetent mit der Sorge um die individuelle Ich-Stärkung beschäftigt haben, aber die komplexen Arbeitsfelder um die kollektiven Identitäten noch wenig angegangen worden sind. Vermutlich sollten künftig die demographischen Rahmenbedingungen von Konflikt- und Friedensarbeit noch intensiver berücksichtigt werden.

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Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V. (Hrsg): Promote Peace Education! Viele Stimmen für den Frieden. Tübingen 2006, S.28f.

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