Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Reinhard J. Voß

Dr. Reinhard J. Voß ist Generalsekretär der deutschen Sektion der internationalen katholischen Friedensbewegung „Pax Christi“ und Mitglied der Ökumenischen Gemeinschaft Wethen.

Kurz vor dem Ende des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft 2006 wurde der französische Star Zinedine Zidane zum Ende wegen eines „Kopfstoßes“ vor die Brust eines italienischen Gegenspielers, welcher ihn beleidigt und in seiner Ehre gekränkt hatte, vom Platz gestellt. Viele Millionen Menschen verfolgten diesen Vorfall an den Bildschirmen. Die französische Öffentlichkeit diskutierte es mit dem Tenor, Zidane sei Opfer und nicht Täter. Er selbst entschuldigte sich nicht für seine Reaktion, wohl aber dafür, dass durch die weltweite Übertragung damit leider ein schlechtes Beispiel für Kinder und Jugendliche gegeben worden sei. Fazit 2006: Beleidigte Ehre rechtfertigt Gewalt. Ich habe den Eindruck, dass hier viele Bemühungen um Friedenserziehung zurück geworfen wurden. Kurz zuvor hatte im Frühjahr 2006 in Paris der zweite „Salon de Paix“ mit so vielen eindrucksvollen Beispielen von Gewaltfreiheit stattgefunden – eine wahre Friedens-Messe, die von Tausenden besucht wurde. Aber diese klammheimlich-öffentliche Verwandlung eines Täters zum Opfer und die damit verbundene Rechtfertigung von „Verteidigungsgewalt“ werden in der großen Öffentlichkeit tiefere Spuren hinterlassen als manche friedenspädagogischen Bemühungen!

Diese Beispiel zeigt die Sisyphusarbeit der Friedenserziehung wie in einem Brennglas auf. Wie viele Seminare und Trainings zur Gewaltfreiheit, zum Streitschlichten, zur Kommunikations-fähigkeit, Gesprächsbereitschaft und zum aktiven Zuhören werden konterkariert durch Gewaltvideos, Gewalt in den Fernsehund Kinofilmen und durch Beispiele angeblich gerechtfertigter Gewalt, wie eingangs beschrieben?!

Und doch: das Bewusstsein der positiven und produktiven Kraft von Friedenserziehung und Friedensarbeit wächst ganz im Sinne von Friedrich Hölderlin: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch! Wer „Gefahr“ und „das Rettende“ bei Google eingibt, erhält 44.000 Treffer!

Ich möchte zwei Mut machende Beispiele empfehlen: Das Projekt „Peace counts“ entstand vor fünf Jahren während des Afghanistankrieges, als der Journalist Michael Gleich angesichts der Wandlung vieler KollegInnen zu Kriegsberichterstattern begann, nach „Friedensmachern“ zu suchen. Das Projekt ist heute eine Stiftung, die geprüfte Beispiele von Friedenserziehung, Friedens- und Versöhnungsarbeit in Krisengebieten und Nachkriegssituationen sammelt und veröffentlicht. So sollen immer mehr Menschen hören und lernen, „wie Menschen Konflikte ohne Gewalt lernen“. (www.peacecounts.org)

Ein zweites Beispiel ist eine recht unbekannte Website des evangelischen Pastors Martin Arnold (Essen), der Beispiele sammelt, wo die Kraft der Gewaltfreiheit praktisch im Alltag Wirkung zeigte: www.guetekraft.de

Solche Initiativen, denen das Institut für Friedenspädagogik – selbst ein solches Beispiel! – sicher hunderte hinzufügen kann, machen Mut. Wir sollten nur zwei Einsichten wach halten: Frieden kann nicht „gemacht“ werden, sondern muss wachsen, braucht Geduld, Charakterstärke und kreative Fantasie. Und: Friedenserziehung ist kein Kinder- und Jugendthema allein, sondern fordert gerade auch die Erwachsenen, ja: unsere ganze westliche Kultur heraus, die Erhard Eppler einmal eine „nekrophile“ nannte. In dieser Tiefendimension leistet Friedenserziehung nämlich Lebens-Angebote!

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Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V. (Hrsg): Promote Peace Education! Viele Stimmen für den Frieden. Tübingen 2006, S.91-93.

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