Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Hanne-Margret Birckenbach

Prof. Dr. Hanne-Margret Birckenbach lehrt am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig Universität in Gießen; von 1999 bis 2005 war sie Mitglied im Stiftungsrat der Berghof Stiftung für Konfliktforschung.

Noch werden im Iran, Sudan, in Saudi Arabien, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Afghanistan, Belize, Brunei, Malaysia und Singapur legal Straftäter geprügelt. Zu diesem Zweck haben Gefängnisse eigene Prügelzimmer, die mit einem etwa zwei Meter hohen Holzgestell, einem Prügelbock, ausgerüstet sind. Singapurs „Nationaler Rat für Verbrechensverhinderung“ hat ein Video produziert, das zeigt wie die Prügelstrafe ausgeübt wird („Prison me? No way!”: www.ncpc.gov.sg). Es wird an Schulen eingesetzt und soll

– wie die Prügelstrafe selbst

– junge Menschen davon abhalten, Straftaten zu begehen. Die Frankfurter Rundschau veröffentlichte im September diesen Jahres ein Foto, das in Malaysia aufgenommen wurde. Es führt Schülerinnen und Schülern zur Abschreckung vor, wie solch ein Prügelbock funktioniert. Einige Jungen und Mädchen grinsen, die meisten schauen gebannt hin, einige blinzeln durch die vorgehaltene Hand, einige schauen weg, einige halten sich die Ohren zu, ein Mädchen kneift die Lippen zusammen, ein anderes formt mit den Händen schützende Scheuklappen, ein Junge faltet die Hände. Gewalt schreckt nicht nur, sie fasziniert auch, anders könnte man sie nicht ertragen. So schreibt sich Gewalt methodisch den jungen Menschen ein.

Spielen wir einmal durch, wie sich die Mienen verändern würden, träte – wie in einem Märchen – die Königin von England dazwischen und bäte den prügelnden Beamten darum, die Vorstellung nur für eine kurze Ansprache zu unterbrechen. Sie sagte es so höflich und bestimmt, dass man ihr zuhören würde. „Die Prügelstrafe“, so würde sie dann fortfahren, „ ist bei Euch heute akzeptiert. Auch Prügel in der Schule werden als fair und selbstverständlich betrachtet. Sie sollen dem Schutz der Gemeinschaft dienen. Das mag richtig sein, ich zweifle, aber weiß es nicht, ihr kennt es nicht anders. Ihr glaubt auch, die Prügelstrafe sei Teil eurer Kultur. Das ist falsch. Nicht ihr habt die Prügelstrafe erdacht. Wir Engländer haben sie hier 1826 eingeführt. Eure Prügelstrafe ist europäischen Ursprungs. Wir haben den Prügelbock erfunden und wie viele andere Folterinstrumente in die Welt getragen. Bei der Entkolonialisierung haben wir die mitgebrachte Gewalt nicht zurückgenommen, sondern hier vergessen. Wir wollten sie nicht zurück. Erst 1948 haben wir in England endlich die Prügelstrafe abgeschafft, lange nach den Franzosen und sogar erst 100 Jahre später als die Deutschen. Bei uns stehen solche Instrumente wie der Prügelbock heute im Museum, nicht weil sie schön anzusehen sind, sondern weil wir angefangen haben, über die Gewalt, die von uns ausgegangen ist, nachzudenken. Wir sind heute gekommen, um uns zu entschuldigen. Ich danke, dass ich diese Entschuldigung hier vortragen durfte.“

Nun ist die Welt kein Märchen und die Queen wird nicht kommen, nicht einmal Prinz Charles. Wer könnte die Botschaft überbringen?

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Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V. (Hrsg): Promote Peace Education! Viele Stimmen für den Frieden. Tübingen 2006, S.14f.

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