Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Günther Gugel / Uli Jäger: Promote Peace Education: Friedenspädagogik in Tübingen

Günther Gugel und Uli Jäger, Geschäftsführer des Instituts für
Friedenspädagogik Tübingen e. V.

Friedenserziehung, so definiert es der „Duden“ in seiner online-Fassung, ist die „auf eine friedliche Lösung von Konflikten ausgerichtete Erziehung“. Tatsächlich lassen sich Fähigkeiten und Kompetenzen für eine konstruktive Auseinandersetzung mit zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und internationalen Konflikten fördern und erlernen. Friedenserziehung kann die Wahrnehmung für die Gefahren eskalierender Konflikte schärfen und die eigene Anteile der Betroffenen sichtbar machen.

Ebenso lässt sich die Sensibilität für Gewalt im Alltag erhöhen, können tradierte Legitimationsmuster für Krieg kritisch hinterfragt und die Suche nach Handlungsmöglichkeiten für die Überwindung von Gewalt und der sie fördernden Strukturen eröffnet und angeleitet werden. Die Themen und Ansätze für Friedenserziehung sind vielfältig und sie sind abhängig von den jeweiligen Lernorten und -bedingungen. Gleichwohl geht es der Friedenserziehung immer um die Förderung friedensorientierter und gewaltfreier Lernprozesse – sei es im Gespräch mit Eltern über den Umgang ihrer Kinder mit Gewaltspielzeug oder in der Diskussion zwischen Schülern und Lehrern über die Möglichkeiten der Verhinderung von Gewalt im Schulbereich, sei es beim Streit um die Legitimation von militärischen Interventionen oder sei es auch bei gezielt herbeigeführten Begegnungen von Angehörigen verfeindeter Konfliktparteien in einem der ungezählten Konfliktherde dieser Erde. Doch Friedenserziehung ist mehr. Denn über die Summe einzelner Maßnahmen hinaus ist die wissenschaftlich ausgerichtete Friedenspädagogik auch ein umfassendes, internationales Projekt mit dem anspruchsvollen Ziel, einen substantiellen Beitrag zur Etablierung einer Kultur des Friedens zu leisten – in den jeweiligen Gesellschaften und weltweit.

30 Jahre Friedenspädagogik in Tübingen
Seit 30 Jahren ist das Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V. (ehemals Verein für Friedenspädagogik Tübingen e. V.) eine treibende Kraft bei der Konzeption, Entwicklung und Umsetzung friedenspädagogischer Lernarrangements. Die Vermittlung von Friedenskompetenzen, die Förderung von Konfliktfähigkeit und die Befähigung zu friedenspolitischem Handeln und zu Zivilcourage stehen im Zentrum der Arbeit. Nach mehreren Umzügen innerhalb Tübingens bildet heute das Georg-Zundel-Haus die räumliche Basis für die vielfältigen Projektarbeiten. Der Name geht auf den Gründer der Berghof Stiftung für Konfliktforschung zurück, die das Haus in der Corrensstraße im Jahr 2001 käuflich erworben hat. Damit verfügt das Institut in Tübingen über eine Geschäftsstelle mit mehreren Büros, einen großzügigen Seminarraum, eine öffentliche Leihbibiothek mit weit über 10.000 Publikationen sowie eine Mediothek. Das Team in der Geschäftsstelle arbeitet seit vielen Jahren eng mit Fachleuten unterschiedlicher Sparten zusammen: Lehrerinnen und Lehrer erproben die entwickelten didaktischen Materialien, Grafik und Layout sind eng verzahnt mit den inhaltlichen Aspekten und durch die Kooperation mit Print-, Hörfunk- und Fernsehjournalisten ergeben sich immer neue Sichtweisen und Vermittlungsmöglichkeiten. Die Nähe zur Universität Tübingen und insbesondere zur Abteilung Internationale Beziehungen / Friedens- und Konfliktforschung unterstützt die wissenschaftliche Fundierung der Projektarbeiten des Instituts. Gefördert wird die Tätigkeit des Instituts neben der Berghof Stiftung für Konfliktforschung und den über zweihundert Mitgliedern vor allem von staatlichen

Einrichtungen auf Bundes- und Länderebene, von Nichtregierungsorganisationen und Kooperationspartnern sowie der Stadt Tübingen.

Im Zentrum: Friedenspädagogische Projekte
Die Durchführung friedenspädagogischer Projekte gehört seit der Gründung des Vereins für Friedenspädagogik zu den in der Satzung verankerten Zielen. Über Projektarbeiten wurden im Laufe der Jahrzehnte viele Problem- und Themenstellungen erarbeitet und für eine breite Öffentlichkeit erschlossen. Dabei geht es um Ansätze zur Überwindung von Gewalt, um Modelle gegen Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, um den richtigen Umgang mit gewaltsamer Vergangenheit oder um Projekte, mit denen gerechtes und faires Zusammenleben der Menschen in Deutschland und weltweit gefördert werden kann. Das Ende des Kalten Krieges hat auch im Bereich der Friedenspädagogik zu einer veränderten Positionierung geführt. Sicherheitspolitische Themen und Rüstungskritik (obwohl nach wie vor wichtig) sind mehr in den Hintergrund gerückt, Problembereiche wie Ausländerfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Zivilcourage wurden stärker aufgegriffen. In den zurückliegenden zehn Jahren haben im schulischen und außerschulischen Bereich Ansätze der Gewaltprävention, der konstruktiven Konfliktbearbeitung und der Mediation eine besonders starke Resonanz erfahren. In internationalen Netzwerken finden friedenspädagogische Ansätze und Erfahrungen aus Tübingen verstärkt Aufmerksamkeit und die Bedeutung der Friedenspädagogik für die Entwicklungszusammenarbeit in der Krisen- und Kriegsregionen dieser Erde wird auch von staatlichen Stellen zunehmend wahrgenommen. Im Mittelpunkt der Projektarbeiten steht seit Jahren die systematische Entwicklung von Bildungsmedien. Dazu gehören Printmedien, Fachbücher, Broschüren, didaktische Materialien, CD-ROMs und Videos sowie Internet-Angebote. Alle Medien werden in einem eigenen Verlag veröffentlicht und erreichen Auflagenhöhen von weit über zehntausend Exemplaren.

Eine Auswahl der im Jubiläumsjahr 2006 durchgeführten Projekte lässt die Vielschichtigkeit der Arbeit des Instituts für Friedenspädagogik erkennen:

• Im Kontext der Ausstellung „Peace Counts: Die Erfolge der Friedensmacher“ entwickelt das Institut friedenspädagogische Lernzirkel für Besuchergruppen, vor allem für Schülerinnen und Schüler. Die Umsetzung in Baden-Württemberg wird von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert, die Präsentation der Ausstellung und die Durchführung friedenspädagogischer Workshops in Krisenregionen wird durch das Programm „Zivik“ des Instituts für Auslandsbeziehungen gefördert. Die „Tour de Paix“ beginnt im Februar 2007 in Sri Lanka.

• Die Erstellung und Betreuung eines Internetangebotes für den Grundschulbereich zum Thema „Gewalt und Gewaltprävention“ wurde von der Einrichtung Pro Child angeregt und gefördert und soll im Frühjahr 2007 verfügbar sein.

• Der Weltfriedensdienst führt im Rahmen eines neuen Projektes „PeaceXchange“ mit Partnern in Polen, der Tschechischen Republik und Österreich Begegnungen für Jugendliche durch. Das Handbuch für diese interkulturelle Jugendarbeit wird vom Institut für Friedenspädagogik erstellt.

• Gemeinsam mit den Partnern wie streetfootballworld, Kick Forward und der Aktion „Brot für die Welt“ beteiligt sich das Institut für Friedenspädagogik an der Weiterentwicklung des Ansatzes „Straßenfußball für Toleranz“. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

• Mit dem Projekt „Friedensforschung Multimedial“ wird versucht, zentrale Ergebnisse und Forschungsbereiche der Friedens- und Konfliktforschung anhand biographischer Schilderungen bedeutender Friedensforscherinnen und Friedensforschern didaktisch für Lehre und Weiterbildung aufzubereiten. Gefördert wird dieses Projekt von der Berghof Stiftung für Konfliktforschung.

• Die konzeptionelle Entwicklung und didaktische Umsetzung von Ansätzen des Globalen Lernens findet seit Jahren in enger Kooperation zwischen der Aktion „Brot für die Welt“ und dem Institut für Friedenspädagogik statt. Diese bewährte Zusammenarbeit, die sich zum Beispiel in der Zeitschrift „Global Lernen“ ausdrückt, wird auch in den kommenden Jahren fortgesetzt. Zu diesen und vergleichbaren Projektarbeiten kommen die Serviceleistungen des Instituts: Beratung für Multiplikatoren und Multiplikatorinnen, Angebote von Fort- und Weiterbildung im Rahmen von Seminaren und Kursen, Lehraufträge, Vorträge im In- und Ausland, Teilnahme an internationalen Kongressen oder Mitarbeit in Beiräten und Beratungsgremien. Nennenswert sind schließlich die umfangreichen Serviceleistungen, die über das Internet abrufbar sind (www.friedenspaedagogik.de).

Jede Woche greifen ungefähr 35.000 Nutzer auf diese Angebote zurück. Rechtzeitig zum 60. Jahrestages des Kriegsendes wurde im Mai 2005 mit der Einrichtung eines Internetangebotes speziell für Kinder zum Thema „Krieg und Frieden“ ein neues Pilotprojekt gestartet (www.frieden-fragen.de). Die englischsprachige
Seite www.peace-education.net informiert über den Stand der internationalen Diskussion über Friedenspädagogik im Kontext von Entwicklungszusammenarbeit sowie in Krisen und Kriegsgebieten.

Promote Peace Education!
Trotz aller Erfolge und Fortschritte ist es bislang nicht in einem befriedigenden Maße gelungen, friedenspädagogisches Denken und Handeln systematisch in der Aus- und Weiterbildung relevanter Zielgruppen zu verankern. Noch immer gibt es an keiner deutschen Universität einen Lehrstuhl für Friedenspädagogik und die strukturelle Förderung der Friedenspädagogik lässt trotz der Errichtung der Deutschen Stiftung Friedensforschung weiterhin zu wünschen übrig. So steht der vielfältigen Praxis ein Defizit theoretischer Grundlagenforschung und ein Mangel tragfähiger Strukturen gegenüber. Vor diesem Hintergrund soll die mit dieser Publikation angestoßene Aktion „Promote Peace Education. Viele Stimmen für den Frieden!“ einen Beitrag zur weiteren Etablierung der Friedenspädagogik in Deutschland leisten.

30 Jahre Institut für Friedenspädagogik

1976 Gründung des Vereins für Friedenspädagogik Tübingen e. V.

1977 Erste Projektförderung durch die Berghof Stiftung für Konfliktforschung.

1978 Einrichtung einer Geschäftsstelle in der „Seelhausgasse“.

1982 Umzug der Geschäftsstelle in das Gebäude „Bachgasse 22“.

1983 Verleihung der Theodor-Heuss-Medaille für bürgerschaftliches Engagement.

1984 Entzug der Gemeinnützigkeit; Wiedererlangung nach Urteil des Bundesfinanzhofes im Jahr 1989.

1991 Erstmalige Projekt-Förderung aus Mitteln des Bundeshaushaltes (Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft).

1995 Einrichtung der „Schulprojektstelle Globales Lernen“ in Kooperation mit der Aktion „Brot für die Welt“.

1999 Verleihung eines Ehrenpreises für Friedenserziehung durch die UNESCO.

2001 Übernahme des Sekretariats des Hans-Götzelmann-Preises für Streitkultur der Berghof Stiftung für Konfliktforschung.

2002 Namensänderung in „Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V.“ und Umzug der Geschäftsstelle in die Corrensstr. 12, 72076 Tübingen.

2005 Auszeichnung als Modellprojekt der UN Dekade Bildung für Nachhaltige Entwicklung.

2006 30 Jahre Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V. (Hrsg): Promote Peace Education! Viele Stimmen für den Frieden. Tübingen 2006, S.100-106.

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