Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Günther Gugel/Uli Jäger: Überlegungen zu einer Synopse von Friedenspädagogik (2003)

Arbeitspapier für die internationale Fachtagung „Peace Education Around the World“
Stand: 12/2003

(Auszüge):

1. Friedenspädagogische Handlungsansätze und Fragestellungen unter synoptischen Aspekten

„Friedenspädagogik“ ist ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Konzeptionen theoretischer oder didaktischer Ausrichtung und meint daneben noch das praktische pädagogische Handeln, das auf den Grundwert Frieden bezogen ist.

Friedenspädagogische Praxisansätze sind sehr vielfältig und variantenreich. Sie reichen von der Durchführung eines einmaligen Themenabends bis zu Ausbildungsgängen in Peace Studies, von der Arbeit mit kriegstraumatisierten Kindern bis zu Internetangeboten zur Demokratieerziehung.

Die Vielfalt solcher Angebote macht den Reichtum friedenspädagogischer Praxis deutlich, zugleich besteht jedoch auch die Gefahr der Beliebigkeit und der Etikettierung der jeweils vorfindbaren Praxis als „friedenspädagogisch“.

Ein synoptischer Vergleich friedenspädagogischer Entwürfe und Ansätze zielt darauf ab, Gemeinsamkeiten und Unterschiede sichtbar zu machen. Dazu gehört auch das jeweilige Verständnis der Schlüsselkategorien, „Gewalt“, „Konflikt“ und „Frieden“, die jeweiligen Annahmen über Ursachen für „unfriedlichen“ Entwicklungen, sowie Ansatzpunkte für pädagogische Maßnahmen.

Bei diesen Beschreibungen, Definitionen und Bewertungen kann es in der Eigen- und Fremdwahrnehmung zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen.

Bereits die Auswahl dessen, was verglichen werden soll, wirft Probleme auf: geht es um Theorieansätze, Praxismodelle oder Unterrichtshilfen? Zu welchem thematischen Aspekt und für welche Zielgruppe? In welcher kulturellen (historischen) Situation? Von welchem Standpunkt aus, als Selbstinterpretation oder als Fremdinterpretation?

In der Regel sind Vergleiche nur aufgrund schriftlicher Materialien möglich. Handelt es sich bei diesen Materialien um einmalige Einzelpublikationen oder um Reihentitel, die sich nur im Gesamtkontext erschließen? Einige Beispiele:
– Bei Publikationen von Organisationen und Instituten ist nicht zu erwarten, dass in jeder Einzelpublikation der theoretische friedenspädagogische Hintergrund ausgewiesen wird, da dieser in Selbstdarstellungen oder speziellen Grundsatzarbeiten bereits dargestellt wurde und zugänglich ist.
– Längerfristige Strategien und Arbeitsvorhaben unterscheiden sich erheblich von einmaligen Veranstaltungen.
– Erfahrungsberichte von Praxismodellen vor Ort sind i.d.R. keine Feldstudien, sondern Arbeitsberichte für die Öffentlichkeit oder die Trägerorganisation. Sie vermitteln bereits eine Interpretation der Autoren über das Geschehen.

Selbst wenn synoptische Klassifizierungen vorgenommen wurden, bleibt die Frage, wie die Aussagen zu bewerten sind. Gibt es begründete Maßstäbe hierfür, und wer setzt sie?
Eine Synopse ist zunächst eine beschreibende, vergleichende Gegenüberstellung von ausgewählten Gesichtspunkten verschiedener Ansätze und Modelle. Sie ist keine Analyse von Materialien und Projekten, sondern allenfalls eine Vorarbeit für eine bewertende Auseinandersetzung.

Zwei Konsequenzen ergeben sich aus den bisherigen Ausführungen
1. Nicht eindimensionale, sondern multidimensionale Kategorien und Betrachtungsweisen müssen bei Synopsen verwendet werden.
Dies bedeutet, dass die vergleichenden Kategorien theoretische und praktische Dimensionen, zielgruppen- und themenspezifische Differenzierungen enthalten müssen.
2. Synopsen müssen als Instrument in einem Prozess der Qualitätsentwicklung begriffen werden.
Eine Synopse ist so verstanden kein Abbild eines Zustandes, sondern Teil eines gemeinsamen Reflexionsprozesses, der zugleich Aspekte von Evaluation und Weiterentwicklung umfasst. Die vorgenommenen Zuordnungen haben nur vorläufigen Charakter und bedürfen der weiteren Präzisierung und Überprüfung.
Diese diskursive Herangehensweise, in der Zuordnungen, Raster und Klassifizierungen gemeinsam diskutiert, revidiert, verändert werden, ist zugleich eine durchschaubare, nachvollziehbare und damit offene Umgangsweise mit Theorie und Praxis.
Synopsen sind als ein Hilfsmittel zu verstehen, eigene theoretische Überlegungen und praktische Ansätze besser einordnen zu können und um gleichzeitig Stärken und Schwächen wahrzunehmen.
Desweiteren ermöglichen solche Vergleiche vorhandende Häufungen, aber auch Defizite oder gar „blinde Flecken“ im friedenspädagogischen Angebot festzustellen.

Im Folgenden werden verschiedene, sich ergänzende Aspekte synoptischer Betrachtungsweisen vorgestellt, die zugleich ein umfassendes Raster für die Verortung friedenspädagogischer Ansätze bieten.

2. Frageraster für einen theoretischen Bezugsrahmen „Friedenspädagogik“

1. Wissenschaftlicher Bezug

1.1 Entsprechen die thematischen Grundaussagen dem Stand der wissenschaftlichen Diskussion?
- Auf welche Bezugswissenschaften und welche Ergebnisse von Bezugswissenschaften wird zurückgegriffen?
- Warum werden gerade diese Ergebnisse für relevant gehalten?
1.2 Werden andere Aussagen und Kontroversen zur Kenntnis genommen? Wie werden diese bewertet, wie wird mit diesen umgegangen?
1.3 Wie wird das Verhältnis von Friedenspädagogik zur Friedens- und Konfliktforschung gesehen?

2. Verständnis von Frieden und Friedenspädagogik

2.1 Frieden
2.1.1 Was wird unter Frieden verstanden?
- Wird die Definition aus der Forschung übernommen?
- Wird eine eigene Definition entwickelt?
2.1.2. Was bedroht den Frieden?
- Wo werden die Ursachen des Unfriedens gesehen?
- Welche Verantwortlichkeiten und Zusammenhänge werden beschrieben?
2.1.3. Wie kann Frieden erreicht werden?
- Welche Rolle spielt hierbei Pädagogik?

2.2. Friedenspädagogik
Was wird unter Friedenspädagogik verstanden?
2.1 Wo wird der Kernpunkt von Friedenspädagogik gesehen?
2.2 Welche spezifischen Aufgaben hat Friedenspädagogik?

3. Verständnis von Gewalt / Gewaltprävention
3.1 Was wird unter Gewalt verstanden?
3.2 Worin werden die Ursachen von Gewalt gesehen?
3.3 Welche Bereiche von Gewalt / Folgen von Gewalt werden aufgegriffen?

4. Verständnis von Konflikt
4.1 Was wird unter Konflikt verstanden?
4.2 Worin werden die Ursachen von Konflikten gesehen?
4.3 Wo ist der Ansatz innerhalb des „Konfliktbogens“ zu verorten?
4.3 Welches Instrumentarium zur Bearbeitung von Konflikten wird angeboten?

5. Ebene und Bezugsrahmen
5.1 Auf welche Ebene beziehen sich die Aussagen, Ansätze und Handlungsmodelle?
- Intrapsychisch / Individuell
- Familie
- Kleingruppenebene
- Organisationen
- Gesellschaft
- International
5.2 Werden die Ursachen des Unfriedens eher im individuellen Bereich, im gesellschaftlichen Bereich oder im internationalen Bereich gesehen?
5.3 Werden Zusammenhänge / Abhängigkeiten dieser Bereiche benannt?

6. Zielgruppenspezifische Differenzierungen
6.1 Handelt es sich um allgemeingültige Aussagen für alle Situationen und Zielgruppen?
6.2 Welche Differenzierungen werden vorgenommen?
- In Bezug auf verschiedene Zielgruppen
- In Bezug auf verschiedene Länder und Kulturen
- In Bezug auf Gebiete und Länder mit hohen Spannungen und Krisen

7. Begründungen, Notwendigkeiten
7.1 Welche Begründungen / Notwendigkeiten für die Auswahl des spezifischen thematischen Aspektes“ / Projektes werden gegeben?
7.2 Wie wird der Zusammenhang von Einzelprojekten zu einem Gesamtverständnis von Friedenspädagogik gesehen?

8. Menschenbild und Grundwerte
8.1 Welches Menschenbild liegt den Ansätzen und Modellen zugrunde?
8.2 Welches Verständnis von Lehren und Lernen wird formuliert, kommt zum Ausdruck?
8.3 Auf welche Grundwerte wird explizit / implizit zurückgegriffen?

9. Zielformulierungen
9.1 Welche werden formuliert?
9.2 Welche konkreten Schritte dienen zur Erreichung dieser Ziele?
9.3 Welche Methoden und Materialien werden hierfür verwendet?

© Günther Gugel / Uli Jäger, Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V., 2003


Das gesamte Arbeitspapier "Überlegungen zu einer Synopse" als PDF-Datei

ift_synopse_dt.pdf 54,08 kB

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