Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Günther Gugel/Uli Jäger: Essentials der Friedenspädagogik im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit (2004)

Günther Gugel, Uli Jäger, Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V. (ift)

Arbeitspapier von InWEnt und ift für die internationale Fachtagung „Peace Education Around the World“

Stand: 04/2004

Das vorliegende Papier versteht sich als ein Diskussionspapier, das zentrale Elemente von Friedenspädagogik im Kontext von Entwicklungszusammenarbeit benennt, Defizite aufzeigt und auf notwendige Schritte aufmerksam macht.

Es handelt sich dabei nicht um die Formulierung einer abgeschlossenen Position, sondern um ein „Prozesspapier“, das durch gemeinsame Diskussion weiterentwickelt wird.

Ein erster Diskussionszusammenhang fand im Rahmen der Internationalen Fachtagung „Promote Peace Education around the world“ im Februar 2004 in Feldafing statt. Die dort formulierten Anmerkungen und Ergänzungen wurden in der vorliegenden Fassung berücksichtigt. Für Anregungen, Kommentare und Formulierungshilfen bedanken wir uns bei Christine Merkel, Stefanie Schell-Faucon, Nicole Pape, Ingrid Jung und Werner Wintersteiner.

„Education is fundamental to peace-building. Education for peace, human rights and democracy is inseparable from a style of teaching that imparts to the young, and the not so young, attitudes of dialogue and non-violence – in other words, the values of tolerance, openness to others and sharing.”

Mit diesen Worten weist Koichiro Matsuura, der Generaldirektor der UNESCO, zu Recht auf die große Bedeutung der Erziehung für die Etablierung von zivilen, friedensfähigen Gesellschaften hin. Der Friedenspädagogik wird in diesem Prozess eine besondere Rolle zugeschrieben – für die Auseinandersetzung mit Gewaltpotentialen im innergesellschaftlichen Kontext genauso wie für die Eindämmung von Gewalt im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit.

Ebenso vielschichtig wie die Erwartungen ist die Verwendung des Begriffes: Unter „peace education” werden theoretische Überlegungen genauso wie didaktische Modelle oder Handlungsansätze verstanden, die sich auf den Grundwert Frieden beziehen. Überschneidungen mit Modellen des globalen und interkulturellen Lernens, der Menschenrechts- oder auch der Demokratieerziehung sind gegeben. Im internationalen Kontext greifen Konzeptionen wie „disarmament and non-proliferation education“, „global education” oder „tolerance learning” auf zentrale Ansätze und Methoden von „peace education” zurück, verstehen sich aber häufig als eigenständige Lern- und Bildungsprogramme.

Besonders im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit gilt es, das Verhältnis von Friedenspädagogik zu den Konzeptionen einer „Basic Education“ zu klären.

Grundbildung, verstanden als Qualitätsbildung, die Wertefragen, „democratic citizenship“ und „life skills“ verbindet ist notwendig aber nicht alleine hinreichend um sich schon (in jedem Fall) als friedensfördernd auszuwirken.

Viele friedenspädagogische Ansätze bauen auf Basic Education auf, daneben wurden erfolgreiche friedenspädagische Ansätze entwickelt, die mit großem Methodenreichtum in Situationen wirksam sind, in denen keine volle Alphabetisierung / Beschulung möglich ist.

Sowohl die UNESCO (1994) als auch die Internationale Bildungsministerkonferenz (2001) haben für die Weiterentwicklung dieses Bereichs wichtige Rahmenaktionspläne verabschiedet.

Dennoch besteht hier Bedarf an einer wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung, um Gemeinsamkeiten, Verknüpfungsmöglichkeiten und Differenzen noch klarer bestimmen zu können.

Worin besteht der unverwechselbare Charakter friedenspädagogischen Denken und Handelns?
Eine einheitliche Definition für Friedenspädagogik gibt es nicht. Trotz unterschiedlicher Herausforderungen und Probleme, trotz verschiedener individueller und gesellschaftlicher Voraussetzungen und politisch-struktureller Rahmenbedingungen gibt es jedoch unzweifelhaft zentrale Gemeinsamkeiten. Hierzu gehört die Erkenntnis, dass Friedenspädagogik eine unverzichtbare Rolle beim konstruktiven Umgang mit Konflikten spielt und die Befähigung zur gewaltfreien Konfliktaustragung fördert.

Dieses zentrale Anliegen realisiert sich in unterschiedlichesten Zusammenhängen und Situationen. Dabei steigt mit der Bedeutung und der Vielfalt friedenspädagogischer Handlungsansätze die Notwendigkeit für Transparenz und Offenlegung der jeweils zugrundeliegenden Prämissen und der konkreten Zielsetzungen.

Dazu gehört das Verständnis von Konflikt und Gewalt, von Krieg und Frieden. Dieses sind Schlüsselbegriffe für die Friedenspädagogik und die Definition dieser Phänomene prägt das jeweilige Verständnis von Friedenspädagogik. So macht es beispielsweise einen fundamentalen Unterschied, ob Konflikte ausschließlich als destruktive Kräfte wahrgenommen werden oder auch als Chance für Veränderungen.

So wichtig die Auseinandersetzung über unterschiedliche Konflikt- und Gewaltverständnisse auch ist, genauso notwendig erscheint in der Entwicklungszusammenarbeit (besonders in Post-Konflikt-Gebieten) die Verständigung über Gemeinsamkeiten, um nicht die Differenzen über Gebühr in den Vordergrund zu stellen, sondern sich als Teil einer Gemeinschaft (mit Rechten und Pflichten) erleben zu können. Dabei geht es nicht um eine vorschnelle „Beschwörung“ von Gemeinschaft, sondern um Integration im Sinne von „wir sind gleich, weil wir verschieden sind“.

1. Grundlagen der Friedenspädagogik

Friedenspädagogik gründet auf der Überzeugung, dass Konflikte nicht gewaltsam eskalieren müssen, dass Gewaltbereitschaft nicht angeboren und dass Krieg kein Naturereignis ist. Die sozialwissenschaftlichen Bezüge für diese Überzeugungen sind vielfach dokumentiert.

Friedenspädagogik als professionelles Handlungskonzept verbindet die Stärkung von Konfliktlösungskompetenz mit der Auseinandersetzung mit den Schattenseiten des Menschseins, mit der Lust am Bösen und mit der Faszination von Gewalt.

Gerade deshalb ist der Verzicht auf Gewalt eine grundlegende Bedingung für eine gelingende Friedenspädagogik und eine Voraussetzung des gelingenden menschlichen Miteinanders. Obwohl weitgehend Einigkeit darüber besteht, dass Gewalt kein Mittel der Konfliktlösung sein darf, werden im individuellen, gesellschaftlichen und internationalen Bereich sehr unterschiedliche Maßstäbe angelegt, was die Duldung, Billigung oder Anwendung von Gewalt betrifft. Friedenspädagogik aber wendet sich gegen die Androhung und Anwendung von Gewalt auf allen Ebenen und setzt sich für umfassende Möglichkeiten ziviler Konfliktbearbeitung ein. Dies zieht eine zweite Grundprämisse nach sich: Wenn Gewalt nicht sein muss, so kann und soll der konstruktive Umgang mit Konflikten und damit die Fähigkeit zum Abbau von bzw. zum Verzicht auf Gewalt durch Lernarrangements vermittelbar sein. Dies ist der Kern von Friedenspädagogik.

2. Frieden als Prozess: Friedenspädagogik als Beitrag zur Entwicklung einer Kultur des Friedens

Friedenspädagogik orientiert sich an einem prozesshaften positiven Friedensbegriff, der sich durch abnehmende Gewalt und zunehmende Gerechtigkeit auszeichnet. Friedenspädagogik zielt deshalb auf die Entwicklung einer umfassenden Friedenskultur als Basis für ein zukunftsorientiertes Miteinander. Eine Friedenskultur fördert Werte, Einstellungen, Traditionen, Verhaltensweisen und Lebensformen, die sich auf die Achtung der Menschenrechte und die Prinzipien der Gewaltlosigkeit und der Toleranz gründen. Dies muss nicht nur in Erklärungen, sondern durch praktisches persönliches, gesellschaftliches und politisches Handeln sichtbar werden. Die Reichweite derartiger universeller Werte, so der Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan, entscheidet sich nicht ausschließlich daran, ob sie überall eingehalten oder angewandt werden. Ein Ethikkodex ist immer der Ausdruck für eine ideale Zukunftsvorstellung, an der Handlungen Orientierung finden und bewertet werden können.

Eine Kultur des Friedens ist auch eine Kultur des Hinschauens und Eingreifens. Hierzu bedarf es vielfältiger sozialer Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Friedenspädagogik vermitteln will. Zivilcourage und nicht Anpassung muss honoriert und gefördert werden. Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus dürfen nicht hingenommen werden. Ohne soziale Gerechtigkeit, ohne Minderung von Not, Angst und Unfreiheit im lokalen, wie im globalen Bereich, kann kein Frieden erreicht werden. Friedenspädagogik befähigt, sich der eigenen (Lebens-)Situation bewusst zu werden und bietet Handlungsmöglichkeiten an, sich damit auseinander zu setzten und (gemeinsam mit anderen) Möglichkeiten positiven Veränderungen zu finden. Hierzu gehört auch die „Erziehung zur globalen Weltsicht“ und zur „Einen Welt”. Sie ist wichtig um nationalen Egoismen entgegenzutreten. In Ergänzung mit Ansätzen des „globalen Lernens” ermöglicht Friedenspädagogik ganzheitliche Sichtweisen, Weltoffenheit und Zusammenarbeit als Gegengewicht zu ungezügelten Globalisierungsstrategien und deren destruktiven nationalen Auswirkungen.

Hierbei kann es in der Praxis durchaus zu Zielkonflikten zwischen (obrigkeitsstaatlichen) Vorstellungen vom angepassten und „loyalen“ Bürger und pädagogischen Bemühungen kommen, die auf eine Befähigung zum gesellschafts- und autoritätskritischen politischen Handeln abzielen. Friedenspädagogik kann dazu beitragen, die aus diesem Spannungsfeld entstehenden Konflikte konstruktiv auszutragen.

3. Friedenskompetenz, Friedensfähigkeit, Friedenshandeln: Friedenspädagogik als umfassende Lernkonzeption

Friedenspädagogik versteht sich als ganzheitliches, als umfassendes Lernkonzept, ohne dass dadurch einzelne Maßnahmen geschmälert oder deren Sinnhaftigkeit in Frage gestellt werden. Zu diesem Lernkonzept gehören drei grundlegende Elemente:

Friedenskompetenz ist wichtig, um Zusammenhänge begreifen, Entwicklungen einordnen und selbständige Analysen und Strategien zur Auseinandersetzung mit Konflikten, Gewalt und Krieg entwickeln zu können. Friedenskompetenz ist in erster Linie Sachkompetenz: Dazu gehören unter anderem das Wissen über die Eskalationsmechanismen von Konflikten und über die Ursachen von Krieg und Gewalt sowie Kenntnisse über die individuellen Voraussetzungen von Friedensfähigkeit und deren gesellschaftliche und internationale Rahmenbedingungen. Zur Friedenskompetenz gehört aber auch die Einsicht in die eigenen Möglichkeiten, Fähigkeiten und Grenzen.

Friedensfähigkeit kann als soziale Kompetenz beschrieben werden, die Ich-Stärke, Empathie und die Fähigkeit zu Perspektivenwechsel sowie kommunikative und kooperative Fähigkeiten beinhaltet.
Mit Friedenshandeln wird die Motivation und Fähigkeit zu praktischem gesellschaftlichen und politischem Handeln im Sinne der Entwicklung von Demokratie, der Verwirklichung von Menschenrechten und der Überwindung von Gewalt verstanden. Friedenshandeln zielt auf die Beeinflussung politischer Entscheidungen und Entwicklungen auf kommunaler, staatlicher und internationaler Ebene und kann unterschiedliche Formen haben. Dabei muss jedoch stets Verantwortung übernommen und Konformitätsdruck ausgehalten werden.
Friedenskompetenz, Friedensfähigkeit und Friedenshandeln gehören zusammen, sind aufeinander angewiesen, bedingen sich gegenseitig.

4. Vernetzte Vielfalt: Zentrale Themen und Ansätze der Friedenspädagogik

Friedenspädagogische Praxisansätze sind sehr vielfältig und variantenreich (siehe „Synopse zur Friedenspädagogik“). Zu den Kernthemen und -ansätzen zählen die folgenden Bereiche:

4.1 Auseinandersetzung mit Gewalt und Ansätze zur Überwindung von Gewalt: Hierzu gehört die Sensibilisierung für alle Formen der Gewalt (direkte, strukturelle und kulturelle Gewalt) und die systematische Suche nach Alternativen zur Gewaltanwendung. Unterschiedliche Modelle der Gewaltprävention eröffnen Perspektiven und gewaltfreie Handlungsalternativen.

4.2 Auseinandersetzung mit Militär, Rüstung und Krieg: Hier geht es um die kritische Beschäftigung mit den unterschiedlichen Legitimationen für Rüstung und Militär, um deren gesellschaftliche und politische Funktionen sowie um die Folgen militärischer Gewaltanwendung. Das Spektrum der Ansätze reicht hier vom Umgang mit (nationalen) Mythen zur Rechtfertigung von Militär bis hin zur Traumapädagogik als Form der Auseinandersetzung mit Gewalt- und (Bürger-)Kriegsfolgen.

4.3 Ermöglichung und Befähigung zur konstruktiven Konfliktbearbeitung und gewaltfreiem Handeln: Die Vermittlung von Konfliktfähigkeit gehört zu den wichtigsten, aber auch zu den schwierigsten friedenspädagogischen Ansätzen. Ein breites Angebot von Ausbildungskonzeptionen (von der Peer-Mediation bis zu Trainings in Konfliktmanagement) wendet sich an unterschiedliche Zielgruppen.

4.4 Überwindung von Vorurteilen und Feindbildern, Entwicklung von Toleranz und interkultureller Kompetenz: Der Umgang mit Feindbildern (lange Jahre bezogen auf den Ost-West-Konflikt) und Vorurteilen gehört zu den zentralen Themenkomplexen der Friedenspädagogik, erfährt aber in den unterschiedlichsten historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten jeweils eine spezifische Ausprägung. Im Mittelpunkt stehen Vorurteile und Feindbilder in ethnopolitischen Konfliktsituationen. Die damit verbundene Frage ist, wie Unterschiedlichkeiten ausgedrückt und benannt werden können, ohne dass damit Abwertungen und Diskriminierungen verbunden sind.

4.5 Befähigung zur demokratischen Teilhabe bzw. Vermittlung von Demokratiefähigkeit: Hier geht es schließlich um die Einübung von Formen politischer Partizipation, die auch eine Auseinandersetzung mit Formen zivilen Ungehorsams einschließt.

4.6 Berücksichtigung des Gender-Aspektes: Bei der (gesellschaftlichen und kulturellen) Konstruktion von Geschlechtsrollen spielt die Einübung und Akzeptanz von Gewalt eine wichtige Rolle. Mädchen und Jungen, Frauen und Männer nehmen in Familie und Gesellschaft aber speziell auch bei Gewalthandlungen sowie im Rahmen von Konfliktbearbeitung unterschiedliche Rollen ein. Deshalb sind geschlechtsspezifische friedenspädagogische Ansätze wichtig.
Die Aufhebung und Überwindung jeglicher Form der Benachteiligung und Diskriminierung von Mädchen und Frauen in weltweiter, aber auch in gesellschaftlicher Perspektive stellt ein zentrales Handlungsfeld dar.

4.7 Auseinandersetzung mit Medien. Zu den Kernthemen von Friedenspädgogik gehört auch die Auseinandersetzung mit den Medien. Diese bestimmen zunehmend gesellschaftliches und politisches Verhalten. Die Dominanz der Gewalt in Medien suggeriert Gewalt als alltägliches akzeptables Verhaltensmuster. Dem muss entschieden entgegengetreten werden. Die Auseinandersetzung mit Neuen Medien darf jedoch nicht nur unter dem Aspekt der Gefahren und Gefährdungen gesehen werden, sondern muss durch das Anbieten von vielfältigen konstruktiven Alternativen des Umgangs auch die Chancen deutlich machen.

Neue Medien sind wichtige Instrumente für die friedenspädagogische Bildungsarbeit, die verstärkt genutzt werden sollten. Sie können gerade in Gebieten, in denen grundlegende Bildungsstrukturen fehlen, dazu beitragen Grundlagen der Demokratie- und Menschenrechtserziehung und der Friedenserziehung zu vermitteln.

Die einzelnen Themenkomplexe und -ansätze werden häufig isoliert in der pädagogischen Praxis angegangen; unter friedenspädagogischen Aspekten jedoch ist ein vernetztes Vorgehen, eine Berücksichtigung aller Aspekte sinnvoll und erstrebenswert.

5. Lernorte der Friedenspädagogik im schulischen und außerschulischen Bereich

Neben der Vorschulerziehung, der ausserschulischen Bildungsarbeit und der Erwachsenenbildung bietet zunächst die Schule einen formalen Rahmen für friedenspädagogische Ansätze. Die (oft beschränkte) Möglichkeit an Bildungsprozessen teilnehmen zu können und eine Grund-und Allgemeinbildung zu erhalten ist dabei Voraussetzung für die friedenspädagogische Praxis im formalen Bereich.

Friedenspädagogische Ansätze und Programme dürfen jedoch nicht auf den formalen Bereich staatlicher Bildungseinrichtungen beschränkt werden. In vielen Ländern des Südens besuchen oft weniger als die Hälfte der Kinder formale Bildungseinrichtungen, auch sie müssen im Blickfeld von Friedenspädagogik sein. Dies macht die Notwendigkeit differenzierter Ansätze und Vorgehensweisen deutlich.

Auch Friedenspädagogik orientiert sich dabei an der Vorstellung des „Lebens-langen-lernens“ und bietet für alle Altersgruppen entsprechende Modelle an. Für beide Bereiche gilt jedoch gleichermaßen, dass nicht Belehrung, sondern das Ermöglichen von selbstorganisierten und selbstgesteuerten Lernprozessen im Zentrum von Friedenspädagogik steht. Mit ihrem Methoden-Reichtum, ihrer Handlungsorientierung und interdisziplinären Herangehensweise stellt moderne Friedenspädagogik ein Modell neuen Lernens für die Bildung der Zukunft dar.
Lernsituationen müssen dabei als soziale Lernorte entwickelt werden, in denen Kinder, Jugendliche und Erwachsene Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten haben und Entwicklungsmöglichkeiten und Erfolgserlebnisse möglich sind.

6. Kulturelle und regionale Differenzierungen: Kontextbezug der Friedenspädagogik

Die Umsetzung der genannten Themen und Ansätze bedarf dringend der kulturellen und regionalen Differenzierungen: Friedenspädagogik ist auch als situativer Lernprozess zu verstehen. Vieles ist abhängig von den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort. In Ländern und Regionen mit starken Spannungen, Konflikten, Krisen oder Kriegen muss Friedenspädagogik anders konzipiert sein als in Ländern und Regionen, in denen zum Beispiel Menschenrechte weitgehend gewährleistet und demokratische Prinzipien weitgehend verwirklicht sind. Dies ist eine große Herausforderung für die Versuche, friedenspädagogische Bildungs- und Lernprozesse im Rahmen von Entwicklungszusammenarbeit zu initiieren. Entwicklungszusammenarbeit findet oft in Krisen- und Konfliktregionen statt und hat mit den individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen und Folgen kollektiver Gewaltanwendung zu kämpfen. Friedenspädagogische Handlungsansätze, die auf Bewältigung und Versöhnung sowie auf die bildungsmäßigen Voraussetzungen von Demokratieentwicklung setzen sind hier unabdingbar. Friedenspädagogik hat es in diesem Zusammenhang vor allem mit kollektiven Prozessen, Einstellungen und deren Veränderungen zu tun. Sie vertraut dabei auf Rechtsstaatlichkeit und fördert diese durch partizipative Strategien.

7. Auf schmalem Grat: Friedenspädagogik zwischen Theorie und Praxis

Friedenspädagogik weist häufig einen hohen Praxisbezug auf, der (leider) teilweise mit mangelnder theoretischer Fundierung korrespondiert. Dabei ist Friedenspädagogik mehr als die lineare Umsetzung von Ergebnissen einzelner Bezugswissenschaften in die pädagogische Praxis. Friedenspädagogik bedarf einer eigenen theoretischen Begründung und Reflexion. Daneben gibt es Ergebnisse der Friedens- und Konfliktforschung sowie anderer sozialwissenschaftlicher Disziplinen, die Eingang in die Praxis von Friedenspädagogik finden sollen und müssen. Um ein Beispiel zu nennen: Neuere sozialwissenschaftliche Forschungen zeigen u.a., dass menschenverachtende Einstellungen am stärksten durch Empathie, also die Fähigkeit der emotionalen Anteilnahme für andere, reduziert werden kann. Doch auch ein höherer Schulabschluss kann als Wegbereiter für soziales Prestige unter spezifischen Bedingungen zur Verringerung ausgeprägter Menschenfeindlichkeit beitragen. Deshalb ist die Entwicklung sozialer Kompetenz und kognitiver Fähigkeiten als friedenspädagogische Aufgabe wichtig.

Gelten diese Forschungsergebnisse für moderne Industriestaaten, so ist keineswegs gesagt, dass sie auch für agrarisch strukturierte Länder oder sog. Entwicklungsländer ihre Gültigkeit haben. Auch hier zeigt sich, dass Friedenspädagogik differenzierte Analysen und differenzierte Modelle und Ansatzpunkte entwickeln muss.
Friedenspädagogik wird nicht nur vom „guten Willen” getragen, sondern von fachlicher Kompetenz und Professionalität. Diese kann durch qualifizierter Ausbildungsangebote und kontinuierliche Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten gewährleistet werden. Friedenspädagogik arbeitet oft ohne ausreichende Strukturen und finanzielle Absicherung. Friedenspädagogik muss als eigenständiger (Förder-)Bereich in allen Staaten verankert und gefördert werden. Es ist notwendig, dass seiner Bedeutung für das Zusammenleben entsprechend Mittel bereitgestellt werden.

8. Friedenspädagogik in der Entwicklungszusammenarbeit – Probleme und Herausforderungen

Es ist sehr zu begrüßen, dass Friedenspädagogik als ein spezifischer Ansatz der Entwicklungszusammenarbeit an Bedeutung gewinnt. Langjährige und zunehmend aktuelle Praxiserfahrungen mit friedenspädagogischen Ansätzen in der Projektförderung liegen vor. Die Internationale Fachtagung „Promote Peace Education around the world“ war ein erster Schritt, um eine systematischen Auswertung diese Erfahrungen zu fördern.

Noch gibt es keine überprüfbaren Kriterien, in welchen Projektbereichen und mit welchen Partnern friedenspädagogische Prozesse initiiert und entwickelt werden können und wo die Grenzen der Zusammenarbeit und Förderung sind. Muss in diesem Kontext die Kooperation mit NGOs und Basisinitiativen noch mehr gestärkt werden, da diese weniger auf Rücksichtnahmen angewiesen sind als staatliche Träger? Oder bieten Projekte mit staatlichen Partnern mehr Chancen auf Kontinuität und Verlässlichkeit, da sie in den formellen Bildungsbereich integriert werden können?

Die Überprüfung, Anwendung und Weiterentwicklung bereits vorliegender Standards für Minimalbedingungen erfolgreicher Friedensarbeit auf und für friedenspädagogische Lernprozesse kann und muss dazu beitragen übertragbare Instrumentarien zu entwickeln.

Friedenspädagogik im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit befindet sich auf dem Weg zu mehr Qualifizierung und Professionalisierung. Hierzu ist es notwendig differenzierte Konzepte, entsprechende Ausbildungsstandards und Evaluationsmaßnahmen zu entwickeln. Dabei gilt es zu beachten, dass auch die Implementierung von friedenspädagogischen Programmen im Rahmen von Entwicklungszusammenarbeit einen externen Eingriff darstellt, dessen Folgen genau überlegt und begründet werden müssen. Auch unter Berücksichtigung der Diskussion um die Berechtigung „humanitärer Interventionen“ ist als Ausgangspunkt festzuhalten, dass die Konflikte in den Partnerländern den Betroffenen „gehören“ und nur von ihnen gelöst werden können. Gefragt sind die Möglichkeiten einer überschaubaren Begleitung von außen.

Die Förderung und Entwicklung angemessener eigener Lösungsansätze braucht Zeit und kann auch mit einem gezielten Austausch regionaler Ressourcen gefördert werden.

So richtig und wichtig diese Sichtweise für interne Konflikte ist, so muss andererseits stets auch die (weiter zunehmende) internationale Verflochtenheit, Abhängigkeit und gegenseitige Beeinflussung in Rechnung gestellt werden. Hier ist globales Handeln gefragt.

9. Grenzen und Chancen: Reflexion von Theorie und Praxis der Friedenspädagogik

Um die Möglichkeiten und Ergebnisse von friedenspädagogischen Ansätzen realistisch einschätzen und bewerten zu können – und um damit auch die Theorie und Praxis weiter zu entwickeln – sind Erfahrungsberichte sowie umfassende Evaluationsmaßnahmen notwendig. Diese sind bislang jedoch nur unzureichend vorhanden.

Friedenspädagogik muss auch realisieren, wie gering oft ihre Einflußmöglichkeiten sind und, wie vielfältig und stark die Einflüsse sind, welche ihren Zielen entgegenstehen. Nicht nur das erzieherisch intendierte Verhalten prägt Menschen sondern vor allem ihre alltäglichen Erfahrungen, also die Art und Weise, wie das gesellschaftliche Zusammenleben organisiert ist und wie mit Problemen umgegangen wird. Auch kann Friedenspädagogik vorfindbare gesellschaftliche Grundprobleme wie unzureichend vorhandene bzw. ungerecht verteilte materielle Ressourcen, nicht lösen. Im Gegenteil: Friedenspädagogik bedarf günstiger politischer Rahmenbedingungen, die ihre Institutionalisierung fördern und eine systematische und kontinuierliche Arbeit gewährleisten. Nur dann hat Friedenspädagogik die Chance, ihre Wirksamkeit umfassend entfalten zu können. Sonst bleibt Friedenspädagogik oftmals nicht viel mehr übrig, als kontinuierlich auf bedrohliche Situationen und Entwicklungen hinzuweisen, damit sie nicht vergessen oder verdrängt werden, die Verantwortlichen zu benennen, Gegenvorschläge zu unterbreiten und im Kleinen an der großen Veränderung zu arbeiten.

© Günther Gugel / Uli Jäger, Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V. 2004

http://www.peace-education.net


Das Arbeitspapier "Essentials der Friedenspädagogik" als PDF-Datei

ift_essentials_dt.pdf 30,43 kB

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