Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Grundschüler verarbeiten existenzielle Bedrohungen

Heidemarie Glöckner

"Weißt du überhaupt, was am 14. Oktober passiert ist?" empfängt mich ein Grundschüler, als ich als Mobile Reserve seine Klasse zum Sportunterricht abholen komme. "Das stand aber in der Zeitung!" verleiht er seinem Bedürfnis nach Antwort Nachdruck. Ich gebe zu, nicht zu wissen, was er meint. "Da ist ein Motorradfahrer totgefahren worden. Das war mein Papa!" Ich spüre Hilflosigkeit in mir aufsteigen und suche nach Möglichkeiten, wie ich angemessen reagieren kann. Indes beginnt der Junge, mir etliche Einzelheiten des Unfallgeschehens zu erzählen. Ich höre nur zu. Als wir an der Turnhalle angekommen sind, verschwinden die Kinder in den Umkleideräumen. Ein normaler Unterricht beginnt.
Kinder sind in vielfältiger Weise mit existenziellen Erlebnissen und massiven Bedrohungen konfrontiert, die nicht in das Klischee einer heilen Kinderwelt passen. Es stellt sich die Frage, was diese Tatsache für die Grundschule bedeuten kann.

Kinder sind existenziellen Erlebnissen und Bedrohungen ausgeliefert
Es gehört zu einer gesunden Entwicklung, dass Kinder lernen, unangenehme Erfahrungen zu verarbeiten. Wenn Kinder aber ganz existenziellen Erlebnissen ausgesetzt sind, die sehr bedrohlich auf sie wirken, dann brauchen sie Hilfe, wenn die Bewältigung gelingen soll (Filipp, S.-H., 1990). Solche Erlebnisse können in der Konfrontation mit dem Tod bestehen. Aber auch Zukunftsszenarien bezüglich ökologischer Katastrophen und Berichte über Kriegsereignisse können für Kinder bedrohlich wirken, ebenso wie Gewalterfahrungen, die Teilnahme an Unfallsituationen oder das Beobachten von Verbrechen.
Einige Kinder, die in unseren Klassen sitzen, haben solche existenziellen Bedrohungen selbst erlebt. Für die meisten sind sie - glücklicherweise - nur über die Medien vermittelt, aber auch auf diese Weise bewirken sie die Entwicklung von Gefühlen der Angst und der Hilflosigkeit (Büttner, C., 1991, S. 34f).

Kinder suchen aktiv nach Hilfe
Wer etwas Schreckliches erlebt hat oder sich davor fürchtet, muss sich damit auseinander setzen, um es bewältigen zu können. Kinder können sich im Allgemeinen in unkomplizierterer Weise als Erwachsene auf neue Gegebenheiten einstellen, allerdings benötigen sie dazu ein soziales Umfeld, das in der Lage ist, ihnen in geeigneter Weise Unterstützung zu geben. Kinder machen sich häufig in gezielter Weise auf die Suche nach Möglichkeiten zur Verarbeitung ihrer Erlebnisse, treffen dabei aber oft auf unsichere Erwachsene, die nicht wissen, wie sie sich den Kindern gegenüber verhalten sollen.

Welche Risiken bestehen, wenn Bedrohungen nicht verarbeitet werden können?
Nicht verarbeitete emotionale Bedrängnis kann Kinder traumatisieren. Traumata können die Ursache für viele verschiedene Verhaltensauffälligkeiten und Krankheiten sein (Hilweg, W./Ullmann, E., 1998). So kann die Entwicklung von Depressionen bis hin zu suizidalen Gedanken und Verhaltensweisen eine Folge von Traumatisierung darstellen (Graham, P./Hughes, C., 1998, S. 33f). Aus nicht verarbeiteten Ängsten kann sich die Ausprägung von starken Aggressionen ergeben. Gewalttaten können das eigene Gefühl der Hilflosigkeit überdecken. Häufig geht mit dem Ausagieren von Aggressionen eine starke Verengung der Wahrnehmung einher, die die Entstehung von undifferenziertem Schwarzweißdenken und die Anfälligkeit für ideologische Einheitsweltbilder begünstigt (Heitmeyer, W., 1993). Massive Gefühle des Ausgeliefertseins können darüber hinaus auch in Suchtverhalten führen (Silbereisen, R. K., 1995, S. 1056f).

Kinder brauchen Copingstrategien
Wer existenzielle Erlebnisse verkraften muss, braucht geeignete Bewältigungsmechanismen (Graham, P./Hughes, C., 1998, S. 73) und Schutzfaktoren. Solche Copingstrategien basieren auf der Fähigkeit, trotz furchtbarer Erlebnisse positive Zukunftsperspektiven zu entwickeln und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufzubauen beziehungsweise zu bewahren. Die Erfahrung von Sinnhaftigkeit und Wertorientierung stellt eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung solcher Bewältigungsstrukturen dar.

Was kann die Grundschule tun?
Die Schule muss wohl in dreifacher Hinsicht wirksam werden. Sie muss erstens betroffenen Kindern Hilfe anbieten, zum Beispiel indem sie eine Atmosphäre der Geborgenheit schafft, in der die Kinder Vertrauen entwickeln können. Die Schule muss zweitens Kindern, die sich bedroht fühlen, helfen, geeignete Strategien zu entwickeln, um mit der Bedrohung umgehen zu können. Und die Schule muss drittens als Prävention die basalen Lebenskompetenzen aller Kinder fördern, denn auf diese Weise wird die Ausbildung von effektiven Copingstrategien begünstigt. Diese Bemühungen zur Stärkung der kindlichen Persönlichkeit sind umso erfolgversprechender, je früher sie einsetzen. Das bedeutet, dass der Grundschule eine ganz wesentliche <?thyn=5>Aufgabe zufällt. Eine diesbezügliche grundschulpädagogische Arbeit muss sich auf alle Lernbereiche erstrecken: auf den kognitiven Lernbereich, indem sie Wissen bereitstellt und Erklärungsmuster entwickelt, auf den emotionalen, indem sie für den Umgang mit Gefühlen sensibilisiert, auf den Wertebereich, indem sie die Moralentwicklung fördert und auf den sozialen Bereich, indem sie die Bildung von verlässlichen sozialen Beziehungen begünstigt.

Authentische Erwachsene
Ein Kind, das sich ängstigt, braucht Erwachsene, die ihm unvoreingenommen zuhören und seine Bewegtheit annehmen. Lehrer sollten deshalb nicht versuchen, Kinder von ihren Themen abzulenken, ihre Ängste zu verharmlosen oder ihnen ihre Gefühle auszureden. Sie sollten stattdessen die Kinder ernst nehmen und sich trauen, mit den Schülern über das, was sie bewegt, zu sprechen. Nur wenn Kinder glaubwürdigen Erwachsenen begegnen, die selbst berühr- und bewegbar sind und dazu stehen, auf existenzielle Fragen keine eindeutigen Antworten zu kennen, kann das kindliche Ringen um Verständnis als ein wichtiges Unternehmen innerhalb des persönlichen Reifungsprozesses bestehen und langfristig gelingen.

Didaktische Entscheidungen
Unterricht, der dazu beitragen soll, dass Kinder lernen, existenzielle Bedrohungen in altersgemäßer Weise zu verarbeiten, muss die Ängste der Kinder thematisieren. Das bedeutet, dass auch Umweltzerstörung und Krieg, Gewalt, Missbrauch und zerrüttete Beziehungen Unterrichtsthemen sein können. Die Bearbeitung entsprechender Thematiken muss aber daran orientiert sein, Kinder bei der Überwindung ihrer Gefühle der Hilflosigkeit zu unterstützen, anstatt sie zusätzlich zu ängstigen. Verantwortungsvoller Unterricht wird sich deshalb bezüglich der Intensität, mit der ein Thema bearbeitet wird, unter anderem am Fragehorizont der Kinder orientieren, denn Kinder fragen im Allgemeinen nur soviel, wie sie auch als Antwort verkraften können. Unterricht, der dazu beitragen soll, dass es Kindern gelingt, existenzielle Bedrohungen in altersgemäßer Weise zu verarbeiten, muss von Ruhe, Geduld und Akzeptanz gekennzeichnet sein, das kindliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken, positive Erfahrungen und angenehme Erlebnisse begünstigen, und dort, wo es notwendig ist, praktische Unterstützung geben und professionelle Hilfe vermitteln.

Sinnorientierung zwischen Katastrophen- und Bewahrungspädagogik
Pädagogisch verantwortungsvoller Unterricht orientiert sich nicht an extremen Positionen sondern bewegt sich zwischen den Polen einer mit Horrorszenarien arbeitenden und <?thyn=5>deshalb ängstigenden Katastrophenpädagogik und einer Bewahrungspädagogik, die den Kindern eine Auseinandersetzung mit allem, was nicht in eine heile Welt passt, ersparen will. Eine im Übermaß Gefahren und Risiken thematisierende Pädagogik begünstigt die Entstehung von Zukunftsangst bezüglich der unbegreiflichen Welt, von Misstrauen gegenüber den Mitmenschen und von Zweifel an den eigenen Möglichkeiten. Eine allzu behütende, die Kinder gegenüber existenziellen Fragestellungen abschirmende Pädagogik enthält ihnen dagegen wichtige Möglichkeiten zur Entwicklung von Bewältigungsstrategien vor. Pädagogisch verantwortungsvoller Unterricht vermittelt Hoffnung und Sinnorientierung im Umgang mit Fragen, die uns alle bewegen. Er stärkt auf diese Weise das kindliche Vertrauen in die Welt und in seine eigene Kompetenz, mit Bedrohung angemessen umgehen zu können

Literaturhinweise

Büttner, C: Kinder und Krieg, Mainz, 1991
Filipp, S.-H. (Hrsg.): Kritische Lebensereignisse, München, 1990
Graham, P./Hughes, C.: Traurige Kinder verstehen, Weinheim und Basel, 1998
Heitmeyer, W. u. a.: Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie, Weinheim, München, 1993
Hilweg, W./Ullmann, E. (Hrsg.): Kindheit und Trauma, Göttingen, 1998
Rusch, R. (Hrsg.): Gewalt. Kinder schreiben über Erlebnisse, Ängste, Auswege, München, 1994
Silbereisen, R. K.: Entwicklungspsychologische Aspekte von Alkohol- und Drogengebrauch. In: Oerter, R./Montada, L. (Hrsg.): Entwicklungspsychologie, Weinheim, 1995
Sommerfeld, V.: Krieg und Frieden im Kinderzimmer, Reinbek bei Hamburg, 1991

 

Dr. Heidemarie Glöckner,
Lehrerin, Hauptschule Stein
in: unterrichten / erziehen Nr. 2/2000 - März / April 2000, S. 73-74.
© Carl Link / Deutscher Kommunal-Verlag

Mit freundlicher Genehmigung des Carl Link / Deutscher Kommunal-Verlags,

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