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Friedhelm Schneider: Friedenserziehung in der Schule. (2002)

Gemeinsames Amtsblatt der Ministerien für Bildung und Kultur und für Wissenschaft und Weiterbildung von Rheinland Pfalz Nr. 12/1992

Rundschreiben des Ministeriums für Bildung und Kultur vom 18. Mai 1992 (941 A-Tgb.Nr. 1474/92)

Bezug: Rundschreiben des Kultusministeriums vom 1. Dezember 1983-941. A - Tgb.Nr. 2245 (Amtsblatt S. 511) zu Bundeswehr und Friedenssicherung im Unterricht

1. Vorbemerkungen

Die Aufrechterhaltung und Herstellung des politischen Friedens ist zu einer existentiellen Herausforderung der Völker dieser Welt geworden. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass angesichts des Zerstörungspotentials, das der Menschheit zur Verfügung steht, aus der Friedensfrage geradezu eine Überlebensfrage geworden ist. Wie groß die Gefährdung der Menschheit ist, zeigen insbesondere die immer wieder aufflackernden Kriege, aber auch andere Gewalterfahrungen, wie z. B. die stets von neuem zu beklagenden Übergriffe auf die Grundfreiheiten und Menschenrechte einzelner Personen, Gruppen oder Völker. Dass Menschen immer wieder zu Kriegen und anderen Gewalttaten bereit sind, hat sich während der gesamten Nachkriegszeit bis hin zu den Bürgerkriegen in den nachsozialistischen Staaten gezeigt. Die Verletzung von Grundfreiheiten und Menschenrechten einzelner Personen, Gruppen und Völker durch einzelne oder durch staatliche Organe sind leider tagtäglich Realität.

Was den gesellschaftlichen Frieden betrifft, war man in den letzten Jahren in der Bundesrepublik versucht, sich in Sicherheit zu wiegen. Vorbei schien die Zeit, in der zum Völkerkampf aufgerufen wurde, in der Erbfeindschaften tradiert und Feinbilder gepflegt wurden. Mit dem Anwachsen der Zahl von Asylsuchenden, auch von Aussiedlern, wurde aber deutlich, dass es sich dabei nur um einen vordergründigen Eindruck handelte.

Frieden kann nur dort dauerhaft aufrechterhalten werden, wo das Zusammenleben den Charakter einer Friedenskultur trägt; einer Kultur also, in der die Menschen frei darüber bestimmen können, welches Leben ihnen gemäß ist, und in der sie nicht aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, Rasse, Religionsgemeinschaft o. a. von Lebensmöglichkeiten ausgeschlossen werden.

Hierbei handelt es sich ohne Frage um eine große Vision, deren Umsetzung noch Generationen erfordern wird. Solange bleibt ein struktureller Keim des Unfriedens erhalten.

Trotz der Friedenssehnsucht, die die meisten Menschen in sich tragen, hat unser Zusammenleben keineswegs den Charakter einer reinen Friedenskultur. Vielmehr lassen sich überall Spuren einer Gewaltkultur entdecken. Dies gilt insbesondere für Bereiche des Alltagslebens, in denen vor allem in Kategorien von Sieg und Niederlage, von Macht und Ohnmacht gedacht und gehandelt wird, wie z. B, in der Wirtschaft, in der Politik, im Sport. Die davon geprägten Verhältnisse bergen aber die Gefahr in sich, dass der oberflächliche Frieden zerbricht und es zu Ausbrüchen des untergründigen Gewaltpotentials kommt. Gerade in jüngster Zeit hat sich das wieder deutlich gezeigt. Man denke hier nur an die Parolen und Aktionen, in denen sich der Hass gegen Ausländer entlädt. Auch angesichts dieser Vorkommnisse können wir die Augen nicht mehr davor verschließen, dass der gesellschaftliche Friede ein Gut ist, um das ständig gerungen werden muss.

Dabei stehen unsere Chancen nicht schlecht, Trotz der prinzipiellen Gefahr, dass alle Menschen kriegs- und gewaltbereit sein können, ist dies kein unausweichliches Schicksal. Ebenso grundsätzlich gilt, dass alle Menschen friedensfähig sind.

So gesehen ist Friedenserziehung nichts anderes als die Erziehung zur Befähigung Frieden herzustellen und zu erhalten. Menschen sollen befähigt werden, durch gesellschaftliches Handeln am Abbau von Gewalt mitzuwirken und auf diese Weise zu sozialer Gerechtigkeit und politischer Freiheit beizutragen.

Friedenserziehung ist deshalb nicht denkbar ohne eine Ausweitung des Freiheits- und Selbstbestimmungsraumes der Menschen. Mit anderen Worten: Friedenserziehung ist immer auch Erziehung zu mehr Demokratie.

2. Friedensfähigkeit und Leben in der Demokratie

Friedensfähigkeit ist keine Eigenschaft, die man besitzt oder nicht besitzt. Es ist eine besondere menschliche Qualität, die sich im Zusammenleben von Menschen ausbildet und je nachdem, wie sie einander behandeln, mehr oder minder lebendig werden kann. Am treffendsten lässt sich diese menschliche Qualität als Ergebnis einer konsequenten Demokratisierung des Zusammenlebens charakterisieren.

In unserer Gesellschaft gehen von verschiedenen Institutionen wichtige Wirkungen aus, die in der Lage sind, die Friedensfähigkeit der Menschen zu stärken oder zu schwächen. Ein Beispiel sind die Verhaltensvorbilder, die uns tagtäglich in den Medien dargeboten werden und die zum Teil von Gewalt gegen einzelne Personen oder gegenüber bestimmten Personengruppen geprägt sind.

Aber auch die Familie und die dort vorherrschenden Erziehungsvorstellungen spielen eine wichtige Rolle. Dabei vermag optimistisch zu stimmen, dass Eltern überwiegend Erziehungsziele vertreten, die mit dem Gedanken einer Friedenskultur harmonisieren. Danach möchten Eltern ihre Kinder nicht zu egoistischen Individualisten erziehen, die sich in einer Ellenbogengesellschaft zu behaupten verstehen, sondern zu selbstbewussten, persönlichkeitsstarken, aber gleichzeitig kooperativen Persönlichkeiten, die verantwortungsbewusst von ihren Rechten Gebrauch machen und ihre Pflichten erfüllen, sowie Verständnis für die Mitmenschen aufzubringen vermögen.

Nicht zuletzt wirkt auch die Schule dabei mit, dass die Menschen Einstellungen und Handlungsweisen erwerben und den eigentlichen Nährboden der Friedensfähigkeit bilden.

3. Friedenserziehung in der Schule

Schule ist heute mehr denn je aufgefordert, ihre Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen auf die zentralen gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart und der voraussehbaren Zukunft zu konzentrieren. Da die Friedensfrage in unserer Gesellschaft oberste Priorität hat, kann somit kein Zweifel bestehen, dass die Friedenserziehung einen zentralen Bestandteil des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule darstellt.

Dabei hat Friedenserziehung in der Schule schon allein deshalb gute Ausgangsbedingungen, weil das Schulleben mit seiner sozialen Dichte und Vielfalt eine Fülle von Ansatzpunkten und Möglichkeiten bietet, eine neue Qualität des Zusammenlebens einzuüben. Friedenserziehung findet also nicht ausschließlich im direkten Unterricht statt. Vielmehr ist davon auszugehen, dass indirekte und beiläufige Formen der Friedenserziehung eine genauso große oder gar noch größere Rolle spielen. Deshalb muss sich Friedenserziehung über den Unterrichtsalltag hinaus in den Schul- und Pausenhof-Alltag verlängern.

Friedenserziehung erfordert darüber hinaus aber auch, dass die Bedingungen des Friedens erkannt und der Zusammenhang seiner Gefährdung aufgedeckt wird. Mit anderen Worten: Es geht nicht ohne eine umfassende sachliche Information über zentrale Sachverhalte und Problembereiche.

Dabei geht es nicht zuletzt darum, Einstellungen ins Bewusstsein zu heben, die unsere Wahrnehmungen von Welt einengen, verfälschen oder uns zwingen, die Dinge immer nur aus einer Perspektive zu betrachten.

Friedenserziehung muss also an den zahlreichen Vorurteilen ansetzen, die unseren Blick auf die Möglichkeiten friedlichen Zusammenlebens verstellen. Friedenserziehung ist deshalb auch eine Erziehung gegen Spießbürgerei - im weitesten Sinne.

Deshalb darf sich Friedenserziehung auch nicht darauf beschränken, Schülerinnen und Schüler mit einem einzigen sicherheitspolitischen Konzept zur Stärkung der Friedensbereitschaft vertraut zu machen. Vielmehr ist es wichtig, dass Positionen und Gegenpositionen einander gegenübergestellt werden. Auf diese Weise können die Heranwachsenden lernen, sich angesichts kontroverser Argumente einen eigenen Standpunkt zu erarbeiten. Schließlich ist dies eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sie später als mündige, demokratische Bürgerinnen und Bürger an einer aktiven, kritischen Friedenspolitik mitwirken können.

Dazu gehört auch die Beschäftigung mit Fragen der Sicherheitspolitik. Schüler und Schülerinnen müssen in die Lage versetzt werden, sich auf der Grundlage möglichst umfassender Sachkenntnis und aktueller Informationen mit der Bundeswehr und ihrer zentralen Aufgabe der Friedenssicherung und Landesverteidigung zu befassen.

In der Schule soll deshalb altersgemäß dargestellt werden, was der Auftrag und das Selbstverständnis der Bundeswehr sind. Damit die Heranwachsenden den Standort der Bundeswehr im Gesamtfeld der Friedenssicherungsaktivitäten angemessen bestimmen können, ist es darüber hinaus erforderlich, sie über die Möglichkeiten der Kriegsdienstverweigerung zu informieren. Dies kann geschehen, indem sowohl die offiziell beauftragten Jugendoffiziere der Bundeswehr als auch Vertreter von Organisationen der Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistende als Sachverständige in den Unterricht eingeladen werden.

In jüngster Zeit haben sich die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen in einem Maße verändert, das eine Weiterentwicklung aller Konzeptionen erforderlich macht. Dies kann man u. a. daran ablesen, dass in der Bundeswehr und der NATO derzeit eine intensive sicherheitspolitische Diskussion durchgeführt wird.

Dabei geht es u.a. darum, welche Konsequenzen aus dem Wegfall der Ost-West-Konfrontation sowie dem Wandel der Demokratie in einer Reihe von Ländern im östlichen Teil Europas zu ziehen sind. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen wird neu bestimmt, welches die derzeit größten Risiken für die Sicherheitsvorsorge sind und wie Bundeswehr und NATO neu gestaltet werden sollen. Ähnliches trifft für die weltweiten friedenspolitischen Bemühungen der UNO-Truppen zu, die vor der schweren Aufgabe stehen, im Konfliktfall dafür Sorge zu tragen, dass umfassende politische Lösungen möglich werden. Aber auch die nicht-militärischen friedenspolitischen Strategien der verschiedenen Friedensinitiativen bedürfen ständiger Reflexion, wenn verhindert werden soll, dass Barrieren aufgebaut werden, die der ursprünglichen Idee entgegenstehen. Nicht zuletzt ist es wichtig, dass auch der Beitrag der Frauen zur Sicherung des gesellschaftlichen Friedens deutlicher gesehen wird. Bislang wird noch zu selten anerkannt, dass sie zentrale gesellschaftliche Aufgaben übernehmen, wie z. B. die Erziehung der Kinder und die Pflege älterer Menschen.

Indem diese konträren Positionen und Aktivitäten durchleuchtet und kritisch gegeneinander abgewogen werden, entsteht bei den Schülerinnen und Schülern eine Wissensbasis, die es ermöglicht, Vorurteile und Argumentationsstereotypen kritisch zu reflektieren und zu einem eigenen Standpunkt zu kommen.

Das Ziel, durch Friedenserziehung zu Friedensbereitschaft zu befähigen, gelingt um so besser, je direkter an den Interessen der Schülerinnen und Schüler angesetzt werden kann. Hier ist zum Beispiel an die Erfahrungen zu denken, die Kinder zwangsläufig im Zusammenhang mit Freundschaften machen. Selbst Junge Kinder wissen ja schon genau, wie leicht es zum Streit zwischen Freunden kommt und wie leicht Freundschaften daran zerbrechen können. Angesichts solcher Verknüpfungen können Kinder verstehen und erleben, dass auch sie aufgefordert und in der Lage sind, an der Verwirklichung einer Friedenskultur mitzuwirken. Dies setzt Unterrichtsmethoden voraus, die Schülerinnen und Schüler als Partner akzeptieren.

Aus: Evangelische Kirche der Pfalz (Hg.): Nein zum Krieg. Religionspädagogische Hefte. Ausgabe B, Nr. 1. Speyer am Rhein 2002, S. 5-9.

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