Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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"Der Krieg" - ein Thema

Oskar Seitz

Der Krieg - er ist nicht tot, der Krieg,
Der Krieg - er ist nicht tot, er schläft nur.
Er liegt da unterm Apfelbaum und wartet, wartet,
Auf dich, auf mich,
Er ist nicht tot, der Krieg.
...
Der Krieg - er ist nicht tot, der Krieg,
Der Krieg - er ist nicht tot, er schläft nur.
Er hat sich sehr gut versteckt und wartet, wartet,
In mir, in dir
Er ist nicht tot, der Krieg.

(Aus: Rio Reiser, Krieg. Auf: Am Piano I. BuschFunk Vertrieb, Berlin 1998; Originalversion auf: Durch die Wand. Sony Music 1991)

Ein bisschen harmlos klingt es schon: ein Krieg, der unter dem Apfelbaum wartet... In diesem scheinbar romantischen Bild liegt aber auch vielleicht das Erschütternde, in der widersprüchlichen Assoziation von der Grausamkeit des Schlachtfeldes und der Gemütlichkeit unter'm Apfelbaum (der allegorisch nur noch vom Lindenbaum zu überbieten wäre).
Das ist es ja gerade: Wie wir den Krieg auch zu fassen bekommen wollen, unsere Beschreibungen und Erklärungen greifen nicht. Symbole und Metaphern helfen vielleicht weiter.
Nur eines geht bestimmt an der Realität des Krieges vorbei: Er wartet nicht, er ist stets unterwegs. Ein Krieg ist zu Ende gegangen. Der andere wütet bereits. Der nächste steht bevor. Der Krieg ist heute im Leben eines jeden präsent. Kaum sind die Bilder vom Bildschirm und eventuell auch aus unserem Gedächtnis verschwunden: Kosovo, sind sie schon wieder da: Tschetschenien und viele andere Orte auf unserer Erde, an denen er tobt. Wir haben uns mit ihm zu beschäftigen, mit ihm und unseren Kindern - auch ihnen begegnet er.
Selbst jüngeren Kindern bleibt der Krieg nicht verborgen, kann ihnen nicht verheimlicht werden (Sollte er?). Sie stellen Fragen. Erwachsene, Lehrpersonen antworten. Nicht alle. Einige schämen sich. Der Krieg lässt niemanden kalt: Soldaten, Politiker, Eltern, Schüler und - Lehrer.
Warum gibt es ihn? Warum gibt es ihn ununterbrochen? Wie wird er von wem erklärt? Wie wird er präsentiert? Die Wissenschaft hat sich seiner angenommen; wie fatal wirken die pluralen Erklärungen angesichts der Ungeheuerlichkeit seiner Wirkung, wie betuliche Begleitmusik zur schrillen politischen Praxis.
Unsere Haltung als Pädagogen ist wieder einmal quichottesk: Dürfen wir wirklich annehmen, dass wir durch unsere Erziehung gegen Gewalt, für Frieden und Toleranz, Krieg verhindern helfen. Nein? Wer versucht uns das dann einzureden? Auch eine Begleitmusik? Pädagogen machen keinen Krieg, und sie verhindern ihn auch nicht. Man rückt freiwillig ein, immer für eine gerechte Sache, für den Frieden, nur für kurze Zeit. Wir hoffen auf die Chance, die wir uns als Pädagogen zumindest ausrechnen: Was wäre, wenn wir nicht erzögen? Gewissenlosigkeit. Auch dies ein Zeichen von Ausweglosigkeit.
Krieg ist ein fächerübergreifendes Ereignis, und es ist didaktisch nicht zu bewältigen. Ja, wir können den Zweiten Weltkrieg "durchnehmen", UNO und NATO erläutern, die Bundeswehr einladen, (schon wirkungsvoller) Bilder vom Krieg betrachten - nichts im Vergleich dazu, wenn Opfer, Betroffene, Zeitzeugen erzählen. Lehrerinnen und Lehrer, die Flüchtlingskinder in ihren Klassen zu betreuen haben, wissen (ohne falsche didaktische Hintergedanken) davon zu berichten.
Wenn wir nicht erklären können, sollten wir schweigen - und darüber sprechen. Nicht mehr - und nicht weniger. Zeichnungen/Bilder können ein Anlass dazu sein.
Kinder einer vierten Klasse an der Scharrer-Schule in Nürnberg haben ihre Bilder zum Krieg gezeichnet. 1 Interessant die Unterschiede: Darstellungen ganz ohne Menschen, niedliche und schreckliche Darstellungen, Darstellungen wie aus einem Computerspiel...
Was wir eigentlich tun können? Sensibilitäten schaffen, Ängste mildern, uns stumm den Kindern zeigen. Aber nicht die Realität ignorieren. Auch zu diesem Ausschnitt der Wirklichkeit sollen (mit zunehmendem Alter) Positionen möglich werden - Moral. Verstummen heißt nicht verschweigen.
Wir wollen uns dem Thema stellen. Nicht in einer eher gewohnten Art und Weise pädagogische Möglichkeiten und Grenzen erwägen (vgl. u/e 5/1992), eher ratlos. Das Unbeschreibliche beschreiben helfen.
Trotzdem fragen wir uns (alle):
Wie gehen wir mit den Fragen der Kinder um?
- Warum gibt es Krieg?
- Erziehung zum Krieg statt Friedenserziehung?
- Was heißt das, Bundeswehrsoldat(in) zu sein?
- NATO und Bundeswehr?
- Krieg heißt Leiden - Können wir helfen?
- Gegensätze: Ost - West? Nord - Süd?
- Ethik - Darf man Menschen töten?
- Toleranz, Wertschätzung, friedliche Konfliktlösung oder Intoleranz, Geringschätzung, Aggression?
- Pazifismus und Kriegsdienstverweigerung - Lösungen?
- Kriege früher, Kriege heute - ein Unterschied?
- Gibt es eine Ästhetik des Krieges?
- Krieg als Mittel für den Frieden?</UL>
Die Not der Pädagogik.
Der erfahrene u/e-Leser wird verwundert reagieren, er ist eine solide und seriöse Form eines Artikels gewohnt. Wir wollen keineswegs postmodern erscheinen, aber - welche literarische Form ist "dem Krieg" angemessen?

Anmerkungen
1. Danke, Helga Lesius!

 

Dr. Oskar Seitz
in: unterrichten / erziehen Nr. 2/2000 - März / April 2000, S. 61.
© Carl Link / Deutscher Kommunal-Verlag

Mit freundlicher Genehmigung des Carl Link / Deutscher Kommunal-Verlags,

Postfach 1552, 96305 Kronach

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