Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Antje Dörr: Friedenspädagogik - Ein langfristiges Projekt (2003)

Welchen Stellenwert hat die Friedenspädagogik im Schulalltag? Antje Dörr sprach mit Günther Gugel vom Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

b&w:
Herr Gugel, die Friedenspädagogik hat sich in denletzten Jahren eher auf die zwischenmenschlichen Beziehungen konzentriert. Stichworte sind hier Gewaltprävention, Streitschlichtung oder konstruktive Konfliktlösung. Auf der anderen Seite konsstatieren wir ein deutliches Nachlassen der Bemühungen im Bereich der Beschäftigung mit dem Phänomen von Krieg und Frieden auf nationaler bzw. internationaler Ebene.

Günther Gugel:
Wir haben Friedenspädagogik immer als ein langfristiges Projekt verstanden, das kontinuierlich, kompetent und zielstrebig sich gegen alle Forrmen von Gewalt wendet und alernativen aufzeigt.
Die Probleme, die mit “Gewalt an Schulen” plakativ umschrieben werden sind greifbar und schreien nach Lösungen. Viele Schulen suchen nach Wegen und Handlungsmöglichkeiten damit konstruktiv umzugehen. Gewaltpräventionsprogramme und Mediationsangebote in Form von Schüler-Streit-Schlichtungs-Programme sind solche Ansätze. Wir beobachten jedoch bei diesen Aktivitäten immer wieder, dass sie oft relativ isoliert ohne notwendige Vernetzung und langfristige Perspektiven durchgeführt werden, getragen von dem Wunsch und der Hoffnung auf “Rezepte” und schnelle Lösungen. Dennoch, solche Ansätze sind äußerst wichtig, sie bekunden den Willen und vermitteln die Einsicht, dass Probleme im Dialog zu lösen sind.
Bei “Krieg und Frieden” scheint es sich ja zunächst - wenn man den internationalen Bereich betrachtet - um Themen zu handeln, die weit weg sind. Die direkten Betroffenheiten und Einflussmöglichkeiten scheinen gering, das Thema wird häufig auch als ideologisiert und politisiert wahrgenommen, sodass man sich im schulischen Kontext leicht in Fallstricke verfangen kann, wenn man die eigene Meinung kundtut oder gar Stellung bezieht.
Dabei darf nicht übersehen werden, dass wir mit den Auswirkungen von Kriegen täglich auch bei uns - etwas durch Flüchtlinge - konfrontiert sind. Die Terroranschläge seit dem 11. September machen zudem permanent deutlich, dass es Inseln der Sicherheit nicht mehr gibt. D.h. wir kommen gar nicht umhin, uns auch in der Bildungsarbeit damit auseinander zu setzen, denn gerade Kinder und Jugendliche sind hier voller Fragen, Ängsten und Befürchtungen.
Unter friedenpädagogischen Gesichtspunkten gehören die Art und Weise, wie wir im Nahbereich, auf dem Schulhof Streit schlichten und wie wir im gesellschaftlichen und Internationalen Bereich mit Problemen und Konflikten umgehen unmittelbar zusammen.
Das Politische reicht immer auch in das Persönliche hinein.

b&w:
Hängt diese Zurückhaltung der Lehrer/innen gegenüber Fragen von Krieg und Frieden auf nationaler bzw. internationaler Ebene vielleicht auch damit zusammen, wie diese Themen in den letzten Jahren diskutiert wurden?

Günther Gugel:
Dass “Krieg und Frieden”, die ja beide die Grundfragen menschlichen Zusammenlebens zentral berühren, so wenig Aufmerksamkeit im Bildungsbereich gewidmet wird, ist schon erstaunlich. Wir vergessen leicht, dass sich deutsche Soldaten in vielen Regionen der Welt im Einsatz befinden und in Afghanistan nicht nur mit der UN-Schutztruppe präsent sind, sondern auch an Kampfeinsätzen teilnehmen. Auch in Europa finden permanent bewaffnete Auseinandersetzungen statt. Denken Sie nur an Tschetschenien, Ex-Jugoslawien oder an das Baskenland.
Aber vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass unser Bild häufig nicht mehr der Kriegswirklichkeit entspricht. Wenn wir über Krieg reden haben wir i.d.R. zwischenstaatliche Kriege vor Augen. Gerade dieser Kriegstyp hat jedoch an Bedeutung verloren.
Das Heidelberger Instituts für internationale Konfliktforschung verzeichnet für 2001 weltweit zwölf Kriege und 26 “ernste Krisen” mit bewaffneten Auseinandersetzungen.
Nur einer der weltweit zwölf Kriege wird zwischen Staaten ausgetragen, nämlich der von den USA angeführte „Internationale Kampf gegen den Terrorismus“.
Innerstaatliche Kriege - seien es Bürgerkriege oder sog. etno-nationalistische Kriege haben also die “klassischen” zwischenstaatlichen Kriege abgelöst. Die meisten gewaltsamen Konflikte - nämlich 14 - werden in Afrika geführt. Dabei hat sich in den letzten Jahren vor allem in den rohstoffreichen Ländern Afrikas eine neue Kriegsform herausgebildet, die durch Staatszerfall, Privatisierung der Gewalt, von Kriegsökonomie, und Krieg als Lebensform gekennzeichnet ist. Hier geht es nicht um politische Ziele, sondern um wirtschaftliche Macht, um wirtschaftliche Ausbeutung des Landes. Dies können wir im Sudan ebenso beobachten wie in Sierra Leone, dem Kongo oder in Angola.
Diese Innerstaatlichen Kriege werden von uns aus vielfältigen Gründen häufig kaum wahrgenommen, obwohl diese Kriege unvorstellbares Leid über die Bevölkerung bringen und ganze Länder total zerstören und an Opfern zwischenstaatlichen Kriegen in nichts nachstehen.
Ein zweites kommt hinzu, ein sozialpsychologischen Mechanismus: Wir können uns das Leid und Elend der Welt, und speziell das mit Kriegen verbundene, nur sporadisch und dosiert in seiner ganzen Dimension vor Augen halten. Um nicht von Emotionen, Trauer, Wut, Ohnmacht und Angst überwältigt zu werden und um “handlungsfähig” zu bleiben müssen wir Bilder, die Krieg in seiner ganzen Grausamkeit zeigen immer wieder beiseite schieben, verdrängen. Diese Verdrängung funktioniert am effektivsten, wenn wir das gesamte Phänomen Krieg gleich mit verdrängen.
Aufgabe der Friedenserziehung muss es jedoch sein die Auseinandersetzung mit Krieg und Terror zu ermöglichen, nach Hintergründen, Interessen und Motiven zu suchen und die gängigen Legitimationsformeln zu hinterfragen.
Die Auseinandersetzung mit Gewalt und Krieg ist die eine Seite der Friedenserziehung. Die andere, konstruktive Seite ist der Aufbau einer Kultur des Friedens, zu der für den Internationalen Bereich auch und gerade die Zivile Konfliktbearbeitung gehört.

b&w:
Spielt aber nicht gerade auch die Medienberichterstattung eine wichtige Rolle bei der Art und Weise, ob und wie wir Krisen und Kriege wahrnehmen?

Günther Gugel:
Medienberichterstattung ist eine entscheidende Komponente bei der öffentlichen Diskussion um Krieg und Frieden. Afrika wird z.B. in Bezug auf Medienberichterstattung als der “vergessene Kontinent” bezeichnet, weil es in den Medien praktisch nicht existent ist.
Kriegsberichterstattung hat es immer mit Zensur zu tun. Der viel zitierte Satz eines amerikanischen Senator bringt es auf dem Punkt: “Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit”.
Der Propaganda und der gezielten Desinformation der Kriegsparteien zu entgehen ist äußerst schwierig. Dies trifft auch und gerade auf Afghanistan zu. Hinzu kommt, dass die gezeigten Bilder von startenden Flugzeugen oder per Laser ins Ziel gelenkten Raketen, häufig eher an Computerspiele erinnern als an Kriegsgeschehen, weil sie entscheidendes Ausblenden: die Opfer. Stattdessen wird immer wieder mit einer für viele faszinierenden Waffenästhetik operiert.
Opferbilder werden dann gezeigt, wenn der Gegner eines Kriegsverbrechens beschuldigt wird.
Hinzu kommt, dass im digitalen Zeitalter der Computeranimation nicht mehr zu unterscheiden ist, ob die gezeigten Aufnahmen “real” oder eben im Computer erzeugt sind.
Friedensforscher haben deshalb Anhaltspunkte für einen Friedensjournalismus formuliert. Darin wird auch verdeutlicht, dass Fernsehen und die Presse eine zentrale Rolle bei Konfliktlösungsversuchen spielen und friedliche Lösungen fördern kann.

b&w:
Gerade von friedlichen Lösungsversuchen, von zivilen Alternativen hört man ja eher wenig. Gibt es sie überhaupt?

Günther Gugel:
Es gibt sie, sie sind ernst zu nehmen und sie werden ohne grosses öffentliches Aufsehen zu erregen an vielen Brennpunkten und Krisengebieten eingesetzt.
Es ist ja auch dringend notwendig aus den immer wieder stattfindenden Gewalteskalationen zu lernen, dass Machtauseinandersetzungen und Gewaltanwendung offensichtlich keine geeigneten Mittel sind Konflikte so auszutragen, dass keine neuen Ungerechtigkeiten entstehen und keine neue Gewalt produziert wird.
Alternativen sind vor allem im präventiven Bereich zu suchen. Es muss sich dabei die Erkenntnis durchsetzen, dass Vorsorge humaner, billiger und klüger ist, als Nachsorge, wie der Friedensforscher Volker Matthies in seinen Analysen immer wieder betont.
Die Modelle ziviler Konfliktbearbeitung basieren auf der Überzeugung, dass Konflikte ein integraler Bestandteil menschlichen Handeln sind und folglich einen wichtigen Indikator für Probleme und zugleich Motor für sozialen Wandel darstellen. Nicht Konflikte sind problematisch, sondern deren gewaltsame Austragung.
Deshalb ist es nicht das Ziel Konflikte abschaffen oder für immer lösen zu wollen, dies wird nur in den seltensten Fällen, wenn überhaupt, möglich sein, sondern die Konfliktkonstellationen so zu verändern, dass sich Konflikte bearbeiten lassen. Johan Galtung nennt dies “Konflikttransformation”. Ein Konflikt und seine Wahrnehmung wird durch vielfältige Maßnahmen so verändert, dass er nicht mehr automatisch zu einer Gewalteskalation führt, sondern in eine neue Konfliktformation mündet, die eine Konfliktbewältigung eher ermöglicht, als die alte Formation. - So der gedankliche Hintergrund, vor dem eine Vielzahl von Ansätzen und Methoden entwickelt wurden, die von speziell geschulten Teams in vielen Brennpunkten weltweit praktiziert werden.
Um einer Konflikteskalation vorzubeugen werden z.B Frühwarnsysteme etabliert. Fact-Finding und Monitoring sind Methoden, die auf eine genaue Situationserfassung vor Ort abzielen. Ansätze des Empowerments stärken unterlegene Konfliktparteien usw.
Stille Diplomatie, “Gute Dienste” , spezielle Verhandlungsformen aber auch Mediation oder Schiedsgerichtsbarkeit sind spezifische Methoden für die Phase einer drohenden oder tatsächlichen Eskalation bei der Verhandlung und Vermittlung gefragt sind. Bei der Konfliktnachsorge oder Friedenskonsolidierung stehen die Frage des Weiterlebens, des Wiederaufbaus und der Versöhnung im Vordergrund.
Sie sehen bereits an diesen wenigen Stichworten wie komplex und vielfältig das Instrumentarium und die Herangehensweise ziviler Konfliktbearbeitung ist.
Solches Handeln ist notwendiger Weise langfristig und prozessorientiert angelegt. Es muss dringend weiterentwickelt und ausgebaut werden.

b&w:
Welche Möglichkeiten hat Friedenspädagogik hier einzuwirken

Günther Gugel:
Es wäre vermessen die großen Probleme unserer Zeit, die globalen Herausforderungen mit Erziehung und Bildung lösen zu wollen. Wohl aber können und müssen diese ihren Beitrag zur Lösung leisten.
Es geht um Sensibilisierung für Unrecht und Gewalt und es geht um die Ermöglichung der Auseinandersetzung mit den Fragen der Bedingungen von Gewalt und den Bedingungen des Friedens. Es geht um die Erkenntnis, dass Gewalt und Gewaltandrohung oft als Mittel für mangelnde Kommunikation zur Anwendung kommt. Dabei ist nicht Indoktrination, Besserwisserei oder Rechthaberei angesagt sondern Dialog, Herausforderung und Kontroverse. Die Fähigkeit zur Empathie und zum Perspektivenwechsel sind dabei genauso wichtig wie Kenntnisse über Konfliktverläufe und konstruktive Handlungsmöglichkeiten in Konflikten. Und letztlich geht es natürlich auch um politisches Engagement und dieses ist bei deutschen Jugendlichen nicht besonders stark ausgesprägt.
Eine vergleichende internationale Untersuchung, die 2001 veröffentlicht wurde kommt zu dem Ergebnis, dass im internationalen Vergleich sich bei deutschen Jugendlichen durchschnittlich eine geringere politische Beteiligungs- und Mitbestimmungsbereitschaft sowie ein geringeres sozialpolitisches Engagement feststellen lasse als in vielen anderen Ländern.
Hier müsste man dringend der Frage nach den Gründen nachgehen.

b&w
Die Schulen können im Rahmen ihres aktuellen Unterrichts wesentliche politische Fragen aufgreifen. Bei Ereignissen wie dem 11. September geschieht und geschah dies ja auch. Was müsste geschehen, dass auch medial weniger hoch gehängte internationale Geschehnisse auch von den Lehrerinnen und Lehrern und den Schülerinnen und Schülern thematisiert werden?

Günther Gugel:
Wir leben ja in einer ungemein spannenden Zeit mit rasanten Veränderungen und Umwälzungen. Diese zu verfolgen, mitzuerleben und vielleicht sogar mit zu gestalten hat zunächst zur Voraussetzung, dass Interesse und Neugierde an der Um- und Mitwelt vorhanden ist und diese auch als durchschaubar und begreifbar erlebt wird. Die Auseinandersetzung mit dem aktuellen gesellschaftlichen und politischen Geschehen halte ich deshalb - in verschiedenen Altersstufen sicherlich mit unterschiedlicher Intensität und Vorgehensweise - für unabdingbar für Friedenserziehung. Dabei sollte man sich nicht so sehr an den täglichen Negativschlagzeilen: Krisen, Kriege und Katastrophen entlanghangeln, sondern eher an Schlüsselereignissen und deren Einordnung. Enorm wichtig sind dabei auch “best-praktice-Beispiele” die gelungene Aktionen zeigen.
Bewusst gestaltete Schulpartnerschaften mit Schulen aus Ländern des Südens, die Einbindung der Schule in internationale Schulnetzwerke aber auch Austauschschülerinnen und Schüler können hier ebenfalls wesentlich dazu beitragen den Blick zu öffnen und die Dimension der globalen Einbindung und Verantwortung zu thematisieren.

b&w
Es ist ja keinesfalls gut und hilfreich, wenn man immer nur das Negative betont. Deswegen auch eine Positiv-Frage zum Schluss: Ich gehe davon aus, dass Sie auch konkrete Projekte an Schulen begleiten. Was ist in diesem Kontext Ihre positivste Erfahrung in den letzten Monaten?

Günther Gugel
Besonders angesprochen hat mich das sogenannte “Brownlow-Projekt” an der Heinrich-Kraft-Gesamtschule in Frankfurt, das zeigt, wie man im Fachunterricht, in diesem Fall in Englisch, Schulmediation in Verbindung mit einer Partnerschule in Nordirland entwickeln kann. Die Kontakte liefen in diesem Projekt über E-Mail. Interkulturelles Lernen, neue Medien, und Umgang mit Konflikten wurden so zusammengebracht. Dieses Projekt wurde übrigens mit dem “Hans-Götzelmann-Preis für Streitkultur” ausgezeichnet, der von der Berghof Stiftung für Konfliktforschung gestiftet wurde und dessen Sekretariat beim Institut für Friedenspädagogik liegt.

In: bildung und wissenschaft. Zeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg 1/2003, S. 8-11

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