Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / Vor 1950 / Positionen des Friedenspädagogen Ludwig Wagner (1914)
„[...] Es ist sicher kein Zufall, daß es so leicht gelingt die Jugend und einen großen Teil des Volkes für den Völkerhaß und die Kriegsbegeisterung einzufangen. Die ganze Art des Schulbetriebs, die Kriegs- und Schlachtenschilderungen, der noch weit verbreitete kriegerische Geist der historischen Unterweisungen, die oft von eitlem nationalen Ehrgeiz gefärbten Belehrungen über andere Länder und Völker und vieles andere mehr müssen allmählich eine derartige nationalistische Denkweise und Gemütsverfassung in der Jugend und im Volke erzeugen, daß die kriegsfreudigen Agitatoren leichtes Spiel haben.
Wir handeln also nur pädagogisch, wenn wir endlich die kriegerische und militaristische Tendenz aus unserem Unterrichte ausschalten, auch deswegen schon, weil sie dem didaktischen Grundsätze der Kulturgemäßheit nicht mehr entspricht.
Sie widerspricht aber auch der inneren Wahrheit unseres Berufsgedankens, der Übereinstimmung unserer ethischen Werturteile in den verschiedenen Unterrichtsdisziplinen. Wenn wir unserer Jugend z.B. im Religionsunterricht das Evangelium auslegen, die Lehre von der Gotteskindschaft aller Menschen, von dem Selbstwert jeder Menschenseele, wenn wir ihr bei Betrachtung der Erzählung von dem Gespräch Jesu mit der Samariterin die menschlich schöne Tugend der Toleranz ins Herz pflanzen, wenn wir in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter die Verpflichtung für uns erkennen jedem Menschen, wes Volkes und wes Standes er auch sei, in der Not beizustehen, wenn wir im Leseunterricht die Herzen der Jugend entzünden für alles Große und Schöne, das uns in Dichtungen und Erzahlungen von edlen Menschen aller Nationen entgegentritt usw., usw., dann lassen wir in den Kinderherzen eine Ahnung aufgehen von der Solidarität, der Einheit des ganzen Menschengeschlechts.
In welchem Widerspruch des ethischen Empfindens versetzen wir aber das Kind, wenn wir in der etwa darauffolgenden Geschichtsstunde vom eigenen Volke nur Gutes und von dem anderen nur Schlechtes zu berichten haben, wenn wir frohlocken über den großen Sieg nach blutiger Schlacht und nicht der Leiden der Opfer gedenken, die der Krieg im Gefolge hatte. Viel wichtiger muß es uns heute erscheinen z.B. die kulturellen Folgen der Kreuzzüge, des Dreißigjährigen Krieges etc. zu schildern als deren kriegsmäßigen Verlauf im Einzelnen auszumalen und nur die Kriegshelden zu feiern.
Wie viel wertvoller ist es doch die Jugend zu begeistern an den Werken unserer großen Geisteshelden, sie zu erwärmen für die Kulturtaten unserer großen Pfadfinder, die mehr zum Ruhme und zur Wohlfahrt des deutschen Volkes beigetragen haben als alle Kriegshelden zusammen!
Man lasse in der Jugend die Erkenntnis aufgehen, daß man die großen Wohltäter der Menschheit noch feiern wird, wenn aller Kriegsruhm längst verhallt ist, und so wird der Jugend auch zum Bewußtsein kommen, daß es ein größerer Ruhm und daß es für das Vaterland wertvoller ist für seine Wohlfahrt und seine Größe zu l e b e n, an der Lösung und Verwirklichung seiner Kulturaufgaben nach Kräften mitzuarbeiten als für das Vaterland zu sterben; denn diese Mitarbeit verlangt ebensoviel und oft noch mehr Aufopferung, Entsagung und physischen und moralischen Mut als das Kriegshandwerk. [.]"
Quelle: Ludwig Wagner: Warum muß der Lehrer Stellung zur heutigen Friedensbewegung nehmen? Stuttgart 1914, S.17f