Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Maria Montessori: Der Frieden und die Erziehung (1932)

Es ist sehr seltsam, daß es noch keine Wissenschaft des Friedens gibt, die ebenso entwickelt ist wie die des Krieges, der Rüstungen und der Strategie. Immer noch birgt der Krieg, dieses Phänomen der gesamten Menschheit, ein gut Teil Geheimnisvolles in sich. Auf der einen Seite versuchen die Völker, den Krieg als den schlimmsten aller Schicksalsschläge von sich zu weisen, auf der anderen Seite aber sind es die Menschen selbst, die ihn herausfordern und freiwillig in den Krieg ziehen. Handelt es sich um große Erdbeben und andere Naturkatastrophen, denen gegenüber der Mensch ohnmächtig ist, so widmen sich viele mit Einsatz ihrer ganzen Kraft der Erforschung der versteckten Ursachen dieser Katastrophen. Der Krieg, der allein vom Menschen abhängt und ein ausschließlich menschliches Phänomen ist, müßte darum mehr als alles andere der Forschung zugänglich sein.

Es muß hier komplizierte und indirekte Faktoren geben, die einer Forderung wert und fähig sind, eine mächtige Wissenschaft aufzubauen, deren Endziel sein sollte, den Frieden der Menschheit zu erlangen.

Unsere Unkenntnis des Friedens ist eine überraschende Tatsache; denn der Mensch hat doch sonst einen großen Teil der Rätsel des Universums gelöst und geheimnisvolle Kräfte erforscht. Er ist aus Selbsterhaltungstrieb dazu gebracht worden und mehr noch aus dem Trieb zu erkennen und zu entdecken.

Es ist merkwürdig, daß gerade hinsichtlich seiner eigenen Kräfte eine große Leere geblieben ist. Dieser Herr der äußeren Welt ist noch nicht Herr seiner eigenen inneren Kräfte geworden, die in der großen Gemeinschaft der Menschen aufgestapelt und organisiert sind. Nach den Gründen dieser Leere gefragt, könnte der Mensch sie nicht angeben. Es gibt hier noch nicht einmal den Anfang dessen, was wir eine Wissenschaft nennen, und keinen Versuch, diese Frage zu erforschen und zu durchdringen.

Selbst der Begriff des Friedens fehlt unter den unendlich vielen Begriffen, die unser Bewußtsein bereichern.

Krieg und Frieden

Unter Frieden versteht man im allgemeinen das Aufhören des Krieges; aber dieser negative Begriff trifft nicht das Wesen des Friedens. Dieser Frieden - als Endziel des Krieges verstanden - stellt statt des wahren Friedens eher einen letzten und dauernden Triumph des Krieges dar. Der Krieg in der Antike hatte tatsächliche Landeroberungen und damit Unterdrückung von Völkern zur Triebfeder. Doch heute ist das Milieu des Menschen nicht mehr so sehr die eigene Scholle, sondern die soziale Organisation als solche, die sich auf ökonomischen Mechanismen aufbaut. Und doch bleiben Landeroberungen und Volksunterdrückung die Beweggründe, unter deren Suggestion die Massen begeistert in den Krieg ziehen.

Warum erheben sich die Massen angesichts des Gespenstes einer Invasion in das Vaterland - bereit in den Tod zu gehen? Warum eilen auch Frauen und Kinder zur Verteidigung? Aus Angst vor dem, was nach beendigtem Krieg Frieden genannt wird, aus Angst vor dem Triumph des Siegers.

Die Geschichte der Menschheit zeigt, daß das, was wir Frieden nennen, eine erzwungene Anpassung der Besiegten an die Unterdrückung durch den Sieger ist, der ihnen das nahm, was sie liebten. Eine Anpassung der Besiegten mit dem Verzicht auf die Früchte ihrer Arbeiten und ihrer Fortschritte. Das besiegte Volk wird gezwungen zu geben, als ob es allein eine Strafe dafür verdiente, daß es besiegt wurde. Dadurch, daß der Sieger dem besiegten Volk seine Gesetze auferlegt, bleibt es Opfer des Unglücks. Dieser Zustand kann niemals, trotz eines Ruhens der Waffen, als Frieden angesehen werden. Daß man es heute noch tut, zeigt das Unmoralische in der menschlichen Auffassung des Friedens.

Man erlaube mir einen Vergleich: Angenommen, der Krieg sei ein brennender Palast, der mit Kunstwerken und wertvollen Dingen angefüllt ist, so hat sich das Unglück bis zur letzten Konsequenz ausgewirkt, wenn er in glühende Asche verwandelt und gänzlich zerstört ist. Und die Asche und den Rauch, der das Atmen hindert, könnte man mit dem Frieden, wie er in der Welt verstanden wird, vergleichen.

Ist ein Mensch an einer Infektionskrankheit gestorben, so hat in ihm der Kampf der Blutkörperchen gegen das Werk der Mikroorganismen geendet, und wir wünschen ihm, in Frieden zu ruhen. Wie himmelweit ist der Unterschied zwischen solch einem Frieden des Grabes und dem, der sich Gesundheit nennt!

Der Irrtum, den fortgesetzten Triumph eines gewonnenen Krieges Frieden zu nennen, führt uns dazu, den Weg zur Rettung zu verlieren, einer Rettung nämlich, die uns allein den wahren Frieden bringen könnte. Da in der Geschichte aller Völker diese Triumphe der Ungerechtigkeit so überschätzt werden, und die dadurch entstehenden Mißverständnisse das Forschen nach dem Frieden verhindern, so entfernen wir uns unrettbar immer mehr von den in uns ruhenden Möglichkeiten, das Wesen des Friedens zu erkennen. Ich spreche nicht nur von der Vergangenheit, nein auch heute stellt das Leben der Völker, die sich nicht bekriegen, nur eine Anpassung der jeweils Besiegten an die Sieger dar. Sie unterdrücken sie und verfluchen sich gegenseitig wie die Dämonen und Verdammten der Hölle Dantes, Alle sind weit entfernt vom göttlichen Einfluß der Liebe, und alle stören die Harmonie des Universums. Und dies wiederholt sich ewig, denn alle Völker sind einmal Sieger und einmal Besiegte, und so rennt einer gegen den anderen in der unendlichen Folge von Jahrhunderten, und die Menschheit stürzt von Abgrund zu Abgrund. Man muß also zuerst den tiefen Unterschied, die gegensätzliche moralische Einstellung von Krieg und Frieden klären. Sonst werden wir wie Geblendete, wenn unsere geistige Vision den Frieden sucht, nichts als Waffen linden. Der wahre Friede wird wieder der Triumph der Gerechtigkeit und Liebe unter den Menschen sein, er wird eine Welt voll Harmonie schaffen. Der grundlegende Unterschied zwischen Krieg und Frieden kann nur der Ausgangspunkt der Forschung sein,

Es gibt nur sentimentale Zusammenkünfte, Kundgebungen, Forderungen, aber keine leitenden Grundsätze zur Erforschung der Ursachen dieser gewaltigen Frage. Es scheint im Gegenteil ein moralisches Chaos zu herrschen, indem man - in demselben Zeitalter - denjenigen feiert, der die Mikrobe einer Krankheit entdeckt und das Serum findet, das viele Menschen retten kann, und gleichzeitig denjenigen noch mehr feiert, der zerstörende Kräfte entdeckt und seine Geisteskräfte dazu verwendet, ganze Völker zu vernichten. Die Auffassungen vom Werte des Lebens und die moralischen Grundsätze sind in beiden Fällen so widersprechend, dass man geneigt ist, an ein Doppelwesen zu denken, das geheimnisvoll zusammengesetzt ist.

Offenbar gibt es ein unbeschriebenes Kapitel in der menschlichen Psychologie, gibt es ungezähnte Kräfte, die eine gewaltige Gefahr für die Menschheit bedeuten.

Alles Unbekannte des Problems gehört in das Gebiet der Forschung. Die Forschung trägt in sich den Gedanken, daß es unbekannte oder unverdächtige Kräfte gibt, die demzufolge weit entfernt sind von ihren letzten Auswirkungen.

Man sieht, daß gerade aus diesem Grunde die Ursache des Krieges nicht in den erkannten und erforschten Tatsachen der sozialen Ungerechtigkeit gegenüber dem Arbeiten im wirtschaftlichen Produktionsprozeß oder der aus einem beendigten Krieg sich ergebenden Folgen ruhen können. Dies sind schon offensichtliche soziale Auswirkungen, die der einfachsten Überlegung erfaßbar sind. Sie sind nur die letzten unmittelbaren Etappen von der Kriegsexplosion.

Die Pest

Zur Erläuterung dieser Behauptung möge die Geschichte eines dem Kriege gleichen Phänomens dienen, eines Phänomens, das eindrucksvoll das gleiche Bild auf physischem Gebiet darstellt. Ich will von der Pest sprechen, dieser Geißel, die fähig ist ein Volk zu dezimieren, ja zu vernichten, und die jahrhundertelang in ihren entsetzlichen Folgen unbesiegbar geblieben ist, - die Pest, die sich unter dem Schutz der Finsternis der Unwissenheit verbreitet, und die erst besiegt wurde, als sie wissenschaftlich bis in ihre letzten Ursachen erforscht war.

Die Pest trat in weiten Abständen und unvorhergesehen auf, wie der Krieg. Sie erschöpfte sich von selbst, ohne aktiven Einfluß der Menschheit, die ja ihre Ursachen nicht kannte. Sie erschien wie eine schreckliche Strafe und richtete Verwüstungen an, die geschichtlich geworden sind wie die Kriege, und die sogar mehr Menschenopfer forderten und größeres Unglück herbeiführten als die Kriege. Wie diese wurde sie oft nach bedeutenden geschichtlichen Persönlichkeiten benannt, so z. B. die Pest z. Z. Perikies, z, Z. Mark Aurels, z. Z. Konstantins, z. Z. Gregors des Großen. Es herrschte eine Pest im 14. Jahrhundert, die allein in China 10 Millionen Opfer forderte; und diese unheilvolle Welle ergoß sich über Rußland, Kleinasien, Ägypten und kam nach Europa und drohte, fast die ganze Menschheit zu zerstören.

Hecker hat die Gesamtzahl von Toten auf mehr als 25 Millionen geschätzt, ein Massensterben, das das Sterben jeden Krieges, selbst das des Weltkrieges, übertrifft.

Jede dieser großen Seuchen war begleitet von einer allgemeinen Einstellung der produktiven Arbeit, welche wiederum den Keim tiefsten Elends in sich trug. Der Geißel der Pest folgte die Geißel der Hungersnot und die Geißel der Sinnesverwirrung. Denn ein beträchtlicher Teil der Überlebenden litt an geistigen Störungen. Dies wiederum erschwerte die Rückkehr zu normalen Zuständen und hemmte auf lange Zeit hinaus die Aufbauarbeit für den Fortschritt der Kultur.

Es ist interessant, die Erklärungen, die man der Pest gab, und die Abwehrmaßnahmen gegen diese entsetzliche Geißel, gegen dieses Bild des Krieges auf physischem Gebiet zu betrachten. Von Homer und Titus Livius bis zu den lateinischen Chroniken des Mittelalters wiederholt sich die gleiche Erklärung, daß die Pest von schlechten Menschen herrühre, die Gift ausstreuen. Dion Cassius, der die Pest des Jahres 189 nach Chr. beschreibt, erzählt, daß im ganzen Land ruchlose Menschen angeworben wurden, die für Geld vergiftete Pfeile abschössen. Zu einer anderen Zeit unter Papst Clemens VI. fanden Judenverfolgungen statt, da man sie beschuldigte, die Krankheit verbreitet zu haben. Bei der Pest, die während der Belagerung von Neapel 400 000 Einwohner der Stadt hinraffte - fast die ganze Bevölkerung und 3/4 der Belagerungstruppen — glaubten sich die Neapolitaner von den Franzosen vergiftet und umgekehrt die Franzosen von den Neapolitanern.

Aber noch interessanter sind die Dokumente, die sich in der ambrosianischen Bibliothek von Mailand befinden, und die über die Einrichtung von Gerichten, die Anhängigmachung von Prozessen und die öffentliche Hinrichtung von zwei Badern berichten, die man beschuldigte, die berüchtigte Pest von Mailand verursacht zu haben. Das ist das einzige Beispiel eines regulär durchgeführten Prozesses, der es vermeiden sollte, dem Impuls des Volkes die öffentliche Rache für die furchtbaren Geschehnisse zu überlassen. Die Prozeßakten, die vorschriftsmäßig im Staatsarchiv aufbewahrt wurden, wurden später von vielen Schriftstellern in verschiedenem Sinne kommentiert.

Heute berührt es eigentümlich, daß eine solche Frage, die doch offensichtlich in das Gebiet der Pathologie gehört, als ein der Rechtsprechung unterliegender Fall durch einen Strafprozeß geklärt wurde, und zwar gegen Angeklagte, die viel zu schwach waren, ein so gigantisches Unheil anzurichten.

Dies erscheint uns heute unglaublich hinsichtlich der Pest, aber wiederholt sich nicht etwas ganz Ähnliches heute in bezug auf den Krieg? Auch hier begegnen wir dem Wunsch, die Schuld an dem allgemeinen Unglück auf irgendein Individium abzuwälzen: auf den Kaiser, auf die Zarin, auf den Priester Rasputin oder auf den Königsmörder von Sarajewo.

Ein Phänomen andrer Art, das vom Trieb, sich selbst zu retten, diktiert wurde, war die Ansammlung der nicht Erkrankten während der berüchtigten Epidemien. Die Massen versammelten sich auf den öffentlichen Plätzen und drängten sich in die Kirchen und organisierten auf den Straßen psalmierende Prozessionen, Fahnen, Heiligenbilder und Reliquien tragend. Gerade hierdurch konnte sich die Seuche auch bei denen, die sich hätten retten können, schnell verbreiten.

Plötzlich, wie sie gekommen war, endete die furchtbare Seuche, sie hatte sich erschöpft. Die Überlebenden wandten sich von Neuem dem Leben zu, die Herzen voll jener Hoffnung, die nie stirbt: überzeugt, dass die Menschheit eine notwendige Prüfung durchgemacht habe, die aber vielleicht die letzte Prüfung war.

Läßt uns das nicht an die Bündnisse der Nationen denken, die geschlossen wurden, um den Krieg zu verhindern? Die Vorkriegsbündnisse hatten den Zweck, ein europäisches Gleichgewicht gegen den Krieg herzustellen, und gerade sie waren die Ursache eines ungeheuren Unglücks, indem viele Nationen in den Konflikt des Weltkrieges verwickelt wurden, weil sie Bundesgenossen waren. Wenn sich heute alle Nationen der Welt zu dem Zweck vereinigen, den Krieg zu verhindern, aber unter den gleichen Verhältnissen die gleiche Unkenntnis der tiefsten Ursachen beibehalten, so kann das der Anlaß sein, den Krieg über die ganze Welt zu verbreiten. Und doch werden die Menschen hoffen in dem Glauben, dass jener Krieg der letzte sei, der nötig ist, um den endgültigen Frieden zu finden.

Nur die wissenschaftliche Erforschung des Unbekannten konnte die wahre Ursache der Pest aufdecken. Sie fand die besonderen Mikroorganismen und ihre Verbreiter, die Ratten, diese kleinen Säugetiere, die den Menschen fliehen, und die daher solange unbeachtet und unverdächtig blieben.

Als die Pest in ihren ursächlichen Faktoren erkannt war, erschien sie wie eine der anderen Infektionskrankheiten, die dauernd die Gesundheit der Menschen bedrohen, und die in einer unhygienischen Umgebung ein ständiges Infektionsfeld finden. Unter solchen unhygienischen Verhältnissen lebten die unaufgeklärten Menschen des Mittelalters. Sie gingen durch den Schmutz der Straßen, sie hatten kein Wasser in den Häusern, sie schliefen in dunklen Zimmern ohne Luft und flohen die Sonnenstrahlen. Und das war der günstigste Boden für die Entwicklung der entsetzlicher Pest und einer unendlichen Zahl anderer weniger ernster Krankheiten, die mehr auf die einzelne Familie beschränkt das gewohnte Leben der Menschen ungehindert begleiteten.

Als es gelang, die Pest erfolgreich zu bekämpfen, wurde gleichzeitig auch der Kampf gegen alle anderen Mikrobenkrankheiten durch diese grundlegenden Maßnahmen eingeleitet. Die öffentliche und private Umgebung, die Stadt und jedes einzelne Haus wurden gereinigt. Die Prophylaxe bestand hauptsächlich in einer fortgesetzten gründlichen Reinigung.

Diese Reinigung der Umgebung und die Vorbeugung gegen die Pest waren aber nur das erste Kapitel der glorreichen Geschichte, die erzählt, wie die Menschen sich gegen die letzten und kleinsten Lebewesen verteidigen, die noch heute ihre Existenz auf der Erde bedrohen.

Aber die individuelle Hygiene, die das letzte Resultat dieses langen Kampfes war, weist auf etwas ganz anderes hin, auf die Gesundheit des Menschen an sich, die höchsten Wert darstellt. Denn nur der vollkommen gesunde, gut entwickelte und starke Mensch kann Infektionen begegnen, ohne angesteckt zu werden. Die individuelle Gesundheit ist eng mit der Herrschaft des Menschen über sich selbst und mit der Bewunderung des Lebens in seiner natürlichen Schönheit verbunden, welche Herrschaft, Glück, Verjüngung und Verlängerung des Lebens bringt. Und so hat sie größte Bedeutung gewonnen: Es kommt auf die Entwicklung des Körpers und nicht auf seine Erhaltung an, mit dem Ziel, den gesunden Menschen zu schaffen.

Der gesunde Mensch existierte noch nicht zu Beginn der neuen Aera. Entweder unter- oder überernährt war der Mensch immer mit Giften geladen, ja er vergiftete gleichsam sich selbst. Es schaffte ihm Freude, seinen Körper zu quälen und zu töten. Übertriebene Nahrungsaufnahme war ein Genuß für ihn. Sich mit Alkohol zu vergiften, war ein Genuß für ihn. Untätigkeit war sein Vergnügen. Er floh mit Absicht alle natürlichen Heilmittel wie Sonne, Licht und Training seiner Muskeln. Der Mensch war glücklich in seinen Kleidern, welche die Funktionen des Körpers behinderten und für ihn eine schwere und unnütze Last waren. Sie ließen sich nicht waschen und waren daher voll von unsichtbaren und tödlichen Keimen. Überraschend war jedoch, daß die individuelle Hygiene sich nicht allein gegen die Gefahren wandte, die Unterernährung und Armut mit sich brachten, die seit dem Mittelalter und sogar schon zur Zeit der Antike erkannt waren.

Die wissenschaftliche Offenbarung war, daß alles, was man bis dahin für genußreich und wünschenswert und für ein erstrebenswertes Vorrecht hielt, todbringend war. Auf schmackhafte und üppige Gelage, auf die Versuchungen der Weinkeller oder auf genußsüchtige Untätigkeit freiwillig zu verzichten, wurde nicht als Rettung empfunden, sondern schien Opfer, Buße und der Inbegriff der Tugend zu sein. Es war der Verzicht auf die materiellen Genüsse des Lebens und somit das Opfer des Lebens selbst. Diese Genußsucht war eine Degenerationserscheinung des trägen Menschen, der die Energien seines Lebens verloren hatte. Wurde ein solcher Mensch von der Phalanx der Mikroben überfallen, so war er schon moralisch geschwächt und Todeskandidat. Als der Sinn des Lebens in den Menschen wieder erwachte, erschraken sie über die Folgen ihrer Verirrungen. Freudig genossen sie ihre Befreiung, ihre neue Aktivität, Luft und Sonne. Das einfache Leben, die notwendige und ausreichende Nahrung, die Wahl von Vegetabilien und mehr noch rohen Nahrungsmitteln, die körperliche Betätigung, die Hingabe an die natürlichen und belebenden Kräfte ist das Ziel der modernen Menschen, die lange leben und Krankheit überwinden wollen. Ein Heiliger der Antike hätte solch ein Leben als das Vorbild vollkommener Buße angesehen.

Der Begriff der individuellen Hygiene hat also die veralteten Begriffe völlig umgekehrt, er hat die Wonne der Todessehnsucht mit der der Lebensfreude vertauscht.

Doch auf sittlichem Gebiet hat man nicht einen Schritt vorwärts getan, sondern ist auf dem Punkt stehen geblieben, auf dem die. Menschen im Mittelalter standen. Die Menschen sind sich dessen noch nicht bewußt, daß auf diesem sittlichen Gebiet noch unbekannte Gefahren lauern, deren oberflächliche Wirkungen nur hin und wieder wahrgenommen werden. Die Lockerung der Sitten wird als eine Form moderner Freiheit aufgefaßt, als ein Kampf gegen alte moralische Fesseln, die seit der Zeit unverändert geblieben waren, in der man die Gesundung des Lebens noch als ein hohes Opfer auffaßte. Weniger zu arbeiten und den Maschinen die Anstrengung zu überlassen, ist das höchste Ziel des Fortschrittes der Neuzeit.

Eine treibende Kraft dieses sittlichen Chaos des Lebens ist der dauernde Trieb, sich zu bereichern, der das unwiderstehliche Laster des Geizes zur Folge hat, ein moralisches Laster, gleich der Trägheit auf physischem Gebiet. Beide haben die Vorstellung des Anhäufens und des Genießens gemeinsam. Doch die Genüsse, die in diesen beiden Laster der Dekadenz wurzeln, sind Vergiftungs- und Todesgefahren. Die weite Welt, die dem gesunden, siegenden Leben offensteht, bleibt verschlossen. Der Mensch mit seinen versteckten Lastern isoliert sich und verzehrt sich selbst im Dunkel seines Unbewußten.

Um hier einen Vergleich mit der Pathologie anzustellen, könnte man an die Tuberkulose denken, die auch unbemerkt um sich greift und das Leben bedroht. Ihr erstes Stadium ist Lebensfreude, und sie bleibt lange Zeit latent und unerkannt. Die Pest greift schnell und katastrophal um sich, die Tuberkulose ist ein allmähliches Aufzehren der Schwachen.

Wir leben heute in einem dunklen und dumpfen Zustand moralischer Verkümmerung, und daher neigt die Menschheit dazu, leichtgläubig Anhänger illusorischer Theorien zu werden. Wieviele moralisierende Fanatiker wiederholen immer wieder, daß der Fehler darin liege, alles auf den menschlichen Verstand aufzubauen? Und wieviele sind davon überzeugt, daß der Fortschritt nur durch Logik geschaffen werden könne? Aber keiner zweifelt, daß der Verstand unser Leben regiert, und doch ist gerade der Verstand der heutigen Menschheit unklar und verwirrt. Das Merkmal unserer Zeit ist wachsende Unfähigkeit, und einen klaren Verstand wiederzuerlangen ist unbedingte Notwendigkeit.

Der Kampf zwischen dem Erwachsenen und dem Kind

Um einen gesunden psychischen Wiederaufbau des Menschen zu beginnen, ist es notwendig, sich an das Kind zu wenden. Wir müssen in ihm nicht nur den Sohn sehen, das Geschöpf, auf das sich unsere Verantwortung konzentriert, sondern wir müssen es an sich betrachten und nicht unter dem Gesichtspunkt der Abhängigkeit, die zwischen ihm und uns besteht. Wir müssen uns an das Kind wie an einen Messias, wie an einen Erneuerer der Menschheit und ihrer Gesellschaft wenden. Wir müssen selbst zurücktreten, um zu einer solchen Auffassung zu gelangen; und dann müssen wir zum Kinde gehen, dem Stern der Hoffnung folgend.

Man würde, wie Rousseau es theoretisch zeigte, im Kind die natürlichen Eigenschaften suchen, die noch nicht durch die zerstörenden Einflüsse der menschlichen Gesellschaft verdrängt und entstellt worden sind. Ein theoretisches Problem, um das eine geniale Phantasie einen Roman zu flechten verstand. Eine solche Frage würde eine abstrakte Psychologie interessieren, die dazu neigt, eine Embryologie des Geistes aufzubauen. Wir aber, die wir das neue Kind studieren, das sich durch so unerwartete und überraschende psychische Äußerungen offenbart hat, wir haben mehr als eine Embryologie des Geistes gefunden. Wir haben den tiefen und furchtbaren Konflikt aufgedeckt, diesen Krieg ohne Waffenstillstand, in den der Mensch hineingeboren wird, und der ihn während seiner ganzen Entwicklung begleitet. Es ist der Kampf zwischen dem Erwachsenen und dem Kind, zwischen dem Starken und dem Schwachen, ja wir können sagen, zwischen dem Blinden und dem Sehenden.

Dem Kind gegenüber ist der Erwachsene wirklich ein Blinder, und der Sehende ist das Kind, das uns ein leuchtendes Licht als Gabe entgegenbringt. So leben der Erwachsene und das Kind, ihres eigenen Wesens unbewußt, in dauerndem Kampf miteinander, der schon Jahrhunderte dauert, und der sich heute in unserer komplizierten und dekadenten Kultur akut verschlimmert. Der Erwachsene ist der Sieger, und in dem Erwachsenen, den dieses Kind gebildet hat, bleiben die Merkmale des sogenannten „Friedens nach dem Krieg", der zugleich Zerstörung und erzwungene Anpassung bedeutet, verewigt.

Das Kind kann aus eigener Kraft den alten Menschen aus seiner Verwirrung nicht erretten, denn, wenn es ihm seine eigene junge und keimende Kraft geben würde, so würde sich der alte Mensch gegen das Kind richten und sein erstes würde sein, es zu ersticken.

Diese Situation war für das Kind in der Vergangenheit nicht so unheilvoll wie heutzutage. Die vom Erwachsenen geschaffene Umgebung hat sich immer mehr von der Natur entfernt und wird dadurch für das Kind immer ungeeigneter. Die Machtposition des Erwachsenen hat sich verstärkt, und seine Herrschaft über das Kind ist noch größer geworden. Kein sittliches Gefühl hat es vermocht, den Erwachsenen aus seinem verblendeten Egoismus aufzurütteln. Und kein Verständnis für die veränderte, für das Kind so ungünstige Lage ist in dem reifen Menschen erwacht. Der veraltete, oberflächliche Begriff der gleichmäßigen progressiven Entwicklung der menschlichen Individualität ist unverändert bestehen geblieben und damit der Irrtum, daß es der Erwachsene ist, der das Kind zu bilden hat, um ihm die von der Gesellschaft gewollte psychische Form zu geben. Durch diesen alten und groben Irrtum entsteht der erste Krieg unter den Menschen, die gerade dazu geschaffen sind, einander zu lieben; Krieg zwischen Vater und Sohn, Lehrer und Schüler.

Der Schlüssel zu dieser Frage liegt darin, daß die menschliche Persönlichkeit nicht einheitlich ist. Wir erkennen klar zwei verschiedene Formen und zwei verschiedene Ziele: Das eine im Kinde, das andere im Erwachsenen. Das Kind trägt nicht die verkleinerten Merkmale des Erwachsenen in sich, sondern in ihm wächst vor allem sein eigenes Leben, das seinen Sinn in sich selber hat. Die Bestimmung des Kindes könnte man mit dem Wort Inkarnation bezeichnen, denn in ihm muß sich die Inkarnation der Persönlichkeit vollziehen.

Seine Arbeit hat lebendige Symptome und Rhythmen, die ganz verschieden von denen des Erwachsenen sind, der vor allem seine Umgebung umgestaltet und ein soziales Wesen ist. Dies wird sofort klar, wenn man an den Embryo denkt. Der Embryo im Mutterleib hat als einziges Ziel, die Reife des Neugeborenen zu erlangen, und weiter nichts. Damit erfüllt er die vorgeburtliche Periode des menschlichen Lebens. Und das Neugeborene wird am lebensfähigsten sein, das sich unter den besten Bedingungen entwickeln kann, die ihm eine gesunde Mutter gibt. Sie hat nichts anderes zu tun, als das neue Geschöpf in sich leben zu lassen. Das Reifen des Menschen im Kinde ist eine andere Form von Schwangerschaft, die länger währt als die Schwangerschaft im Mutterleib. Sie wird in der äußeren Welt vom Kind erfüllt, das seinen Geist verkörpert, dessen Keime latent und unbewußt in ihm schlummern. Behutsame Pflege ist notwendig, um diese Arbeit zu schützen, die erst nach und nach bewußt wird, und die das Sammeln von Erkenntnissen und Erfahrungen aus der Außenwelt bedeutet. Bei dieser Arbeit wird das Kind von Naturgesetzen geleitet und folgt dem Rhythmus seiner Aktivität, die nichts mit der erobernden und kämpferischen Arbeit des Erwachsenen zu tun hat.

Daß die Periode der Menschwerdung und der geistigen Schwangerschaft eine völlig andere ist als die Periode des erwachsenen Menschen, der aktiv in der Gesellschaft lebt, ist eine nicht neue Erkenntnis. Diese Erkenntnis ist seit Jahrhunderten bekannt, und sie ist immer wie ein Hinweis auf die Wahrheit empfunden worden und hat sich wie ein Ritus eingeprägt.

Alle kennen die zwei Feste im Jahr, Weihnachten und Ostern, die manche Menschen in ihren Herzen, andere durch Nichtstun und wieder andere durch religiöse Handlungen feiern. An was erinnern diese alten Feste? Sie erinnern an einen einzigen Menschen, In diesem Menschen unterscheiden sich deutlich zwei Aufgaben, die Inkarnation und die soziale Mission. Im Leben Jesu ist die Inkarnation mit der Pubertät vollendet. Mit ungefähr 13 Jahren sagt das Kind zu seinen Eltern: „Warum sucht Ihr mich? Ihr wißt doch, daß ich nicht von Euch abhänge"! Wir sehen hier, wie das Kind dieses Alters seine Weisheit nicht von den klugen Erwachsenen hat, und sie in Erstaunen und Verwirrung versetzt.

Erst dann vollzieht sich die innere Entwicklung des Kindes dahin, den Eltern zu folgen. Das Kind übt sich von nun an, das Handwerk des Vaters zu erlernen und sich der menschlichen Gesellschaft einzufügen, in der es seine eigene Mission zu erfüllen hat.

Der erwachsene Mensch, der das unabhängige Leben der Kindheit in seiner Eigenart und seiner Bestimmung nicht erkannt hat, legt die Eigenschaften des Kindes, die sich von den seinen unterscheiden, als Fehler aus und beeilt sich, sie zu verbessern. Hier entsteht der Kampf, ein Kampf zwischen dem Starken und dem Schwachen, der für die ganze Menschheit gefährlich ist, denn von dem harmonischen und friedlichen geistigen Leben des Kindes hängt die Gesundheit oder Krankheit der Seele, die Stärke oder die Schwäche des Charakters, die Klarheit oder die Unklarheit des Geistes ab. Wird diese sensible und wichtige Epoche der Kindheit frevelhaft zu einer Form des Sklaventums gestaltet, so wird es den Menschen nicht mehr möglich sein, große Werke auszuführen.

Der Kampf zwischen dem Erwachsenen und dem Kind wird in Familie und Schule durch die Erziehung im alten Sinn Tatsache.

Erkennen wir die kindliche Persönlichkeit als solche an und bieten wir ihr in weitestem Maße die Möglichkeit zur Entfaltung - in unseren Schulen ist eine dem Kind und seiner geistigen Entwicklung angemessene Umgebung geschaffen worden - so offenbart sich uns eine neue kindliche Persönlichkeit, deren überraschende Eigenart sich von der bisher bekannten völlig unterscheidet. Am erstaunlichsten ist, daß das für Ordnung und Arbeit begeisterte Kind Intelligenzqualitäten besitzt, die das bisher Gekannte erheblich übersteigen. Augenscheinlich wird das Kind in der üblichen Erziehung nicht nur dazu gedrängt, seine Fähigkeiten in falsche Bahnen zu lenken, sondern sogar sie ganz zu verstecken, um sich dem Teil des Erwachsenen anzupassen, der das Kind und seine Fähigkeiten erdrückt.

Und so muß das Kind zuerst in mühevoller Qual sich selbst verstecken, und während es in seinem Unterbewußtsein das ganze Leben seiner kindlichen Entfaltungen begräbt, wird ein ganzes Menschenleben seiner Hoffnungen beraubt. Und mit dieser inneren Belastung ordnet es sich in die Fehler der Welt ein.

Das Problem der Erziehung in bezug auf Krieg und Frieden wurzelt allein in dieser Frage und bezieht sich nicht auf den Inhalt der Kultur. Ob man zu den Kindern vom Kriege spricht oder nicht, ob man die Geschichte der Menschheit so oder so gestaltet; das ändert nichts an den Geschicken der menschlichen Gesellschaft.

Der am Leben Scheiternde, der schwankende Charakter, die Sklavennatur, kurz der Unentwickelte sind immer die Produkte der Erziehung, die blinden Kampf zwischen dem Starken und dem Schwachen bedeutet.

Eine seit einem Vierteljahrhundert fortlaufende Erfahrung zeigt uns, dass die Natur des Kindes Eigenschaften besitzt, die sich von den bisher angenommenen unterscheiden. Nicht nur bei fast allen Nationen unserer Zivilisation, sondern auch bei den verschiedensten Rassen wie den Rothäuten in Amerika, den Eingeborenen in Afrika, den Siamesen, Javanern, Lappländern und anderen mehr,

Seit den ersten Erfahrungen, welche noch von erzieherischen Vorurteilen beeinflußt waren, diskutierte man lebhaft über eine neue Erziehungsmethode, die imstande wäre, erstaunliche Resultate zu zeitigen. Bald wurde das Phänomen in seiner praktischen Auswirkung und in seiner Wichtigkeit erkannt, und in England wurde ein erstes Buch geschrieben mit dem Titel: New Children (Neue Kinder).

Was einen so starken Eindruck macht, ist das Erkennen einer anders gearteten Menschheit, ist das tröstliche Erscheinen besserer Menschen. Sollte es wirklich möglich sein, die menschliche Natur zu verbessern?

Es ist möglich und durchführbar: Man muß die gesunde Natur vor den Irrungen, die während der Entwicklungszeit erzwungen werden, schützen, und die psychische Gesundheit der Menschen erlangen.

Der psychisch gesunde Mensch ist heute so schwer zu finden, wie es der physisch gesunde Mensch war, ehe die körperliche Hygiene ihm den Weg zur Gesundheit erschlossen hatte. Auf sittlichem Gebiet vergiftet der Mensch sich noch gerne und strebt immer noch nach Vorteilen, die tödliche Gefahren für seinen Geist in sich bergen.

Wie oft nennt man die Übertünchungen der Laster in der ererbten Erziehung Tugend, Pflicht und Ehre! Die unbefriedigten Bedürfnisse des Kindes kehren beim Erwachsenen wieder in Form verschiedenartiger geistiger Entwicklungshemmungen, Irrungen des sittlichen Charakters und unzähliger psychischer Anomalien, die die menschliche Persönlichkeit schwach und unfähig machen.

Aus dem Kind, das nie gelernt hat, etwas allein zu tun, seine eigenen Handlungen zu leiten, seinen Willen zu lenken, entsteht der erwachsene Mensch, der sich leiten lassen muß und Anlehnung bei anderen sucht.

Im Schulkind, das immer gescholten und entmutigt wird, entsteht ein Mangel an Selbstvertrauen und dadurch eine Art von Verstörtheit, die sich Schüchternheit nennt. Es ist das Gleiche, was man später im Manne in Form von Mutlosigkeit, Unterwürfigkeit und Unfähigkeit zur sittlichen Widerstandskraft wiederfindet. Der Gehorsam, dem das Kind in derFamilie und in der Schule unterhegt, dieser Gehorsam, der keinen Sinn und keine Gerechtigkeit hat, führt den Menschen dahin, den Geschicken seines Lebens leicht zu unterliegen. Die in der Schule so verbreitete Strafe, die das unfähige Kind der Rüge und dem öffentlichen Tadel aussetzt, gräbt in seine Seele ein irres und vernunftwidriges Entsetzen vor der öffentlichen Meinung, auch wenn sie ungerecht und offensichtlich irrig ist. Diese erzwungenen Anpassungen führen zu dauerndem Minderwertigkeitsgefühl. Aus ihnen entspringt eine Unterwürfigkeit, die auf den Führer, den vollkommenen und unfehlbaren Vater oder Lehrer, gerichtet ist und fast einem Götzendienst gleicht. Und dieser Führer ist eine dauernde Hemmung für das Kind, für dieses hilflose Wesen. Diese Art von Disziplin kann man fast der Sklaverei gleichsetzen.

Niemals konnte das Kind in der ihm neuen Welt seine eigenen sittlichen Wege erproben, zu welchen ihn sein latenter Lebensimpuls drängte. Niemals konnte es seine eigenen schöpferischen Kräfte aktivieren und messen. Niemals ist es ihm gelungen, zur inneren Ordnung zu kommen, die eine sichere und unwandelbare Disziplin zur Folge hat.

Und als es die Gerechtigkeit erproben wollte, wurde es vom Wege gedrängt und in neue Verwirrung gebracht. Ja, es wurde schließlich noch dafür bestraft, daß es versucht hatte, sich seiner Schulkameraden hilfsbereit anzunehmen, die noch unterdrückter und gehemmter waren als es selbst. Aber man lobte es, wenn es Spion oder Angeber spielte. Als höchste Tugend galt das Übertrumpfen der Kameraden, und das Erreichen des Endzieles beim Examen zwischen zwei Semestern, diesen Abschnitten des einförmigen Lebens in der Sklaverei. Diese Tugend wurde öffentlich gelobt und prämiiert.

In dieser Weise erzogene Menschen waren nicht fähig, das Leben zu erobern, um es zu besitzen. Sie waren der Güte gegen ihre Mitmenschen nicht fähig und konnten daher nicht in Harmonie mit ihnen leben. Ihre Erziehung hat sie mehr oder weniger nur auf einen Bruchteil, auf eine Episode des wirklichen gemeinschaftlichen Lebens vorbereitet, nämlich auf den Krieg, Denn in Wahrheit wird der Krieg nicht durch Waffen geführt, sondern durch den Menschen, der sie handhabt.

Könnte der Mensch in psychischer Gesundheit aufwachsen und die volle Entwicklung eines starken Charakters und eines klaren Verstandes verwirklichen, so würde er niemals gegensätzliche sittliche Prinzipien zulassen. Er würde nicht gleichzeitig zwei Arten von Gerechtigkeit vertreten, eine, die das Leben verteidigt, und eine, die es zerstört. Er würde nicht zweierlei Tugend pflegen: die Liebe und den Haß. Er könnte nicht zwei Grundsätze vertreten: einen, der die menschlichen Energien sammelt, um aufzubauen, und einen anderen, der Energien sammelt, um das zu zerstören, was aufgebaut ist.

Ein starker Mensch lehnt jede Zwiespältigkeit in Gewissensfragen ab und wird niemals nach entgegengesetzten Richtungen hin handeln. Und das ist das wesentliche. Wenn sich das wirkliche Leben hiervon unterscheidet, so zeigt das die völlige Passivität der Menschen, die hin und her gerissen werden wie Blätter im Winde.

Der Krieg von heute entspringt nicht dem Haß gegen den Feind. Wer könnte das behaupten, wenn Völker heute gegen das eine und morgen gegen das andere Volk kämpfen, und sich morgen mit dem Feind von gestern verbünden?

So ist der weiße Mensch, der Mensch der großen Zivilisation, bis zur Moral der Söldner früherer Zeiten herabgesunken, die immer kämpften, gleich gegen wen, wenn sie nur bezahlt wurden. Und nichts anderes geschieht heute: Die Menschen vergeuden ihre Kräfte und ihren Reichtum, sie zerstören ihre eigenen Werke und gehen dem Hunger entgegen, nur weil befohlen wird.

Die Ägypter wußten die Werke der Zivilisation und die Kriegstaten voneinander zu scheiden: Sie warben phönizische Truppen, um Kriege zu führen, und hielten das ägyptische Volk in der Heimat zurück zur Landbebauung und Kulturarbeit. Aber wir, die Völker der großen Zivilisation, vermengen das eine mit dem anderen.

Ein besserer Mensch als wir würde angesichts dieser schwierigen sozialen Probleme, die unsere Tage mit Angst erfüllen, seine geistigen Kräfte und die Errungenschaften der von den Vätern ererbten Kultur verwenden, um eine Lösung von den Schrecken des Krieges zu linden. Wozu haben wir sonst unseren Verstand? Und welchen Sinn hat der Besitz all der Kultur, die von unseren Ahnen erarbeitet wurde? Der Krieg wäre für den neuen Menschen wahrlich kein Problem, er wäre einfach eine Barbarei, die im Gegensatz zur Kultur steht. Der heutige Krieg ist wirklich eine Geißel, die keinen anderen Sinn hat als den einer Züchtigung für die sittlichen Verwirrungen, die den menschlichen Geist trüben. Eine ernste Mahnung zur Umkehr sollte genügen!

Es liegt beim Menschen allein, sein Schicksal zu bestimmen; und mit dem Augenblick, in dem die Waffen seiner Hand entfallen, wird ein neuer strahlender Tag für die Menschheit anbrechen.

Die dritte Dimension

Ich möchte hier etwas so Einfaches behaupten, daß es fast naiv erscheinen könnte: daß nur zwei Dinge nötig sind, um der Welt den Frieden zu sichern. Das erste ist der neue Mensch, der bessere Mensch, und dann eine Umgebung, die den unendlichen Wünschen der Menschen keine Grenzen mehr setzt,

Dazu wäre es notwendig, die Reichtümer nicht in einem Land zu lokalisieren, sondern sie für alle gleichmäßig zugänglich zu machen. Aber wie kann man dafür garantieren, daß die Völker andere Völker über die Straßen ziehen lassen, die sie eigens gebaut haben, um die im Innern des eignen Bodens schlummernden Reichtümer auszunutzen? Um die ganze Menschheit brüderlich zu vereinen, müßten alle Hindernisse fortgeräumt werden, so daß die Menschen auf der Erde in Harmonie und Frieden miteinander leben könnten. Der Klang der Stimme des Menschen sollte auf der ganzen Erde gehört werden, wenn sie vor Freude singt, wenn sie ruft, wenn sie mahnt, wenn sie um Hilfe bittet und ihr ein Wort des Trostes antwortet.

Die Gesetze und Verträge der Welt genügen nicht: Was fehlt, ist eine Welt voller Wunder. Voller Wunder, wie das kleine Kind ein Wunder schien, das die Arbeit und die Unabhängigkeit sucht, und Schätze von Begeisterung und Liebe entfaltet.

Eine neue Welt für einen neuen Menschen - das ist gebieterische Notwendigkeit.

Wäre diese Behauptung eine Utopie, so wäre es frevelhaft, am Rande des Abgrundes, in dessen Tiefe wir die Katastrophe der Menschheit erblicken, davon zu sprechen. Aber seit Jahren, seit Beginn dieses Jahrhunderts sind technische Wunder auf unserer Erde vollbracht worden. Ist es nicht wahr, daß der Mensch fliegt? So sehen wir also, daß irdische Hindernisse nicht mehr ein Land vom anderen trennen, daß der Mensch um die Welt reisen kann, ohne Straßen zu bauen und ohne in anderen Landbesitz einzudringen.

Und wenn es dem Menschen gelingt, der Erdenschwere Herr zu werden, wenn er die Stratosphäre erreicht, um noch schnellere Reisen auszuführen, die Reichtum bedeuten, wer wird dann der Besitzer dieses Reichtums sein? Wer wird Rechte haben auf die Tiefe der Erde oder auf die Aetherhülle, die sich jenseits der Atmosphäre befindet?

Diese langen und kurzen Ausstrahlungen, unsichtbare Ursache geheimnisvoller Verbindungen, die die Stimme des Menschen und die Gedanken der Menschheit übertragen, immateriell ohne Papier, ohne Zeitung, wo sind sie? Wem gehören sie? Und wer wird sie je erschöpfen?

Die Sonnenkraft wird umgeformt werden, um das Brot nahrhafter zu machen, um die Wohnungen der Menschen zu wärmen. Welches Volk wird sich dann zum Besitzer der Sonnenkraft erklären? Es gibt keine Grenzen, keine Lokalisierung für die neuen Reichtümer, die der Mensch im Aether, im unendlichen Himmel, in den geheimen Kräften der Schöpfung finden wird. Welchen Zweck hätte dann noch der Kampf zwischen den Menschen?

Einst kämpften sie um die Erscheinungsformen der Materie, dann entdeckten sie deren Ursprung und fanden, daß es verborgene Kräfte waren, Sie bemächtigten sich dieser verborgenen und unbegrenzten Energien und ihren begrenzten Wirkungen. Wie ein Gott ergriff der Mensch Besitz von ihnen, und von diesem Zeitpunkt an hat sich sein soziales Leben völlig gewandelt.

Ein wunderbarer und unvorhergesehener Aufstieg hat das Gebiet der menschlichen Eroberungen in ein höheres Niveau als das der Erde gerückt. Die Erdoberfläche war für den Menschen zweidimensional. Aber heute beginnt der Mensch in die dritte Dimension zu steigen. Die Geschichte des zweidimensionalen Menschen ist beendet.

Zu Ende ist eine tausendjährige Epoche, die zurückgeht bis zum Anfang der Geschichte, und noch weiter bis zu den Zeiten der Legende, und noch weiter bis zu den Zeiten, von denen nur vereinzelte Spuren im Inneren der Erde schlummern. Diese unübersehbare Epoche des Menschen seit seinem Ursprung, die sich in einem unermeßlichen Zeitraum vollzog, ist beendet. Bis heute mußte der Mensch im Schweiße seines Angesichts die Erde bearbeiten und sich wie ein Sklave erniedrigen. Er war an die Tiefe gebunden, so hoch er in sich auch sein mochte. Der Mensch, das Geschöpf der Liebe, war m die Fesseln des materiellen Austauschs geschlagen. Doch der Mensch, der in die Sternenwelt eingedrungen ist, kann sich in seiner ganzen Größe erheben und wie ein neuer Mensch im Universum bewegen.

Das Kind, das neue Kind ist der Mensch, der die dritte Dimension erobern wird, dem es bestimmt ist, sich der Entdeckung des Unendlichen zu widmen. Eine solche Eroberung wäre so groß, daß sie die Mitwirkung aller Menschen erfordern würde. Zu dieser Verbrüderung würden die Menschen keine andere Verbindung finden als die Liebe.

Dies ist die Vision der Wirklichkeit unserer Zeit; wir, die letzten Menschen einer zweidimensionalen Welt, müssen uns anstrengen, um eine solche Vision überhaupt zu sehen. Wir leben in einer Krise, wir stehen zwischen einer alten Welt, die zu Ende geht, und einer neuen, die schon begonnen und all ihre aufbauenden Elemente offenbart hat. Die Krise, durch die wir gehen, stellt nicht nur den Übergang von einer Epoche der Geschichte zu anderen dar, sondern sie gleicht einer jener großen biologischen und geologischen Epochen, in denen neue, höhere und vollkommenere Wesen erschienen, während sich auf der Erde Lebensbedingungen verwirklichten, wie sie niemals vorher existierten.

Wenn wir diese Vision aus dem Auge verlieren, dann stehen wir einer universellen Wirrnis gegenüber, die an die Prophezeiungen des Jahres 1000 erinnert - dieses Jahres 1000, das die Menschheit nicht überleben sollte.

Wenn der unbewußte, der zweidimensionale Mensch die Kräfte der Sternenwelt dazu nutzen wird, sich selbst zu zerstören, so wird ihm dieses ungeheuer leicht gelingen, denn die Kräfte, über die er verfügt, sind unermeßlich und jedem zugänglich, jederzeit und überall.

Wenn dieser Mensch, der das Geheimnis der Pest besitzt und ihre unsichtbaren Faktoren in Händen hat, die er bis ins Unendliche kultivieren und vervielfachen kann, dieses Heilmittel dazu benutzt, die Pestepidemie zu verbreiten, so wird ihm seine Absicht leicht gelingen.

Heute hindert den Menschen nichts mehr, alle Regionen zu erreichen, den letzten Fleck Erde, die Berge, die Wüsten, die Meere, nachdem er schon in die Atmosphäre eindringt.

Wer wird das Zeichen geben, das den Menschen erweckt? Was wird der Mensch tun, der auf der platten Erde ruht, auf der Erde, die bereit ist, ihn zu verschlingen?

Die Menschen müssen auf die neue Welt vorbereitet werden, die sich schon wie ein Evolutionsphänomen aufbaut, und bewußt werden des neuen Lebens, das sich vorbereitet, damit sie Mitarbeiter an seinem Aufbau werden.

Und gleichzeitig müssen alle Kräfte dieser neuen Welt zusammengefasst werden zum Aufbau einer Wissenschaft des Friedens.

Maria Montessori: Der Frieden und die Erziehung. In: Hermann Röhrs (Hrsg.): Friedenspädagogik. Erziehungswissenschaftliche Reihe Band 1. Frankfurt/1970, S. 49 - 66

Originale Quelle: Maria Montessori. Der Frieden und die Erziehung. In: Blätter der internationalen Montessori-Gesellschaft, 2. Heft 1932, S. 2-22 (Julius Hoffmann Verlag, Stuttgart).

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