Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / Vor 1950 / Karlheinz Lipp: Der Friedenspädagoge Edmund Triebel und seine Kritik an den Sedanfeiern (1897)
Die aktuelle Entwicklung in Europa wirft Fragen nach der Wirksamkeit der Erziehung zur Friedensfähigkeit erneut auf.
Die Texte Edmund Triebels sind schwer zugänglich, ein Bild dieses Pädagogen konnte bisher nicht gefunden werden. Fast wäre er vergessen, wegen des bereits gefällten historischen Urteils über das aufrüstende und kriegslüsterne Kaiserreich und seine militaristisch ausgerichtete Erziehung. Doch hier schrieb einer gegen den mainstream der Kriegsbegeisterung an.
Die Rahmenbedingungen für die Entstehung und Entwicklung einer Friedenspädagogik im Kaiserreich waren denkbar ungünstig. Der gesellschaftliche Stellenwert des Militärischen war immens, der Reichsetat floss zu 75% in das Kriegsministerium, die Aufrüstung der Armee (besonders der Marine) erfolgte sukzessive. Die vielen nationalistisch-militaristischen Verbände leisteten einen erfolgreichen Beitrag zur Militarisierung der Gesellschaft (1).
Demgegenüber vereinte die Deutsche Friedensgesellschaft (gegründet 1892) bis 1914 in ca. 100 Ortsgruppen ca. 10000 Menschen, blieb jedoch politisch bedeutungslos angesichts einer ungehemmten Weltmachtpolitik (2).
Schule und Unterricht sollten diese Militarisierung entsprechend unterstützen und die Jugend auf einen Krieg vorbereiten (3).
Trotzdem gab es im Kaiserreich Lehrkräfte, die eine solche Kriegspädagogik kritisierten (4). Zu ihnen gehörte auch Edmund Triebcl, der u. a. als Rektor einer Volksschule im thüringischen Wölfis (südlich von Gothn) wirkte (5). In einem Vortrag, gehalten in der Gothaischen Landeslehrerversammlung zu Friedrichroda am 16. September 1897 behandelte er das Thema „Was kann die Schule zur Förderung der Friedensbestrebungen beitragen?"
Triebel sieht es als eine Hauptaufgabe an, Kriege zu verhindern. Daher geht er zunächst grundsätzlich auf das Thema ein, und zwar aus einer christlich-ethischen, wirtschaftlichen und völkerrechtlichen Perspektive.
Für ihn ist das Christentum eine Religion des Friedens und steht daher im krassen Gegensatz zum Krieg. Triebel glaubt an einen evolutionären Fortschrittsgedanken. So wie mittlerweile Kannibalismus, Sklaverei und Hexenprozesse verschwunden seien, so würden auch dereinst Kriege abgeschafft werden. Kriege brachten Grausamkeit, Bestialität, Hinterlist und Tücke mit sich und seien somit an der sittlichen Verwahrlosung von Menschen mitschuldig.
Im Leben gebe es genügend Möglichkeiten, um Heldenmut und Opferbereitschaft zu zeigen.
Der Friedenspädagoge verweist ferner auf die vielen Zerstörungen von Industrieanlagen, Fabriken und Verkehrswegen durch Kriege. Materielle Werte, die die Volkswirtschaft ebenso belasten, wie die hohen Kosten für die Aufrüstung. Zwischenstaatliche Streitigkeiten sollten nicht durch Kriege, sondern durch ein internationales Schiedsgericht gelöst werden: Friede durch Recht, anstelle der Gewalt.
Für Triebel stehen die pazifistischen Bestrebungen keineswegs im Widerspruch zu dem politischen Handeln von Regierungen und er führt Zitate von Herrschern an, allerdings ohne sie zu hinterfragen. Dass es sich dabei um die hinlänglich bekannten und nichtssagenden Sonntagsreden handelte, ist ihm dabei nicht klar geworden. Die aggressive Machtpolitik von Staaten wurde von dem Pazifisten unterschätzt.
Die europäische Entwicklung der Friedensbewegung beurteilt Triebel überaus positiv. Selbst in Deutschland, eines der Länder, in der sich die Friedensbewegung erst relativ spät entfaltete, sei die Zeit der Verächtlichmachung vorbei. Die Jährlich stattfindenden internationalen Friedenskongresse seien gut besucht und auch Parlamentarier würden sich zunehmend für die Aktivitäten der Friedensgesellschaften interessieren.
Um diese erfolgreiche Arbeit fortzusetzen, sei auch die Erziehung zum Frieden in der Schule wichtig. Damit ist Triebel bei seinem eigentlichen Thema angelangt. (Vgl. auch M l)
Sein zentraler Ausgangspunkt ist dabei, „unseren Kindern zu zeigen, dass das Heil der Menschheit in der Solidarität der Völker liegt." Ausgehend von der unmittelbaren Lebenswelt der Kinder soll zunächst der Zusammenhang von Berufen (Bauer, Müller, Bäcker, Weber, Schneider, Maurer, Malermeister, Zimmermann) verdeutlicht werden. Nachdem so ein erster Einblick in die Notwendigkeit von Gemeinsamkeit erreicht wurde, soll danach auf die wechselseitigen Beziehungen innerhalb eines Landes eingegangen werden: Stadt-Land; Verbindung durch Verkehrwege, Post und Telegraf; Handelsaustausch von Produkten. Schliesslich soll die internationale Dimension in den Blick geraten: Gegenseitige Hilfe bei Hungersnöten, Welthandel, Austausch von Kultur und Wissenschaft. Den Kolonialismus und den daraus resultierenden ungerechten Welthandel erwähnt Triebel nicht.
Den zweiten Ansatzpunkt des Friedenspädagogen bildet der Patriotismus, freilich nicht in einem nationalistischen Sinne. Hier kritisiert Triebel besonders den Geschichtsunterricht, der das eigene Land sehr positiv und andere Länder abschätzig darstelle. Daher fordert er eine Abkehr von der Kriegsgeschichte und eine Betonung der Kulturgeschichte, um somit nicht das Trennende, sondern das Verbindende, also die Kultur, in den Mittelpunkt des Unterrichts zu stellen. In diesem Zusammenhang verweist Triebel auf den Aufruf des internationalen Friedensbureaus an die Gcschichtslehrer (6).
Der Friedenspädagoge wünscht sich ein deutsches Geschichtsbuch, das die Geschichte frei von nationaler Eitelkeit behandele.
Auch der Deutschunterricht erzeuge einen falschen Patriotismus, da in den Lesebüchern oft eine Verachtung anderer Völker ,besonders von Frankreich, sowie eine unzulässige Romantisierung und Verherrlichung des Krieges zu finden sei.
Triebel ist sich der wechselseitigen Abhängigkeit der Unterrichtsfächer bewusst. Mit der Perspektive seines friedenspädagogischen Ansatzes ist es daher unvereinbar in dem einen Fach zum Frieden zu erziehen, wahrend in einem anderen Fach Feindbilder aufgebaut würden. Friedenserziehung erscheint daher als ganzheitliches, fächerübergreifendes Lernen.
Eine weitere friedenspädagogische Aufgabe sieht Triebel in der Überprüfung von Schul- und Volksbüchereien, da Kriegsschilderungen und Kriegsverherrlichungen einen breiten Teil des Bestandes ausmachten.
Kritik am Sedantag
Zur sozialen Militarisierung der Gesellschaft des Kaiserreichs trugen Gedenkfeiern bei, so auch die Sedanfeiern (7). Am l. September 1870 fand die Schlacht um Stadt und Festung Sedan statt. Einen Tag später drang die Nachricht vom deutschen Sieg nach Deutschland vor. Nach der Kaiserproklamation von 1871 wollten vor allem national gesinnte Protestanten einen Nationalfeiertag etablieren, um so die Kaisertreue der Untertanen besonders auszudrücken:
Ein weiterer Markstein im Bündnis von Thron und Altar.
Nachdem der Protestantenverein zunächst mit seinem Vorhaben scheiterte, startete Pastor Friedrich von Bodelschwingh und der Rheinisch-Westfälische Provinzialausschuss für die Innere Mission im Juli 1871 einen neuen Anlauf. Daraufhin wurde der 2. September zunehmend als Nationalfeiertag begangen - ohne jemals eine offizielle Anerkennung zu erlangen. Allerdings verstärkten sich die Aufwertungen in den folgenden Jahren. Schon 1873 wurde in Berlin am Sedantag im Beisein des Kaisers die Siegessäule eingeweiht. Vereine, Städte, Gemeinden und Schulen feierten. 1886 wurden am Sedantag erstmals öffentliche Gebäude beflaggt. Ab 1889 wollte es das militärische Arrangement, dass der Sedantag im Zentrum der Herbstmanöver stand. Im August und September 1895 wurden die Feiern der 25-Jahrfeier groß begangen. In den Folgejahren ebbten die Feierlichkeiten ab.
Als zur Niederschlagung des Boxeraufstandes in China 1900/1901 deutsche und französische Truppen gemeinsam kämpften, verlor der Sedantag weiter an Bedeutung (Offizielles Ende: 27. August 1919).
Zu den kritischen Stimmen gegenüber dem Sedantag zählen die Sozialdemokratie, katholische Würdenträger und - oft von der Forschung vernachlässigt - die Deutsche Friedensgesellschaft.
Erleichtert wurde 1899 von pazifistischer Seite festgestellt, dass es mit den Sedanfeiern rapide abwärts gehe (8). Im nächsten Jahr beschäftigten sich gleich drei Artikel mit dem Sedantag (9). So sieht Alfred Hermann Fried nicht in dem militärischen China-Engagement der beiden Länder den Hauptgrund für das Abflachen der Sedanfeiern, sondern in dem Anwachsen der Kultursolidarität zwischen Deutschland und Frankreich. Er verweist ferner auf die Haager Friedenskonferenz sowie auf die Überwindung des Militarismus durch die Friedensidee.
Die schulischen Sedanfeiern dienten der Kriegserziehung von Jugendlichen (10). Vor allem in Preussen waren Schülerinnen und Lehrerinnen zur Teilnahme verpflichtet, was bei dem zutiefst monarchistischen Lehrpersonal allerdings als selbstverständlich angesehen wurde. Rechtzeitig zur 25-Jahrfeier erschien das Buch „Der Krieg gegen Frankreich und die Einigung Deutschlands" des Hallenser Historikers Theodor Lindner. Der Kaiser hatte höchstpersönlich den Auftrag hierzu erteilt und das Buch fand in den Schulen weite Verbreitung (Auflage 1912: 25000). Lindners Schrift diente im Geschichtsunterricht und zur Abfassung der Reden zum Sedantag. Dieses Buch strotzt nur so vor chauvinistischer Überheblichkeit.
Der Festakt der schulischen Sedanfeier begann oft mit einer musikalischen und religiösen (Ein Hinweis auf den hohen Stellenwert des Religionsunterrichts) Einleitung. Dann folgte die Festrede, die – besonders in der Ära des Kaisers Wilhelm II. – das mächtige Vaterland, das Kaiserhaus, das Gottesgnadentum und den Krieg beschworen. Patriotische Gedichte und Sprechtexte wurden vorgetragen, Chor und Orchester brachten entsprechende Lieder dar. Die Feier endete mit dem gemeinsamen Singen des Deutschland-Liedes. Dass es zwischen Sedanfeiern an den Volksschulen bzw. Gymnasien Unterschiede gab, liegt in der Schulform begründet.
Edmund Triebel gehörte der Gothaer Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft an. Im Jahre 1902 fand die Jahresversammlung dieser Friedensorganisation in Gotha statt (11).
Der Friedenspädagoge kritisierte die Kriegsbegeisterung und den Menschenhass, die oft bei den schulischen Festreden zum Sedantag geäussert wurden.
Für Triebel sollte der Sedantag als Versöhnungsfest gefeiert werden. Zu diesem Zweck hatte er eine Rede ausgearbeitet, die diesen pazifistischen Leitzielen folgt. Diese Rede verstand er ausdrücklich als eine Art Musterrede, die von ähnlich denkenden Lehrkräften als Hilfsmittel benutzt werden könne. (Vgl. auch M2)
Triebel schildert zunächst sehr gefühlvoll das bange Hoffen der Daheimgebliebenen und ihre Sorgen um die Verwandten, die an der Front kämpfen. Er beschreibt die seelischen Probleme, die die Nachrichten vom Tod oder von Verwundungen auslösen. Nüchtern und unromantisch wird die Situation auf den Schlachtfeldern skizziert, um damit ein reales Bild vom Krieg und seinen Folgen zu übermitteln. Triebels Konsequenz ist klar: Kriege bringen ungeheures Unglück über Menschen und müssen daher beseitigt werden.
Er geht dann sehr positiv auf das Friedensmanifest des Zaren Nikolaus II. von 1898 und die daraus resultierende Haager Friedenskonferenz von 1899 ein. Triebels euphorische Sicht auf dieses Friedenskonferenz übersieht, dass die Ergebnisse doch eher als sehr bescheiden angesehen werden müssen. Völlig unbeachtet bleibt, dass es vor allem das Deutsche Reich war, das die Tagung blockierte und eine Begrenzung der nationalen Politik zugunsten friedenssichernder Vereinbarungen strikt ablehnte. Auch in diesem Text vertritt der Pazifist eine unkritische Haltung gegenüber den Regierungen und ihrer tatsächlichen Machtpolitik. Es mutet politisch naiv an. wenn er Wilhelm II. als „echten Friedenskaiser" bezeichnet.
Gleichwohl unterscheidet sich der Volksschullehrer Triebel vom üblichen militaristischen Ton seiner Kollegen und Kolleginnen - vor allem an den Gymnasien (12). So plädiert er erneut für ein internationales Schiedsgericht und die gegenseitige Zusammenarbeit der Nationen.
Edmund Triebel möchte mit seinen friedenspädagogischen Gedanken und seinem kosmopolitischen Ansatz Vorurteile abbauen und Feindbilder überwinden - ein deutlicher Kontrapunkt zur weit verbreiteten Kriegspädagogik.
M 1: Grundsätzliche friedenspädagogische Überlegungen Edmund Triebels
„Zunächst gilt es nach meinem Dafürhalten, unseren Kindern zu zeigen, dass das Heil der Menschheit in der Solidarität der Völker liegt. Ausgehen würde man dabei von dem Gedanken, dass die einzelnen Menschen in der Befriedigung ihrer Lebensbedürfnisse von einander abhängig, auf einander angewiesen sind und sich ergänzen. Schon vom zweiten Schuljahre ab kann in der Heimatkunde bei Besprechung der menschlichen Tätigkeiten dem Kinde zum Bewusstsein gebracht werden, wie viele Hände sich zu seinem Lebensunterhalte, zu seinem Wohle regen. (...)
Jedes wirtschaftliche Glück oder Unglück, welches dem einen Lande widerfährt, beeinflusst auch die anderen Länder in dieser oder jener Richtung, es ist ein Weltmarkt entstanden, von dem man früher nichts wusste.
Die Solidarität der Völker zeigt sich aber nicht blos im Austausch dieser Produkte, wir finden sie auch in der Welt des Geistes. Was je Großes und Schönes dem menschlichen Geiste sich offenbarte, was je Scharfsinn und Ausdauer ergründeten, was je Forschungstrieb und Heldenmut entdeckten, das ist zum Gemeingut aller Völker geworden. (...)
Wenn Betrachtungen solcher und ähnlicher Art im erdkundlichen, im geschichtlichen Unterricht, in der Volkswirtschaftslehre, wo solche eingeführt ist, angestellt werden, muss dann dem Kinde nicht von selbst die Ahnung kommen, dass die Völker nicht dazu bestimmt sind, sich zu bekämpfen, sondern sich gegenseitig zu fördern und zu ergänzen, dass die gesamte Menschheit eine große Familie bildet, muss sich ihm dann der Krieg nicht von selbst in seiner ganzen Verwerflichkeit und Verabscheuungswürdigkeit darstellen. (...)
Es könnte den Anschein haben, als sollte nach dem, was bisher gesagt wurde, die Erzeugung und Pflege der Vaterlandsliebe, in der wir bisher eine unserer schönsten und höchsten Aufgaben erblickten, aus der Schule verschwinden und in der Liebe zur Menschheit aufgehen. Nein, hochgeehrte Versammlung, es wird auch ferner unser Ziel sein, die Jugend für ihr Vaterland zu begeistern, ihr deutsche Treue, deutschen Sinn, deutsche Art, deutsche Sitten einzupflanzen, nur läutern, nur säubern wollen wir die Vaterlandsliebe von einigen Schlacken, die ihr noch anhaften. Diese Schlacken sind Hass und Missachtung gegen fremde Völker, wir wollen sie ersetzen durch Achtung und Wertschätzung der Nachbarn. (...)
Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass Theorie und Praxis des Unterrichtsbetriebes der Geschichte in ihrer Entwicklung gerade in den letzten Jahren um ein gut Stück vorwärts gekommen sind. Die Zeit ist wohl für immer vorbei, da das Wesen desselben in einer Wissensanhäufung von Namen und Daten aus der Kriegsgeschichte bestand, da er eine Marter für das Gehirn bildete und Herz und Gemüt leer ausgehen liess. (...)
Wir haben ja gegenwärtig eine stattliche Anzahl von Lehrbüchern, nach denen zu arbeiten Lehrern und Schülern eine Lust und Freude ist. Und doch haften ihnen nach meinem Dafürhalten noch zwei Mängel an. Diesselben bestehen darin, dass sie weniger das betonen, was die Völker eint, als das, was sie trennt, das ist der Krieg, und das was sie eint, ist die Kultur.
Nicht in erster Linie Kriegs-, sondern Kulturgeschichte, das ist der Wegweiser für den Gang der weiteren Entwicklung des Geschichtsunterrichts.
Der andere Mangel betrifft eine gewisse Einseitigkeit, eine gewisse Schönfärberei in der Darstellung zu Gunsten der eigenen Nation. ... Es ist ja so natürlich, so leicht begreiflich, dass, wie die Mutter ihr Kind für das beste, begabteste hält, der Geschichtsschreiber und Geschichtslehrer das eigene Volk im günstigsten Lichte erscheinen zu lassen und das andere in möglichst düsterer Farbe zu zeigen geneigt sind. Das aber wirkt nicht versöhnend, es schafft Erbitterung, Vorurteile, Hass, es schafft nationale Selbstüberhebung, nationalen Dünkel, nationale Eitelkeit. (...)
In zweiter Linie ist es unser Lesebuch, welches dem Lehrer die Gefahr nahe legt, einen falschen Patriotismus zu erzeugen. Verspottung, Geringschätzung. Verachtung gegen andere Nationen, insbesondere gegen das französische Volk, sind die Grundzüge gar mancher besonders poetischer Stoffe. (...)"
Quelle: EdmundTriebel; Was kann die Schule zur Förderung der Friedensbestrebungen beitragen? In: Sammlung pädagogischer Vorträge. Hrsg. von Wilhelm Meyer-Markau. Bd. X. Heft 11. Bonn, Berlin, Leipzig 1897. S. 271, 273-277. (Die Rechtschreibung wurde behutsam modernisiert)
M 2: Edmund Triebels Kritik an den Sedanfeiern
„Wieder naht der 2. September, und wieder werden in so manchen Erziehungsanstalten schwungvolle Reden über den 'Erbfeind' gehalten werden, der so glorreich niedergeworfen wurde, wird man mit Geringschätzung und Verachtung von unserem Nachbarvolke sprechen, wird man die Jugend begeistern für jenen herrlichen Krieg und sie zu jenem Tatendrang entflammen, der am liebsten gleich losschlagen möchte.
Ach, wie viel Tropfen Gift werden doch an diesem Tag alljährlich in die kindlichen Herzen geträufelt, wie viel von dem, was man sonst durch Unterricht und Erziehung mühsam aufgebaut hat an Nächstenliebe, an Achtung vor dem Menschenleben und der Menschenwürde, wird an diesem Tage grausam zerstört und vernichtet! Möchten doch alle Erzieher der schweren Verantwortung sich bewusst werden, wenn sie in dem Streben, Vaterlandsliebe zu erzeugen, zugleich Menschenhass predigen und Kriegsbegeisterung, d.h. Mordlust, wecken. Was nützt alle Friedenspropaganda unter den Erwachsenen, was nützen alle Bestrebungen, die öffentliche Meinung zu gewinnen, solange noch solche Keime in die jugendlichen Herzen gesenkt werden! Und solche Keime gehen auf, solche Eindrücke sind bleibend, sie lassen sich kaum je wieder verwischen. (...)
Gewiss wollen wir uns des schwer Errungenen freuen, aber warum denn immer und immer wieder die Schale des Zornes, vielleicht gar des Hohnes und Spottes über den Unterlegenen ausgießen, warum immer aufs neue Misstrauen und Groll gegen ihn säen und Vorurteile gegen ein Volk erzeugen, das der Kultur keine geringeren Dienste erwiesen hat als wir.
Soll der 2. September überhaupt noch gefeiert werden, dann möge er das Gepräge eines Versöhnungsfestes tragen, einer Feier, die nicht das, was uns trennt, sondern das, was uns eint, in den Vordergrund stellt, die da Abscheu vor dem Krieg erzeugt und Begeisterung erweckt für den schönen, großen Gedanken der Menschheitsfamilie. (...)
Meine lieben Schüler!
Der heutige Tag ist ein Tag freudiger, aber auch ernster Erinnerung. Ein Tag freudiger Erinnerung ist er für uns Deutsche, da, wie ihr ja wisst, der 2. September durch die Gefangennahme des Kaisers Napoleon und seines Heeres die Entscheidung des Krieges zu unseren Gunsten herbeiführte, ein Tag ernsten Gedenkens, da er uns an alle die Opfer erinnert, die dieser Krieg forderte, an all das Elend, den Jammer und das Unglück, die ein solcher im Gefolge hat. (...)
Es wäre doch viel schöner auf der Welt, wenn es gar keine Kriege mehr gäbe, wenn die Menschen vor so ungeheuerem Unglück bewahrt blieben, wenn die Völker in Frieden und Eintracht nebeneinander wohnten. So will es auch der liebe Gott haben. Ihr alle kennt ja den Spruch: 'Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen.' Bezieht sich dieses Wort zunächst auf euch und eure Geschwister daheim, so gilt es doch auch für alle Menschen in ihrem Verhältnis zu einander, alle sind Brüder und Schwestern, denn alle sind ja Gottes Kinder. Auch die Fürsten möchten ihre Völker gern vor solchem Unglück bewahren. Aus diesem Grunde richtete Kaiser Nikolaus von Russland vor 4 Jahren an die Regierungen aller größeren Staaten die Bitte,... Männer als Vertreter ihres Landes zu einer Konferenz entsenden, in welcher darüber zu beraten sei, wie in Zukunft die Kriege möglichst verhütet werden könnten. (...)
Dass es wünschenswert ist, den Krieg für immer beseitigt zu sehen, ist euch allen klar und einleuchtend, wenn ihr an das Elend denkt, das er über die Menschen bringt und das ich euch vorhin geschildert habe.
Wünschenswert ist es aber auch noch aus einem anderen Grunde. Die Völker sind nicht dazu bestimmt, sich gegenseitig aufzureiben und zu vernichten, sondern einander zu helfen und in ihrem Wohl zu fördern. Es braucht ein Volk das andere, eins ist auf das andere angewiesen, so wie die einzelnen Menschen sich gegenseitig unterstützen. (...)
Im Kriege heisst es 'Gewalt geht vor Recht', es sollte aber umgekehrt heisscn 'Recht geht vor Gewalt', und Recht soll eben ein Völkergerichtshof sprechen. (...)"
Quelle: Edmund Triebel: Schulrede zum Sedantage. In: Erziehe zum Frieden! Eine Mahnung an Eltern und Lehrer. Frankfurt/Main 1905. S. 56-62. (Die Rechtschreibung wurde behutsam modernisiert)
Anmerkungen:
(1) Vgl. Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 3: Von der „Deutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges. München 1995.
(2) Zur Geschichte der Friedensbewegung, vgl.: Karl Holl: Pazifismus in Deutschland. Frankfurt/Main 1988. Dieter Riesenberger: Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1933. Göttingen 1985. Roger Chickering: Imperial Germany and a World without War, The Peace Movement and German Society 1892-1914. Princeton 1975. Friedrich-Karl Scheer: Die Deutsche Friedensgesellschaft (1892-1933). Frankfurt/Main 1983.
(3) Vgl. Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd. IV. 1870-1918: Von der Reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Hg. von Christa Berg. München 1991.
(4) Vgl. Karlheinz Lipp: Friedenserziehung im Geschichtsunterricht des Kaiserreichs. Gedanken des Pirmasenser Lehrers Peter Herzog von 1897. In: Geschichte-Erziehung-Politik 8 (1997). S. 92-95.
(5) Über Leben und Werk Edmund Triebels konnten - auch durch eine Anfrage beim Staatsarchiv Gotha - kaum nähere Angaben ermittelt werden.
(6) Dieser Aufruf ist abgedruckt in: Die Friedens-Warte 1900. S. 69 f.
(7) Vgl. Fritz Schellack: Nationalfeiertage in Deutschland von 1871 bis 1945. Frankfurt/Main u.a. 1990.
(8) Vgl. Die Friedens-Warte 1899. S. 598
(9) Vgl. Die Friedens-Warte 1900. S. 129 f., 135 f., 140 f.
(10) Vgl. Rita Weber: Sedanfeiern. In: Arbeitsgruppe „Lehrer und Krieg" (Hg.): Lehrer helfen siegen. Kriegspädagogik im Kaiserreich mit Beiträgen zur NS-Kriegspädagogik. Berlin 1987. S. 203-250 (mit Materialien).
(11) Vgl. Die Friedens-Warte 1902. S. 27. Zum Verlauf der Gothaer Tagung vgl. Gothaisches Tageblatt vom 24., 25. und 26. Februar 1902.
Zur Gründung der Ortsgruppe Gotha vgl. Gothaisches Tageblatt vom 15. April 1896.
(12) Auch in Frankreich waren es vor allem Lehrkräfte an den Volksschulen, die friedenspädagogisch aktiv wurden. Vgl. hierzu Reinhold Lehmann: Die französischen Volksschullehrer als Schrittmacher der Friedensbewegung. Ludwigsburg 1922.
Karlheinz Lipp: „Dass es wünschenswert ist, den Krieg für immer beseitigt zu sehen.“ Der Friedenspädagoge Edmund Triebel und seine Kritik an den Sedanfeiern. In: Pädagogik und Frieden, Heft 3/4, 1999, S. 22-28.