Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1990 - 2000 / Susanne Lin: Lexikalisches Stichwort "Friedenserziehung" (1999)
Die Friedenserziehung soll zur Veränderung der Welt beitragen. Persönliche Gewaltbereitschaft soll abgebaut, Gewaltstrukturen in zwischenmenschlichen Beziehungen, in allen gesellschaftlichen Bereichen und in der Staatenwelt aufgedeckt und beseitigt werden.
Die Friedenspädagogik als Vermittlungsorgan zwischen Theorie (Friedens- und Konfliktforschung) und adressatenbezogener Praxis (Friedenserziehung) leistet durch eigene Theoriebildung und die Entwicklung von Lernmodellen ihren Beitrag zur Analyse und zum Umgang mit Konflikten und Gewalt auf individueller, gruppenspezifischer, national/gesellschaftlicher und auf internationaler Ebene. Als aktuelle inhaltliche Problemfelder gelten z.Zt. die "Neue Welt(un)ordnung", Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Gewalt gegen Minderheiten, Jugendgewalt, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Gewalt in den Medien.
Die historische Entwicklung der Friedenspädagogik verlief nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in sich überlappenden Phasen, die z.T. heute noch nebeneinander bestehen:
Die erste Phase, die "individualistisch-idealistische Friedenspädagogik" war gekennzeichnet durch einen individualistischen Erklärungsansatz: "Krieg beginnt in den Köpfen der Menschen. Die zweite Phase, ein politikwissenschaftlich orientierter Ansatz begriff Krieg als politisches Problem des Internationalen Systems. Die dritte Phase stand im Banne des inzwischen überwundenen Ost-West-Konfliktes, es entwickelte sich die Kritische Friedenspädagogik. Sie ging davon aus, daß die systemimmanenten, gesellschaftlichen Gewaltstrukturen westlicher Demokratien die internationale Abschreckungspolitik bedingten und erhielten. Diese "organisierte Friedlosigkeit" (Dieter Senghaas, 1970) auf der Makroebene wollte die Kritische Friedenspädagogik über die Ausbildung eines "radikalkritischen Bewußtseins" der Individuen auf der Mikroebene überwinden. Zum inhaltlichen Instrumentarium gehörten der negative und der positive Friedensbegriff, sowie der direkte, strukturelle, kulturelle Gewaltbegriff von Johan Galtung. In den friedensbewegten 80er Jahren entwickelten sich daneben aktionsorientierte Ansätze im Zusammenhang mit dem Entstehen der Friedensbewegung (NATO-Doppelbeschluß am 12.12.79) und den "neuen sozialen Bewegungen". Auch die ökologische Problematik wurde im Sinn eines umfassenden Abbaus von Gewalt gegen die Natur in die Zielkonzeption eines Ökopax aufgenommen. In der vierten Phase nach 1989 wurde die inhaltliche Fixierung der Kritischen Friedenspädagogik auf den Ost-West-Konflikt sichtbar. Das Paradigma der "organisierten Friedlosigkeit" musste überdacht werden.
Die Friedenspädagogik diskutiert ihre Konzepte heute angesichts der veränderten Weltsituation und globaler Gefährdungen. Aus friedenspädagogischer Sicht sollten fünf Grundprinzipien bei der Weiterentwicklung des Konzeptes "Globales Lernen" eine zentrale Rolle spielen: Globale Gefährdungen der Gegenwart sollten als Bezugspunkte dienen, innovatives Lernen ermöglicht, vernetztes Denken vermittelt, zum solidarischen Lernen ermutigt und zur gewaltfreien Konfliktaustragung befähigt werden. - Friedenserziehung in der Schule kann sich auf internationaler, nationaler und auf der Ebene einzelner Landesverfassungen auf normative Grundlagen berufen. Menschen haben einen Anspruch auf Friedenserziehung. Friedenserzieherisches Lernen wird als soziales und politisches Lernen verstanden: Soziales Lernen als Umsetzung des "pädagogischen Prinzips", "Herrschaftsstrukturen" ab-, Partizipation und Mitbestimmung aller am Schulleben Beteiligten aufzubauen. Das (friedens-) politische Lernen soll "schlüsselthemenorientiert" gestaltet werden.
Lit.:
Gugel, G./Jäger, U. (1994): Gewalt muß nicht sein, Tübingen;
Senghaas, D. (1995): Den Frieden denken, Ffm;
Vogt, W.R. (1995): Frieden als Zivilisierungsprojekt, Baden-Baden.
Susanne Lin 1999, Stichwort "Friedenserziehung" in: Handwörterbuch Umweltbildung, hrsg. v. Oskar Brilling/Eduard W. Kleber. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren., 68-70.