Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1990 - 2000 / Hans Nicklas: Veränderungen in der Weltgesellschaft und neue Aufgaben der Erziehung zur Friedensfähigkeit. (1991)
Die sich überstürzenden politischen Ereignisse der letzten Jahre deuten an, daß wir uns in einer Phase politischen und gesellschaftlichen Umbruchs befinden. Dabei scheinen die Auflösung des sozialistischen Lagers des Ostblocks, das unbezweifelbare Ende des Ost-West-Konflikts und die deutsche Vereinigung nur die äußeren - freilich wichtigen - Anzeichen eines tiefgreifenden, gleichsam bis in die Schichten des politischen Urgesteins reichenden Veränderungsprozesses zu sein. Thomas S. Kühn hat in seinem Buch "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen« ein Entwicklungsmodell von Wissenschaft gezeichnet" (Kühn 1973). Der übliche Verlauf wissenschaftlichen Fortschritts ist der des Ansammelns und Aggregierens von Wissen. Der Verlauf dieser normalwissenschaftlichen Entwicklung ist kontinuierlich und linear. Aber dann gibt es Knoten und Gelenkstellen, die »wissenschaftlichen Revolutionen«, in denen das Gebäude der Wissenschaft umgestürzt wird und das traditionelle Paradigma durch ein neues ersetzt wird. Kopernikus oder Einstein - um zwei Beispiele zu nennen - bedeuten solche Revolutionierungen des wissenschaftlichen Weltbildes. Wenn wir dieses Entwicklungsmodell auf die gesellschaftlich-politische Entwicklung übertragen: Befinden wir uns an einer solchen Knoten- und Gelenkstelle der Geschichte? Sind die Veränderungen in Europa beschreibbar als ein politischer Paradigmawechsel im Sinne Kuhns, als eine »politische Revolution«?
Der europäische Boden ist getränkt mit Blut, es gibt keine Landschaft, keine Stadt, die nicht verbunden wäre mit dem Namen einer Schlacht Das Beinhaus in Verdun ist das Symbol für Jahrhunderte europäischer Geschichte. Nicht zu zählen sind die Kriege in Europa: zwischen England, Frankreich, Spanien, Deutschland ... Heute sind solche Kriege nicht mehr denkbar. Diese Entwicklung ist für historische Prozesse in großer Schnelligkeit vor sich gegangen. Man bedenke nur, daß noch für unsere Großeltern, unsere Eltern der Gegensatz zwischen Deutschland und Frankreich, der »Erbfeind« Frankreich, gleichsam eine Naturkonstante ihres Denkens war.
Noch bis in die siebziger Jahre konnte man diese Befriedung West- und Mitteleuropas interpretieren als Folge des Ost-West-Konflikts. Aber spätestens in den achtziger Jahren wurde deutlich, daß es nicht nur der äußere Feind war, der den Frieden zwischen den europäischen Staaten herstellte. Das Neue im zwischenstaatlichen Verkehr in Europa ist der Ausschluß der Gewalt im Verkehr zwischen den europäischen Staaten und die unbezweifelbar angewachsene Fähigkeit zur diskursiven Konfliktlösung – denn Konflikte gibt es weiterhin.
Vorreiter in dieser Entwicklung waren die nordischen Staaten, die, wie Mitteleuropa bis ins 19. Jahrhundert, in erbitterter Feindschaft sich bekriegt hatten. Schweden hat seit 1848 keinen Krieg mehr geführt, und die Neutralitätsregeln der drei nordischen Staaten von 1912 bekräftigen diesen Zustand des Friedens.
Die Auflösung des Ostblocks, das Ende der sozialistischen Diktaturen und der Beginn einer demokratischen Entwicklung in der Sowjetunion und den osteuropäischen Staaten läßt hoffen, daß auch sie in diese neue Sicherheitsordnung eintreten werden. Probleme gibt es genug, und es ist nicht sicher, ob es auf diesem Weg nicht noch zu Katastrophen kommt. Aber die große Entwicklung dürfte - trotz denkbarer Rückfalle - nicht aufzuhalten sein. Zu stark ist der Wille der Bevölkerung der osteuropäischen Staaten, dem neuen Europa anzugehören - und das ist nicht nur der Wunsch nach dem Wohlstand der EG-Staaten.
Es gibt verschiedene Entwicklungsstränge, die diese Fähigkeit von Staaten, ihre Konflikte nicht mehr mit Waffen, sondern diskursiv auszutragen, befördert haben.
Besteht also die Hoffnung auf das Ende der Universalität des Krieges in Europa? Die Vorstellung einer Welt ohne Krieg bereitet uns Schwierigkeiten. Der Blick in die Geschichte zeigt uns, daß Krieg eine ubiquitäre Verhaltensweise von Menschen war. Aber auch die gegenwärtigen kriegerischen Auseinandersetzungen in verschiedenen Regionen der Welt lassen keinen Optimismus auf ein Ende der kriegerischen Gewalt aufkommen.
Andererseits hat uns die Kulturanthropologie gezeigt, daß der Krieg keineswegs in der Natur des Menschen verankert ist, sondern ein historisches Phänomen und damit abschaffbar ist.
Der Krieg ist eine soziale Erfindung der Menschen, so wie das Rad. Diese Erfindung wurde mehrfach gemacht, und die meisten Kulturen, wenn wir in die Geschichte der Menschheit zurückblicken, sind in ihrem Besitz. Aber es gibt, wie die Kulturanthropologie gezeigt hat, Kulturen ohne Krieg.
Kann man von einem Prozeß der Zivilisierung der Menschen und Völker in Europa sprechen, wie dies Norbert Elias getan hat? Hat die wachsende Interdependenz, also das immer stärkere Aufeinander-Angewiesen-Sein, einen Prozeß in Gang gesetzt, der die Menschen in ihrem Triebhaushalt und ihrem Verhalten »zivilisierter«, d.h. auch friedlicher gemacht hat? Im Vergleich zur Kriegsbegeisterung von 1914 hat sich in Europa ein Wandel der Einstellung zu Krieg und Gewalt in den zwischenstaatlichen Beziehungen vollzogen, der außerordentlich tiefgreifend ist. Der Krieg gilt für viele Menschen nicht mehr als selbstverständliches Mittel zur Durchsetzung nationaler Interessen wie am Anfang dieses Jahrhunderts.
Die Europäische Gemeinschaft ist eine Zone stabilen Friedens geworden. Ein Krieg, ja schon die Androhung militärischer Gewalt ist hier undenkbar geworden. Und es besteht die Hoffnung, daß die Staaten Osteuropas sich dieser Friedensordnung anschließen und ein friedliches Gesamteuropa entsteht.
Es ist ein jahrhundertelanger Zivilisationsprozeß gewesen, der zu dieser Insel des Friedens geführt hat. In frühen menschlichen Gesellschaften wird die Anwendung kriegerischer Gewalt als natürlich und legitim betrachtet. Der Krieg gehört zu den Mitteln, die Menschen in ihrem Überlebenskampf bedenkenlos einsetzten.
Der Krieg ist eine spezifische Form der Problemlösung, die Menschen anwenden. Deshalb ist die Funktion des Krieges unterschiedlich, je nach der historischen Phase der Entwicklung. In der vorindustriellen Zeit war der Krieg vorwiegend ein Instrument zur Eroberung, Aneignung und Verteidigung gesellschaftlicher Reichtümer. Norbert Elias schreibt: »Für alle naturalwirtschaftenden Kriegergesellschaffen - und nicht nur für sie - ist das Schwert ein sehr naheliegendes, ein unentbehrliches Mittel zum Erwerb von Produktionsmitteln und die Gewaltandrohung ein unentbehrliches Mittel der Produktion.« (Elias 1969: 205f.)
In einem erbarmungslosen Kampf um das Überleben zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen entstehen größere gesellschaftliche Einheiten von der Sippe, dem Clan über den Stamm schließlich der Staat. Max Weber hat den Endpunkt dieser Entwicklung beschrieben: den modernen Territorialstaat, dessen historische Leistung die Herstellung des Friedens in seinen Grenzen durch die Errichtung des alleinigen Gewaltmonopols des Staates ist. Dieser Prozeß hat Jahrhunderte gedauert. Das exklusive Recht des Staates auf Gewaltanwendung mußte durchgesetzt werden gegen den Willen lokaler Herrscher, die kriegerische Mittel immer dann einsetzten, wenn es ihnen zum Zwecke der Machterweiterung und des Machterhalts zweckmäßig erschien.
Die Monopolisierung der Gewalt in der Hand des Staates stellte eine innerstaatliche Friedenspflicht her. Es war ein säkularer Prozeß, bis das exklusive Recht des Staates auf die legitime Anwendung der Gewalt erreicht wurde, und es dauerte wiederum Jahrhunderte, bis der Staat selber in seinem Recht, Gewalt gegen seine Untertanen anzuwenden, durch Gesetz und Recht eingegrenzt wurde. Denn die Konzentration aller Macht ließ zunächst einen Moloch Staat entstehen, der dem einzelnen Menschen zwar Sicherheit gewährte, aber nun seinerseits als unumschränkter Herrscher die Menschen bedrohte, sie einkerkerte und tötete. Die Durchsetzung des Prinzips der Volkssouveränität und des Rechtsstaates waren die Etappen auf diesem Weg.
Gleichzeitig mit dieser Herausbildung immer größerer staatlicher Einheiten und der Nationalstaaten entsteht das »Maschinenwesen«, wie es Goethe genannt hat, und die industrielle Gesellschaft Beide Entwicklungen bedingen und fördern sich wechselseitig. Die sich entwickelnde Industrie und der damit verbundene Warenhandel erfordert größere territoriale Einheiten, und die großen Staaten in Europa - zunächst England und Frankreich - fördern und beschleunigen die industrielle Entwicklung.
Die Entstehung der großen Industrie im 19. Jahrhundert in Europa läßt die Produktivkräfte ins Ungemessene wachsen. Die Entwicklung des Kapitalismus eröffnet, wie es Karl Marx formulierte, die »Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums«.
Wurde nicht durch diese Entwicklung der Krieg dysfunktional? War es nicht sehr viel rentabler, den Reichtum eines Volkes durch industriellen Fleiß zu vermehren als durch Raub und Eroberungskriege? Die frühen Denker der industriellen Gesellschaft: Saint-Simon, Comte und Spencer haben auf diesen Widerspruch zwischen dem Zeitalter der Industrie und den - wie sie glaubten - atavistischen Phasen kriegerischer Gesellschaften hingewiesen. Ihre These war, daß die Maschine ein viel geeigneteres Instrument zur Mehrung des Wohlstandes eines Volkes sei als die Waffe und deshalb das »industrielle Leben anstelle des kriegerischen« träte, wie Auguste Comte es formulierte (Wachtler 1983, 35). Saint-Simon sieht im Militär eine Institution, die nur noch für eine kurze Übergangsphase die »nützliche Tätigkeit« wahrzunehmen habe, die Entfaltung der industriellen Gesellschaft vor »Störungen« von innen und außen zu schützen, danach aber müßte an die Stelle der »parasitären Klasse« der Aristokratie, des Klerus und eben auch des Militärs als Träger der alten, überholten Ordnung die »produktive Klasse« der Industriellen, Wissenschaftler, Handwerker und Arbeiter als Vertreter der neuen Ordnung treten (Vogt 1988,433f.).
Saint-Simon und Comte sahen in ihrem ungebrochenen Fortschrittsglauben nicht, daß sich die neue industrielle Gesellschaft, von der sie den Frieden erhofften, in Nationalstaaten organisierte und daß Militär und Krieg im Europa der Nationalstaaten eine neue Funktion gewannen: die des Kampfes um Ressourcen und Märkte für die große Industrie, daß eine unheilige Allianz zwischen Industrie und Militär entstand, ein »militärisch-industrieller Komplex«, um den späteren Begriff zu verwenden. So wurden die großen Industrien Schneider-Creosot in Frankreich und Krupp in Deutschland zugleich die Symbole des Krieges.
Inzwischen ist die Entwicklung der Kriegstechnik weitergegangen, und der Widerspruch zwischen industrieller Gesellschaft und Krieg wird immer größer. War Krieg im 19. Jahrhundert ein begrenzter Kampf zwischen Kombattanten, bei dem die zu erwartenden Verluste in einem kalkulierbaren Verhältnis zu den zu erwartenden Gewinnen standen, so wurde spätestens im Ersten Weltkrieg deutlich, daß kein Staat im Krieg mehr etwas gewinnen konnte.
Die Entwicklung der Kriegstechnik hat die Kosten der kriegerischen Aneignung von Ressourcen ins Unermeßliche wachsen lassen. Das Argument, daß die Entwicklung der Kriegstechnik dem Krieg ein Ende machen würde, ist alt. So glaubte schon Nobel, daß seine Erfindung des Dynamits dem Krieg ein Ende setzen würde. Aber bisher wurden diese Hoffnungen immer wieder durch die Realität widerlegt.
Inzwischen ist die Inkompatibilität zwischen der modernen Industriegesellschaft und dem Krieg noch größer geworden. Die Waffenentwicklung der letzten fünfzig Jahre hat Zerstörungsmittel entstehen lassen, die finalen Charakter gewinnen. Die Kriegsgegner können sich wechselseitig vernichten, und ein globaler kollektiver Selbstmord der Menschheit ist in den Bereich des Möglichen gerückt.
Auch sind moderne Gesellschaften durch ihre hochdifferenzierte Arbeitsteilung und Vernetzung nicht mehr fähig, Krieg zu führen. Die verschiedenen Bereiche der Produktion und Reproduktion sind so verletzlich, daß deshalb moderne Gesellschaftssysteme unter den gegebenen Bedingungen strukturell kriegs- und verteidigungsuntauglich sind. (Vogt 1986)
Die Kriege des 19. Jahrhunderts waren Kriege der Nationalstaaten. Die Französische Revolution als Geburtsstunde des modernen Nationalstaats ist zugleich die Geburtsstunde des modernen Krieges, der nicht mehr Krieg von Söldnerheeren ist, sondern von Heeren, deren Basis die allgemeine Wehrpflicht ist.
Der Nationalstaat ist nun in Europa der Erosion ausgesetzt. So wie die Ökonomie bei der Entstehung der Nationalstaaten eine zentrale Rolle hatte, so ist es jetzt die Ökonomie, die seine Auflösung befördert. Zunächst ist es die Verflechtung der Industrie, die keine nationalen Grenzen mehr kenn! So wie der Zollverein dem Deutschen Reich, so geht die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft der Europäischen Gemeinschaft voraus. Die erste Stufe der Globalisierung der Industrie war der nationale Konzern, der im Ausland Filialen oder Zweigbetriebe errichtet. Die nächste Stufe, den multinationalen Konzern, zeichnet eine ausgeprägte Wirtschaftstätigkeit in verschiedenen Staaten aus. Der internationale Konzern kann schließlich keiner Volkswirtschaft mehr zugerechnet werden. Er besitzt ein weltweites Netz von Forschungs- und Entwicklungs-, Produktions- und Vertriebsstandorten. Aber viel nachdrücklicher und wirksamer als die Internationalisierung der Produktion und des Vertriebs hat die Verallgemeinerung der Konsummuster die nationalen Unterschiede eingeebnet Die Warenhäuser Europas sind ununterscheidbar geworden: Mit den gleichen Verkaufsstrategien, von den gleichen Werbeagenturen gestaltet, werden die gleichen Waren an Konsumenten mit dem gleichen Geschmack gebracht. Es entsteht eine gemeinsame europäisch-amerikanische Konsumkultur von beängstigender Uniformität.
Aber auch in allen anderen Sektoren schreitet die Verflechtung der europäischen Staaten voran: Die Informationsströme werden immer dichter, der grenzüberschreitende Verkehr und der Auslandstourismus nehmen von Jahr zu Jahr zu, der kulturelle Austausch, nicht nur in der Schlagerbranche, vollzieht sich nahezu verzögerungsfrei.
Diese Entwicklung durchlöchert die Grenzen in Europa, die bald keine mehr sein werden. Freilich gibt es auch Gegenbewegungen, von denen noch zu sprechen sein wird.
Es scheint ein Gesetz des vorauseilenden Denkens zu geben. Marx hatte die Auffassung vertreten, daß die Menschen erst dann neue Lösungen denken könnten, wenn die Mittel zu ihrer Realisierung vorhanden seien. Aber die historische Erfahrung zeigt, daß der Gedanke der Möglichkeit seiner Realisierung vorauseilt. Die Analysen von Saint-Simon und Comte sind richtig, es gibt eine Inkompatibilität von industrieller Gesellschaft und Krieg. Aber die Realität holt in Europa erst heute ihr Denken ein. Erst die nationale Grenzen überschreitende Verflechtung und Vernetzung der Industrie in Europa hat die Hoffnungen der Denker der frühen industriellen Gesellschaft erfüllt.
Der Prozeß der Zivilisierung hat die Legitimation des Krieges schwinden lassen. Dies ist sehr deutlich in den westeuropäischen Gesellschaften wahrnehmbar, aber auch in den Gesellschaften Osteuropas.
Die Auffassung, daß militärische Mittel eine angemessene oder auch nur mögliche Form der Problemlösung darstellen, ist in Europa kaum mehr vertretbar. Auch die Vorstellung der Sicherung des Friedens durch »Abschreckung« hat vor allem für junge Menschen wenig Überzeugungskraft. Wie soll der Frieden durch perfekte Vorbereitung des Krieges erreicht werden? Viele Menschen sind nicht mehr von »si vis pacem para bellum« überzeugt, sondern sind schlicht der Meinung, daß, wenn man den Frieden wolle, man nicht rüsten, sondern abrüsten müsse. Die Galtungsche Definition, daß Frieden nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern auch die von Gewalt bedeutet, hat eine breite Akzeptanz gewonnen.
Das wird beispielsweise an der ständig wachsenden Zahl der Kriegsdienstverweigerer in der Bundesrepublik deutlich. Selbst die Schweiz ist von diesem Erosionsprozeß der Institution des Militärs ergriffen. Am 26. November 1989 sprach sich ein Drittel der Stimmbürger des Landes dafür aus, die Schweizer Armee ersatzlos abzuschaffen.
Das Schwinden der Legitimation für Rüstung und Militär ist Teil eines vielfältigen Wertwandelsprozesses, der etwa deutlich wird an den neuen sozialen Bewegungen, die nicht mehr, wie in der Anfangszeit der Bürgerinitiativbewegung, Einpunktbewegungen sind, sondern einen neuen Werthorizont reklamieren. Jürgen Habermas hat zu recht darauf hingewiesen, daß es den Bürgerinitiativen, Alternativbewegungen, den neuen sozialen Bewegungen insgesamt um eine neue »Grammatik von Lebensformen« geht (Habermas). Diese neue Grammatik von Lebensformen kennt Krieg und Gewalt als Problemlösungsmuster nicht. Wenn es ein Gemeinsames bei den neuen sozialen Bewegungen gibt, dann ist es eine generell veränderte Einstellung zur Gewalt. Für alle Gruppen der »neuen« Politik ist charakteristisch, daß sie die Beziehungen zwischen Menschen und die Beziehungen der Menschen zur Natur unter dem Aspekt der Verringerung von Gewalt sehen. Die Ökologiebewegung fordert, daß das bisherige Verhältnis einem partnerschaftlichen Verhältnis weichen soll. Der Mensch soll die Natur nicht mehr als Ausbeutungsobjekt, über das er frei verfügen kann, betrachten, sondern seine Stellung als Teil des ökologischen Systems begreifen. Für die neue Frauenbewegung sind die bisherigen Beziehungen zwischen den Geschlechtern Gewaltbeziehungen; sie sollen durch gleichgewichtige Beziehungen ersetzt werden. Für Alternativbewegungen ist das Votum für eine »sanfte Technologie« charakteristisch. Die Ablehnung der Großtechnik, von Hochhäusern und Betonarchitektur in den Städten und auch die Ablehnung der Atomenergie sind unter dem Aspekt der Minimierung von Gewalt zu begreifen. Die Produkte menschlichen Fortschritts werden als Teile eines Systems der Gewalt verstanden, das die Menschen daran hindert, ein humanes Leben zu führen. Die angestrebten Ziele der verschiedenen Gruppen stimmen in einem Punkt überein: Ziel ist eine Gesellschaft mit weniger Gewalt. Dieser Prozeß scheint irreversibel zu sein.
Wir haben bisher von Europa gesprochen, von der Entwicklung, die hier zu einer Zone des Friedens geführt hat. Aber global gesehen ist diese Zone des Friedens nur eine Insel. In anderen Regionen der Welt herrscht die Neigung, Gewalt als politisches Mittel zur Durchsetzung welcher Interessen auch immer einzusetzen, ungebrochen fort. In einigen Bereichen scheint diese Neigung, Gewalt als einfaches und probates Mittel zur Losung von Konflikten einzusetzen, noch anzuwachsen.
Wie stehen die Chancen, daß der Prozeß der Zivilisierung nicht auf Europa beschrankt bleibt, sondern sich weltweit durchsetzt?
Allgemein lassen sich die Faktoren, die aus Europa eine Insel des Friedens gemacht haben, in dem Trias: Bildung, Wohlstand und Demokratie beschreiben. Die drei Faktoren scheinen zusammenzuhängen und sich wechselseitig zu bedingen. Der Wohlstand sollte dabei nicht pejorativ gesehen werden, wie es bei denen Mode geworden ist, die in ihm leben. Wohlstand meint, daß Menschen sich in einer Situation befinden müssen, die ihnen überschießende Energie läßt, freie Kraft für offenes Denken, Phantasie und Kreativität - Voraussetzungen, die notwendig sind, um neue Formen des menschlichen Zusammenlebens zu entwickeln.
Menschen haben über Jahrhunderte alle ihre Energie einsetzen müssen im Kampf um das pure Überleben. Widerpart war dabei die Natur, die erst zum harmonischen Gegenbild zur Zerrissenheit des Menschen werden konnte, als ihre Schrecken (Dürre, Hungersnöte, Brände, Seuchen) gebannt waren. Freie Energien sind notwendig zum Denken, das Freud »Probehandeln« genannt hat.
Bildung ist die zweite, unhintergehbare Voraussetzung für die Möglichkeit, gewaltfreie Konfliktlösungsmöglichkeiten zu entwickeln. Gewaltförmige Lösungen sind einfach und wirksam (sofern man der Stärkere ist). Bei diskursiven Lösungen muß man sich dagegen auf das Verhandeln verlegen, einen Interessensausgleich oder -Kompromiß zu finden. Das ist in der Regel ein langwieriger und zeitraubender Prozeß, dessen Schneckengang manchmal zu Recht, aber oft zu Unrecht kritisiert wird. Er wird umso schwieriger und langwieriger, je mehr Interessen in die Lösung eingehen sollen.
Die Demokratie als dritte Voraussetzung für die Möglichkeit friedlicher Gesellschaften und Staatengesellschaften hat als einziges Organisationsprinzip des menschlichen Zusammenlebens Wege zur diskursiven Konfliktlosung eröffnet. Der »herrschaftsfreie Diskurs« (Habermas), in dem alle Beteiligten ihre Wünsche und Bedürfnisse einbringen können, kann als Kern verwirklichter Demokratie gelten, so kontrafaktisch diese Vorstellung auch sein mag. Die Möglichkeit eröffnet zu haben, Konflikte auf andere Weise zu lösen als durch Gewalt, ist die große historische Leistung der Demokratie.
Der Prozeß der Durchsetzung dieses Trias war in Europa ein schmerzhafter, von Konflikten und Gewalt gezeichneter Weg. Allein die Etablierung des allgemeinen Wahlrechts dauerte nahezu ein Jahrhundert. Auch sind in Europa Wohlstand, Bildung und Demokratie noch keineswegs so weit verwirklicht, wie es die Entwicklung der Produktivkräfte zuließe. Trotz des großen Wohlstands der industriellen Gesellschaften gibt es noch große Gruppen in den europäischen Staaten, die davon ausgeschlossen sind. Auch gleiche Bildungschancen sind noch lange nicht erreicht, obwohl schon Humboldt gleiche Bildung für alle forderte.
Weltweit sind diese drei Voraussetzungen für Friedensfähigkeit nur in wenigen Bereichen vorhanden. Sie gleichen kleinen Inseln in einem Meer der Armut, der mangelnden Bildung und der nicht entwickelten Demokratie.
Es stellt sich eine weitere Frage: Kann man den Völkern der Dritten Welt den europäischen Weg, der zu Wohlstand, Bildung und Demokratie - und letztlich auch zum Frieden - geführt hat, anempfehlen? Es ist uns beute nicht mehr möglich, den Weg der westlichen Zivilisation ungebrochen als Fortschritt zu verstehen. Horkheimer und Adorno haben in der »Dialektik der Aufklärung« gezeigt, wie in der Aufklärung selber ihr Umschlag in die Barbarei angelegt ist (Horkheimer/Adorno 1947). Ich möchte nur auf zwei Aspekte hinweisen, die es uns verbieten, den Weg der europäischen Kultur zu glorifizieren.
Zunächst zum Problem der Gewalt. Zwar hat der Prozeß der Zivilisation die direkte Gewalt aus unserem Leben verdrängt. Aber kehrt sie nicht auf eine verborgene Weise wieder, so wie die verdrängten Triebe in unserer Psyche an anderer Stelle unvermutet wiedererscheinen? Johan Galtung hat auf die strukturelle Gewalt hingewiesen, die gleichsam in die Strukturen unserer Gesellschaft eingewandert ist (Galtung 1975). Diese Gewalt, die sich nicht so spektakulär äußert wie die Gewalt der Waffen, vermag in gleicher Weise Menschen zu quälen, zu verletzen und zu töten.
Der zweite Aspekt, auf den ich hinweisen möchte, ist die Zerstörung der Natur, die uns die Dialektik des Fortschritts auf dramatische Weise vor Augen führt. Der wissenschaftlich-technische Prozeß, der den Wohlstand unserer Gesellschaft schuf, droht uns gleichzeitig die Basis des Lebens zu nehmen.
Die Kehrseite europäischen Geistes und europäischer Zivilisation ist nicht nur die hemmungslose Ausbeutung der Natur, sondern auch der Kulturimperialismus, der sich in der rücksichtslosen Zerstörung fremder Kulturen zeigt. Die wissenschaftlich-technische und die soziale Utopie des europäischen Geistes haben die Welt auf eine fatale Weise erobert. »Religionen, Kulturen und Ökosysteme, die sich ihrem Fortschreiten nicht fügen, werden erbarmungslos niedergewalzt. Europa selbst mußte den Triumph seiner Ideen mit dem Verlust seiner früheren Vormachtstellung bezahlen. Es ist zum Opfer seines eigenen Fortschritts geworden und befindet sich in einer kulturellen Krise, die uns veranlassen sollte, die Gesamtheit jener Prämissen, von denen die neuzeitliche Geschichtsphilosophie getragen war, zu überprüfen.« (Picht 1980,376)
Der Ost-West-Konflikt war in den achtziger Jahren für uns handhabbar geworden, seine Fronten strukturierten die Welt, und er hat gewaltsame Konflikte in anderen Weltregionen eingedämmt. An die Stelle dieser Bipolarität der Weltpolitik ist jetzt eine globale »neue Unübersichtlichkeit« (Habennas) getreten. Neue Fronten und Gräben haben sich aufgetan, ein neuer Konflikttypus tritt in den Vordergrund, der mit dem traditionellen Ausdruck »Bürgerkrieg« nur unzureichend umschrieben ist Die Auseinandersetzungen entzünden sich an Problemen der Ethnien, der Nationalitäten und der Religionen, es werden Verteilungs- und Vorherrschaftskämpfe ausgetragen. Solche Konflikte gibt es freilich in Europa schon lange. Es sei nur an den Nordirland- oder den Südtirol-Konflikt erinnert. Aber mit der Schwächung der Nationalstaaten in Europa und dem Zerfall des Ostblocks werden sie vermutlich die typischen Konflikte der Zukunft in Europa sein. In den Ländern der Dritten Welt werden diese Konflikte, hervorgerufen durch ungleiche Entwicklungschancen, Disparitäten im Modernisierungsprozeß und ethnischen oder religiösen Fanatismus sich in Zukunft wahrscheinlich verstärken.
In der Dritten Welt wird es neben diesem Konflikttypus weiter Kriege zwischen Staaten geben - sei es als Folge einer nachholenden Bildung von Staaten oder zwischen rivalisierenden Staaten. »Libanonisierung« oder »Balkanisierung« sind die Stichworte für mögliche Entwicklungen in verschiedenen Regionen der Welt.
All dies hat Europa vom 18. bis ins 20. Jahrhundert durchgemacht. Das Neue an den Regionalkonflikten in der Dritten Welt ist, daß sie nicht mit den Waffen des 18. und 19. Jahrhunderts wie bei den europäischen Staaten ausgekämpft werden, sondern mit modernsten Waffen - vielleicht in Zukunft sogar mit Atomwaffen.
Aber es gibt auch positive Entwicklungen im internationalen System, die - wenn auch bescheidene - Hoffnungen erlauben. Es zeigt sich, daß nicht nur in Europa, sondern weltweit ein Erosionsprozeß der Legitimation des Krieges zu konstatieren ist. Das wird beispielsweise an der Entwicklung des Völkerrechts sichtbar. Man muß sich ins Gedächtnis rufen, daß im 18. und 19. Jahrhundert unbestritten war, daß der Krieg als legitimes Mittel der internationalen Politik zu gelten hat. Aufgabe des Völkerrechts war es, den Modus der Austragung des Krieges zu regeln und insbesondere den Friedensschluß zu einem Rechtsakt zu machen. Seit Ende des Ersten Weltkriegs hat sich mehr und mehr die Auffassung durchgesetzt, daß es eine Friedenspflicht der Staaten gibt.
Diese Entwicklung, die durch die Aufklärungsphilosophie und in Deutschland durch Kants Schrift zum »Ewigen Frieden« vorbreitet wurde, führte zu der Haager Landkriegsordnung, in der bestimmte Waffen, die als besonders grausam galten, verboten wurden, zum eingeschränkten Kriegsverbot in der Satzung des Völkerbundes, zur Ächtung des Krieges im Briand-Kellogg-Pakt von 1928. Heute ist unbestritten, daß es kein Recht der Staaten auf Krieg mehr gibt. In der Satzung der Vereinten Nationen heißt es: »Alle Mitglieder legen ihre internationalen Streitigkeiten durch friedliche Mittel so bei, daß der Weltfriede, die internationale Sicherheit und die Gerechtigkeit nicht gefährdet werden.« (Art. 2, Ziff. 3)
Diese Entwicklung des Völkerrechts und der darin deutlich weidende Bewußtseinswandel in bezug auf die Einschätzung des Krieges hat freilich keine Entsprechung im Verhalten der Staaten gefunden. Das völkerrechtliche Problem, für das es bislang noch keine Lösung gibt, ist die Frage, wie diese Friedenspflicht durchgesetzt werden kann. Was geschieht mit dem Regelbrecher? Oder anders formuliert: Wie kann verhindert werden, daß der Aggressor siegreich bleibt? (Kimminich 1989,163)
Der Völkerbund und die Vereinten Nationen sind bisher an diesem Problem gescheitert. Freilich gibt es in der jüngsten Entwicklung deutliche Signale für eine stärkere Wirksamkeit der UN. Dies deutete sich schon in den Jahren vor dem Golf-Konflikt an. Die Vereinten Nationen haben offensichtlich neue Handlungsmöglichkeiten gewonnen, die es weiterzuentwickeln gilt Der Golf-Konflikt macht einerseits auf bestürzende Weise deutlich, wie verfrüht die Hoffnung auf eine neue Friedensordnung jenseits der Grenzen Europas ist. Andererseits aber mobilisiert er die Kräfte, die den Prozeß der Befriedung der Welt voranbringen könnten.
Die tiefgreifende Wandlung des Völkerrechts hin zur Ächtung des Krieges ist - trotz abweichenden Verhaltens der Völkeirechtssubjekte in der Realität - keine bloße Rhetorik. Die Hoffnung, daß der Übergang zu einer »neuen Friedensordnung« durch die Fortentwicklung des geltenden Völkerrechts gelingen könnte, ist, wie Otto Kimminich schreibt, nicht unbegründet (Kimminich 1989, 168).
Nur dürfte der Prozeß der Globalisierung, also der Ausdehnung des Völkerrechts als Verhaltensmaxime auf die ganze Welt, länger dauern, als wir hoffen. Auch hier scheint die Regel des vorauseilenden Gedankens zu gelten.
Für die Herstellung des Friedens in Europa war wesentlich das immer dichter werdende Netz der ökonomischen, politischen und kulturellen Beziehungen zwischen den Staaten. In vielen anderen Regionen der Welt sind diese Interdependenzen noch zu schwach ausgebildet und asymmetrisch. Die Handelsströme gehen an den Ländern der »Dritten Welt« vorbei, und nur einigen Schwellenländem gelingt es, am Welthandel teilzunehmen. Für die meisten armen Länder sind die wirtschaftlichen Beziehungen zu den hochentwickelten Industrienationen höchst asymmetrisch und tragen zu ihrer weiteren Verarmung bei.
Auch im Hinblick auf die drei Voraussetzungen für eine zivilisatorische Entwicklung: Wohlstand, Bildung und Demokratie ist die Prognose für viele Drittweltländer schlecht. Ihre historisch gewachsenen Strukturen sind durch den Kolonialismus zerstört und neue Formen der Entwicklung erst in wenigen Staaten in Ansätzen vorhanden. Die Versorgung der Bevölkerung mit den allernotwendigsten Gütern zur Fristung des Lebens stellt viele Länder vor unlösbare Probleme. Selbst wenn es positive Ansätze zur Entwicklung der Landwirtschaft, des Handwerks und der Industrie gibt, so werden sie Überrollt von dem explosionsartigen Anwachsen der Bevölkerung. Im Bildungsbereich sind die Erfolge ähnlich gering. Auch hier stehen vor allem die armen Länder der Dritten Welt vor unlösbaren Aufgaben. Zwar sind in einigen Regionen wie etwa auf dem Südamerikanischen Kontinent durchaus Fortschritte auf dem Weg der Demokratisierung festzustellen, aber den meisten Staaten, die im Zuge der Entkolonialisierung entstanden sind, ist es noch nicht gelungen, demokratische politische Formen zu entwickeln.
So bietet die Welt heute ein Bild großer Heterogenität, Dabei scheint sich die Schere des Entwicklungsstandes – vor allem Ökonomisch - noch weiter zu öffnen.
Diese Ungleichzeitigkeit der Entwicklung ist das zentrale Problem des Zustands der Welt heute. In den verschiedenen Zonen der Welt bestehen ganz unterschiedliche Chancen, Strukturen zu entwickeln, die Fricdensfätügkeit möglich machen. Wir müssen davon ausgehen, daß sich aller Wahrscheinlichkeit nach die Grundprobleme der Geschichte und Entwicklung der europäischen Staaten in den meisten Gesellschaften der Dritten Welt wiederholen.
Der Zivilisationsprozeß kann nur, nach aller Erfahrung, das Ergebnis langfristigen Wandels der sozioökonomischen Basis und der politischen Struktur dieser Gesellschaften sein. Dieser Prozeß birgt ein großes Gewaltpotential, und er wird in den unterschiedlichen Regionen verschieden lang dauern.
Wir werden also davon ausgehen müssen, daß global Regionen unterschiedlicher Friedensfähigkeit nebeneinander existieren. Die Vorstellung Kants, daß »entfernte Weltteile miteinander friedlich in Verhältnisse kommen, die zuletzt öffentlich gesetzlich werden und so das menschliche Geschlecht endlich einer weltbürgerliche Verfassung immer näher bringen könnte«,muß noch für eine längere Phase Utopie bleiben (Kant 1964.214). Hier stellt sich die Frage nach den möglichen Konsequenzen einer »Teilung des Friedens«.
Nach der Verfassung der Vereinten Nationen ist es möglich, daß unter dem Dach der Weltorganisation regionale Zusammenschlüsse existieren. Die Fragen, die sich stellen, sind: »Ist die Gruppe der Staaten, die in ein friedliches Verhältnis zueinander treten, grundsätzlich offen für die Ausweitung des Friedensbundes, schließen sie sich durch ihren Friedensbund von den anderen Staaten ab, oder erfolgt der Friedensschluß womöglich sogar auf Kosten der außerhalb des Bundes bleibenden Staaten? Und: Kann ein regionaler Friedensbund hinreichend lange gegen den Krieg im >Rest der Welt< abgeschirmt werden, um eine global integrierende Wirkung zu entfalten?« (Brock 1990, 20)
Als Möglichkeit wäre an einen »historischen Gradualismus« als Anpassungs- und Veränderungsstrategie zu denken, eine Politik der kleinen Schritte mit dem Ziel epochenübergreifender Strukturveränderungen hin zu größerer Friedensfähigkeit.
Zwei große Probleme entstehen dabei: Zunächst: Wie kann verhindert werden, daß die Irrwege und Risiken der Entwicklung in Europa sich in den anderen Regionen wiederholen? Vor allem darf sich das europäische Modell der rigorosen Ausbeutung der Natur, der exzessiven Produktion von Zivilisationsmüll und Schadstoffen nicht wiederholen. Die weltweite Verallgemeinerung dieses europäischen Weges der Industrialisierung würde bedeuten, daß die Spezies Mensch sich ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Es klingt zynisch, wenn Europäer von den Bewohnern anderer Regionen verlangen, daß sie nicht den europäischen Weg der Industrialisierung gehen, der Europa überbordenden Reichtum gebracht hat. Nur Selbstbegrenzung in der Nutzung der Ressourcen in Europa und der Ressourcen in der Dritten Welt durch Europa kann eine solche Forderung moralisch legitimieren.
Weiter ist zu fragen, ob es weiterhin sinnvoll ist, in den Kategorien des Staates und der Nation zu denken. Wenn neugebildete Staaten in Afrika und dem Nahen Osten sogleich nach ihrer Entstehung Armeen, Uniformen, Waffen und all die anderen Symbole staatlicher Macht sich zugelegt haben, waren die Folgen absehbar, - die gleichen Folgen, die Europa auf dem Weg zum Nationalstaat durchlitten hatte: die Unterdrückung von Minderheiten, der Kampf um Territorium und Vormacht. Ist dieser Weg der nachfolgenden Entwicklung unausweichlich?
Auch hier sollte Europa vorangehen. Die regionalistischen Bestrebungen in Europa zeigen, daß die Integration der Nationalstaaten keineswegs homogene Staatsvölker hat entstehen lassen, sondern daß regionale, ethnische, religiöse und sprachliche Unterschiede weiterhin bestehen und Menschen diese Unterschiede leben wollen. Solche Bestrebungen sollten nicht nach dem traditionellen Muster nationalstaatlichen Zentralismus unterdrückt werden, sondern als Formen der Selbstorganisation regionaler Einheiten gefördert weiden.
Francois Lyotard hat von einem »Patchwork der Minderheiten« als einer möglichen Form Europas in der Zukunft gesprochen (Lyotard 1976). Wieviel mehr wäre ein solches Bild einer staatlichen Organisation den Verhältnissen etwa in Afrika oder im Nahen Osten angemessen, wo die Grenzen vieler Staaten ihre Entstehung dem Lineal der Kolonialmächte verdanken und ethnisch homogene Staaten die Ausnahme sind. Die Regionalisierung bei gleichzeitiger Entwicklung übergeordneter regionaler Einheiten - gleichsam als Fäden, die das Patchwork zusammenhalten - wäre ein Entwicklungsweg, der zu einer neuen Ordnung fuhren könnte, die in einem höheren Maße friedensfähig wäre als die traditionell nationalstaatliche Organisation der Weltgesellschaft. Vorerst freilich müssen solche Überlegungen Utopie bleiben.
Für die Erziehung zur Friedensfähigkeit erwachsen neue Aufgaben. Die Gewalt bleibt freilich auch in einer nachmilitärischen Gesellschaft ein zentrales Thema, aber die Akzente verschieben sich. Nicht mehr der Krieg ist in Europa das entscheidende Problem, sondern die offenen und verborgenen Formen der Gewalt: im Alltag, in den Massenmedien und in den Beziehungen zwischen den Geschlechtem und zu Kindern. Unsere Sensibilität für diese Spielarten der Gewalt ist in den letzten Jahrzehnten angewachsen; das ist ein erfreulicher Prozeß. Diese größere Wahrnehmungsfähigkeit gilt es pädagogisch zu verstärken und als Ausgangspunkt für eine Verringerung direkter und struktureller Gewalt zu nutzen (Nicklas 1984).
Vor große Aufgaben stellt die multikulturelle Gesellschaft die Friedenserziehung. Alle europäischen Staaten, vor allem aber Deutschland, entwickeln sich immer mehr zu multikulturellen Gesellschaften, in denen unterschiedliche ethnische, religiöse und kulturelle Gruppen zusammenleben. Diese Multikulturalität wird sich durch die hohe Mobilität, die der europäische Markt bringen wird, und die Wanderungsbewegungen aus osteuropäischen und Drittweltländem nach Zentraleuropa noch weiter erhöhen. Da der Zwang zur Akkulturation und Assimilation, wie es das traditionelle Konzept des Umgangs der Nationalstaaten mit fremden Zuwanderern) war, heute weder legitimierbar noch durchsetzbar ist, müssen neue Formen des Zusammenlebens erprobt werden. Die dazu notwendigen Fähigkeiten sind noch weithin unterentwickelt: die Fähigkeit, Fremdes ohne Angst und Aggression zu ertragen, die Fähigkeit, ambivalente Situationen aushalten zu können, und schließlich die Fähigkeit, fremde soziale und kulturelle Verhaltensmuster nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu empfinden.
Eine große Zahl neuer Qualifikationen setzt auch das notwendige neue Verhältnis zur Lebenswelt des Menschen voraus. Obwohl die Umwelterziehung von der Friedenserziehung zu unterscheiden ist, gibt es doch zahlreiche Berührungspunkte zwischen beiden Bereichen der politischen Bildung. Umwelterziehung und Friedenserziehung sind den großen Aufgaben zugeordnet, die gelöst weiden müssen, wenn das Überleben der Menschheit gesichert werden soll.
Zentrale Aufgabe der Friedenserziehung ist, die Fähigkeit zu diskursiver Konfliktlosung zu erweitern. In der Diskussion um die Demokratisierung in den letzten zwei Jahrzehnten wurde vor allem der Anspruch der Selbstbestimmung betont. Heute scheint die Entwicklung der Diskursfähigkeit an Bedeutung zu gewinnen, also der Fähigkeit, bei sich ausschließenden Geltungsansprüchen in Verhandlungsprozesse eintreten zu können mit dem Ziel, den Konflikt argumentativ auszutragen und zu schlichten. Ein solcher Prozeß setzt freilich Selbstbestimmung und gleiche Chancen voraus (Habermas 1971). Diskursive Konfliktlösung als zentrales Motiv der Demokratie setzt auf das Gemeinsame im Menschen. Wolfgang Hilligen hat schon vor Jahrzehnten formuliert: »Dieses Miteinander im Gegeneinander zu entdecken, gehört zu den elementaren Erlebnissen der Demokratie, es zu lehren zu den elementaren Aufgaben der Schule« (Billigen 1966,15).
Literatur
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Picht, Georg: Hier und Jetzt Philosophieren nach Auschwitz und Hiroshima, 2. Bde. Stuttgart 1980/1981
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Senghaas, Dieter: Abschreckung und Frieden. Studien zur Kritik organisierter Friedlosigkeit, Frankfurt/M. 1969
ders.: der Zivilisationsprozeß und die Friedensproblematik im gegenwärtigen internationalen System, AFB -Texte, Bonn 1988
Vogt, Wolfgang R. (Hg.): Sicherheitspolitik und Streitkräfte in der Legitimationskrise. Analysen zum Prozeß der Delegitimierung des Militärischen im Kernwaffenzeitalter, Baden-Baden 1983
ders.: Militärische Gewalt und Gesellschaftsentwicklung. Zur Inkompatibilitätsproblematik und Friedenssicherung im Nuklearzeitalter - ein soziologischer Entwurf, in: Vogt, Wolfgang R. (Hg.), Militär und Gegenwehr. Streitkräfte im Wandel der Gesellschaft, Bd. l, Opladen 1986, S. 37-87
ders.: Zivil-militärisches Verhältnis (Inkompatibilität), in: Lippert, Ekkehard /Wachtler, Günther (Hg.), Frieden, Ein Handwörterbuch, Opladen 1988, S. 433-441
Wachtler, Günther (Hg.): Militär, Krieg, Gesellschaft. Texte zur Militärsoziologie, Frankfurt/M. 1983
ders.: Militärische Realitätsdeutung. Zum Funktionswandel von Streitkräften und des Berufsverständnisses von Offizieren, in: Sicherheit und Frieden 1965, Heft l. S. 2-6
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