Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1990 - 2000 / Bubis und Wunder: Gemeinsamer Aufruf: Erziehung zu Toleranz und Gewaltfreiheit (1992)

Bubis und Wunder: Gemeinsamer Aufruf: Erziehung zu Toleranz und Gewaltfreiheit. Auch Pädagoginnen und Pädagogen tragen Verantwortung. (1992)

In der Bundesrepublik Deutschland treten derzeit Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus in erschreckender Weise zutage. Erneut fürchten Juden in Deutschland um ihr Leben, ausländische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie ihre Familien erfahren Gewalt und Diskriminierung, Asylbewerberheime werden fast täglich angegriffen. Junge Menschen - Kinder, Heranwachsende und junge Erwachsene - sind die Hauptakteure bei diesen schrecklichen Geschehnissen. Erwachsene stimmen stillschweigend oder offen zu, sind die geistigen oder in Einzelfällen tatsächlichen Anstifter. Die Ursachen für diese Zerstörung der demokratischen Substanz Deutschlands sind vielfältig. Die Diskussion über das Asylrecht hat ausländerfeindliche Haltungen ermutigt. Das traditionelle Verständnis deutscher Staatsbürgerschaft, wie es im Grundgesetz, Artikel 116, geregelt ist, steht der Integration von Ausländern im Wege.

Ungeachtet politischer Versäumnisse haben Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern eine herausragende Verantwortung in der gegenwärtigen Situation. Der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft appellieren an alle Pädagoginnen und Pädagogen sowie alle Eltern, die Erziehung zu Toleranz und Gewaltfreiheit im Umgang miteinander und im Umgang mit anderen Menschen in den Vordergrund aller pädagogischer Bemühungen zu stellen.

Viele Pädagoginnen und Pädagogen zeigen seit Jahren ein außerordentliches Engagement im Bemühen um die Erinnerungsarbeit an das Unrecht, das Deutsche unter der nationalsozialistischen Herrschaft an Deutschen - insbesondere Juden, Roma und Sinti - sowie an Ausländern begangen haben. Wir sehen voller Hochachtung die vielfältigen Bemühungen, ausländische Kinder und Jugendliche zu integrieren.

Dennoch bleibt das Erschrecken, daß jugendliche Menschen zu Gewalttätern geworden sind und daß nach zuverlässigen Umfragen die Haltung nicht weniger Jugendlicher gegenüber Juden, Roma und Sinti sowie Ausländern ablehnend bis feindlich ist, ihre Bereitschaft zu Gewalttätigkeit groß ist. Schule und andere Bildungseinrichtungen scheinen überfordert zu sein. Nicht immer werden Lehrerinnen und Lehrer ihrer Erziehungsaufgabe gerecht.

Der Zentralrat und die GEW appellieren an alle Pädagoginnen und Pädagogen, sich der Aufgabe der Erziehung zu Toleranz und Gewaltfreiheit zu stellen. Sollte die gegenwärtige Verrohung des Umgangs von Menschen untereinander weitergehen, so werden sich trotz berechtigter Schuldzuweisungen an politische Entwicklungen Pädagoginnen und Pädagogen davon nicht freisprechen können. Sie müssen in ihrem Wirkungsbereich ihre Möglichkeiten nutzen. Wir rufen insbesondere Lehrerinnen und Lehrer auf, im Unterricht und durch Projekte, durch die Gestaltung des schulischen Lebens sowie in ihrem Verhältnis zu Schülerinnen und Schülern den erforderlichen Beitrag zur Befriedung unserer Gesellschaft zu leisten. Wir rufen die Kultusminister und die Kultusverwaltungen auf, das Bemühen von Lehrerinnen und Lehrern in jeder Form nachdrücklich zu unterstützen.

Wir rufen alle Pädagoginnen und Pädagogen auf, die Bildungseinrichtungen in ihrer jeweiligen Gemeinde zu einem Ort des Dialoges über die Probleme von Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus zu machen. Eltern, die Vertreter der Kirchen und der jüdischen Gemeinde, Vertreter von Vereinen und Parteien sollten in Schulen, Volkshochschulen und anderen Bildungseinrichtungen den Platz finden, wo die Probleme der Menschen der Gemeinde miteinander offen diskutiert und wo Ansätze zur Lösung entwickelt werden. Wir können uns nicht länger damit begnügen, die Befriedung unserer Gesellschaft allein den verantwortlichen Politikern zu überlassen. Wir sind alle aufgerufen, unseren Beitrag zu leisten, um desorientierte Jugendliche und hilflose Mitbürgerinnen und Mitbürger auf den Boden des Grundgesetzes zurückzuführen. Die Auseinandersetzung mit Menschen, die den humanen Kern des Grundgesetzes ablehnen, muß offensiv geführt werden. Juden, Roma und Sinti, ausländische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Asylbewerber brauchen nicht nur den Schutz von Polizei und Justiz, sondern die Unterstützung aller Menschen, um sich in Deutschland sicher fühlen zu können.

Der Zentralrat und die GEW appellieren an alle Eltern, mit ihren Kindern das Gespräch über die Probleme von Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu suchen. Ihnen obliegt es zuvörderst, die Erziehung zu Toleranz gelingen zu lassen. Jede Form von Gewalttätigkeit gegenüber anderen Menschen widerspricht den Grundsätzen menschlichen Zusammenlebens. Wir erwarten von allen Eltern, daß sie mit ganzer Kraft dazu beitragen, ihre Kinder für die Normen einer menschlichen Gesellschaft zu gewinnen. Wir wissen, daß viele Eltern das in ihren Kräften Stehende tun. Die schrecklichen Geschehnisse dieser Monate zeigen allerdings, daß dies nicht ausreicht und daß nicht alle Eltern ihrer erzieherischen Verantwortung gerecht werden. Wir fordern alle Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, alle Organisationen und die Medien auf, Eltern in der positiven Haltung gegenüber den Normen des Grundgesetzes zu ermutigen. Sie dürfen sich von unserer Gesellschaft nicht alleingelassen fühlen.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sind sich sicher, daß die der deutschen Demokratie drohenden Gefahren überwunden werden können. Sie sehen sich in ihrer Zuversicht durch die Mehrheit der Jugendlichen unterstützt, die in diesen Wochen durch vielfältige Aktivitäten und Demonstrationen deutlich gemacht haben, daß Toleranz gegenüber den Mitmenschen und Gewaltfreiheit für sie lebendige Werte sind.

Frankfurt am Main. 9. Dezember 1992

Ignatz Bubis
Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland

Dieter Wunder
Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School