Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1980 - 1990 / Steinmetz-Bühmann: Friedensbewegung und Friedenserziehung (1985)
Am Mittwoch, den 28.11.1984, machte die Friedensbewegung wieder einmal Schlagzeilen, und negative obendrein: »Acht verließen den Ausschuß« - Friedensbewegung in der Zerreißprobe (Frankfurter Rundschau) und »Das Begräbnis wurde vertagt« (die tageszeitung). Schlimm waren die Negativ-Schlagzeilen vor allem deshalb, weil sie in den Sympathisantenblättern standen. Und es muß tatsächlich nicht zum besten stehen im Koordinationsausschuß der Friedensbewegung, wenn ein Teilnehmer von der »Infamie der Debatte« spricht, die gerade ein Jahr nach dem Beginn der Stationierung der Pershing ll-Raketen das Gesprächsklima zwischen den Delegierten der großen Organisationen der Friedensbewegung kennzeichne. Schlimm, daß dies nicht irgend jemand sagte, sondern derjenige, der vielleicht über die längste und profundeste Erfahrung unter den Friedensprofis dieses Gremiums verfügt: Karl-Heinz Koppe, Delegierter von Fax Christi und 12 Jahre lang Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung.
Ist die Friedensbewegung also gescheitert? Muß sie sich zähneknirschend diese hämische Feststellung gerade von jenen anhören, die seit Jahren nichts sehnlicher gewünscht haben als eben das Scheitern der Friedensbewegung? Gescheitert ist die Friedensbewegung an dem Ziel, die Raketenstationierung zu verhindern.
Gescheitert sind aber ebenso jene Staatsmänner, die durch die absurde Konstruktion des »Nato-Doppel-Beschlusses« versucht haben, Aufrüstung und Abrüstung gleichzeitig zu betreiben. Helmut Schmidt ist gescheitert, die Schmidt-SPD ebenfalls, bei Genscher ist es wohl nur noch eine Frage des Zeitpunkts. Gescheitert ist der Versuch, durch deutsche Gesundbeterei die Großmächte an den Verhandlungstisch zu bringen.
Ein Blick in die Anfänge dieser Friedensbewegung hilft, die Streitfrage des Scheiterns oder nicht zu beurteilen. Der Verein für Friedenspädagogik Tübingen gehörte zu den ersten, die die sicherheitspolitische Diskussion nach dem Nato-Doppel-Beschluß vom Dezember 1979 neu eröffneten. Im Vorwort der Broschüre »Nachrüstung und Rüstungswettlauf« war zu lesen: Zwei Monate nach dem »Nach-«Rüstungsbeschluß der NATO erscheint dieses Argumente-Heft. Man könnte fragen: Ist das nicht Schnee von gestern? Ist die »Nach-«Rüstung nicht längst beschlossen oder gar durch die weltpolitischen Ereignisse gerechtfertigt? Hätte man die Argumente gegen die Aufrüstung nicht besser vor der NATO-Tagung gebracht?
Einige Argumente, die in diesem Heft gegen die »Nach-«Rüstung gebraucht werden, sind unter Fachleuten in der Tat nicht neu, und sie wurden in Teilen der bundesdeutschen Presse, auf dem SPD-Parteitag und unter militärischen und sicherheitspolitischen Experten im Vertei-digungsministerium auch vorgebracht. Sie wurden nur in dieser Breite nicht in die Öffentlichkeit getragen, weil die US-Regierung auf einen vorschnellen Beschluß drängte und die gründliche und öffentliche Überlegung der Sachfragen durch außenpolitischen Druck abwürgte. Die Rüstungs-planer hatten nicht vergessen, daß das Neutronenbombenprojekt aufgrund breiter öffentlicher Diskussionen nicht in der von ihnen gewünschten Weise durchgesetzt werden konnte.
Wir halten es für richtig, die Argumente gegen den »Nach-«Rüstungsbeschluß noch einmal aufzugreifen, denn sie sind durch die weltpolitische Entwicklung weder überholt noch entkräftet. Wie brisant die Kritik an diesem Beschluß heute noch ist, zeigt die blitzartige Reaktion des Verteidigungsministers Apel gegen den General Bastian, der in einem vertraulichen Brief die Rüstungspolitik der NATO kritisiert hat. (»Nach«-Rüstung und Rüstungswettlauf. Argumente 3. 1. Aufl. 1982. Verein f. Friedenspädagogik Tübingen S. 1.)
Ein Vierteljahr später waren 2000 Exemplare dieses Heftes verkauft. Im Verein überraschte die Resonanz, die ein so trockenes Thema wie Rüstungsvergleiche in unterschiedlichsten Kreisen der Bevölkerung gefunden hatte. Bestellungen gi¬gen ein aus kirchlichen Kreisen, von Jugendgruppen, von Parteien; es formierte sich das Spektrum dessen, was ein Jahr später als »die Friedensbewegung« bezeichnet wurde. Das Vorwort zur 2. Auflage (letztendlich wurden fast 20000 Stück verkauft) schloß mit der Einschätzung:
Die Friedensbewegung hat sich zum Ziel gesetzt, daß Politik mit militärischen Mitteln schrittweise ersetzt wird durch eine Politik des Gewaltverzichts. Wir haben im letzten Jahr erlebt, was es politisch bedeutet, wenn man angeblich militärischen Sachzwängen einfach glaubt. Wenn die militärischen Eierköpfe an Glaubwürdigkeit verlieren, daß sie die alleinigen Fachleute für Sicherheit sind, ist die Friedensbewegung ein gutes Stück weitergekommen. Die Friedensbewegung kämpft auf dem Felde des Bewußtseins, mit dem Schwert des Geistes und der besseren Argumente. (»Nach-«Rüstung und Rüstungswettlauf. Argumente 3. 2. Auflage 1982. Verein f. Friedenspädagogik Tübingen S. 2)
So gesehen ist die Friedensbewegung nach 4 Jahren gewiß nicht gescheitert. Denn es ist unbestritten, daß sich ein öffentlicher Bewußtseinswandel vollzogen hat. Das Vertrauen in die friedenssichernde Wirkung der Atombombe ist geschwunden; der Begriff »Rüstungswahnsinn« ist auch bei den Spitzen der Gesellschaft salonfähig geworden; die Verteidigungspolitiker haben weniger Angst vor der Roten Armee als vor dem, wie sie es nennen, »Legitimationsdefizit der Streitkräfte«. Die Friedensbewegung hat also auf friedenspädagogischem Gebiet bei der Veränderung von Bewußtsein Erfolge zu verzeichnen, die kaum mehr rückgängig zu machen sind. Dies ist nicht hoch genug zu schätzen, selbst wenn man der Auffassung sein kann, daß hier nur ein Bewußtseinswandel vollzogen wurde, der eigentlich schon vor 30 Jahren nötig gewesen wäre.
Dagegen war schon im Spätsommer des letzten Jahres abzusehen, daß die Friedensbewegung ihren »militärischen« Erfolg wohl kaum würde erringen können. Dies hinderte aber (fast) niemanden, im großen Aktionsherbst 1983 gewissermaßen bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Es gab aber auch warnende Stimmen, wie die von Egbert Jahn, der der Handvoll westdeutscher Friedensforscher der ersten Stunde zuzurechnen ist:
Die neue Friedensbewegung hat nur eine Chance, ihren ziemlich wahrscheinlichen Zusammenbruch 1984/85 zu vermeiden, wenn sie den Mut hat, sich von den eigenen falschen Ängsten und falschen Hoffnungen zu befreien, und in der Lage ist, eine längerfristige friedenspolitische Perspektive der außerparlamentarischen Einwirkung auf Parlaments- und Regierungsentscheidungen sowie auf internationale Verhandlungen zu entwickeln, die nicht von vorübergehenden Weltuntergangsstimmungen genährt ist, sondern von einer realistischen Beurteilung der wirklichen Kriegsgefahren.
Eine gewaltfreie Friedenspolitik des langen Atems wird spektakulären Aktionen nur einen untergeordneten Stellenwert beimessen. Mohandas K. Gandhi bemerkte einmal: »Ich habe in der Haltung des Volkes diesen charakteristischen Unterschied bemerkt: Vorliebe für erregendes Tun, Mißfallen an ruhiger konstruktiver Bemühung.« Auch die Friedensbewegung unterliegt immer wieder der Gefahr, dem Showbusiness der Medien Tribut zu zollen, ohne auf die wirklichen Lernerfolge in der Bevölkerung zu achten. Die Vermehrung von Schlagzeilen über eine Politik bedeutet noch längst keine Stärkung der Schlagkraft dieser Politik gegen die Bollwerke des Krieges, der Rüstung und der Angst. (Egbert Jahn: Ansichten und Sackgassen der neuen Friedensbewegung, in: Ulrich Albrecht u. a. [Hg.]: Stationierung und was dann? Verlag Europäische Perspektiven. Berlin 1983 S. 97f.)
Auch hier wird der Friedensbewegung die pädagogische Aufgabe zugemessen, daß ihre Erfolge »Lernerfolge in der Bevölkerung« seien. Stehen wir also vor einer Renaissance der Friedenspädagogik? Auf eine neue Theoriebildung im wissenschaftlichen Sinn sollte man in nächster Zeit allerdings nicht warten. Nicht zuletzt mangels spezifischer Förderungsmittel war auf diesem Gebiet in den letzten Jahren weitgehend Stagnation zu verzeichnen. Vielleicht hat auch der Begriff Friedens-»pädagogik« einen falschen Akzent, weil eine soziale Bewegung, deren Lernprozesse sich in kleinen Gruppen vollziehen, wenig mit professionellen Erziehern anfangen kann.
Bekanntlich fordert die Friedensbewegung von den Politikern, daß sie Abrüstung nicht nur von der anderen Seite verlangen sollten, sondern selbst mit gutem Beispiel vorangehen müßten. Dasselbe gilt für die Abrüstung der Feindbilder, Ängste und Vorurteile. Die Friedenserzieher(innen) müssen bei sich selbst anfangen, bevor sie andere belehren. »Das Schwerste ist die Glaubwürdigkeit«, sagte Erhard Eppler über sich selbst als Berufspolitiker. Das hätte er auch über Friedenserzieher(innen) sagen können, an deren Beispiel die anderen erkennen können, inwiefern die verkündeten Prinzipien umsetzbar sind. Bezeichnenderweise hat sich der Begriff »Friedenserzieher« auch nicht durchgesetzt. Er weckt zu viele falsche Assoziationen von »Bessersein«, »Besserwissen« und »Dafür-bezahlt-werden«. Der Anspruch der Glaubwürdigkeit richtet sich daher an jede(n) aus der Friedensbewegung, gleich ob sie/er sich zu den Altvorderen oder den newcomern rechnet.
In den Debatten über die Pershings oder neuerdings über die Air-Land-Battle-Doktrin sieht sich die Friedensbewegung dem Vorwurf ausgesetzt, sie pflege einen Antiamerikanismus. Und es ist in der Tat bei aller berechtigten Ablehnung der Rüstungsdynamik festzustellen; daß antiamerikanischen Emotionen bis hin zu veritablen Feindbildern in Kreisen der Friedensbewegung gerne aufgenommen werden. Das kann sogar so weit führen, daß Bombenattentate gegen US-Militäreinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland mit klammheimlicher Freude quittiert werden. Und wie beschämend, wenn sich, wie jetzt bei dem Prozeß gegen Karl-Heinz Hoffmann in Nürnberg, herausstellt, daß solche Bombenattentate Mutproben für junge Rechtsradikale waren, um in der Hierarchie der Neonazis emporzukommen.
Für antiamerikanische Gefühle in der Friedensbewegung lassen sich vielerlei Erklärungen finden: Sie können als emotionales Unterfutter der rationalen Kritik an der US-Außenpolitik dienen; sie mögen eine Reaktion sein auf den hierzulande dominierenden Antikommunismus bzw. Antisowjetismus; sie können übernommen sein von antiimperialistischen Klischees mancher Dritte-Welt-Gruppen, die für jedes Übel die CIA haftbar machen; sie passen zu der allgemeinen Kritik an der Coca-Cola- und Wegwerfkultur des Westens; sie setzen auf einen immer noch unverdauten (neudeutschen) Nationalismus; sie geben Raum für Projektionen: Reagan als Inbegriff des bösen atomaren Wahns.
Gerade weil es zu den Grundpositionen der Friedensbewegung gehört, daß Feindbilder abgebaut werden müssen, sollten solche Tendenzen in den eigenen Reihen sehr sorgfältig beobachtet werden. Auch der Antimilitarismus, der zu den besten Traditionen der Friedensbewegung seit 100 Jahren gehört, kann leicht mißverstanden werden als eine Anti-Haltung gegenüber jedem Soldaten oder als eine negative Fixierung auf alles, was aus dem Bereich des Militärischen kommt. So geschieht es leider allzu oft, daß Diskussionen, die über Frieden angesagt sind, sich erschöpfen im Reden über Krieg. Wie wohltuend sind dann immer die Stimmen, die darauf hinweisen, daß es Wichtigeres gibt, als den ganzen Militärkram.
Friedensbewegung und mit ihr Friedenserziehung hat ebenfalls ihren Doppelbeschluß. Besser ausgedrückt: Sie blickt immer nach zwei Seiten. Sie kritisiert Rüstung, Militär und Krieg und sie entwirft neue, friedlichere Lebensformen.
Die kreativen Impulse zur besseren, friedlicheren Gestaltung unserer Welt kommen aus den sanften »neuen sozialen Bewegungen« - der Frauenbewegung, der Ökologiebewegung und den Solidaritäts-und Menschenrechtsgruppen. Egal, ob sie sich um freie Kindererziehung, um natürliches Gärtnern, um gesunde Ernährung, um Betreuung von Gefangenen oder um Selbsthilfe von Kranken bemühen – sie versuchen, Leben zu retten und neues Leben aufzubauen. Verteidigung bekommt einen neuen Sinn: Verteidigt die Kinder, verteidigt die Grundrechte, verteidigt das Wattenmeer! Zu solcher Verteidigung ist kein Militär nötig. Im Gegenteil: Erfahrungsgemäß steht das Militär meist auf der anderen Seite. Und gerade weil es auf der anderen Seite steht, darf die Friedensbewegung den Dialog mit dem Militär, in unserem Fall der Bundeswehr, aber auch den bei uns stationierten fremden Truppen, nie außer acht lassen.
Dabei ist es hilfreich, sich die vor über 70 Jahren von Gandhi formulierten Regeln der Gewaltlosigkeit anzueignen, die in der Auseinandersetzung mit Polizei und Militär in Südafrika und Indien entwickelt worden sind. Gandhi wußte aber ganz genau, daß die Auseinandersetzung mit der Ordnungsmacht nur ein Teil der Auseinandersetzung ist. Denn der Gegner, den Gandhi beschreibt, sitzt genauso in Ministerien und Redaktionen, nicht selten aber auch in den eigenen Köpfen.
Der »Ohne-Rüstung-leben«-Rundbrief Nr. 24 vom Mai 1983 hat die Satyagraha-Normen Gandhis zusammengefaßt. Einige Ausschnitte:
1. Befolge Ahimsa im Gedanken und SinnI
Du sollst deine gewaltlosen Handlungen aus einer gewaltlosen Gesinnung entspringen lassen. Deshalb versuche, so zu leben, daß du lernst, keinen Haß gegen jemanden zu empfinden, sondern deinen Nächsten wie dich selbst zu lieben.
2. Identifiziere dich mit denen, für die du kämpfst!
Du sollst dich mit der Gruppe identifizieren, für die du kämpfst, damit du gefühlsmäßig und intellektuell die Umstände und Verhältnisse so zu erleben vermagst, wie sie das einfache Gruppenmitglied erlebt.
3. Gib dem Kampf einen positiven Inhalt!
Du sollst dich in deinem Kampf nie damit begnügen, die bestehenden Institutionen oder Gesichtspunkte niederzureißen, sondern immer versuchen, diesen Teil der Aktion mit konstruktiven Unternehmungen zu kombinieren.
5. Schenke dem Gegner Vertrauen!
Du sollst immer an deinem Gegner so handeln, wie du an Mitglieder deiner eigenen Gruppe gehandelt hättest, und wie du wünschst, daß andere an dir handeln sollen.
5a. Begegne dem Gegner persönlich!
Du sollst dein Zutrauen zum Gegner dadurch zum Ausdruck bringen, daß du willig bist, ihm persönlich zu begegnen oder ein persönliches Verhältnis zu ihm zustande zu bringen, ebenso aufrichtig, wie du es mit einem von deiner eigenen Gruppe tun würdest.
9. Wähle Mittel, die dem Ziel entsprechen!
Du sollst Mittel wählen, die logisch und sachlich mit deiner Konfliktsituation zusammenhängen und die dem Gegner so deutlich wie möglich das zeigen, was du als Konfliktstoff auffaßt.
Auch Antimilitaristen müssen einsehen, daß das Militär noch auf Generationen hinaus erhalten bleiben wird, daß es weiterhin einen riesigen Anteil der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Ressourcen beanspruchen wird und somit durch seine bloße gewichtige Existenz maßgeblich auf die Politik einwirkt. Hinzu kommt, und das ist wohl das Entscheidende, daß die Bundeswehr »am Drücker sitzt« und nicht die Friedensscene. Unser aller Überleben hängt buchstäblich davon ab, ob Militärs verantwortlich handeln oder ob sie durchdrehen und ihr Vernichtungspotential anwenden. Mag sein, daß das Militär kaum noch große kreative Kräfte für die Gestaltung unserer Zukunft aufbringt, aber es verfügt über die Mittel, dieser Zukunft den Garaus zu machen.
Die Zeichen und Wege einer positiven Zukunft in einer lobenswerten Welt müssen, wie gesagt, die Friedensbewegung, die Frauenbewegung, die Ökologiebewegung und die Solidaritätsbewegungen setzen. Es muß ihnen um ihrer eigenen Zukunft und um der ihrer Kinder willen gelingen, das Verhältnis zum Militär und zur Polizei wenigstens soweit zu entkrampfen und zu entspannen, daß diese die Friedensbewegung nicht als inneren Feind zu vernichten suchen, weil sie sich nach einem solchen Sieg dem äußeren Feind gegenüber gestärkt vorkommen müßten. Im übrigen sind ja die zentralen Forderungen der Friedensbewegung nach Abrüstung, Defensivrüstung, atomwaffenfreien Zonen usw. nur gemeinsam mit den Militärs und mit ihrer Sachkenntnis durchzusetzen. Es ist ja auch kein Zufall, daß einflußreiche Sprecher der Friedensbewegung wie Mechtersheimer und Bastian aus dem Militär selbst kommen.
»Bundeswehroffiziere und die Aktion >Christen für Frieden und Abrüstung< haben in Westerland einen Friedensappell verabschiedet, dessen Ziel es auch sein soll, >andere Menschen zu ermutigen, aufeinander zuzugehen und gemeinsam ohne Vorurteile und Vorbehalte nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, die zu einem friedvolleren Miteinander führen<, wie es in einem Anschreiben heißt. Die FR veröffentlicht den Aufruf im Wortlaut.
1. Wir Christen aus dem Gesprächskreis Offiziere der Bundeswehr und der Gruppe Christen für Frieden und Abrüstung sind überzeugt, daß wir Frieden nicht gegeneinander, sondern nur miteinander verwirklichen können.
2. Nach ernsthaften Gesprächen - getragen von dem gemeinsamen Willen, den anderen zu verstehen - haben wir die Notwendigkeit erkannt, Feindbilder zwischen den Gruppen der Friedensbewegung und der Bundeswehr, Gruppierungen in unserer Gesellschaft und Völkern in der Welt abzubauen. Gegenseitige Vorwürfe und Schuldzuweisungen machen uns unfähig, die Krise der Neuzeit in ihrem Kern zu erkennen und Wege aus der Gefahr zu finden.
3. Wir sind uns darüber klar geworden, daß Friede nicht nur eine Frage der Abrüstung aller Massenvernichtungsmittel ist - das bleibt unser Fernziel -, sondern daß wir die Frage stellen müssen nach Phänomenen und Ursachen der Friedlosigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen, innerhalb der Gesellschaft, in den internationalen Beziehungen, zwischen Mensch und Natur und daß wir gemeinsam ohne Vorbehalt nach Bedingungen und Prozessen zu einem friedvolleren Miteinander suchen müssen. Wir sind überzeugt, daß ein solches friedvolles Miteinander nur dort erreicht werden kann, wo Freiheit und Gerechtigkeit herrschen.« (Frankf. Rundschau 26.9. 1984)
Für sich genommen sei dieser Text, so mag mancher Friedensprofi sagen, nichts Besonderes. Derlei habe er schon dutzendmal gehört. Aus der Sicht eines Schreibtischpazifisten mag diese Einschätzung berechtigt sein. Entscheidend für den Fortgang der Friedensbewegung ist aber, wer sagt was? Oder - pädagogisch gewendet - wer hat wie gelernt, zu solchen Einsichten zu kommen?
Auch an diesem Beispiel zeigt sich, daß Friedenserziehung keine Sache von Einzelkämpfern und Genies ist. Friedensarbeit ist immer Gruppenarbeit. Jedenfalls sind Friedensinitiativen dort erfolgreich, wo sie Gruppen bilden können. In der Gruppe werden die Schritte zum Frieden geübt. Bildung von Konsens, Austragen von Konflikten, Aushalten von Gegensätzen, Toleranz, Lernbereitschaft, Kompromißfähigkeit. Die Gruppe verschafft Sicherheit und Identifikationsmöglichkeiten. Aus dem internen Gruppenbildungsprozeß heraus kann auch die notwendige Bündnisfähigkeit mit anderen Gruppen entwickelt werden.
Solche Friedensarbeit in Gruppen braucht einen dynamischen, handlungsorientierten Begriff von Frieden. Mit statistischen Begriffen wie »Frieden durch Abschreckung« oder »Frieden als Abwesenheit von Gewalt« kann sie wenig anfangen. Frieden ist nicht irgendwo oder irgendwann anwesend, Gewalt kann nicht als irgendwie völlig abwesend gedacht werden. Es gibt keinen Weg zum Frieden: Friede ist der Weg (Gandhi). Friede ist jeder Schritt zur Verringerung von Gewalt und zum Ausbau von Räumen, in denen sich besser leben läßt. Friede ist sichtbar im kleinen Friedensschluß und nicht im Warten auf den absoluten Frieden am Sankt Nimmerleinstag. Friede ist auch immer der Friede des anderen. Frieden gibt es nur in kleinen Portionen und man wird nie satt.
Burkhard Steinmetz-Bühmann: Friedensbewegung und Friedenserziehung. Aktuelle Notizen zur Friedensarbeit. In: Sozialpädagogik, Heft 2, März/April 1985, S.50-55.