Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Reinhart Lempp: Atomkriegsdrohung und Erziehung (1984)

Ich gehe von der folgenden, wie ich meine realistischen Szene aus:

Ein Großvater, der in Schwäbisch Gmünd wohnt, geht mit seiner Enkeltochter, etwa 3 oder 4 Jahre alt, an der Hand bei Mutlangen spazieren. Es ergibt sich dabei ein Gespräch, das dadurch beginnt, daß das Kind fragt, wozu hier so ein langer hoher Zaun angebracht sei.

„Hinter dem Zaun wohnen amerikanische Soldaten, die nicht haben möchten, daß jemand, ohne daß sie es merken, unerlaubterweise auf das Gelände hinter dem Zaun kommt."

„Warum wollen sie das nicht?" „Weil sie dort große Raketen stehen haben, auf die sie aufpassen müssen. Diese könnten kaputtgehen oder auch losgehen, wenn jemand mit ihnen umgeht, der das nicht kann und nicht darf."
„Was sind Raketen?" Es folgt dann eine dem Kinde verständliche Erklärung, die die Fähigkeit und die Funktion von Raketen beschreibt.

„Wozu braucht man die Raketen?"

Spätestens an dieser Stelle wird der Großvater nicht umhinkommen von der waffentragenden Funktion dieser Raketen zu sprechen, ja auch von der atomwaffentragenden Funktion.
Das Fragen geht weiter:

„Warum wollen die amerikanischen Soldaten solche Raketen haben, wenn sie doch so gefährlich sind und so viel kaputtmachen und so viele Menschen töten?"

Der Großvater muß nun der Gerechtigkeit halber sagen, daß das nicht die amerikanischen Soldaten sind, die das wollen, sondern die amerikanische Regierung, genauso aber auch unsere eigene, die deutsche Regierung. Er wird sagen, daß dort, wo die Raketen auftreffen könnten, die Russen ebensolche Raketen aufgestellt haben, die hierher, unter anderem auch nach Mutlangen schießen können.

Auf die weitere Frage des Kindes: „Warum tun die das?" wird er in einige Schwierigkeiten kommen, denn er kann dem Kinde nicht erklären, weil er es selber nicht weiß, wer eigentlich mit dem Aufstellen von solchen Raketen, gleichgültig wie weit sie reichen, angefangen hat. Das ist schon lange her. Er wird etwa folgendes sagen: „Die Regierung der Russen hat ebenso wie unsere Regierung und die Regierung der mit uns befreundeten Amerikaner Angst davor, daß jeweils der andere mit seinen Raketen schießen könnte und deshalb bemüht sich jeder etwas größere und bessere Raketen aufzustellen, damit der andere sich nicht traut."

Hier wird sich vielleicht ein Zwischenkapitel einschieben, mit der Frage des Kindes, was denn eine Regierung sei und der Großvater wird versuchen, dem Kinde zu erklären, daß dies die Männer, seltener die Frauen, sind, die von allen Erwachsenen des Landes gewählt wurden, zu bestimmen, was geschieht und nicht geschieht und in diesem Zusammenhang beschlossen haben, diese Raketen aufzustellen. Das Kind wird fragen, ob der Großvater auch gewählt habe. Dieser wird sagen müssen, daß er zwar vielleicht die jetzige Regierung nicht gewählt habe, aber diejenigen, die die jetzige Regierung gewollt haben, seien in der Überzahl gewesen. Aber auch als die Regierung im Amte war, die der Großvater zu wählen geholfen hatte, sei praktisch dasselbe beschlossen worden.

Das Kind wird nun folgerichtig den Großvater danach fragen, was es denn von den Raketen der Russen zu fürchten habe, ob es denn sein könne, daß diese einfach so, weil sie es für gut finden, vielleicht eine solche schlimme Rakete abschießen könnten. Wenn der Großvater sich an die regierungsamtliche Meinung hält, wird er diese Frage bejahen müssen und das Kind wird fragen oder auch von allein zum Schluß kommen, daß diese Russen doch sehr böse Menschen sein müssen, daß sie so etwas vielleicht tun. Der Großvater würde durchaus im Sinne der regierungsamtlichen Meinung des westlichen Bündnisses sprechen, wenn er dies bestätigen würde, hat doch der amerikanische Präsident vor kurzem die Sowjetunion als das Böse schlechthin bezeichnet. Der Großvater hat also dazu beigetragen, für das Kind ein sogenanntes Feindbild aufzubauen. Das aber lehnt er ab, seit er von 1933 bis 1945 als Hitlerjunge, als Pimpf und als Soldat intensiv dazu erzogen wurde, daß der Feind, zu dem damals noch die Franzosen, Engländer und Amerikaner gehörten, nicht nur die Russen, nicht nur schlecht und minderwertig, sondern von Grund auf böse sei. Nach dem Kriege merkte er dann, was er im Grunde aufgrund von Einzelbekanntschaften schon vorher wußte, was ihm auch seine Eltern gesagt hatten, wenn auch nicht ganz so überzeugend, dass die Menschen aus allen diesen Staaten, auch aus Rußland, mit denen er zusammenkam, keineswegs böse, im Grunde nicht anders und nicht böser als wir alle auch sind. Da hatte er sich vorgenommen, seine Kinder und Enkel nicht dazu zu erziehen, Feindbilder aufzubauen, sondern jeden Menschen in seiner Menschlichkeit zu sehen. Wenn ich den Großvater weiter mit mir selbst identifiziere, dann muß ich sagen, daß ich auch im beruflichen Umgang mit sogenannten bösen Menschen, mit den Menschen, die aufgrund gesetzlicher Definition Verbrecher sind, also gegen die Regeln von gut und böse nachhaltig verstoßen, sehe, daß diese im Grunde nicht böser und nicht anders sind, wie wir alle auch, zumindest in dem, was sie selbst entscheiden können.

Der Großvater wird also in seinem Gespräch mit seinem Enkelkind spätestens an dieser Stelle von der offiziellen Meinung der Regierung und der Bundestagsmehrheit abweichen und dem Kinde sagen, daß die Menschen in der Sowjetunion, zumindest soweit sie von solchen Raketen getroffen werden können, einen Raketenschußwechsel ebensowenig wollen wie die Menschen hier. Von den Menschen, die völlig außerhalb eines möglichen Trefferbereiches liegen, wenn es das gibt, ist er darüber allerdings nicht so sicher. Auf die dann naheliegende und kindliche Frage, warum man denn dann die Raketen überhaupt aufstelle und nicht wieder abmontiere, weiß der Großvater allerdings keine vernünftige Antwort, die er selbst und das Kind verstehen könnten.

Nun hat der Großvater am Anfang gesagt, die amerikanischen Soldaten möchten nicht haben, daß fremde Leute über den Zaun steigen und an den Raketen herummachen ohne dies zu dürfen und zu können. Dies könnte das Kind vielleicht zur Frage veranlassen, ob denn diese Raketen, seien sie in Mutlangen oder irgendwo in Rußland, vielleicht auch von allein losgehen könnten. Nun wird der Großvater zwar mit Überzeugung sagen können, daß dies ziemlich unwahrscheinlich sei und daß man alles tue, um das zu verhindern. Er wird aber bohrenden kindlichen Fragen zur Konkretisierung der diffusen Angst schließlich nicht ausweichen können und wird zugeben müssen, daß dies zwar unwahrscheinlich aber nicht unmöglich sei.

Hier wird mancher einwenden, es sei nicht recht, wenn Erwachsene den Kindern Angst machten, dazuhin noch mit Ereignissen, die außerordentlich unwahrscheinlich seien. Tatsächlich kann ich aus meiner beruflichen Tätigkeit und Erfahrung bestätigen, daß kindliche Ängste in aller Regel Reflexe der Ängste der Eltern sind, soweit es sich nicht um gewissermaßen vorgegebene Urängste handelt, etwa vor der Dunkelheit, vor dem Alleinsein, vor dem Verlust eines lieben Menschen. Abgesehen davon, daß ich prinzipiell der Meinung bin, daß ich meine Kinder und Enkel nicht anlügen und ihnen nichts vormachen soll, daß ich ihnen also auch meine eigene Unsicherheit nicht verbergen solle, wenn sie vorhanden ist - was übrigens auch kleine Kinder sehr schnell spüren und erfassen -, abgesehen davon, ist es eine große Illusion zu meinen, man könne eine Vorstellung und eine Angst, die in der Bevölkerung eine weite Verbreitung gefunden hat - mag sie nun begründet oder unbegründet sein - vor Kindern verbergen und sie davon freihalten.

Gespräche mit Jugendlichen zeigen, daß sie an der Angst, die heutzutage eine weite Verbreitung hat, über die sogar der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt in der Weihnachtsausgabe der Wochenzeitschrift „Die Zeit" geschrieben hat, durchaus teilhaben. Sie ist im Bewußtsein der Jugendlichen verankert und die Älteren erzählen es den Jüngeren, die noch Jüngeren hören zu und so haben alle Kinder jeden Alters zwangsläufig daran Anteil. Im übrigen halte ich diese Angst für eine reale Angst, keine eingebildete, denn es lehrt die Erfahrung, daß auch ohne bösen Willen alle Möglichkeiten der Technik nicht verhindern können, daß mögliche Fehler auch gemacht werden, sonst gäbe es schon längst keine Eisenbahnunglücke mehr.

Die kindliche Phantasie und ihre Unsicherheit in der Abwägung der Realitäten und Wahrscheinlichkeiten gegeneinander führt diese dazu, auch vor unwahrscheinlichen Ereignissen Angst zu haben. Ich erinnere mich noch, wie ich als Kleinkind von der Eruption eines Vulkans irgendwo auf der Erde und von den Folgen gehört habe. Auf meine ängstliche Frage, ob dies auch bei uns, im Raume meiner Heimatstadt Esslingen, geschehen könnte, erhielt ich die beruhigende Auskunft, daß dies nur bei kegelförmigen Bergen vorkomme und solche konnte ich tatsächlich in der Umgegend nicht erkennen. (Glücklicherweise wohnte ich nicht in Reutlingen, sonst hafte mir die Achalm und der Georgenberg schlaflose Nächte bereitet.) Ich will damit sagen, daß man zwar natürlicherweise ein Kind mit der Betonung einer Unwahrscheinlichkeit zu beruhigen versuchen wird. Über den Grad der Unwahrscheinlichkeit sind sich aber wohl auch die Erwachsenen unsicher und diese Unsicherheit wird das Kind, auch das kleine Kind sehr wohl spüren und aufgreifen. Es ist aber ein grundsätzlicher Unterschied, auch in der Erklärungsmöglichkeit einer Gefahr für die Kinder, ob diese Gefahr schicksalshaft gegeben ist, wie die Gefahr des Blitzschlags, des Unwetters, der Naturkatastrophe oder auch des Vulkanausbruchs, mit der zu leben wir Erwachsene gelernt haben. Dieses Lernen können und müssen wir auch an die Kinder weitergeben als eine wichtige Voraussetzung mit unvermeidlicher Angst zu leben und sie zu ertragen.

Ganz anders ist es aber, wenn es sich um eine vom Menschen bewußt hervorgerufene, in diesem Fall technisch installierte Gefahr handelt. Ein nicht umgehender Abbau dieser vom Menschen aufgebauten Gefahr kann aber im kindlichen Verstande - übrigens auch nach den Gesetzen der Logik - eigentlich nur damit erklärt werden, daß zumindest einer der beiden, die sich gegenseitig in diese Gefahr versetzen, so böse ist, daß er sich weigert, zur Verringerung der Gefahr beizutragen und das Seine dazu zu tun. Damit wären wir wieder beim Feindbild, welches tatsächlich geeignet ist, bei allen Menschen, auch bei Kindern aggressive Abwehrkräfte zu mobilisieren. Dies können wir in der Tagesschau bei Bildberichten über maschinenpistolenbewehrten Kindern und Jugendlichen im Vorderen Orient oder in Mittelamerika sehr deutlich sehen. Angst, soweit man sie nicht einfach erdulden kann und muß, kann man nur auf zweierlei Weise überwinden: Durch Flucht und durch Aggression. Auch vor dem Vulkan kann ich ins Flachland ziehen und vor der Atombombe vorerst noch nach Neuseeland oder Australien. Ob das auf die Dauer die Atomgefahr wirksam abhält und ob nicht auch im Flachland Gefahren drohen, kann niemand sagen, also scheidet die Möglichkeit der Flucht aus. Dann bleibt nur noch die Notwendigkeit der Aggression. Die Aggression gegen den Vulkan ist sinnlos, er ist in jedem Fall der stärkere, die Aggression gegen einen aufgebauten Feind erscheint aber zumindest zunächst nicht sinnlos. Zu was sie führen kann, zeigt uns, wie gesagt, der Vordere Orient und Mittelamerika.

Es bleibt in der Erziehung der Kinder der einzige Weg, die Erziehung so angstarm wie möglich zu gestalten. Angstfreie Erziehung ist eine Utopie, ebenso wie das Aufwachsen ohne jede Gefahr. Die Angst ist eine natürliche Empfindung zur Früherkennung von Gefahren und zu deren Überwindung. Der Mensch ohne Angst ist zwar nicht gefährlich, aber hochgradig gefährdet. Wir müssen aber sehen, daß wir die Angst in der Erziehung überall da beseitigen, wo dies in unserer Fähigkeit liegt, ohne daß wir lügen, vertuschen und die Realität abfälschen. Angstmachen ist eine Form der Gewaltausübung und Angstmachen zu erzieherischen Zwecken ist die Erziehung durch Gewalt und weil Angst Aggressionen weckt, wie wir gesehen haben, auch eine Erziehung zur Gewalt.

Jede Friedenserziehung muß es daher als ihr wichtigstes Ziel ansehen, sowohl so weit wie möglich auf ein vermeidbares Angstmachen zu verzichten, wie auch sich gegen jede Gewalt und Aggressivität zu wenden. Jedes Feindbild muß aber Angst und damit Aggressionen wecken, ja das Feindbild wird ganz bewußt in der Politik eingesetzt um Angst und Aggressionen zu wecken. Es erstaunt mich immer wieder, wie schnell vergessen wurde, wie Adolf Hitler und seine Propaganda systematisch Feindbild, Angst und Aggressivität gefördert und immer wieder aufs neue angeheizt haben. Das war keine Erfindung des Nationalsozialismus. Er konnte sich dabei auf gerade auch in bürgerlichen Kreisen weit verbreiteten Traditionen aus dem Ersten Weltkrieg und dem Kaiserreich davor stützen. Nicht nur die herrschende Meinung, auch die damaligen Kinderlieder pflegten Feindbilder und weckten Angst und Aggressivität. Im Kaiserreich und während des Dritten Reiches war der Aufbau und Erhaltung eines Feindbildes noch relativ leicht. Der Durchschnittsbürger hatte wenig Möglichkeit mit Menschen anderer Nationen persönlich in Berührung zu kommen und sie kennenzulernen. Wir sind heute in der glücklichen Lage, durch einen Welttourismus, aber auch durch Telekommunikation sehr viel mehr von nahen und fernen Völkern zu erfahren und diese zum Teil persönlich kennenzulernen. Darum haben es die Regierungen so sehr viel schwerer, die zur Bestätigung ihrer Politik notwendigen Feindbilder aufrechtzuerhalten und zu pflegen. Ein freier Tourismus mit den Oststaaten würde daher zum Frieden und zur Friedenserziehung Entscheidendes beitragen. Ob allerdings dann gerade die Amerikaner in Scharen nach Rußland reisen würden, erscheint mir fraglich. Ich bin aber davon überzeugt, daß die derzeitige amerikanische und auch unsere eigene Politik im wesentlichen darin ihren Halt findet, daß so wenig persönliche Kontakte zwischen den östlichen und westlichen Völkern bestehen und daher noch viele an einen „absoluten Feind" glauben. Horst Eberhard Richter zitierte einmal den englischen Physiker Blackett, der schon 1956 voraussagte: „Wenn einmal eine Nation ihre Sicherheit auf eine absolute Waffe (die Atombombe) stützt, dann wird es psychologisch notwendig, an einen absoluten Feind zu glauben."

Dieser vorgebliche oder tatsächliche Glaube an das Böse im andern bestimmt offenbar tatsächlich die Politik in Ost und West, Reagen ebenso wie die marxistisch-leninistische Ideologie. Bei einer Veranstaltung im vergangenen Jahr hier in Tübingen aus Anlaß der Friedenswoche wurde in den überall auftauchenden Diskussionsbemerkungen der Anhänger einer marxistisch-leninistischen Gruppe sehr deutlich, daß diese ebenso wie die amerikanische Regierung davon überzeugt sind, es gebe einen Unterschied zwischen guter und böser Gewalt. Die Gewalt aber ist von ihrer Natur her immer böse.

Ich bestreite nicht, daß es den Unterschied zwischen Diktaturen und Demokratien gibt und halte die Demokratien für die bessere, weil dem emanzipierten Menschen mehr entsprechende Regierungsform. Das gilt aber nicht von den jeweils davon beherrschten Völkern, vom einzelnen Menschen der es sich kaum einmal heraussuchen konnte, ob er unter einer Diktatur oder einer Demokratie aufwachsen wollte. Und ich bin davon überzeugt, daß die Mehrheit der Völker hier wie dort den Frieden und nicht die Atombombendrohung wünschen. Daß dies auch für die Regierung gilt, dazu kann ich den gewiß nicht als Russenfreund zu apostrophierenden amerikanischen Politiker George F Kennan zitieren, der in seiner Rede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Pauls-Kirche am 10. Oktober 1972 sagte, er „kenne keine andere Ansicht, die im Laufe der letzten Jahre mehr Verwirrung und Unheil gestiftet hat, als diese primitive, ernstlich vereinfachte irreführende idee fixe, daß das Sowjetregime im Grunde genommen aggressiv veranlagt sei, daß bei ihm nicht die Konsolidierung und wirtschaftliche Entwicklung des schon existierenden Machtgebiets, sondern der Drang nach militärischer Expansion die höchste Priorität genießt, so daß dieses Regime ausschließlich durch militärische und besonders nukleare Abschreckung von dem bewaffneten Angriff auf andere Länder und Gebiete abgehalten worden ist und abgehalten werden kann".

Wenn die westlichen Regierungen aber für sich in Anspruch nehmen, daß sie keine Angriffsabsichten hegen - und es wäre sehr schlimm, wenn sie dies nicht für sich in Anspruch nehmen könnten -, dann müssen sie auch tolerieren, daß das die Gegenseite auch für sich in Anspruch nimmt, insbesondere wenn dies von einem ihrer kompetentesten Rußlandkenner so ausdrücklich festgestellt wird.

Im übrigen befinde ich mich mit der Forderung, daß man auch von seinem Feind, vor allem dann, wenn wir ihn selbst zum Feind erklärt haben, zunächst einmal auch das Positive, das ich für mich selbst in Anspruch nehme unterstellen soll, durchaus in humanistisch-abendländischer-christlicher Tradition. Ich halte deshalb den angeblichen Ausspruch von Helmut Schmidt, der sinngemäß gesagt haben soll, in der Politik habe die Bergpredigt keine Geltung, für eine der schlimmsten Bekenntnisse, die jemals in einem Staat, dessen Mehrheitspartei sich christlich bezeichnet und der sich insgesamt christlich-abendländischer Tradition verpflichtet fühlt, je ausgesprochen wurde. Er hätte wenigstens ein schlechtes Gewissen äußern können, daß die Bergpredigt in der politischen Praxis offenbar nicht zu realisieren sei.

Zurück zur Erziehung: Wenn also die Regierung als Vertreter des eigenen Staates ein Feindbild benötigt und dieses pflegt, ich es aber für falsch halte, meine Kinder und Enkel zur Akzeptierung eines nur politisch zu rechtfertigenden Feindbildes hinzuführen, dann steht hier die Erziehung zur Staatsloyalität einerseits, deren Notwendigkeit ich bejahe, und die grundgesetzlich in Artikel 6 Satz 2 garantierte, freie Erziehung der Eltern und die in Artikel 4 des Grundgesetzes garantierte Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit andererseits in einem unlösbaren Widerspruch. Und dies, obwohl ich mich mit meiner Erziehung und meinem Glauben durchaus in christlich abendländischer Tradition bewege.

Man könnte nun nicht ohne Grund dagegen einwenden, man müsse in gleicher Weise, wie man sich gegen die Aufstellung von Atomraketen wende, schon mit denselben Argumenten gegen jedes Gewehr, gegen jeden Panzer, grundsätzlich gegen jede militärische Abwehr wenden. Ich könnte einer solchen Argumentierung nicht grundsätzlich widersprechen und ich lehne es deshalb vom Grundsatz her ab, Kinder mit Kriegsspielzeug, mit Pistolen und dergleichen spielen zu lassen, obwohl ich dies bei den mir beruflich anvertrauten Kindern immer wieder beobachte und auch nicht verhindern kann, eben weil sie aufgrund einer gestörten Erfahrung und aufgrund negativer Eindrücke zu mir gebracht werden. Ich habe es in meiner eigenen Familie glücklicherweise vermeiden können, jemals Kriegs-und Schießspielzeug im Hause zu haben und eigenartigerweise haben auch meine Kinder kaum einmal danach verlangt, und dies nicht, weil sie etwa Angst vor mir gehabt hätten, sondern weil offenbar kaum einmal ein nachhaltiges Bedürfnis dazu bestand.

Dennoch meine ich, daß das kein fließender Übergang ist vom Gummiknüppel oder der Pistole des Polizisten bis zur Atomrakete, mit einer Vernichtungskraft, die schlechthin von niemand vorgestellt werden kann. Experten versichern ja, daß der Film „Am Tage danach" die Wirklichkeit noch lange nicht erreiche. Ich glaube viel- mehr, daß hier auf dem Wege zum Atomkrieg ein quantitativer Sprung eingetreten ist, der qualitative Bedeutung erlangt. Dieser Sprung ist ein Sprung in doppelter Bedeutung des Wortes, einmal ein Sprung, der eine Kluft zwischen den beiden Bereichen der Instrumente der Verteidigung darstellt, wie auch ein Sprung, den die Politiker und Militärs mit der Entscheidung zur Atombewaffnung gemacht haben über diese Kluft hinweg. Es gibt sicher viele berechtigte Gründe, auch schon lange vorher nein zu sagen zu jeder Gewalt, zu Aggressivität und zum Aufbau eines Feindbildes, ebenso wie „Ja" zur Verweigerung der Mitarbeit. Ich verstehe aber auch, wenn man bis zu diesem quantitativen Sprung angesichts einer mehrtausendjährigen Geschichte der Menschheit sich resignierend zurückgezogen hat, einer Menschheit, die sich noch zu jeder Zeit und immer bekämpft und bekriegt hat, sei es mit Knüppeln, Speeren, Schwertern, mit Maschinengewehren, Artillerie und Sprengbomben. Ich glaube aber, daß mit diesem Sprung eine Dimension erreicht ist, die mich als verantwortlicher Erzieher daran hindert, meinem Kind und meinen Enkeln wider besseres Wissens zu sagen, das sei unvermeidlich, notwendig oder sogar es sei gut so. Hier muß ich mich auch als loyaler Staatsbürger entscheiden, ob ich meine Kinder ebenfalls in einer Loyalität zu einer zweifellos rechtmäßig und demokratisch gewählten Regierung und ihrer Exekutivorgane erziehe, oder ob ich mich von meiner Erziehungsfreiheit und meinem christlichen Gewissen bestimmen lasse. Ich habe diese Frage dem Bundesverfassungsgericht gestellt, und jetzt habe ich die Antwort darauf bekommen, daß die Frage nicht zulässig sei.

Die Erziehung auch in der Gegenwart einer atomaren Gefahr kann daher nur darauf gerichtet sein, Rücksicht und Verständnis auch gegenüber denjenigen zu zeigen, die mir als meine angeblichen Feinde vor- und gegenübergestellt werden. Es war mir sehr bemerkenswert, daß Helmut Schmidt in seinem Aufsatz über die Angst in der Wochenzeitschrift „Die Zeit", den ich im übrigen für gut hielt, keinen Gedanken dafür übrig hatte, daß vielleicht auch die ändern, die Menschen in Rußland Angst haben könnten. Diese Angst, die wir verursachen, gewollt oder ungewollt, mit zu berücksichtigen, scheint mir nicht nur ein Gebot einer menschlichen und christlichen Erziehung zu sein, sondern auch ein Gebot kalter Vernunft.

Daß man mit seinen Nachbarn - und unter den heutigen Verkehrs- und Kommunikationsbedingungen sind nicht nur die Bürger der DDR und der ÖSSR, sondern auch die von Polen und Rußland unsere unmittelbaren Nachbarn – nicht nur in territorialen Streitigkeiten und Revierkämpfen umgehen und sich auseinandersetzen kann, sondern in freund-nachbarschaftlichem Kontakt, ist im übrigen gar keine Sublimationsleistung des Menschen. Der langjährige Direktor des Züricher Zoos, Hediger berichtet, daß auch territorial bewußte Tiere und Tiergruppen sich an ihre konstanten Nachbarn gewöhnen und eine große territoriale Toleranz entwickeln können.

Friede ist ohne gegenseitiges Vertrauen nicht möglich. Die Erziehung der nachfolgenden Generationen kann also nicht darin begründet sein Feindbilder zu pflegen, Angst zu erregen und daraus Aggressionsgewinn zu ziehen mit allen seinen unabsehbaren Nachteilen und Folgen, sondern allein darin, nicht nur Vertrauen zu haben, sondern Vertrauen zu wecken und jeweils beim ändern die Angst abzubauen. Der erste Schritt in dieser Richtung kann aber naturgemäß nicht ohne Risiko sein. Die Bereitschaft zu diesem ersten Risiko und zur Fähigkeit, die daraus sich ergebende Angst auszuhalten, scheint mir das wichtigste Ziel jeder Erziehung zu sein, der Erziehung unserer Kinder und Enkel, aber auch der Erziehung für uns selbst.

Reinhart Lempp: Atomkriegsdrohung und Erziehung. In: Tübinger Ärzteinitiative gegen den Krieg (Hrsg.): Ärzte warnen vor dem Atomkrieg. Unser Eid auf das Leben verpflichtet zum Widerstand. Dokumentation des 4. Medizinischen Kongresses zur Verhinderung eines Atomkrieges 1984 in Tübingen. Tübingen 1984, S. 71.

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