Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1980 - 1990 / Reiner Steinweg: Kontroverse der zwei Friedenspädagogen in meinem Kopf (1988)

Reiner Steinweg: Kontroverse der zwei Friedenspädagogen in meinem Kopf (1988)

Vorbemerkung: Es gibt eine unterschwellige, kaum ausgetragene Kontroverse in der gegenwärtigen Literatur zur Friedenserziehung, zwei unterschiedliche Ansätze mit relativ weitreichenden Konsequenzen für die pädagogische Praxis. Ich selber befinde mich - nicht zuletzt weil ich die Entfaltung beider Ansätze aus der Nähe erlebt habe - in dem Dilemma, dass ich beiden relativ weit folgen kann. Schließen sie sich gegenseitig aus oder sind sie letztlich doch miteinander vereinbar? In dem folgenden Dialog mit mir selbst möchte ich - angeregt durch die Suche der ami-Redaktion nach einer friedenspädagogischen Debatte in diesem Heft - versuchen, die jeweiligen Argumente genauer abzuwägen und mir dadurch zugleich mehr Klarheit aber meine eigenen Fragen und Zweifel zu verschaffen. Es geht mir dabei nicht darum, die Positionen, wie sie etwa von Christiane Rajewsky und Christian Büttner in Friedensanalysen 19 vertreten werden (1), getreulich zu referieren. Vielmehr möchte ich, davon ausgehend das darstellen, was daraus in meinem eigenen Kopf geworden ist - Widersprüche, die mich beunruhigen.

Reiner II: Krieg beruht auf zerstörerisch gewordenen, nicht mehr fruchtbar zu machenden Polarisierungen. Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, der Verachtung oder, oft noch schlimmer, der Gleichgültigkeit gegenüber anderen/fremden Menschen und Völkern sind sicher nicht primäre Kriegsursachen, auch nicht ein damit einhergehendes labiles oder zerstörtes Selbstwertgefühl. Aber Kriege wären weder vorzubereiten noch zu führen ohne solche Gefühle. (2) Eine Voraussetzung dafür, dass sie kollektiv auftreten und wirksam werden, liegt in der Erlebnis- und Erfahrungswelt der Kinder und Jugendlichen. Kontinuierliche Kränkung, Verletzung, Unterdrückung, überhöhte Leistungsanforderungen oder andere Formen direkter und sublimer Gewalt behindern nicht nur die Entfaltung der Kinder und ihres Selbstwertgefühls. Zu diesen Formen sublimer Gewalt gehört auch die zunehmende Instrumentalisierung der Kinder durch ihre erwachsenen Bezugspersonen (3). AU das erzeugt überdies nicht selten eine Art primären Hass, der sich in vielfältigen Formen scheinbar unmotivierter Aggression oder auch in indirekten Rache- und Verweigerungsakten gegenüber einzelnen und der Gesellschaft insgesamt äußert, manchmal über lange Zeiträume hinweg. (4) Diese Gefühlslagen können später manipulativ genutzt und gegen den inneren wie den äußeren 'Feind' gekehrt werden. Sie schaffen eine Art Disposition, Anfälligkeiten für Kriegserziehung und 'Kriegstüchtigkeit'. Folglich kommt es im friedensförderlichen Umgang mit Kindern - der Begriff 'Er-Ziehen' steht in seiner Bildlichkeit bereits für einen Prozess gewaltsamer Formung von außen - primär darauf an, erstens solche Verletzungen selbst zu vermeiden und zweitens sie dort, wo sie von anderen verursacht worden sind, aufzuspüren und zu bearbeiten.

Reiner I: Ich leugne nicht die Bedeutung solcher Gefühle für den alltäglichen Umgang von *Menschen miteinander. Ich kann sogar akzeptieren, dass sie im weitesten Sinne auf politische Einstellung, Handlungen und Entscheidungen 'durchschlagen' und Menschen kriegsfähig statt friedensfähig machen, wenn sie kein Gegengewicht bekommen. Meine Zweifel beziehen sich auf etwas anderes: Erstens gibt es heute, zumindest in industrialisierten Gesellschaften, kaum jemanden, der in seiner Kindheit oder Jugend nicht vielfältige Verletzungen und Beeinträchtigungen dieser Art erfahren hätte. Nur ein Bruchteil dieser Erfahrungen kann, schon rein quantitativ, in diesem Sinne bearbeitet werden, weil es viel zu wenig Menschen mit der dafür erforderlichen hohen Qualifikation gibt. Solche Bearbeitung zur Voraussetzung für friedensfähige Gesellschaften zu erklären, hieße aufgeben. Zweitens: Wenn es eine strikte Kausalität in dein von dir behaupteten Sinn gäbe, wären Phänomene wie z.B. die Neue Friedensbewegung oder die Ökologiebewegung als Gegenströmungen nicht zu erklären. Woher nehmen diese Menschen die Kraft, ihre kindlichen Verletzungen und Zerstörungen so weit zu überwinden, dass sie friedenspolitisch handlungsfähig werden und tatsächlich handeln? Es muss also, schon rein empirisch, noch andere im Sinne unseres gemeinsamen Ziels 'positive' Faktoren geben. Drittens: Ich bezweifle, dass Menschen allein aufgrund der von dir vorgeschlagenen Bearbeitung sich friedenspolitisch engagieren. Vielleicht können sie ein erfüllteres, glücklicheres, von Spannungen weniger zerrissenes Leben führen als andere, und das ist ihnen und jedem zu gönnen; aber ob sie auf der politischen Ebene eingreifen oder sich lediglich abstinent verhalten werden, im guten wie im bösen, das steht dahin. Genauer, ich meine, es hängt von etwas anderem ab: von Einsicht, Kenntnis, Analyse, kurz: vom Gebrauch der Vernunft. Und der will gelernt sein.

Reiner II: Der Reihe nach. Zu deinem ersten Einwand: Dass es heute noch viel zu wenig Kompetenz für einen solchen Umgang mit Kindern gibt, ist richtig. Nur, das gilt für fast alle Gefahren, die heute die Menschheit bedrohen: Es gibt viel zu wenig Friedensforscher, viel zu wenig Ökologen und Ökoinstitute, viel zu wenig Hebammen- und Ärzte, die eine sanfte Geburt einleiten können usw. usf. Wir müssen und können das unsere dazu beitragen, dass sich das ändert, dass solche Kompetenz in quantitativ hinreichendem Maß entsteht. Und es hat sich, verglichen mit den Ausgangspunkten, bereits sehr viel geändert. Zweitens: In den Beziehungen zwischen Menschen gibt es nirgends eine strikte Kausalität. Die behaupte ich auch nicht. Es gibt immer auch 'andere Faktoren'. Es geht um begünstigende und behindernde Umstände, Konstellationen, 'Konfigurationen', und diese ändern sich und können geändert werden. Dass die Friedensbewegung als Massenphänomen möglich wurde mit ihren besonderen, so erstmals aufgetretenen friedlichen Ausdrucks- und Organisationsformen, werte ich als ein Zeichen für solche tiefgreifenden Änderungen, die unabhängig von dem jeweils vertretenen Inhalt, den je konkreten Zielsetzungen sind Änderungen auch und gerade im Umgang mit Kindern. Zugleich machen sich in der Friedensbewegung wie in allen anderen politischen Bewegungen - heute besonders auffällig bei den Grünen - auch jene kindlichen Verletzungen und ihre Nicht-Bearbeitung in vielfältigen Formen destruktiver Polarisierung bemerkbar. Die bisher erzielten Veränderungen reichen also bei weitem noch nicht aus. Drittens: Vielleicht hast du recht dass der von mir vorgeschlagene Weg nicht direkt zu friedenspolitischem Engagement führt. Aber umgekehrt wird auch kein Schuh daraus. Es gibt so viele kluge Menschen und so wenigpraktische Vernunft. An publizierter Analyse mangelt es doch wahrlich nicht. Die Einsicht ist eine Sache, die Fähigkeit, ihr im sozialen Umfeld zur Geltung zu verhelfen, eine andere.

Reiner I: Du meinst also, Kants 'praktische' Vernunft kann sich, im Unterschied zur 'reinen', nur auf der Basis 'entspannter' menschlicher Beziehungen verwirklichen. (5) Mein Problem ist aber, dass der von dir vorgeschlagene Ansatz und das Wecken der 'praktischen Vernunft' einander widersprechen könnten. Konkret: Auf der Basis deiner Prämissen wäre es sinnvoll, Kinder nicht moralisch unter Druck zu setzen, Aggressivität und Gewaltneigungen zu zähmen (Elias) - ob sie nun in der Form des Kriegspielens mit Panzern und Bomben oder in der Form des Raufens auftreten -, sondern sich ihnen verstehend zu nähern, die tieferliegenden Ursachen dieser Ausdrucksformen zu ergründen und (meist durch das Verstehen selber) aufzulösen oder zu verändern. Es wäre sinnvoll, Kindern den 'Genuss' von Gewalt- und Horrorvideos, gewaltverherrlichenden Computerspielen etc. nicht dadurch zu 'vermiesen' (verbieten hat ohnehin auch aus meiner Sicht keinen Sinn), dass man sie mit der eigenen Kritik an diesen Scheußlichkeiten konfrontiert und sie die eigene Ablehnung spüren lässt. Vielmehr gälte es, auch diese 'Beschäftigung' als Ventil und Ausdrucksform für tieferliegende Konflikte und Gewalterfahrungen und nicht als mögliche Ursache von Gewalt zu begreifen. Zugespitzt: Nicht die Rambo-Filme wären dann gefährlich, sondern eine moralisierende Kritik daran, die den Genuss an diesem Spiegel gesellschaftlicher Tendenzen und die mögliche Selbstdistanzierung davon (6) beeinträchtigt.

Ich gehe dagegen davon aus, dass der kompromisslose, scharfe Verweis auf den gesellschaftlichen Gewaltzusammenhang eine starke provokative Kraft entfalten kann. Also Lernen durch Argumentation, Stellungnahme, und - so notwendig wie unvermeidlich - ethisch begründetes, vernünftiges Urteil.

Der knochendürre moralische~ Zeigefinger bewirkt sicher das Gegenteil des Angestrebten - erst recht, wenn er heuchlerisch die eigene Lust an der Gewalt verbergen soll. Nur wenn die praktische Vernunft mit Leidenschaft vertreten wird, kann sie wirksam werden. Der Argumentierende muss sich jedoch seiner Irrtumsfähigkeit an, jedem einzelnen Punkt bewusst sein und diese auch zu erkennen geben. Anstatt vom hohen Ross herab zu dozieren, sollte er die Kinder (ja, schon die Kinder!) und Jugendlichen als gleichwertige Partner in einem gemeinsamen Erkenntnisprozess begreifen und dementsprechend behandeln. Ernst Werner hat seine große pädagogische Wirkung mit dieser Haltung erzielt (7). Erst wenn der Pädagoge, der Kinderfreund, in seiner eigenen Lebenspraxis, die den Kindern und Jugendlichen ja nicht entgeht, generell eine glaubwürdige Alternative zur Gewalt darbietet oder um sie ringt, kann er der praktischen Vernunft gerecht werden.

Reiner II: Das sind viele Voraussetzungen, und diese Kompetenz dürfte ebenso selten sein wie die von mir für nötig gehaltene. Abgesehen davon: Wenn die ethisch-vernünftige Argumentation den Grundkonflikt eines Kindes nur zudeckt, wenn es davon überwältigt wird, wird das Kind sich später (als Erwachsener) vielleicht friedenspolitisch engagieren. Der Erwachsene aber wird in der Form seines Engagements irgendwann die unbearbeiteten Konflikterfahrungen ausdrücken und somit, gemessen an seinem Ziel, kontraproduktiv handeln. Die Bearbeitung kann aber fallweise durchaus erfordern, sich auf die kindliche, eher gewaltförmige Expressivität einzulassen, sie also nicht (nur) zu kritisieren und abzuwehren. Es ist vielleicht kein Zufall, dass so manche entschiedene Pazifisten - wenn man mündlichen Berichten (u.a. von dem amerikanischen Psychoanalytiker Chaim Shatan, der sich so verdienstvoll der Vietnam-Veteranen angenommen hat) glauben darf - in ihrer Kindheit Gewaltphantasien bildnerisch, schreibend und spielend ausagiert haben. Hinter diesen Phantasien steht nur zu oft die Angst vor Gewalt und Krieg, die durch die Medien und die Gespräche der Eltern auch und gerade für Kinder außerordentlich bedrängend sein können. Diese Angst muss emotional verarbeitet, kann rational nicht bewältigt werden.

Reiner I: Sie sind aber sicher nicht deshalb Pazifisten geworden, sondern weil sie glaubwürdigen Menschen begegnet sind, die mit Argumenten und praktischem Engagement für eine friedliche und menschenwürdige Welt gestritten haben. Und in nicht wenigen Fällen wird die Vermittlung der gewaltfreien Tradition über die (literarische) Begegnung mit Menschen wie Gandhi, Tolstoi oder Martin Luther King eine Rolle gespielt haben, wie Christiane Rajewsky zu Recht hervorhebt (8). - Vorläufiges Fazit, auch wenn es sich widerspricht: Das eine tun und das andere nicht lassen, und vor allem: Denen, die sich friedenspolitisch engagieren, Hilfestellung leisten bei dem Versuch, als Erwachsene die eigenen kontraproduktiven, destruktiven Anteile zu bearbeiten und dabei das Persönliche mit dem Politischen zu verbinden. (9) Das wird sich nicht nur auf ihre Arbeit in der Friedensgruppe, sondern auch auf ihren Umgang mit Kindern positiv auswirken.

Dr. Reiner Steinweg, Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, Herausgeber der Friedensanalysen, Mitarbeiter des "Österreichischen Institut für Friedensforschung und Friedenserziehung“, Außenstelle Linz.

Quellen und Anmerkung:
(1) Christian Büttner. Die Angst der Kinder vor ihren Beschützern oder Skepsis gegen Friedenserziehung als Programm, in: Reiner Steinweg (Red.): Vom Krieg der Erwachsenen gegen die Kinder, Möglichkeiten der Friedenserziehung (= Friedensanalysen 19), Frankfurt/M. 1984, S. 26-64; Christiane Rajewsky: Kinderbücher als Arbeitshilfen in der Friedenspädagogik, Ein Plädoyer für Erziehung, ebenda S. 140-196.
(2) Das wird besonders an verschiedenen Konzepten militärischer Ausbildung deutlich, vgl. Büttner (s. Anm. 1) S. 27-33.
(3) Dazu Birgit Volmerg: Zur Sozialisation struktureller Feindseligkeit, in: Friedensanalysen 6,
Frankfurt/M. 1977, S. 44-77.
(4) Beispiele dafür bei Büttner (s. Anm. 1) S. 33-38.
(5) "Je sicherer der einzelne Pädagoge mit seinen Kindern wird und das könnte heißen, je weniger er sich zu beschweren braucht, desto weniger braucht er dann neben seiner Fachdidaktik und -methodik auch noch eine spezielle Friedenserziehung, um mit seinen Kindern entspannt zu leben. Dies ist aber eine Voraussetzung dafür, dass die Kinder später als Erwachsene ohne Krieg leben können." Büttner (s. Anm. 1) S. 61 (Hervh. - R.St.).
(6) Prof. Klaus Ottomeyer, Universität Klagenfurt, hat in Seminaren mit (Unterschicht-) Jugendlichen solche Formen ironisch-amüsierter Distanzierung von 'Helden' wie Rambo beobachtet. (Mitteilung bei der 5. Internationalen Sommerakademie des 'Österreichischen Instituts für Friedensforschung und Friedenserziehung/Stadtschlaining, Sommer 1988).
(7) Dazu jetzt: Volkhard Brandes/Reiner Steinweg/Frank Wende (Hg.): "Ich verbiete Euch zu gehorchen!“ Ernst Werner - Lehrer aus Leidenschaft wider die politische Unvernunft, Dokumente, Erinnerungen, Wirkungen, Frankfurt/M. 1988.
(8) Rajewsky (s. Anm. 1) S. 146.
(9) Meine an anderer Stelle in diesem Heft kurz skizzierten theaterpädagogischen Seminare zielen in diese Richtung. Mit anderen Mitteln wird eine ähnliche Zielsetzung verfolgt in einem neuen Projekt von Ute Volmerg, Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Frankfurt/M.

Reiner Steinweg: Kontroverse der zwei Friedenspädagogen in meinem Kopf. In: Antimilitarismus Information Heft 12/1988, S. 170-172.

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School