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Theaterpädagogik als Friedenserziehung, die vom Frieden nicht redet
Über Frieden und Krieg zu reden, über Unfriedensstrukturen, kriegsträchtige Entwicklung, Alternativen und Abrüstungsmöglichkeiten aufzuklären, ist zweifellos nötig wie das tägliche Brot. Aber, wie der vorangehende Artikel zum aktuellen Stand der pädagogischen Friedensforschung dargelegt hat, Information allein kann das Ziel nicht erreichen, Menschen dauerhaft friedens- und konfliktfähig zu machen. Oder umgekehrt gesagt: damit allein wird es nicht möglich sein, der Politik der Gewalt und des totalen Vernichtungsrisikos nachhaltig die „Legitimation", den Boden, zu entziehen. Denn Information - diese Erfahrung macht jeder, der Vorträge und Seminare zu friedenspolitischen Themen veranstaltet - wird nur sehr begrenzt „logisch" aufgenommen; sie wird oft schlicht abgewehrt, wenn sie den eigenen Interessen und Vor-Urteilen nicht zu entsprechen scheint, oder aber eingepaßt in das, was man schon weiß oder erfahren hat, und dabei wird sie verzerrt, entstellt, anders gewichtet. Analysen friedenspolitischer Diskussionen zeigen, daß in aller Regel Grunderfahrungen aus der je besonderen Alltagswelt, in der die Teilnehmer leben, auf Probleme der internationalen Politik und somit von Krieg und Frieden übertragen werden.
Eine dieser Grunderfahrungen vieler Menschen ist es, daß es anscheinend „ohne Gewalt nicht geht". Viele erschrecken zwar für Momente vor den Vernichtungsmöglichkeiten der Atombomben; aber sie sind aufgrund ihrer Alltagserfahrung nicht bereit, auf Gewalt oder Gewaltandrohung als Mittel der internationalen Politik zu verzichten; und sie sehen nicht, daß die Atomwaffe nur der Kopf der Hydra ist, der doppelt nachwachsen wird, wenn man ihn bloß abschlägt. Dies ist der Grund, warum Friedenserziehung auch am Unscheinbaren ansetzen muß, an den alltäglichen Erfahrungen, die scheinbar mit Krieg und Frieden wenig zu tun haben. Für Kurzzeit-Kurse mit Jugendlichen und Erwachsenen - bis hin zu Altersheimbewohnern - haben wir im Rahmen eines von der Berghof-Stiftung für Konfliktforschung finanzierten Forschungsprojekts in den vergangenen Jahren eine Seminarform entwickelt, die auf einem notwendigen Umweg einen Teil dieser Alltagserfahrungen zum Gegenstand macht: Wir spielen mit den Seminarteilnehmern kurze Theaterszenen und sprechen anschließend über das, was wir und sie gesehen und erlebt haben.
Der „notwendige Umweg" besteht darin, daß wir nicht von Rollenspielen ausgehen, in denen Alltagsszenen unmittelbar angegangen werden, sondern von kurzen, manchmal nur eine halbe Druckseite umfassenden Theaterszenen. Wir entnehmen sie in der Regel den sogenannten Lehrstücken von Bertolt Brecht. Er hat diese kleinen Theaterstücke bewußt für den Zweck der Erfahrungsaufarbeitung in kleinen Gruppen, nicht für die Bühne geschrieben. Prinzipiell sind aber auch andere Texte verwendbar, wenn sie ähnliche formale Merkmale aufweisen. In jedem Fall spielen diese Szenen vordergründig in fremden Welten. Es handeln Figuren, die mit uns auf den ersten Blick wenig zu tun zu haben scheinen: Ein Kaufmann treibt in der Wüste „seinen" Kuli, den Lastenträger, zur Eile an; Jemand, der zwei Mäntel besitzt, gibt einem Armen, der ihn in der Kälte anbettelt, statt des Mantels kluge Worte, bis er erfriert; usw. Der „Umweg" über solche Szenen ist nötig, erstens, weil das ,,Alltagsbewußtsein" sich sperrt, soziale Situationen der eigenen Lebenssphäre einfach darzustellen und darüber mit anderen nachzudenken und zu sprechen; in Rollenspielen wird die Realität oft stark verzerrt. Wir brauchen eine gewisse Distanz, brauchen die Verfremdung unserer Erfahrungen und Probleme, um zu erkennen. Zweitens erlaubt die vorgegebene, komprimierte Szene, die Aufmerksamkeit von den Worten (die im Rollenspiel jedesmal neue wären) etwas weg auf die Art und Weise zu richten, wie wir miteinander reden, uns begegnen, drohen, verschließen, nähern, freundlich sind oder sein wollen.
Da es in diesen Seminaren erklärtermaßen nicht darum geht, eine Theatervorführung für Zuschauer zu erarbeiten, sondern darum, die Erkenntnis- und Erlebnismöglichkeiten des Theaterspielens für uns selbst zu nutzen, wird der Text der Szenen nicht auswendig gelernt, sondern abgelesen. Es geht nicht ums Schauspielern, sondern gerade darum, diesen Text so darzustellen, wie wir normalerweise und ,,natürlich" handeln, sprechen, sind. Das Ablesen des Textes ist eine manchmal hinderliche, insgesamt aber nützliche zusätzliche Verfremdung der Situation. Es verhindert keineswegs, daß sehr intensive Erlebnisse Zustandekommen, die uns über die Erinnerung direkt an ähnlich gelagerte Konflikte und Handlungssituationen in unserem gegenwärtigen oder vergangenen Alltag heranführen. Sie erfahren dadurch eine andere, ungewohnte Beleuchtung und geraten ins Zentrum unseres Nachdenkens; ins Zentrum deshalb, weil wir nicht bloß darüber reden, sondern sie körperlich vergegenwärtigen (was meist mit vielen Überraschungen verbunden ist), und weil durch die Wiederholung immer der gleichen Worte die Aufmerksamkeit gebündelt, auf diese eine Szene, diese eine Struktur konzentriert wird. Sind wir nicht selber in manchen Situationen als Eltern, Sozialarbeiter, Jugendgruppenleiter, Altenpfleger usw. schon „Kaufmänner" gewesen, die andere angetrieben haben, zur Eile antreiben mußten! Haben wir nicht schon oft am eigenen Leib erfahren, was es heißt, für andere Lasten zu schleppen und dafür noch gepeinigt zu werden? Oder einen Überlegenen, mit besseren Fähigkeiten, besseren Mitteln Ausgestatteten um Hilfe bitten zu müssen und gedemütigt zu werden?
Gelegentlich wird diese Verbindung der vorgegebenen Szene mit dem eigenen Alltag dadurch verdeutlicht, daß einzelne Worte ergänzt oder verändert werden. In einem zweitägigen Theaterkurs mit Altenpflegern (Stationsleitern) im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung des Wohlfahrtswerkes für Baden-Württemberg fügte ein Teilnehmer als Sprecher des reichen „Baal" mit den zwei Mänteln mehrfach am Ende der vorgegebenen Sätze mit singendem und doch differenzierendem Tonfall ein: .....mein Lieber". Sofort entstand eine deutliche Assoziation an vielerlei patriarchalische Alltagsszenen, die man so kennt, Szenen, in denen diese zwei Worte ihr genaues Gegenteil bedeuten: Kälte, Herablassung, Abweisung, Verachtung, Vorwürfe, Abkanzelung von oben herunter statt Wärme, Zuwendung, „Liebe". In einem anderen Kurs wurden in den Sätzen „Hier wird es Wohlstand und Eisenbahnen geben" und „Dieses ganze Land schaut auf dich kleinen Mann" die Worte ,,Wohlstand und Eisenbahnen" ersetzt durch „Gerechtigkeit und Frieden", die Worte „dieses ganze Land" durch „diese ganze Bewegung" und „Mann" durch „Frau". Die Szene hatte sich beim Spielen für die Teilnehmer zugespitzt auf die Frage; wie wir in der Friedensbewegung miteinander umgehen, uns insbesondere wie Männer („ihre") Frauen zum Engagement in dieser Bewegung „antreiben".
Wichtig ist nun, daß die Teilnehmer angehalten werden, solche Assoziationen und generell die Wahrnehmungen, die beim Spiel entstehen, einander mitzuteilen, ohne sie zu bewerten. Mitteilungen vom Typ „Das war gut/schlecht gespielt" oder „Das hat mir gut gefallen" kränken unnötig und lenken vom Wesentlichen ab. Wichtig ist auch, daß jeder zu Wort kommt, nicht nur diejenigen, die leichter als die anderen sprechen können. Es ist also sinnvoll, daß nach einer Spielszene alle, erst die „Zuschauer" (die in der nächsten Runde vielleicht selbst „Spieler" sind), dann die Darsteller, ihre Wahrnehmungen mitteilen. Zwei Beispiele aus dem Stationsleiter-Kurs: „Dieser 'Arme' wirkte auf mich fast wie eine Bordelldame, die den Reichen (Freier) auszunehmen weiß und sich nur äußerlich, formell unterordnet"; und nach einer anderen Spielrunde: „Dieser 'Baal' war für mich ein Mensch, der seine bürgerlichen Verhaltensmaßstäbe ohne Rücksicht auf Verluste an jeden und alles anlegt und sich dahinter verschanzt."
Aus solchen Mitteilungen lernen die Teilnehmer. Es ist regelmäßig für alle (den Seminarleiter eingeschlossen) verblüffend, wieviel Unterschiedliches und manchmal Gegensätzliches in einer und derselben Szene gesehen wird. Die Wahrnehmung ,,verschanzt hinter bürgerlichen Weltmaßstäben" hatte nur einer. Andere sahen einen eher hilflosen Baal, wieder andere einen völlig kalten, gefühllosen. Auch die Assoziation „Bordelldame" ist nur einem gekommen, andere fühlten sich an Bürodamen oder Sekretärinnen erinnert, die ihren „Chef" um den kleinen Finger wickeln. Wie die Erfahrung zeigt, muß zu Beginn des Kurses sowohl das Wahrnehmen der feinen Unterschiede, die sich von Spielversion zu Spielversion ergeben, als auch das Mitteilen dieser Wahrnehmungen geübt werden. Am Anfang sind die Mitteilungen meistens noch ziemlich undifferenziert, und erst nach einer Weile baut sich eine emotionale Atmosphäre auf, in der diese Wahrnehmungen „Gewicht" bekommen, treffen.
Bei dem erwähnten Stationsleiter-Kurs ergab sich ein Problem: Am Ende des ersten Tages zeigten sich die Teilnehmer stark ermüdet. Sie hatten dies Wahrnehmen und Mitteilen mehrere Stunden lang an einer besonders kurzen Szene geübt, in der einem „Knaben" einer von zwei Groschen geraubt worden war und dem nun der zweite auch noch abgenommen wird als herauskommt, daß er sich nicht genügend gewehrt hat. Da die Gruppe sehr groß war, dauerte es jedesmal recht lange, bis alle ihre Wahrnehmungen mitgeteilt hatten und bis sich zwei neue Spieler zu einer neuen Version bereitfanden. Die Schwierigkeit bestand u.a. darin, daß die Teilnehmer auf das Ziel und das Verfahren des Kurses nicht vorbereitet waren und zunächst den Sinn der Übung nicht verstehen konnten. Das genaue Hinsehen und anschließende Hinhören war ebenso anstrengend wie das ungewohnte Formulieren. Am nächsten Tag wurde daraufhin das Arrangement etwas verändert: Es wurde eine längere Szene gespielt, in der zwei „Chöre" das Geschehen unterschiedlich kommentieren (die oben schon erwähnte Szene von „Baal" und den zwei Mänteln). Die Gruppe wurde in diese zwei Chöre aufgeteilt, und wer nicht gerade den Baal oder den Armen spielte, war im Chor. Die Chortexte wurden nicht einfach „im Chor" gesprochen, sondern die beiden Gruppen unternahmen mit ihrem Text und gegeneinander vielfältige und teilweise recht komische und überraschende Aktionen. Dadurch entstand eine entspanntere Atmosphäre. Als einige im Schlußgespräch des Kurses meinten, sie wären als Darsteller des „Armen" oder des „Baal" durch diese Aktionen irritiert worden, bemerkte ein anderer zutreffend: Gerade dadurch seien sie daran gehindert worden, zu perfekt zu spielen, zu sehr zu schauspielern; diese Unterbrechungen hätten dazu beigetragen, die Bedeutung des Spiels für einen selbst sichtbar werden zu lassen, nur dadurch sei so viel ,,gelaufen". Er hatte die Funktion, die Brecht den Chören beimißt, genau erkannt. Was war „gelaufen"? Die Teilnehmerin, bei der „Verschanzen hinter bürgerlichen Weltmaßstäben" assoziiert worden war, eine zurückhaltende, stille und stark gehemmte Frau, konnte z.B. plötzlich über sich sprechen: Dies Verklammertsein in solche starren Maßstäbe sei genau ihr Problem, und sie habe niemand, der ihr da heraushelfe - was ja aber die Mitteilung voraussetzt, daß ein solcher Wunsch besteht, auch in der Gruppe. Jetzt konnte sie es mitteilen. - Die Darstellerin des „Armen", die auf einen Teilnehmer als „Bordelldame" gewirkt hatte, war empört. Es handelte sich um eine sehr ordentliche, adrette Frau, gewiß alles andere als eine Bordelldame. Trotzdem war diese Wahrnehmung entstanden, irgendetwas an ihrer Darstellung, und zwar nur an ihrer Darstellung, hatte Anlaß dazu gegeben. Die Wahrnehmung war also trotz der offenkundigen Absurdität eine Realität und zugleich eine Ver-Gewaltigung. Eine Realität, weil viele unserer Handlungen im Alltag von solchen mehr oder weniger bewußten Eindrücken gesteuert werden, die wir aber so gut wie nie aussprechen, nie mit dem Betroffenen verhandeln. Unsere Wahrnehmungen von Menschen und ihren Handlungsweisen sind und bewirken in ihren Konsequenzen oft deshalb Gewalt, weil wir ohne weiteres davon ausgehen, daß sie „richtig" sind, daß es „eigentlich" gar eine andere Deutung der Situation, der Handlungsweisen und der Absichten des anderen geben kann.
Das wichtigste Ergebnis solcher Theaterkurse ist vielleicht die konkrete Erfahrung, wie sehr wir alle ständig uns in unseren sozialen Wahrnehmungen irren, und vor allem in unseren Vermutungen über die Absichten des anderen. Sehr häufig wird die Absicht, sich freundlich und gütig zu verhalten, sowohl von einzelnen Zuschauern als auch vom Mitspieler völlig mißverstanden als Hinterhältigkeit, Zynismus, latente Gewaltsamkeit. (Deshalb ist es auch wichtig, daß die Darsteller ihre Absichten erst ganz zum Schluß der feedback-Runde mitteilen - sie würden den Beobachtern sonst den Wind aus den Segeln nehmen.) Indem wir in konkreten Situationen die Brüchigkeit unserer Wahrnehmungen und ihre erschreckenden Konsequenzen erfahren, wenn wir sie absolut setzen, erweitern wir das, was im vorangehenden Artikel über die pädagogische Friedensforschung als „Empathiefähigkeit" bezeichnet wurde - als eine wesentliche Voraussetzung für Friedensfähigkeit.
Manchmal gelingt es darüber hinaus in solchen Kursen, die vom Text vorgegebenen Konfliktsituationen in konkretem Verhalten aufzulösen und einen anderen Ausgang als den der Gewalt zu ermöglichen: alternative Erfahrungen, die eine andere langfristige Orientierung im Alltag wie in bezug auf Frieden und Krieg ermöglichen.
Eine genauere Beschreibung des theaterpädagogischen Verfahrens findet sich in meinem Aufsatz: Wahrnehmen, Verfremden, Verändern. In: Koch/Steinweg/Vaßen (Hrsg.): Assoziales Theater. Spielversuche mit Lehrstücken und Anstiftung zur Praxis, Köln (Prometh-Verlag) 1984, S. 27 ff.; zu weiteren Friedenspädagogischen Aspekten dieser Art Theaterspiele siehe: Steinweg/Heideeuß/Petsch: AIltag, Gewalt, Sinnlichkeit. Theaterspielen als Instrument der Friedenserziehung. In: Steinweg (Rad.), Faszination der Gewalt. Politische Strategie und Alltagserfahrung, Frankfurt/M., 1983 S. 161 ff. (edition suhrkamp Nr. 1141).
Reiner Steinweg: Gewalt der Wahrnehmungen. Theaterpädagogik als Friedenserziehung, die vom Frieden nicht redet. In: Blätter der Wohlfahrtspflege. Fachzeitschrift für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in der Bundesrepublik Deutschland. Heft 7-8, 131. Jahrgang. Stuttgart 1984, S. 172-174.