Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1980 - 1990 / Regine Armbruster-Heyer: Kriegsangst bei Kindern und Jugendlichen (1984)
Ich befasse mich mit der Frage, ob Kinder und Jugendliche die Drohung eines Krieges wahrnehmen, welche Ängste ein drohender Krieg in ihnen auslöst und wie Kriegsangst ihre Lebensperspektive beeinflußt.
Zunächst eine Beobachtung von Anna Freud und Dorothy Burlingham an Kindern, die den Zweiten Weltkrieg in London erlebten. Ich zitiere aus Christian Büttners Buch: „Kriegsangst bei Kindern":
„Obwohl Kinder nach den Beobachtungen der Autoren von ihren (Kriegs-)Erfahrungen her intellektuell durchaus verstehen, was Krieg bedeutet, ist ihre Kriegsangst erstaunlicherweise nicht so groß, wie es den realen Kriegsgefahren angemessen wäre. Es sind offensichtlich die Mütter, die ihren Kindern inmitten des Infernos das Gefühl von Schutz und Versorgtheit geben. Das heißt, die Sicherheit, aber auch die Angst der Mutter wirkt stärker als das Herandonnern von feindlichen Raketen: ,Ein charakteristischer Fall für die Übertragung von Ängsten war Frau L, Mutter eines Fünfjährigen, die unter dem Druck der Kriegsverhältnisse eine Angst vor großen Plätzen erworben hatte, nur mit Begleitung ausgehen konnte etc. Sie reagierte auf die Fliegerangriffe mit großer Angst, ging nie während eines Alarms zu Bett, sondern stand angekleidet und zitternd an der Haustür, bereit aus dem Haus zu flüchten, wenn es nötig sein sollte. Der Junge mußte gleichfalls aufstehen, sich anziehen und an ihrer Seite stehen. Unter diesen Umständen entwickelte er starke Angst und begann zu bettnässen.“
In der unmittelbaren Gefahr der Bombenangriffe ließen Kinder sich in ihren Gefühlen vom Verhalten ihrer Mutter leiten.
Wie aber gehen Kinder, die heute 40 Jahre nach Kriegsende aufwachsen, mit dem Krieg um?
Die Jungen bauen ihn in ihre Spiele ein. Es scheint so, als funktioniere nach wie vor der uralte gesellschaftliche Mechanismus, der die Jungen in ihren Rollen als Kriegsspielhelden auf ihre spätere Verwendung als Soldat vorbereitet, die Mädchen in ihren Rollen als Puppenmütter auf ihre spätere Funktion, geburtenstarke Jahrgänge zu produzieren. Selbst die antiautoritäre Erziehung der 70er Jahre scheint diesen Mechanismus nicht außer Kraft gesetzt zu haben. Wohl eher ist es das bisher nicht bekannte, unfaßbare Ausmaß der Bedrohung, das ein Atomkrieg vor sich herträgt, das diesen Mechanismus nicht mehr reibungslos funktionieren läßt.
Der folgende Ausschnitt aus einem Interview mit zwei fünfzehnjährigen Jungen, Kinder der antiautoritären Bewegung, gibt einen Eindruck, wie die Atomkriegsdrohung in die kindliche Kriegsspielwelt einbricht:
Ich zeige dazu eine Kinderzeichnung, die anläßlich eines Wettbewerbs zum Thema „Krieg und Frieden" in einer Realschule entstand.
Junge 1: Ich glaube, da war ich noch im Kinderladen ...
Frage: Schon lange her?
Junge 1: Da war ich, glaube ich, in der zweiten Klasse oder so, oder in der dritten am Ende des Kinderladens. Da haben wir es immer so im Spiel gesagt. Ja, und als wir so gekämpft haben. Da steigerte es sich dann immer so: ich glaub', ich schmeiß' dir einen Stein auf den Kopf oder so, und dann hol' ich mal ’ne Bombe oder so. Und dann hatte ich irgendwann so durch 'nen Freund, der ging damals auch in den Kinderladen, durch den hab' ich erfahren, da gibt es noch was viel schlimmeres als normale Bomben, das sind Atombomben. Und dann habe ich es so aus Gag immer weiter erzählt: Ja, dann hol' ich eine Atombombe und dann bring ich dich um oder so. Und dann nachher hat mir irgendjemand erzählt, das ist etwas ganz Schlimmes mit Radioaktivität und so. Ja, meine Mutter, meine Mutter hat mich darüber aufgeklärt, weil ich da immer zu Hause mal rumgeschrien habe: „Ja, dann ho!' ich eine Atombombe und bring euch alle um". Und dann hat sie mir irgendwann erzählt, daß das ganz schlimm ist, daß auch Atomkraftwerke ziemlich schlimm sind, na ja, seitdem wußt’ ich das.
Junge 2 (15 Jahre): Bei mir war das so, daß ich das mit, glaub ich, neun oder zehn erfahren habe. Und da, ich weiß es nicht mehr ganz genau, daß ich mich immer mehr hineinvertieft habe. Ich hatte dann noch einen Freund, der hat sich darüber lustig gemacht. Und der hat mir so große Sachen erzählt. Der hat gesagt: Ja, wenn dann da eine Atombombe kommt, dann brauchst du gar nicht mehr zum Schutzbunker zu rennen, dann ist sowieso alles vorbei. Und dann konnte ich abends nicht einschlafen, weil ich da immer dachte, daß die Bomben fallen könnten, immer startbereit und gar nicht mehr ausgezogen für die Nacht. Und das hat sich eigentlich erst gelegt, als ich in Dänemark nicht schlafen konnte. Meine Mutter hatte das gemerkt, schon öfter, und kam dann rein und hat mich gefragt. Und dann hab' ich ihr das halt erzählt. Und dann hat sie mich halt beruhigt. Also dann hat sie also gesagt, daß es gar nicht so schlimm sei, obwohl es halt trotzdem so schlimm ist. Und als ich dann so drei Jahre später, dann hat sie mir das richtig erzählt, daß es gefährlich ist. Das hat mich schon gestört. Aber na ja ... (Pause)
Frage: Was hast du denn dann gedacht damals, was passieren könnte? Du hast ja erzählt, du konntest nicht schlafen, du hast dich nicht richtig ausgezogen oder so?
Junge 2: Ja, ich habe gedacht, ich habe immer gehorcht draußen, wann endlich der Alarm losgeht. Wir leben nun schon vierzig Jahre mit der Atomenergie und der Atombombe. Die öffentliche Diskussion der Erwachsenen über Fragen der Sicherheit nuklearer Technologien und militärischer Atomwaffenstrategien ist seither nicht abgebrochen. Aber die Kinder, so hieß es, seien davon nicht betroffen. Die Erwachsenen beruhigten sich mit den Gedanken, die Kinder hätten ihre eigene Welt. Selbst als Schlagworte aufkamen wie „Null-Bock" und „No future" wurde noch behauptet, sie bezögen sich ganz allgemein auf die für unsere Kinder so wenig attraktive Perspektive in die Welt der Erwachsenen.
Die spektakuläre Nachricht über den Freitod zweier Hamburger Jugendlicher, die sich aus Angst vor dem Atomkrieg das Leben genommen haben, erschütterte den bis dahin funktionierenden öffentlichen Verdrängungsmechanismus. Jugend-,Kinder-Psychotherapeuten und Schulpsychologen hatten zwar schon seit Jahren auf die Ängste der Kinder hingewiesen, aber die Gesellschaft der Erwachsenen leistete weiterhin Verdrängungsarbeit. Zunächst wurden krankhafte Veranlagungen der Kinder und individuelle Erziehungsfehler der Eltern als Ursache für die scheinbar abnormen Ängste der Kinder betrachtet. Dann wurde die „Panikmache" der Anti-AKW- und der Friedensbewegung für die wachsende Verunsicherung und Ängste der Kinder verantwortlich gemacht.
Erst 1978, als die Kriegsangst von Kindern in breitangelegten wissenschaftlichen Studien in den USA, Finnland und der Sowjetunion untersucht wurde, zeigte sich, in welchem Ausmaß die Realität der Atomkriegsdrohung das Lebensgefühl der Kinder und Jugendlichen bestimmt.
- Was wissen Kinder über Atomwaffen?
- Wo haben sie ihr Wissen her?
- Was für Ängste erzeugt die Atomkriegsdrohung?
- Wie beziehen Kinder diese Bedrohung auf ihr persönliches Leben?
- Mit welchen Zukunftsvorstellungen leben sie?
Wurde unter anderem in diesen Studien untersucht.
Ich möchte Ihnen nun einen kurzen Überblick über die Ansätze und Ergebnisse dieser Untersuchungen geben.
Bei der amerikanischen Studie handelt es sich um eine Fragebogenaktion, die in den Jahren 1978 bis 1980 von den Kinderpsychiatern William Beardslee und John Mack durchgeführt wurde.
Elf- bis achtzehnjährige Kinder und Jugendliche des 5. bis 12. Schuljahres wurden befragt, 1151 Fragebögen ausgewertet. Bei 75 Schülern des 10. bis 12. Schuljahres wurde eine qualitative Differenzierung der Fragen vorgenommen. Ziel der Fragebogenaktion war es, Daten zu bekommen, was junge Menschen über Atomwaffen und Atomkraft denken. Es war keine systematische Stichprobenerhebung im epidemiologischen Sinn. Die qualitative Aufarbeitung wurde vom Psychiater J. Mack vorgenommen, der beim Ausfüllen der Fragebögen im Klassenzimmer anwesend gewesen waren.
Ich gebe hier einige Antworten aus der Erhebung wieder, die repräsentativ waren.
Zunächst zur Frage: (3)
Wie alt warst du, als dir der atomare Fortschritt zum ersten Mal bewusst wurde? Schreib was du deinen Gedanken damals und jetzt:
„Ich war noch ganz schön klein, als mir meine Eltern zum ersten Mal von Bomben erzählten, die ganze Länder in die Luft sprengen könnten. Ich konnte es kaum glauben."
„Als ich ungefähr acht Jahre alt war, hab ich etwas im Fernsehen zum Hiroshima-Jahrestag gesehen: sie zeigten die Bombardierung und die Verwüstung. In der ganzen Schulzeit zeigt man uns immer, wo der Luftschutzbunker war, nur für den Fall des Falles. Ich wußte damals nur wenig darüber und habe deshalb auch weniger darüber nachgedacht, aber nach und nach, als ich dann mehr darüber lernte, wurde meine Einstellung dazu zunehmend negativ."
„Mir wurde das erst vor wenigen Jahren bewußt. Ich glaube, es war Hiroshima, wovon ich hörte, obwohl ich den Namen damals noch nicht kannte. Ich weiß noch, daß ich mich traurig und verbittert fühlte, weil ich zu einer Rasse gehörte, die zu solchen Dingen fähig war. Inzwischen sind meine Kenntnisse gewachsen und ich fühle mich mehr und mehr angeekelt, aber nicht ohne Hoffnung, bis jetzt."
Zur Frage (5):
Wie wichtig sind nach deiner Meinung Atomwaffen für unsere nationale Sicherheit?
„Wenn andere sie haben, brauchen wir sie auch, oder wir werden nicht ,on top' bleiben. Die USA werden sich nicht herumstoßen lassen. Ich liebe unsere Freiheit."
„Der Gedanke an Atomwaffen bringt mich zum Schaudern. Sie sind nur dazu gut, die Menschheit von diesem Planeten zu wischen. Die Bomben und Atomsprengkörper sind nur Schrott. Die nationale Sicherheit wäre nicht so wichtig, wenn die Leute mehr Verständnis hätten."
„Atomwaffen sind nur wichtig für unsere nationale Moral und für das Ego. Wenn wir uns weiterhin Atomwaffen halten, werden wir allmählich in einem falschen Sicherheitsgefühl leben. Wir werden blind für die Tatsache, daß andere Länder auch Atomwaffen haben, und ihre Anwendung in einem Krieg kann nur zu einem atomaren Holocaust vielleicht der ganzen Erde führen."
„Ich glaube, die USA sollten genug Waffen bereithalten, um sich und die übrige freie Welt zu verteidigen. Das macht Atomwaffen sehr wichtig. Wenn wir zulassen, daß unsere Armeen unterlegen sind, dann ist unsere Nation in Gefahr. Wir sollten allen Nationen, die unseren Ideen entgegenstehen, militärisch überlegen bleiben. Das heißt, wenn andere Länder Atomwaffen benutzen, müssen wir bessere Atomwaffen haben. Wir sind so intelligent, sie nur zu benutzen, wenn es absolut notwendig ist."
Zur Frage (7):
Glaubst du, du könntest einen Atomkrieg überleben? Deine Stadt? Dein Land?
„Eigentlich glaube ich das nicht. Und sogar, wenn einige von uns überlebten, wären doch die Spätfolgen grauenhaft. Man erinnere sich, daß noch heute Leute unter den Folgen der Bombe von Hiroshima leiden."
„Na ja, wenn der Angriff sich hundert Meilen entfernt abspielt. Er würde mit Sicherheit das Zielgebiet verwüsten, also eine getroffene Stadt könnte nicht überleben. Das Land würde nicht vollständig ausgelöscht sein, nur ein großer Teil. Na ja, eigentlich könnte das Land ausgelöscht werden."
„Ich habe keine Ahnung. Wie schwer, sich vorzustellen, New York würde atomar angegriffen werden. Diese Generation, 18/19 Jahre alt, hat noch nie Katastrophen oder Depressionen erlebt. Es ist uns immer gut gegangen, also können wir uns das schwer vorstellen."
„Das überlege ich mir oft. Ich glaube nicht, daß man einen Angriff überleben könnte, wenn man so nahe dran ist. Meine Stadt wäre zerstört, und das Land wäre in großen Schwierigkeiten. Wir wissen es wirklich nicht. Es ist noch nie passiert. Wir wollen hoffen und beten, daß das nie geschieht."
Die finnische Studie wurde mit Unterstützung der Fakultäten für Öffentliche Gesundheit der Universitäten in Helsinki und Tampere durchgeführt. Ziel der finnischen Studie war es, herauszufinden, welchen Platz die Kriegsdrohung im Denken der Jugendlichen einnimmt und in welchem Ausmaß sie die Bedrohung als persönliche Bedrohung empfinden.
Sie wurde im Februar 1983 mit Hilfe eines Fragebogens mit 108 Fragen begonnen. Die Fragebögen wurden per Post an die Jahrgänge 1964 bis 1970 verschickt, was dem Alter von 12 bis 18 Jahren entsprach. Die Adressaten wurden dem behördlichen Melderegister entnommen. Insgesamt waren es 6851 Fragebögen mit einem Rücklauf von 81 Prozent.
Der Fragebogen enthielt Fragen über Lebensbedingungen, Familie, Schulerfolge, Gesundheitsgewohnheiten (Rauchen, Alkohol, Zahnpflege, Sport, Süßigkeiten), den allgemeinen Gesundheitszustand und psychosomatische Symptome. Die Fragen über das eigene Leben, die Zukunft, über Ängste und Hoffnungen waren Open-End-Fragen. Hier mußten die Schüler eine Auswahl treffen über die Rangfolge der drei größten Ängste und der drei größten Hoffnungen. Die an erster Stelle erwähnte Angst oder Hoffnung wurde in der Analyse berücksichtigt. Ängste und Hoffnungen wurden in neun Kategorien eingeteilt, die an Hand einer kleinen Vorstudie an 200 Personen ermittelt worden war.
Abbildung 4:
Außerdem wurde ermittelt, wie oft Jugendliche an Krieg und Kriegsdrohung denken. 90 Prozent der Befragten aller Altersstufen machen sich Gedanken über Krieg. 20 Prozent der Jungen und Mädchen denken ein- bis zweimal pro Woche daran, 8 Prozent der Jugendlichen jeden Tag. Die Abbildung bezieht sich auf den Zeitraum eines Monats. Auch hier fällt der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen sehr deutlich auf. Die Fragen über Krieg und Frieden erschienen am Ende des Fragebogens, um die Frage nach Angst oder Hoffnung nicht zu beeinflussen. Die Tatsache, daß nur 13 Prozent der Jugendlichen den Frieden erhoffen, aber 60 Prozent Angst vor dem Krieg haben, ist wohl so zu verstehen, daß Kinder den Frieden nur als die Abwesenheit von Krieg begreifen. Solange kein Krieg ist, glauben sie, den Frieden nicht in ihre Hoffnung einschließen zu müssen.
Diese Studie kam von einem neutralen Land, das nicht über Atomwaffen verfügt und auch nicht direkt von einem anderen Land bedroht ist. Trotzdem hatten die Jugendlichen Kriegsangst. Dies beweist, daß Kinder die Welt heute als Ganzes sehen. Ein drohender Weltkrieg bedroht auch die Jugend Finnlands.
In der dritten Studie geht es um die Frage: „Was sagen sowjetische Kinder über Atomkrieg?" Diese Studie entstand auf Veranlassung der IPPNW in Boston. Drei amerikanische Kinderpsychiater, unter ihnen auch der Autor der amerikanischen Studie von 1982, bekamen mit finanzieller Unterstützung der IPPNW und der psychiatrischen Fakultät der Universität Boston die Erlaubnis, sowjetische Kinder befragen zu dürfen. Es war das erste Mal, daß in der Sowjetunion solche Fragen an Jugendliche gestellt wurden. Die Daten wurden dann mit einer Studie aus dem gleichen Jahr verglichen, die in Kalifornien entstanden war.
Das amerikanische Team nahm eigene Übersetzer mit und besuchte zwei Pionierlager der Sowjetunion, eines in der Nähe Moskaus und eines in der Nähe des Schwarzen Meeres. Knapp 300 Fragebögen wurden ausgegeben, weder die Kinder, noch deren Betreuer oder die Direktoren des Kinderlagers bekamen Vorinformationen über die Art der Fragebögen.
Die Kinder waren zwischen 9 und 7 Jahre alt, mehr als die Hälfte (60 Prozent) waren Mädchen. Zusätzlich wurden 50 Interviews bei 11- bis 15järigen von einem sowjetischen Fernsehteam aufgezeichnet und den amerikanischen Wissenschaftlern unbearbeitet mitgegeben.
Ich möchte hier nur einen Teil der Studie wiedergeben, und zwar die Fragen und Antworten des Abschnittes, der sich mit der Studie in Kalifornien vergleichen läßt.
1. Frage: Denkst du, daß noch zu deinen Lebzeiten ein Atomkrieg zwischen der UdSSR und der USA stattfinden wird?
UdSSR USA
Ja 11,8 % 38,5 %
Nein 54,5 % 16,0 %
Weiß nicht 33,7 % 44,5 %
2. Frage: Denkst du, daß du und deine Familie einen Atomkrieg überleben
wirst?
UdSSR USA
Ja 3,9 % 16,5 %
Nein 80,7 % 41,5 %
Weiß nicht 16,4 % 41,1 %
3. Frage: Denkst du, daß die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten einen Atomkrieg überleben könnten?
UdSSR USA
Ja 6,1 % 22,0 %
Nein 78,9 % 38,0 %
Weiß nicht 15,0 % 39,5 %
4. Frage: Glaubst du, daß ein Atomkrieg zwischen der USA und der Sowjetunion verhindert werden kann?
UdSSR USA
Ja 93,3 % 65,0 %
Nein 2,8 % 14,5 %
Weiß nicht 3,9 % 20,0 %
Beim Vergleich der bei den Studien fällt auf, daß die Kinder und Jugendlichen in der Sowjetunion einen Atomkrieg zu ihrer Lebzeit für viel unwahrscheinlicher halten, als ihre Altersgenossen in den USA. Ob dies damit zusammenhängt, daß sie ihre Überlebenschancen für wesentlich schlechter halten (über 80 Prozent glauben nicht an Überleben) als die Kinder und Jugendlichen in den USA? Ob sie glauben, ein Krieg, den sie so fürchten, könne einfach nicht stattfinden, oder ob sie der Vernunft und dem Frieden willen ihrer Regierung so sehr vertrauen, wie es die Antworten auf die Frage nach der Möglichkeit, diesen Krieg zu verhindern (über 90 Prozent glauben daran) vermuten lassen? Die amerikanischen Kinder und Jugendlichen rechnen eher mit einem Atomkrieg, aber mehr von ihnen glauben auch daran, ihn überleben zu können. Immerhin haben beinahe zwei Drittel der amerikanischen Jungen und Mädchen die Hoffnung, den Atomkrieg verhindern zu können.
Was sich in diesem Vergleich nicht ausdrückt, aber bei der Befragung sehr deutlich herauskam, waren die detaillierten Kenntnisse der sowjetischen Kinder über die Entwicklung und Wirkung der Atomwaffen. In der Bundesrepublik gibt es zur Zeit noch keine vergleichbare Studie. In Anlehnung an die amerikanische Studie von 1982 habe ich deshalb in Zusammenarbeit mit zwei Diplompädagoginnen und einem Lehrer entsprechende Fragen zusammengestellt. Bislang ist der Versuch, eine größere Fragebogenaktion an niedersächsischen Schulen durchführen zu können, heftig verweigert worden. Die ablehnenden Argumente, dies habe nichts mit der Schule zu tun und trage nur zur Verunsicherung der Kinder bei, kamen sicherlich auch aus dem Gefühl heraus, daß Schüler, die unter dem atomaren Schutzschild leben, sich keine Sorgen um den Frieden und ihre Zukunft zu machen brauchen. Lehrer äußerten oft die Furcht, bei solchen Aktionen in den Verruf der Indoktrination zu kommen. Wenn sie im Politikunterricht Themen über die Stationierung von Atomwaffen in der Bundesrepublik, den Hiroshima-Jahrestag oder die Wirkungen von Atomwaffen behandeln, setzten sie sich bereits dem Indoktrinations-Vorwurf der Eltern aus.
Trotz aller Behinderungen und beliebter Verdrängung haben aber zahlreiche Pädagogen, Religionslehrer und auch wir die Erfahrung gemacht, dass auch die Schüler bei uns detaillierte Kenntnisse über die Atombewaffnung haben, obwohl in der Schule dieses Thema oft systematisch tabuisiert wird. Informationsträger sind in der Rangfolge die Medien, besonders das Fernsehen, dann Schule und Eltern. Die Atombewaffnung ist zu einem wirklichen Problem der Jugendlichen geworden und Unsicherheit und Besorgnis tauchen beim Blick in die Zukunft auf.
In einer Befragung, die ein beherzter Hauptschullehrer in seiner Klasse mit 13- und 14jährigen Mädchen und Jungen durchführte, entstand auf die Frage nach den Zukunftsvorstellungen der Kinder ein Schreckensbild von unterirdischen Bunkerstädten und völlig zerstörter Umwelt, von Computern und Robotern, die den Menschen die Arbeit wegnehmen, von Menschen, deren Beine sich zurückbilden, weil sie nicht mehr gebraucht werden. Viele, vor allem Mädchen, rechnen erst gar nicht mit einer Lebensperspektive über das 20. Lebensjahr hinaus, weil sie erwarten, in einem Atomkrieg umzukommen oder Selbstmord zu begehen, wenn dieser Krieg ausbricht.
Wie sie mit so einer düsteren Perspektive zurecht kommen?
Sie versuchen, möglichst nicht darüber nachzudenken. Sie haben Angst. Da eine systematische Befragung in Niedersachsen nicht möglich ist, bemühen wir uns jetzt mit Unterstützung der IPPNW darum, in Hamburg Zugang zu den Schülern zu erhalten.
Hören Sie zum Schluß noch einen Ausschnitt aus dem Gespräch mit den beiden Jungen, das ich an den Anfang meines Berichtes gestellt hatte. Sie antworten auf die
Frage: Möchtet Ihr später eine Familie gründen?
Junge 1: Ich, ja.
Frage: Möchtest du auch Kinder haben?
Junge 2: Ich auch.
Junge 1: Ja, und deswegen finde ich es sehr schade.
Frage: Was findest du sehr schade?
Junge 1: Daß man solche vernichtenden Waffen erfunden hat und auch einsetzen kann und immer mehr davon baut und stationiert. Und überhaupt. Daß jetzt so viele in Deutschland stationiert wurden. Das ist ziemlich beschissen. Und deswegen ... das macht einem ja auch die Zukunft kaputt, wenn man einfach nur in so einer Angst lebt, daß dann doch einmal Politiker entscheiden: ja, wir schießen sie jetzt ab. Und vor allem kann man ja diese Sachen auch gar nicht mehr abschaffen. Und auch wenn man sie in den Weltraum schießt, sind sie immer noch gefährlich. Und diese ganzen Deponien, diese Atommülldeponien. Das ist alles, ich weiß nicht, schlecht für die Zukunft.
Junge 2: Ich finde es schön, wenn man, wie ich es mir vorstelle, arbeitet, die Frau auch, oder auch nicht oder wie sie will, und dann trifft man sich zu Hause, die Kinder sind in der Schule. Das ist doch schön. Da hat man doch bestimmt ein gutes Gefühl, wenn man ein Kind aufgezogen hat, und das verlässt das Haus. Das ist bestimmt ein gutes Gefühl. Obwohl, das ist ja gar nicht mehr so sicher. Alles.
Frage: Was?
Junge 2: Man kann ja nicht, wenn man eine Familie großziehen will, dann ist es ja irgendwie unsicher, weil ... da kann ja jeden Moment eine Atombombe fallen, und dann kann alles aus sein, der Traum. Das finde ich schon schade, daß alles so gefährdet ist.
Frage: Glaubst du denn, wir müssen uns damit abfinden, daß es die Atomwaffen gibt?
Junge 2: Ja, abschaffen kann man sie ja nicht mehr. Wir können höchstens verhindern, daß noch mehr gebaut werden. Aber selbst das können wir nicht verhindern, weil... (Pause) was sollen wir dagegen machen? Demonstrieren? Da lachen ja doch die Politiker darüber, auf jeden Fall die meisten.
Frage: Ihr habt gerade gesagt, ihr habt Angst davor und du hast mal gesagt, du versuchst deine Angst zu vertuschen. Wie macht ihr denn das?
Junge 2: Also, wenn ich daran denke, also, falls es so in meinem Gehirn reinkommt, also wenn ich keinen Traum habe oder so, dann vertusche ich es so, indem ich daraus irgend etwas lustiges mache. Indem ich mir dann wieder etwas anderes vorstelle. Oder wenn ich daran halt denke, dann denke ich immer nur an die guten Seiten. Also, ich meine, da gibt es keine guten Seiten bei Atom..., aber dann versuche ich mir den Krieg anders vorzustellen. Dann versuche ich mir vorzustellen, daß dann eine Rakete auf mich wartet, wenn der Krieg anfängt, fliege ich einfach los und dann bin ich weg.
Frage: Dann läßt du alles hier so zurück?
Junge 2: Dann nehme ich nur Leute mit, die meine Freunde sind, oder sowas, so wie die Arche Noah.
Frage: Und du, wenn bei dir so ein Angstgefühl hochkommt, was machst du da?
Junge 1: Also ehrlich gesagt, das passiert bei mir nur einmal alle halbe Jahre, daß ich fest daran denke. Und dann, wie gesagt, mal' ich mir das gar nicht so richtig aus, sondern ... es kommt bei mir gar nicht so richtig hoch. Dann merke ich nur, ja, Scheiße! genau! Atomwaffen gibt's ja auch noch! Und dann hört man ja immer wieder davon, aus dem Radio oder so, daß dagegen Kampagnen gestartet werden und so. Aber Angst so zu unterdrücken, das passiert meist, indem ich dann irgend etwas anderes mache, mich mit so einem Hobby beschäftige oder was. Aber das ist ja eigentlich gar nicht so richtig bewußt. Das ist so verdrückt, das Thema, das mach ich dann irgendwie unbewußt, daß ich daran gar nicht mehr denke und etwas anderes mache.
Literatur
1. Christian Büttner, Kriegsangst bei Kindern 1982, Kösel Verlag München
2. Anna Freud/Dorothy Burlingham, Heimatlose Kinder. Zur Anwendung psychoanalytischen Wissens auf die Kindererziehung, Frankfurt 1971
3. William Beardslee, John Mack, Die Auswirkung der Atomentwicklung auf Kinder und Jugendliche,
1982, Am. Psychiatrie Association, Task Force Report No. 20
4. Tytti Solantaus, Vappu Taipale, The Threat of War in the Minds of the 12-18 Years Old in Finnland, a national survey 1983
5. Eric S. Chivian, John E. Mack, Jeremy R Waletzky, 1983, What Soviet Children are Saying About
Nuclear War, IPPNW Boston, MA 02115
Regine Armbrust-Heyer/Christien Tempel/Petra Borrmann: Kriegsangst bei Kindern und Jugendlichen. In: Tübinger Ärzteinitiative gegen den Krieg (Hrsg.): Ärzte warnen vor dem Atomkrieg. Unser Eid auf das Leben verpflichtet zum Widerstand. Dokumentation des 4. Medizinischen Kongresses zur Verhinderung eines Atomkrieges 1984 in Tübingen. Tübingen 1984, S. 55-68.