Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1980 - 1990 / Kultusminister Mayer-Vorfelder: Erziehung zum Frieden (1982)
Interview von Kultusminister Mayer-Vorfelder mit der Schülerzeitung „Drum" an der kaufmännischen Berufsschule in Stuttgart-Feuerbach. Thema: Erziehung zum Frieden
Frage: Ist es erziehungspädagogisch vertretbar, von „Wahrheit" oder „Richtigkeit", z. B. im Hinblick auf die Verteidigungspolitik der BRD und der NATO, zu sprechen?
Antwort: Bei der Behandlung des Themas „Friedenssicherung und Bundeswehr" im Unterricht geht es den Kultusministern der Länder und mir darum, über den Auftrag und die Stellung der Bundeswehr in unserem Staat zu informieren. Die Bundeswehr ist eine im Grundgesetz festverankerte Einrichtung, die von allen im Bundestag vertretenen Parteien und von der ganz überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen und als das bedeutendste Mittel zur Friedenssicherung angesehen wird. Sie ist damit im Grundsatz dem Streit der Parteien entzogen und hat Anspruch darauf, im Unterricht in ausreichendem Maße dargestellt und gebührend gewürdigt zu werden - nichts anderes bezweckt der Entwurf. Durch die Behandlung dieses Themas im Unterricht sollen die Schüler sachgerechte Informationen erhalten, durch die sie sich selbst ein Urteil bilden können. Die Fachlehrer der Schulen verfügen über das notwendige Wissen und sind angehalten, die Schüler nicht in einseitiger Weise zu beeinflussen. Mir geht es darum, dafür zu sorgen, daß an den Schulen Information vermittelt wird, weil ich überzeugt bin, dass niemand - kein Schüler, kein Lehrer, kein Politiker oder sonst irgend jemand - ein eigenes vernünftiges Urteil ohne ein gewisses Mindestmaß an Informationen fällen kann. Mich macht es immer sehr nachdenklich, wenn, wie z. B. auf der „Geburtstagsfeier für den Krefelder Appell" Ende November in der Dortmunder Westfalenhallte unter dem Motto „Künstler für den Frieden" in Interviews offen eingeräumt wird, daß man sich vor allem von seinen Ängsten und Gefühlen leiten läßt. Bedauerlicherweise scheinen die Gefühle, scheinen Emotionen und Ängste schon fast zu einem Markenzeichen dieser neuen „Bewegung" zu werden.
Natürlich hat jedermann angesichts des atomaren Zerstörungspotentials Gefühle und Ängste. Es gibt wohl niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, der keine Angst vor einem Krieg hätte. Insbesondere vor einem atomaren Krieg. Und es ist auch kein Wunder, wenn die Angst vor kriegerischen Auseinandersetzungen zugenommen hat, angesichts der spannungsgeladenen Situation in Polen.
Dabei möchte Ich betonen, daß ich keine akute Kriegsgefahr für Mitteleuropa sehe. Nach meiner Überzeugung kann aber dieser Friede nur so lange gewahrt werden, wie ein militärisches Gleichgewicht besteht.
Sicher wäre es schöner, wenn es anders wäre, wenn sich die Beziehungen der Staaten nicht nach Ihrer militärischen Stärke, sondern nach den Gesetzen der Wahrheit und der Gerechtigkeit regeln ließen. Aber die Verhältnisse sind nicht so - und mit Ängsten und Gefühlen, mit Märschen und mit Liedern wurde in der Geschichte Europas noch kein Krieg verhindert. Gerade unsere eigene Geschichte ist ein Beispiel dafür: Hitler wollte den Krieg und hat sich dabei weder von den entspannungsorientierten Regierungen in England und Frankreich abhalten lassen, noch dadurch, daß die Nachbarstaaten Polen, die Tschechoslowakei, Holland oder Belgien für ihre Verteidigung zu wenig getan haben.
Wenn in der Schule das Thema Friedenssicherung und Bundeswehr fächerübergreifend behandelt werden soll, dann geht es darum, die Zusammenhänge verständlich zu machen, zu erklären, welche Gründe die Regierungen bewegen, diese Riesenbeträge für die Verteidigung auszugeben. Selbst wenn man nicht davon überzeugt ist, daß die Beweggründe der Regierungen die richtigen sind - ihre Argumente muß man wenigstens kennen. Heute ist es so, daß das Thema Friedenssicherung, Wehrpflicht und Wehrdienstverweigerung an den Gymnasien weitaus Intensiver diskutiert wird als im Bereich der Haupt- und Realschulen - und bedauerlicherweise z.T. auch einseitig. Ich bin der Meinung, daß die Bundeswehr nicht zu einer Armee der Haupt- und Realschüler werden darf und Gymnasiasten dort - überspitzt gesagt - nicht mehr vorhanden sind.
Frage: Besteht die Erziehung zum Frieden nur aus der Unterweisung in Verteidigungstrategien?
Antwort: Sicher nicht. Die Behandlung des Themas im Unterricht umfaßt die Friedenssicherung ganz allgemein - also Entspannungs- und Verteidigungspolitik. Die Erziehung zur Friedensliebe und zur Brüderlichkeit aller Menschen, wie sie die Landesverfassung von Baden-Württemberg gebietet, kann natürlich nicht nur aus der Unterweisung in Verteidigungsstrategien bestehen. Schon deshalb nicht, well es in der neueren Geschichte auch ermutigende Beispiele dafür gibt, wie jahrhundertealte Erbfeindschaften, z. B. zwischen Deutschland und Frankreich, einem freundlichen Nachbarschaftsverhältnis gewichen sind. Voraussetzung dafür war allerdings der freie Austausch der Meinungen, menschliche Begegnungen durch Freizügigkeit, enge wirtschaftliche Zusammenarbeit - all dies wollen wir. Leider stoßen wir damit bei den Regierungen unserer östlichen Nachbarn nicht auf viel Gegenliebe.
Frage: Oder ist nicht eine zusätzliche Befassung, durch die Verknüpfung vieler Bereiche, dazu notwendig, z. B. Geschichte, Deutsch, Religion, Philosophie, Psychologie usw.?
Antwort: Selbstverständlich. Vorgesehen ist eine fächerübergreifende Begandlung des Themas Friedenssicherung in diesen Fächern.
Frage: Wollen Sie in unseren Schulen Wehrkundeunterricht einführen? Inwieweit wollen Sie sich damit von der Du-mußt-ein-braver-Soldat-werden-Politik der DDR, die Sie sicherlich auch negativ bewerten, unterscheiden?
Antwort: Es freut mich, daß in Ihrer Fragestellung schon zum Ausdruck kommt, daß Sie eine ungefähre Vorstellung davon haben, was Wehrkunde ist, wie sie z. B. in der DDR betrieben wird. Dort wird nämlich angefangen im Kindergarten bei den Kindern ein Feindbild geschaffen, Sympathiewerbung für die Volksarmee betrieben und sogar der Umgang mit Waffen vorgesehen. Der auf Anregung von Bundesverteidigungsminister Apel von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erarbeitete Entwurf für eine gemeinsame Empfehlung für alle Schulen wendet sich aber eindeutig gegen den Aufbau von Feindbildern. Es heißt dort ausdrücklich „Die nachfolgenden Hinweise zur Behandlung des Themas im Unterricht" machen deutlich, daß mit der vorliegenden Empfehlung der Kultusministerkonferenz keinesfalls die Einrichtung von Wehrkunde, d. h. die Vermittlung militärkundlichen Einzelwissens, beabsichtigt ist, sondern die gründliche Auseinandersetzung mit dem Auftrag der Bundeswehr im Gesamtzusammenhang der Bemühungen um die Friedenssicherung. Diese Würdigung soll nicht vor dem Hintergrund eines Feindbildes erfolgen; nicht Erziehung zum Haß ist das Ziel, sondern Verständigungsbereitschaft unter realistischer Einschätzung der gegebenen Möglichkeiten. Die Hinweise beabsichtigen keine vollstandige Darlegung aller wichtigen Aspekte des Themas; sie stecken den Rahmen der Beurteilung ab, innerhalb dessen die Behandlung des Themas erfolgen soll. Das schließt die Unterrichtliche Behandlung anderer Konzepte der Friedenssicherung nicht aus „jedoch sollen die Aufgaben der Bundeswehr so verständlich gemacht werden, daß sie von den Schülern als notwendig anerkannt werden können". (Entwurf Seite 5 und 6). Wobei die Betonung auf Können liegt.
Dies zeigt eindeutig, daß es den Leuten, die uns leichtfertig vorwerfen, wir wollten Wehrkunde an den bundesrepublikanischen Schulen einführen, um alles andere, als um sachliche Information geht. Wer diesen bösen Vorwurf erhebt, hat entweder den Entwurf nicht gelesen, oder nicht verstanden (oder beides). Wer den Entwurf gelesen hat, kann einen solchen Vorwurf nicht erheben.
Frage: Sie haben in öffentlichen Diskussionen das Wort vom „Mut zur Erziehung" gebraucht. Glauben Sie nicht, daß dazu auch der Mut zur persönlichen Stellungnahme von Lehrern gehört? Wenn ja, warum überlegen es sich heute Lehrer zweimal (oder finden überhaupt nicht den Mut) zum Frieden Stellung zu nehmen?
Antwort: Mir wird von einem Lehrerverband Einschüchterung und Disziplinierung vorgeworfen, seit ich Lehrer, die eindeutig über das Ziel hinaus geschossen sind, an ihre Beamtenpflicht erinnert habe. Das hat aber mit Einschüchterung nicht das geringste zu tun. Gerade ich möchte ja nicht den angepaßten Lehrer. Ich wünsche mir für unsere Schulen mutige Lehrer, Lehrer die ihre Entscheidung vertreten. Ich wünsche mir Lehrer, die mit ihren Schülern oder mit mir, wenn ich an eine Schule komme eine (...) freie Diskussion führen. Aber ich möchte auch, daß die Lehrer wissen, daß sie Beamte sind und keine freischaffenden Künstler. Daß sie wissen, daß sie Erzieher sind und ihre Schüler nicht indoktrinieren dürfen. Indem sie ihre eigene Meinung als die alleinseligmachende hinstellen. Deshalb habe ich die Lehrerschaft daran erinnert, daß man nicht nur die Vorteile des Beamtendaseins beanspruchen kann, sondern auch akzeptieren muß, daß mit dem Beamtendasein auch gewisse Beschränkungen verbunden sind.
Frage: Eine persönliche Frage zum Schluß: Wie wollen Sie als Vater Mayer-Vorfelder Ihre Kinder zum Frieden erziehen?
Antwort: Ich will für meine Kinder das, was ich mir für alle Schüler und Jugendlichen wünsche: Eine nüchterne und realistische Einschätzung der Lage, in der wir uns befinden und die Bereitschaft, aus der Geschichte zu lernen.
Ministerium für Kultus und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.): Schulintern - Informationen des Ministeriums für Kultus und Sport für Lehrer in Baden-Württemberg. Stuttgart Januar 1982.