Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Karl-Friedrich Roth: Friedenserziehung - quo vadis? (1981)

Kurzer Überblick über Tendenzen und Entwicklungen eines Unterrichtsprinzips

Was vor rund einem Jahrzehnt als früher schon gefordertes Unterrichtsfach und später als Bildungprinzip gesehenes Unterfangen langsam aufzublühen begann, hat sich nach fast euphorischem Beginn in steter wissenschaftlicher Diskussion und schulpraktischen Bemühungen zu einer Vielzahl von didaktischen Theorien und Unterrichtsvorschlägen entwickelt.
Erfolge und Rückschläge begleiteten diesen Weg, der von einer sich auch in der Bundesrepublik entfaltenden Friedensforschung begleitet, aber auch als Intention der Erziehung selbst betreten wurde. Dies geschah fast gezwungenermaßen vor dem Hintergrund einer durch politische und ideologische Gegensätze und Spannungen in einer immer noch durch sich steigernde Rüstungseskalation gefährdeten Welt, die sich zunehmend mehr Gedanken um ihr Überleben macht.
Um die oft verwirrende Vielfalt solcher Bestrebungen in kurzen Umrissen deutlich zu machen und dabei Betroffenheit und Problembewußtsein zu motivieren, seien einige unsystematisch zusammengestellte Beobachtungen des weiten Feldes „Friedenserziehung" aufgeführt. Dabei soll noch offen bleiben, was immer man unter dem oft schillernden Begriff mit ebensoviel Informations- wie Manipulationswert verstehen will.

Entwicklungen seit 1945
Nach den Erschütterungen am Ende des 2. Weltkriegs besann man sich nicht nur in historischem Rückblick auf Versuche zur Friedensstiftung und -Sicherung, sondern entdeckte im beginnenden Atomzeitalter, daß Friede „Lebensbedingung der heutigen Welt" und damit ein Thema der Wissenschaft einschließlich der Erziehung geworden war. Bevor in den Jahren von 1965 - etwa 1970 Anfänge einer „Friedenspädagogik" durch Publikationen von Einzelpersonen (1) und zwei zur Förderung der wissenschaftlichen Friedensarbeit bestehenden Gesellschaften (2) festzustellen sind, hatte bereits die „Bayerische Schule" mit dem Aufsatz „Erziehung zum Friedensdenken" in Nr. 35/36 vom 18.12.1961 aus der Feder des Verfassers der vorliegenden Arbeit (3) die Thematik aufgegriffen. Die Veröffentlichungen dieser Zeit waren im wesentlichen durch ein Erziehungsverständnis bestimmt, das seine Prämissen in der geisteswissenschaftlichen Pädagogik hatte. Die Autoren sahen eine Möglichkeit der Erziehung zum kritischen politischen Bewußtsein, zum weltpolitischen und weltbürgerlichen Verständnis durch Gesinnungsbildung, wobei die Aggressionsproblematik teilweise schon gesehen wurde. Die sich entwickelnde sozialwissenschaftliche Diskussion war bei diesem mehr „idealistisch-appellativen" Ansatz jedoch meist nur ansatzweise berücksichtigt worden.
Erst in den Jahren ab 1970 wurde die friedenspädagogische Frage mehr durch die Diskussion um die „Friedensforschung" mitbestimmt. Mit der Gründung der „Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung" 1970 (4), bei deren Entstehung sich der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann für die Institutionalisierung der Wissenschaft vom Frieden einsetzte, weitete sich der frühere traditionelle Forschungsansatz in den Politischen Wissenschaften (vor allem der Internationalen Politik) auf Disziplinen wie Soziologie, Psychologie, Ökonomie, Kybernetik und Pädagogik im Sinne multidisziplinärer wissenschaftlicher Forschung aus.
Während in der Präambel der UNESCO noch zu lesen war: „Da Kriege in den Seelen von Menschen ihren Ursprung haben, muß auch die Verteidigung des Friedens in der Seele des Menschen entstehen", entwickelten sich jetzt neue Impulse: Dieter Senghaas sprach in seinem Aufsatz „Erziehung zum Frieden in einer friedlosen Welt" erstmals vom „Dilemma der Friedenspädagogik", das darin besteht, „daß sie in einer politischen, wirtschaftlichen und militärischen Umwelt zu operieren hat, in der kollektiver Unfriede zum System geworden ist. Ausdruck dieses Unfriedens sind Praktiken, die auf dem gegenwärtigen Stand der internationalen Beziehungen am besten mit Abschreckung umschrieben werden..." (in „Abschreckung und Frieden" Frankfurt/Main 1972 2. Aufl. S. 242-253).
Eine Art Konsolidierung der „Friedenspädagogik" war mit der weiten Verbreitung von Heft 90 aus der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung „Probleme der Friedenserziehung" im Jahre 1970 und mit Heft 88 dieser Schriftenreihe „Friedensforschung" (Rainer Kabel) sowie „Friedenspädagogik" (Hans-Günther Assel), 1971, erreicht worden. In Bayern hat besonders die Dokumentation „Friedenserziehung" über einen Lehrgang, den der Verfasser 1971 an der Akademie für Lehrerfortbildung Dillingen leiten konnte, Verbreitung gefunden.

Neue politische Entwicklung mitbestimmend
Inwieweit die politische Entwicklung ausgangs der 70er Jahre von der Wissenschaft „Friedensforschung" (und ihrer zunehmenden Einwirkung auf die sogenannte „Friedens- und Konflikterziehung") mitbestimmt wurde, wäre einer Untersuchung wert.
Neben der publizistischen Aufarbeitung des Friedensthemas, an der sich auch die Massenmedien vermehrt beteiligten, und neben einer Flut von unterschiedlichsten Unterrichtsanregungen (5) wirkten wichtige Kongresse, Arbeitstagungen und Fachkonferenzen, in eine breite und pädagogische Öffentlichkeit. Seit der weltweit beschickten internationalen Konferenz „Erziehung zu Frieden und sozialer Gerechtigkeit" Anfang November 1972 in Bad Nauheim (6) entwickelte sich die Friedenserziehung zu einem Thema der hochschulinternen und hochschulübergreifenden Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland.
Mit entscheidend dafür dürfte gewesen sein, daß die neue Ostpolitik nach der Beendigung des „kalten Kriegs" durch den Slogan „Sicherheit = Verteidigung + Entspannung" mit den Ostverträgen der Bundesrepublik und dem „Berlin-Abkommen" der Alliierten (Gewaltverzicht) bestimmt war.
Mit dieser neuen politischen Zielrichtung wurden Texte und Materialien zur Außen- und Sicherheitspolitik aber auch Friedenspädagogik erarbeitet, die u. a. auch in der politischen Bildungsarbeit der Bundeswehr Eingang und besonders auf Jugendoffizier-Konferenzen Verwendung fanden (7).
Aus der Fülle der jetzt erscheinenden Publikationen sehr heterogener Art für die Friedenserziehung in Schule, Erwachsenenbildung und außerschulischer Jugendarbeit ist besonders erwähnenswert „Friedenspädagogik" von H. Pfister / R. Wolf (Waldkirch 1972). Das darin befindliche Unterrichtsprojekt „Friedensdienst mit oder ohne Waffen" für die Sekundarstufe II entwickelt Lernziele, die sowohl die gesellschaftlichen Bedingungen des Krieges bzw. des Unfriedens beinhalten als auch Motivationen für den Schüler aufzeigen, sich für den Frieden zu engagieren.
Bemerkenswert sind von den Veröffentlichungen der Münchener Studiengesellschaft für Friedensforschung e. V. neben der schon 1970 erschienenen „Friedenserziehung im Schulunterricht" (Übersetzung aus dem Niederländischen), „Historisch-politische Friedenserziehung" (Kösel/München 1972) mit dem Aufsatz (u. a.) von Annette Kühn „Forderungen an eine zeitgemäße Didaktik der historisch-politischen Friedenserziehung". 1973 erschien ebenfalls bei Kösel „Politisches Lernen in der Grundschule" mit Unterrichtsentwürfen für 8-12jährige von P. Ackermann und 1974 bei Kösel in der Reihe der Arbeitshefte der genannten Studiengesellschaft „Aggression und Schule" von G. Brinkmann sowie Unterrichtsmodellen von U. Dagmar. Die Problematik der „Gastarbeiter" wurde in den beiden Bänden „Ausländische Arbeiter in unserer Gesellschaft" (1975) (Band l: Unterrichtsentwürfe für die Grundschule, Band II: Unterrichtsentwürfe für die l. und II. Sekundarstufe (Kösel, München)) behandelt.

Jüngere Tendenzen
Bei der in den Jahren nach 1970 vorgelegten mehr praxisorientierten Literatur zum Thema „Friedenserziehung" versteht sich diese immer deutlicher als politische Erziehung.
Als brauchbare didaktische Handreichungen, bei denen die friedenswissenschaftliche jüngere Diskussion einbezogen worden ist, wären zu nennen: E. Meueler „Unterentwicklung - Arbeitsmaterial für Schüler, Lehrer und Aktionsgruppen, Wem nützt die Armut der Dritten Welt?" (Bd. 1. u. 2 Reinbek 1974) und J. Esser „Zur Theorie und Praxis der Friedenspädagogik (Kritische Konzepte für Schule und Erwachsenenbildung" (Wuppertal 1973), sowie H. Nicklas/A. Ostermann „Zur Friedensfähigkeit erziehen" (Urban & Schwarzenberg, München-Berlin-Wien 1976).
Das Bemühen, auch spezielle Filme für die Bewußtseinsbildung zum Frieden einzusetzen, hat in jüngerer Zeit zu zahlreichen Produktionen geführt, die sich sowohl für den Schuleinsatz wie auch für die Verwendung in der freien Jugendarbeit eignen. Eine umfangreiche Zusammenstellung von 100 Filmwerken mit ausführlichen Inhaltsangaben und interessanten Diskussionen über die mit dem Einsatz verbundenen Probleme liegt in „Filme gegen Krieg" v. F. Rauhut (Hrsg.: Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendfilmarbeit und Medienerziehung der Jugendfilmclubs in Bayern e. V. (1977) Postfach 1142, 8723 Gerolzhofen) vor. Daneben bieten die FWU-Gesamt- und Spezialkataloge des Instituts für Film und Bild, München eine Reihe von guten Produktionen an, die sich mit Fragen der Aggressionsbewältigung, der Kriegsverhütung usw. befassen. Sie sind auf den Kreis- und Stadt- bzw. Landesbildstellen erhältlich.
Als ein Musterbeispiel für einen Antikriegsfilm sei hier auf die Neuproduktion (FWU) „Smile" (1978) für Sekundarstufe l u. II verwiesen. In diesem 14-Minuten-Trickfilm mit dem Lemziel: „Untersuchen und erkennen, wie es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt", werden thematische Fragestellungen aufgeworfen wie Aggressionstrieb angeboren oder anerzogen? Menschen als willenlose Werkzeuge kriegführender Mächte; Gefahren des Wettrüstens, die Fragen, warum es so schwer ist, leidvolle Kriegserfahrungen so zu vermitteln, daß gewaltsame Auseinandersetzungen vermieden werden, Entscheidung für Wehr- oder Zivildienst usw."
Auf einem anderen Gebiet, das jedoch auch der Thematik Politik, Konflikte, Internationale Beziehungen verpflichtet ist, bewegt sich die FWU-Videobandkassette über „amnesty international" (Nr. 410065 - Laufzeit 41 Min.), die es vermag, Jugendliche wie Erwachsene zu eigenem Engagement zu motivieren.
Nicht zuletzt soll hier auf das vielseitige Angebot der kirchlichen Filmdienste hingewiesen werden, die es den interessierten Pädagogen ermöglichen, Medien verschiedener Art für eine lebendige Sozialerziehung einzusetzen, die Einsichten und Verhaltensweisen fördern, welche zum Frieden bereit machen.
Wenn auch in den jüngeren Forderungen an eine fortschrittliche Friedenserziehung Lernzielzusammenhänge wie Gesellschaft, Interessen, Emanzipation, strukturelle Gewalt und Herrschaft, Konflikt, Aggression, Vorurteil, internationales System und Krieg immer mehr in den Vordergrund getreten sind, ist ihre Realisierung angesichts einer noch vielfach von struktureller Gewalt, Hierarchie und übermäßigem Leistungsdruck geprägten Erziehungswirklichkeit besonders im schulischen Sektor sehr fragwürdig.
Für die jüngsten Lernzielzusammenhänge, die sich auf Probleme der sogenannten Sicherheitspolitik mit Fragen der Entspannung und Abrüstungs- bzw. Rüstungsbegrenzungsbemühungen ausdehnten, gibt eine Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr (München 45, Schleißheimer Str. 418) der 81 in der Bundesrepublik an allgemeinbildenden Schulen zugelassenen Sozialkundebücher im Hinblick auf Berücksichtigung sicherheitspolitischer Inhalte als erste umfassende qualitative und quantitative Inhaltsanalyse zur genannten Thematik Aufschluß.
Bei aller Problematik, die in der auszugsweisen Zitierung der genannten Studie liegt, sollen einige ihrer Ergebnisse angeführt werden: „Die Umsetzung der Anforderungen der politischen Bildung lassen sich am besten über den Themenkreis „Wehrpflicht-Kriegsdienstverweigerung" veranschaulichen: Eine Vermittlung von Grundwissen (Informationsfunktion) - es besteht Wehrpflicht; es gibt das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung - wird von den Schulbuchautoren in eingeschränktem Maße sicherlich geleistet. Für die Erarbeitung eines eigenen Standpunktes zu diesem Themenkomplex (Objektivierungsfunktion) bringen die Bücher kaum Hilfestellung; dazu fehlt es in der Regel an der gesamtgesellschaftlichen Betrachtungsweise und an der mangelnden Gesamtschau überhaupt." (S. 63 der Kurzfassung).
Zum allgemeinen Begriff „Krieg" kommt die Inhaltsanalyse der Studie zu dem Ergebnis: „Er wird vorwiegend allgemein und negativ abschreckend vorgestellt." Dagegen: „Weltweite Bemühungen um und Konzepte zur Friedenssicherung finden - mit Ausnahme der UNO-Prinzipien - nur in beschränktem Maße Aufnahme ins Sozialkundebuch. Obwohl „Friede" als solcher geradezu beschworen wird, sparen Schulbuchautoren Friedensvorstellungen auf nichtmilitärischer Ebene - mit Ausnahme der Vision eines vereinigten Europas - weitgehend aus" (S. 61/62).
Zur immer wichtiger werdenden Frage der Rüstungsbegrenzung wird festgestellt: „Die weltweiten Rüstungspotentials und Truppenkontingente finden in unterschiedlichem Maße Berücksichtigung...International brisante Maßnahmen wie die Beschränkung des Waffenhandels oder die Verhängung eines „Waffenembargos" bleiben dagegen weitgehend ausgeklammert...Sämtliche Abrüstungsbemühungen werden in den Büchern nur in bescheidenem Maße vorgestellt. In der Regel finden sich nur allgemeine Hinweise" (S. 61).
Hier wird sogar von militärischer Seite ein Defizit vorgetragen. Zu dessen Behebung bietet sich allerdings für den interessierten Pädagogen neuerdings in „Friedens- und Abrüstungspolitik - Bausteine für die politische Bildungsarbeit" v. D. S. Lutz / H. Schierholz (Waldkircher Verlagsgesellschaft 1978,188 S.) eine gute Unterrichtshilfe mit Materialien an. Ein empfehlenswertes umfassendes Werk zum Thema „Friedenssicherung" legte ebenfalls 1978 unter den „Unterrichtsmodellen Sozialkunde" für die Sekundarstufe l das „Regionale Pädagogische Zentrum" des Landes Rheinland-Pfalz, 6550 Bad Kreuznach, Salinenstraße 60, vor. Mit den dazugehörigen Materialienband dürfte es für den „Friedenspädagogen", und für jeden Erzieher, der sich mit der brisanten Thematik vertraut machen möchte, eine der besten augenblicklich vorhandenen Unterrichtshilfen praktischer Art darstellen.

Neues Unterrichtsfach „Abrüstungserziehung"?
Wenn auch in der augenblicklichen politischen Situation die Erhaltung des sogenannten „negativen Friedens" d. h. die „Abwesenheit" des heißen Krieges ein vordringliches Ziel darstellt, rückt das Problem der Verminderung von „struktureller Gewalt" - auch im internationalen Maßstab immer mehr in den Vordergrund. Strukturelle Gewalt im Sinne Johan Galtungs, meint ungleiche Verteilung von Macht, Besitz und Einfluß; damit unterschiedliche Chancen bei der Selbstverwirklichung von Menschen (Siehe hierzu: Johan Galtung „Gewalt. Frieden und Friedensforschung" in D. Senghaas „kritische Friedensforschung" edition Suhrkamp, Band 478 Frankfurt 1971 S. 55 ff.)
Da der Rüstungswettlauf zunehmend ein weltweites Phänomen geworden ist und neben seiner Funktion als „größter Rohstoffverschwender" die notwendigen Entspannungsbemühungen erschwert, sowie strukturelle Gewalt aufrecht erhält, bemühte man sich im Anschluß an die Sondergeneralversammlung der Vereinten Nationen vom 23.5. bis 30.6.1978 um Forschungen über den Zusammenhalt von Rüstungsausgaben und wirtschaftlicher wie sozialer Entwicklung. Weiterhin heißt es im Schlußdokument der UNO (Wortlaut in Europa Archiv, Bonn Nr. 19 vom 10. Oktober 1978, Seite D 519 ff.) u. a.: „Um zu einem besseren Verständnis für die durch das Wettrüsten entstehenden Probleme und für die Notwendigkeit der Abrüstung beizutragen, werden die Regierungen und die staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen dringend aufgefordert, auf allen Ebenen Schritte zur Ausarbeitung von Bildungsprogrammen für Abrüstungs- und Friedensstudien zu unternehmen. Die Generalversammlung begrüßt die Initiative der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, einen Weltkongreß über die Erziehung auf dem Gebiet der Abrüstung abzuhalten, und drängt diese Organisation in diesem Zusammenhang, ihr Programm zum Ausbau der Abrüstungserziehung zu einem besonderen Studienfach voranzutreiben, unter anderem durch die Ausarbeitung von Richtlinien für Lehrkräfte, von Lehrbüchern, Lesebüchern und audiovisuellem Material. Die Mitgliedsstaaten sollten alle nur möglichen Maßnahmen treffen, um die Aufnahme solchen Materials in die Lehrpläne ihrer Bildungseinrichtungen zu fördern."
Ob und wann sich diese Intentionen in der Bildungspraxis einmal durchsetzen werden (können), ist heute kaum abzusehen. Gegenströmungen wie sie sich publizistisch beispielhaft etwa in den Aussagen des Soziologen Helmut Schelsky in „Die Arbeit tun die anderen - Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen" (Westdeutscher Verlag Opiaden 1975) im Kapitel „Friedensforschung - ein Heilsglaube unserer Zeit" (S. 290-297) zeigen, sind wirksam, wenn hier auch der Aspekt der planetarischen Gefährdung unserer Erde durch intelligente, lesens- und kritikwürdige Argumente manchmal polemisch überspielt wird. Wenn hier kritisch geschrieben wird: „Das Ganze gipfelt in der neureligiösen Praxis der „Heilserziehung", hier „Friedenspädagogik" genannt«, so dürfte diese abwertende Beurteilung angesichts der Erklärung von Bundesaußenminister Genscher in seiner Rede vor der Generalversammlung der UNESCO Ende Oktober 1978 in Paris „die Erziehung zum Frieden ist oberstes Lernziel in der Bundesrepublik" nicht überbewertet werden. Sich hier gegen internationale Tendenzen stemmen zu wollen - wobei genau zu prüfen ist, ob sie wirklich auch international (einschließlich der sozialistischen Staaten) realisiert werden - könnte uns in eine bedenkliche Außenseiterrolle abdrängen.
Es kann andererseits positiv auf Realitäten hingewiesen werden, die für das tatsächliche Bildungsgeschehen - wenn auch nur am Rande - heute schon mitbestimmend sind: So strahlte z. B. der Bayerische Schulfunk im Dezember 1978 eine Sendung „Frieden durch Abrüstung; Sicherheitspolitik" aus, nachdem er schon
im Jahre 1973 die Themen "Erziehung zum Frieden" und „Friedensforschung" behandelt hatte. Zum Thema „Friedenserziehung" und „Abrüsten, um zu überleben" engagieren sich vermehrt die Kirchen. Auf katholischer Seite geschieht dies durch „Pax Christi", die internationale katholische Friedensbewegung mit dem deutschen Sekretariat in Frankfurt/Main 1, Windmühlenstr. 2, in ihren zahlreichen Informationen „Probleme des Friedens", die immer wieder friedenspädagogische Modelle anbieten und Dokumentationen zum Thema „Kirche und Abrüstung" vorlegen. Auf evangelischer Seite wird eine ähnliche Aufgabe vom „Internationalen Versöhnungsbund" (Deutscher Zweig: 2082 Uetersen, Jochen-Klepper-Straße) u. a. durch die „Vierteljahreshefte für Frieden und Gerechtigkeit - gewaltfreie Aktion" und verschiedene Aktivitäten wahrgenommen.
Bemerkenswert erscheint auch, daß der Begriff „Friedenserziehung" in jüngster Zeit immer ausführlicher in Pädagogischen Lexika Eingang gefunden hat. So wird beispielsweise im „Pädagogischen Lexikon" von Karl Ernst Maier (Hrsg.) Wolff-Verlag (Regensburg) von Prof. Dr. Walter Tröger (1978, 453 S.) schon die grundsätzlich neue Dimension des Friedensbegriffes durch die „ökologische Krise" mit den Folgen der industriellen Revolution, wie Überbevölkerung, Nahrungsmangel, Ausbeutung der Rohstoffquellen, Umweltzerstörung usw. mit einbezogen. Sie könnte unter den gemeinsam Bedrohten eine neue Solidarität zwischen Armen und Reichen zwischen Ost und West schaffen.
Eine jüngere Entwicklung von Friedensinitiativen ist noch mit den zahlreicher werdenden sogenannten „Friedenswochen" anzusprechen, die sich im Anschluß an holländische Modelle auch in der Bundesrepublik auszubreiten beginnen. Die besonders bekannt gewordene „Aktion Waldkircher Friedenswoche (1978) definierte sich selbst so „...daß man - ausgehend von einem weiten Friedensbegriff, die Friedenswoche nicht als Gelegenheit zur akademischen Auseinandersetzung mit der Friedensproblematik versteht, sondern daß das Ziel verfolgt wird, anhand konkreter Aktionen die Friedensidee den Bürgern nahezubringen...Dies läßt sich aber nur dann erreichen, wenn der Bürger in seiner eigenen Betroffenheit angesprochen wird." Erfahrungen und Vorschläge für die Weiterentwicklung werden in „Friedensanalysen für Theorie und Praxis, Band 10 - Schwerpunkt: Bildungsarbeit" (edition suhrkamp 1979, 228 S.) vorgestellt.
Als jüngste Neuerscheinung wertvoller Art auf dem Feld der einschlägigen Publikationen sei abschließend auf „Friedenserziehung - Eine Einführung v. Ch. Küpper (Hrsg.) mit Beiträgen von B. Claußen, W. Maser und W. Tröger (Leske Verlag Opladen 1979, 167 S.) empfehlend hingewiesen.

Zusammenfassung und Ausblick
Nach einer vor allem geisteswissenschaftlich orientierten Friedenserziehung erfolgte eine Aufspaltung in verschiedene neue Ansätze in mehr aggressionssychologisch und soziologisch bestimmte Richtungen, die sich immer mehr als politische Erziehungs- und Bildungsarbeit begriffen. Die Dritte-Welt-Problematik wie die Gedanken der Rüstungsbegrenzung traten in jüngerer Zeit vermehrt in den Vordergrund.
Durch politische Entspannungsbemühungen ist ein „öffentliches und geistiges Klima" langsam im Wachsen, das gegenüber den Anfängen der Friedenserziehung stärkere Wirksamkeit im öffentlichen und schulischen Raum zu versprechen scheint. Eine Auseinandersetzung der unterschiedlichen Richtungen untereinander steht insgesamt noch aus. Inwieweit friedenserzieherische Praxis - und mit welchem Erfolg - stattfindet, läßt sich abgesehen von temporären und örtlichen Erfahrungen kaum durchgängig beurteilen (8). Theoretische und praxisnahe Entwicklungen sind weithin noch im Fluß und bedürfen der intensiven Weiterführung, wobei ungebührliche Dramatisierung des Problems falsch am Platze sein dürfte.
Es wird vor allem am einzelnen Erzieher liegen, daß er die laufenden Tendenzen verfolgt und aus ihnen die ihm gemäßen Konsequenzen für seine Bildungspraxis zieht. Davon wird es mit abhängen, ob wir von der Nachkriegszeit in eine neue Vorkriegszeit gelangen - oder nicht. Wenn auf dem im August 1979 in Königstein (Taunus) stattgefundenen 8. Weltkongreß der Internationalen Vereinigung der Friedensforschung (IPRA), der von der UNESCO und der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung gefördert wurde, ein Teilnehmer kommentierte: „Man möchte fast meinen, die Friedensforscher kämpfen auf verlorenem Posten", so kann man sich auch einige Trends vor Augen halten, die ermutigen:

1. Selbst bei größten und heftigsten Gegensätzen blieben alle bewaffneten Konflikte seit dem Ende des 2. Weltkrieges bis heute beschränkt, und manche wurden, wie in den Fällen von Berlin und Kuba, ohne Anwendung von Waffen durchgestanden.
2. Die politische Lage unter der Bedrohung durch den gemeinsamen Atomtod zwingt auch in der realen politischen Auseinandersetzung immer mehr zur Suche nach einer Form der Koexistenz und der Milderung der Gegensätze im Bereich der Politik, der Ideologie und des Wohlstandes.
3. Die Notwendigkeit einer Rüstungsbeschränkung wird heute allgemein besser verstanden als vor 10 Jahren, und man bemüht sich intensiver als je um ein Übereinkommen (SALT-Gespräche und KSZE-Konferenzen).
4. Viele Konflikte seit 1945 sind nach einer anfänglichen Periode der bewaffneten Auseinandersetzung politisch beigelegt worden, indem man den vorher bestehenden Zustand wiederherstellte (Korea, Ungarn, Suezkrise, Algerien). Diese Tatsachen könnten Vertrauen in die Zukunft und die Hoffnung wecken, daß die Menschheit schließlich doch noch lernt, ihre Konflikte ohne Krieg auszutragen. Sie müßte dazu allerdings diese positiven Strömungen durch erzieherische und moralische Unterstützung fördern.

Die Vorstellung, daß sich auf einmal alles ändern müsse, könnte durch die Auffassung abgelöst werden (worauf Kenneth, W. Boulding „The Peace Movements in the US" in „A search for Alternatives to war and violence", Ed. Ted. Dünn Clarke u. Co, London 1963, schon sehr früh hingewiesen hat), daß wir uns in der Nähe eines Punktes innerhalb der geschichtlichen Entwicklung befinden, wo eine kleine Änderung gewaltige Folgen haben kann. Der Übergang von -1 Grad Celsius auf +l Grad Celsius ist keine große Änderung, aber -1 Grad gefriert alles Wasser, und bei +1 Grad schmilzt alles Eis. Nach einem psychologischen Gesetz determiniert die Erwartung bei einer zu lösenden Aufgabe bis zu einem gewissen Grade den Erfolg. Ob wir bei unserem Problem mehr zum Optimismus oder Pessimismus neigen, wird allerdings mit davon abhängen, was für ein Mensch man durch Veranlagung und Lebenserfahrung geworden ist. Ich bin dafür, daß man die gewiß schwierige und langwierige pädagogische Seite der Friedensicherung weder verkrampft, noch nur aktionistisch (d. h. nicht ohne Aktion, die überlegt ist) angeht, sondern mit der gelassenen, zielstrebigen Engagiertheit im Sinne von Max Webers Verantwortungsethik (nicht nur Gesinnungsethik), welche die Geduld einbezieht, von der Schopenhauer meinte, sie bedeute die größte Tapferkeit.

1) D. Danckwort „Erziehung zur Internationalen Verständigung" München 1965, H. v. Hentig „Erziehung zum Frieden" in ders. „Spielraum und Ernstfall. Stuttgart 1966, S. 132-146. G. Geißler „Über Erziehung zum Frieden" in „Vom Frieden", hrsg. v. d. Niedersachsischen Landeszentrale für politische Bildung, Hannover 1967, S. 49-69. K. Fr. Roth „Erziehung zur Völkerverständigung und zum Friedensdenken", Donauwörth 1967, und D. Emels „Zum Frieden erziehen", München 1968, um einige zu nennen. Weitere Werke mit einer ausführlichen Wertung finden sich in „Friedenspadagogik und Dritte Welt" v. H. Bosse/Fr. Hamburger, Vertage Kohlhammer, Stuttgart (Urban-Taschenbuch Band 848) 1973. Für die jüngste Entwicklung siehe: H. Schierholz „Stand und Perspektiven der Friedenspadagogik in der Bundesrepublik Deutschland" In „Friedensanalysen für Theorie und Praxis - Schwerpunkt: Bildungsarbeit", Band 10 edition Suhrkamp, 1979!
2) „Studlengesellschaft für Friedenstorschung e. V." •München, Bemhard-Borst-Str. 3 und „Gesellschaft zur Förderung von Zukunfts-Friedensforschung e. V." Hannover-Buchholz, Podbielskistr. 257.
3) Dieser Aufsatz wurde in den Sammelband „Friedenspädagogik", Hrsg. H. Röhrs „Erziehungswissenschaftliche Reihe" der Akademischen Verlagsgesellschaft Frankfurt a. M. 1970, übernommen. Weiter wurde in der „Bayerischen Schule" das Thema vom Verfasser behandelt in „Ist 'Erziehung zum Frieden, möglich?" Nr. 35/36 1965, in „Pädagogik und Friedenssicherung" Nr. 10/1968, in „Erziehung zum Frieden. Nr. 24/1969 und in „Überlegungen zur Konflikt- und Friedenspädagogik - politische Bildung vor neuen Aufgaben?" („Beilage Wissenschaft und Praxis") vom 10. 11.1973.
4) Kostenloser Bezug der Informationen der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung auf Anforderung von der Geschäftsstelle 53 Bonn 2, Bad Godesberg, Theaterplatz 28. Zum Thema „Friedensforschung" wird auf Band 103 der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung „Friedensforschung-Entscheidungshilfe gegen Gewalt" von M. Funke (Hrsg.) 1975 verwiesen.
5) Zahlreiche Modelle und Materialien einschließlich Medien werden in „Orientierungshilfe für die Praxis der Friedenserziehung" der Studiengesellschaft für Friedensforschung e. V., München 1977, vorgestellt.
6) Siehe dazu die Konferenzauswertung in „Friedenserziehung in der Diskussion" v. Christoph Wulf (Hrsg.) Piper-Verlag, München 1973-vornehmlich für theoretisch interessierte Leser zu empfehlen!
7) Siehe dazu: „Verteidigung + Entspannung = Sicherheit" - Texte und Materialien zur Außen- und Sicherheitspolitik v. G. Walpuski, Verlag Neue Gesellschaft GmbH, 53 Bonn, Bad Godesberg, Kölner Str. 149 - mit zahlreichen friedenspädagogischen Aspekten.
8) Ebenso ist schwer abzusehen, inwieweit in der Lehrerbildung friedenspädagogisch relevante Themen Aufnahme gefunden haben. Immerhin ist bemerkenswert, daß neben wissenschaftlichen Werken für Erzieher wie „Lernfall Aggression" v. Hans-Peter Nolting Rowolt-Taschenbuch (1978) Studienwerke, die vom Titel her keinen Bezug zur Thematik „Frieden" zu haben scheinen, sich mitunter intensiv mit Aggression- und Konfliktlösungsproblemen befassen. Als ein Beispiel sei genannt: „Der Aspekt des Emotionalen in Unterricht und Erziehung" von R. Oerter/E. Weber (Hrsg.) Auer, Donauwörth 1975.
Karl Fr. Roth, Jahrgang 1916, Oberlehrer a. D; Kreisbildstellenleiter, Mitarbeiter in der Studiengesellschaft für Friedensforschung e. V. München, der Pax-Christi-Fachkommission „Friedenserziehung", Kuratoriumsmitglied des Friedensmuseums in Lindau und stellvertretender Vorsitzender des Pädagogischen Landesbeirats Bayern des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.
Veröffentlichungen: „Erziehung zur Völkerverständigung und zum Friedensdenken" (Auer, Donauwörth 1967, die erweiterte Neuauflage erscheint 1981 im EOS-Verlag St. Ottilien), „Möglichkeiten und Wege der Friedenserziehung" (Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft mbH. Essen 1970) und Aufsätze in Fachzeitschriften zur Friedens- und Konfliktpädagogik.

Karl-Friedrich Roth: Friedenserziehung - quo vadis? In: Bayerische Schule 1/81, Wissenschaft und Praxis, S. 17-20.

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