Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1980 - 1990 / Heidi Hilzinger: Kinder- und Jugendliteratur als Beitrag zur Friedenserziehung (1982)
Der auf Beschluß des Kuratoriums der DGFK gestiftete Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher wurde in diesem Jahr erstmalig vergeben. Anläßlich der Preisverleihung, die am 26. November 1982 in Bonn stattfand, ging der Kuratonumsvorsitzende, Professor Dr. Hans-Adolf Jacobsen, in seiner Ansprache auf die damit verbundenen Intentionen der DGFK ein. Seine Rede hatte folgenden Wortlaut:
Der Anlaß der uns an diesem Tage zusammenführt, dürfte in der kurzen, aber dennoch bereits bewegten Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung zu den erfreulicheren Ereignissen gehören; ein Buch – für Kinder und Jugendliche bestimmt – wird mit dem nach Gustav Heinemann benannten Friedenspreis der DGFK für Kinder- und Jugendbücher ausgezeichnet.
Ich freue mich, hier an erster Stelle die beiden Autoren des ausgezeichneten Buches begrüßen zu können – Herrn Jörg Steiner, der den Text verfaßte, und Herrn Jörg Müller, dem die Zeichnungen zu verdanken sind –, beide haben, wie wir wissen, eng miteinander zusammengearbeitet – so wie Herrn Sauerländer, Chef eines traditionsreichen Verlages, der in diesem Jahr sein 175janriges Bestehen feiert.
Was hat nun eine wissenschaftliche Einrichtung wie die DGFK dazu veranlaßt, einen Preis für Kinder- und Jugendbücher zu stiften, der mit dem Namen Gustav Heinemanns verbunden ist?
Um Ihnen die Beweggründe und Überlegungen, die zu dieser Entscheidung geführt haben, deutlich zu machen, lassen Sie mich einige Bemerkungen zum Selbstverständnis und zur Tradition, in der die DGFK steht, machen.
Friedensforschung verstanden als Versuch, mit wissenschaftlichen Methoden Konfliktursachen zu ermitteln, hat in der Bundesrepublik seit Ende der 60er Jahre im Gefolge der Entspannungspolitik einen bemerkenswerten Aufschwung erfahren. Dazu hat wesentlich die Initiative und Beharrlichkeit Gustav W. Heinemanns beigetragen, der die wissenschaftliche Erforschung der Voraussetzungen des Friedens als gesellschaftlichen und politischen Auftrag formulierte, was schließlich im Jahr 1970 unter anderem in der Gründung der DGFK seinen Niederschlag fand mit dem Ziel, ausgestattet mit öffentlichen Mitteln und im wissenschaftlichen Bereich verankert, Friedensforschung zu fördern und den Friedensgedanken zu verbreiten.
Dieses Modell einer eigenständigen öffentlichen Förderung von Friedensforschung stellt den bemerkenswerten Versuch dar, die Forschungsförderung aus dem rein wissenschaftlichen Rahmen herauszulösen, die politische und gesellschaftliche Öffentlichkeit an den Entscheidungen zu beteiligen und sich öffentlicher Kontrolle auszusetzen. Der Anspruch von Friedensforschung, praxisrelevant zu sein, der Bedarf von politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträgem an Potitikberatung (Informationen und Empfehlungen für praktische Umsetzung in Politik) sowie das Anrecht einer breiten Öffentlichkeit auf umfassende Informationen sollten in ihr zusammengeführt werden und in einer solchermaßen institutionalisierten Form eine beidseitig fruchtbare Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis einleiten.
Gustav Heinemann hat sich zu Recht als ein „Bürger" und als ein „Bürgerpräsident" verstanden, der von der Notwendigkeit der gestaltenden Mitarbeit des einzelnen in der Gesellschaft überzeugt war. Frieden und Demokratie hingen für ihn eng, ja unauflösbar zusammen. Beides sind Verhaltensmuster, die erlernt werden können und müssen. Die Herausforderung an Lehrende und Lernende ist außerordentlich groß, zumal sich überdies stets die Frage stellt: Wer unterrichtet die Erzieher, das heißt vor allem die Eltern, die ihrerseits der Jugend Wege in die Gesellschaft und damit in die Verantwortung aufzuzeigen haben?
Gustav Heinemann ist sich dieser umfassenden Herausforderung immer bewußt gewesen. Er wollte deshalb der Arbeit am Frieden eine feste und zugleich praktische Grundlage geben, indem er sich für die Forderung von Friedens- und Konfliktforschung in der Bundesrepublik einsetzte. Es kam ihm darauf an, erst einmal ein Problembewußtsein zu schaffen.
Wegweisend waren dabei für ihn die Arbeiten von Gunnar und Alva Myrdal, die 1966 das Stockholmer Institut für Internationale Friedensforschung – genannt SIPRI und bekannt durch sein jedes Jahr erscheinendes Jahrbuch zum Thema „World Armaments and Disarmament" – gegründet haben.
Dieses neutrale Friedensforschungsinstitut veröffentlicht seit Jahren die wichtigsten Informationen über den Rüstungswettlauf. Wir freuen uns, daß die Friedensforscherin AIva Myrdal dieses Jahr für ihre Bemühungen zusammen mit dem mexikanischen Diplomaten Garcia Robles mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.
Die Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung hat nach dem Verständnis ihres Initiators wie auch nach ihrem eigenen Selbstverständnis mehr als eine rein wissenschaftliche Förderungsgesellschaft sein wollen. Ihr Ziel war immer auch der Kontakt zur Praxis – das gesellschaftliche Engagement.
Friedensforschung orientiert sich an dem Leitgedanken, Kriege zu verhüten und Frieden herzustellen bzw. seine Existenz zu sichern. Sie kann nach diesem Verständnis keine eigenständige wissenschaftliche Fachdisziplin sein, die mit herkömmlichen Methoden in traditionellem Rahmen arbeitet, sondern sie muß interdisziplinär angelegt sein, um ihrem Gegenstand gerecht zu werden: friedengefährdende Faktoren sind vielfältig und eng miteinander verflochten und zwar über die Grenzen einzelner Wissenschaften hinweg.
Friedensforschung versteht sich als angewandte, problemorientierte Wissenschaft, die allein der Wahrheit und Vernunft verpflichtet ist. Diesem ausdrücklichen Bekenntnis zu einem Wertbezug liegen der Anspruch und die Verantwortung zugrunde, sich an den übergreifenden Interessen der Menschheit zu orientieren. Das Bemühen, diesem politischen und sozialen Ziel zur Realisierung zu verhelfen, sowie ihr enger Praxisbezug verleihen ihr notwendig einen provokativen Charakter. Friedonsforschung muß vor allem in dem Sinne provokatlv sein, daß sie sich nicht damit begnügen kann und darf, nur Bekanntes lediglich zu bestätigen oder am Herkömmlichen festzuhalten. Stets von neuem sollte sie versuchen, Alternativen aufzuspüren, Grenzen und Möglichkeiten Ihrer Realisierung ebenso adäquat zu überprüfen wie Ihre eigenen Hypothesen.
Praxisrelevanz als unverzichtbares Element von Friedensforschung bedeutet zweierlei: zum einen, daß Friedensforschung sich der Untersuchung von Problemstellungen zuwendet, für die wissenschaftliche Entscheidungshilfen erforderlich sind. Zum anderen, daß Friedensforschung Anstrengungen unternehmen muß, um ihre Ergebnisse zielgruppenorientiert zu vermitteln. Unter Wahrung ihrer wissenschaftlichen Unabhängigkeit und im Sinne von konkreter Politikberatung muß sie sich sowohl an den Bedürfnissen politischer und gesellschaftlicher Entscheidungsträger orientieren als auch in gleicher Weise alle Möglichkeiten ausschöpfen, um in eine breite Öffentlichkeit hineinzuwirken.
Diese starke Gewichtung des Vermittlungs- und Umsetzungsaspektes findet in der Satzung der DGFK ihren Ausdruck, in der die „Verbreitung des Friedensgedankens" gleichrangig neben der Forschung als Ziel der Gesellschaft festgehalten ist.
Wir sind uns darüber im klaren, daß zur Verbreitung von Friedensgedanken und Friedensethos nicht nur die Wissenschaft mit ihren Ergebnissen beiträgt, sondern eine Vielfalt gesellschaftlicher Gruppen, die aufgrund verschiedener Motivationen aktive Friedensarbeit leisten. Die Unterstützung solcher Aktivitäten mit dem Ziel, langfristig eine Bewußtseinsänderung zugunsten einer stärkeren Berücksichtigung friedensrelevanter Aspekte und Verhaltensweisen herbeizuführen, sind Teil der Bestrebungen, sich an der Verwirklichung von Frieden in den eigenen Lebensbereichen zu beteiligen.
In diesem Zusammenhang besitzt die Erhebung zum Frieden auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Wirklichkeit einen besonderen Stellenwerte da die Schaffung friedlicher Strukturen im individuellen, gesellschaftlichen und internationalen Bereich einerseits die Sensibilisierung einer breiten Öffentlichkeit für Probleme des Friedens und andererseits die Einübung von Konfliktfähigkeit sowie die Bereitschaft zur friedlichen Regelung von Konflikten voraussetzt. Die praktische Wirksamkeit von Friedenserziehung ist daher auch vom Grad der Einbeziehung der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen sowie der Auseinandersetzung mit den von ihnen eingebrachten Vorstellungen und Interessenlagen abhängig.
In den „Allgemeinen Richtlinien für die Förderung und Verbreitung des Friedensgedankens" heißt es dazu: „Die Bereitschaft, bei der Analyse und Lösung von Problemen eine Pluralität von Ansätzen zu akzeptieren, ist nicht weniger zwingend, als die Notwendigkeit friedensfördernde Einsichten gegenüber einseitig verhärteten Einstellungen zur Geltung zu bringen, Ideologien zur Diskussion zu stellen, verdrängte Konflikte sichtbar zu machen, zwischen gegensätzlichen Positionen einen rationalen Dialog einzuleiten und Konfliktpartner zu vernunftgemäßem Konfliktverhalten zu veranlassen.“
Wenn kürzlich betont wurde, daß das vergangene Jahrzehnt intensiver Friedensforschung zugleich das Jahrzehnt der gefährlichsten Konflikte seit Ende des Zweiten Weltkrieges gewesen sei und daß dies gewissermaßen beweise, wie wenig Friedensforschung zur Gestaltung des Friedens beizutragen vermag, so kann und muß man jedoch in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß diese Konflikte - darunter mehrere offene Kriege - eben die Folgen von Fehlverhalten gewesen sind, vor denen genügend gewarnt wurde und weiter gewarnt wird.
Frieden ist nicht mehr und nicht weniger als eine Form des Zusammenlebens auf allen gesellschaftlichen Ebenen, von den Beziehungen einzelner Menschen zueinander, am Arbeitsplatz, in der Familie, bis zu den Ebenen der Gemeinde, des Staates und schließlich der Weltgemeinschaft der Völker, die die Regelung - nicht gleichbedeutend mit Lösung - von Konflikten ohne Gewalt oder Androhung von Gewalt ermöglicht. Frieden als Verhaltensmuster setzt Konfliktfähigkeit voraus.
Konfliktfähigkelt wiederum ist eine Frage der Erziehung, weniger der formalen Erziehung als vielmehr des sozialen Lernens. Es kommt darauf an, Zusammenhänge zu erkennen. Informationen darüber zu vermitteln und über den Umgang mit Informationen aufzuklären. Diese Erziehung – wir nennen sie Friedenserziehung – richtet sich an alle, an alt und jung, an politische Entscheidungsträger ebenso wie an die Basis der Gesellschaft. Sie wirkt über den Lernenden hinaus in die Gesellschaft.
Gerade der Gedanke der Erlernbarkeit von Friedens- und Konfliktfähigkeit hat die DGFK dazu veranlaßt, im Rahmen ihrer Bestrebungen zur Verbreitung des Friedensgedankens einen Preis für Kinder- und Jugendbücher zu stiften und diesen nach Gustav Heinemann zu benennen.
Der Preis soll eine Erinnerung an den Politiker und Menschen Gustav Heinemann sein, der dem Friedensgedanken in der Bundesrepublik und dem friedlichen Zusammenleben zwischen den Völkern in seiner ihm eigenen Weise gedient hat. Er soll Insbesondere Schriftsteller, die als Multiplikatoren eine hohe gesellschaftliche Verantwortung tragen und zudem ein besonderes Maß an öffentlicher Resonanz auf sich lenken, dazu ermuntern, die Bemühungen um das Erlernen von Friedensfähigkeit fortzusetzen.
Der Stiftung des Preises liegt auch die Überlegung zugrunde. daß Kinder- und Jugendbücher ein geeignetes Medium für die Behandlung friedensrelevanter Themen (z. B. Gewalt, Not, Vorurteile, Krieg) sein können. Sie wirken sowohl als Informationsträger als auch als meinungsbildendes Instrument und tragen damit in zweifacher Hinsicht zur Friedenserziehung bei: Sie transportieren neben Sachinformationen ausdrücklich oder implizit auch Gedanken, Werte, Einstellungen, Leitbilder, Verhaltensimpulse. Durch die den Kindern und Jugendlichen angebotenen Identifikationsmöglichkeiten fördern sie deren Lernbereitschaft auf eine spielerische Weise. Von ihnen ausgehende positive Wirkungen für die Friedenserziehung erstrecken sich neben dem Erwerb von Wissen vor allem auf die soziale und emotionale Komponente des Lernens (Abbau von Vorurteilen; Einblicke in fremde Lebensbereiche; Verständlichmachen menschlicher Verhaltensweisen; alltägliche Umgangsformen usw.) und die Ermutigung zu phantasievollem und kreativem Denken.
Damit komme ich zu dem in diesem Jahr ausgezeichneten Buch, das von seiner Anlage her genau das in verständlicher und für Kinder geeigneter Sprache und Gestaltung nachzeichnet, was ich eingangs zur Friedensproblematik und der Notwendigkeit Ihrer Vermittlung angedeutet habe.
Die Jury hat den Preis an das Buch „Die Menschen im Meer" der beiden schweizer Autoren Jörg Müller und Jörg Steiner verliehen. Lassen Sie mich an dieser Stelle die Begründung der Jury für diese Entscheidung verlesen:
„Zur Erinnerung an Gustav W. Heinemann und zur Würdigung seiner Verdienste aIs Bundespräsident, Initiator, Förderer, erster Schirmherr und Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung hat die Gesellschaft den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder und Jugendbücher gestiftet Die DGFK beabsichtigt damit im Sinne ihrer Satzung einen Beitrag zur Verbreitung des Friedensgedankens zu feistem.
Die Jury des Gustav-Heinemann-Jugendbuchpreises der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung e. V, hat dem Bilderbuch „Die Manschen im Meer" von Jörg Müller (Bilder) und Jörg Steiner (Text) den mit DM 10 000,- dotierten Preis für das Jahr 1982 zugesprochen.
In dem Werk der beiden schweizer Autoren, das im Verlag Sauerländer (Aarau, Frankfurt am Main, Salzburg) erschienen ist, wird in detailreichen, realistischen ganz- und zum Teil auch doppelseitigen Farbillustrationen und einem knappen, sprachlich gut verständlichen, epischen Text die Geschichte der Bewohner zweier benachbarter Inseln erzählt. Am Modell der beiden kontrovers strukturierten Inselgesellschaften werden in der distanzierten Weise des Gleichnisses zentrale Themen unserer heutigen Wirklichkeit wie die Herrschaft des Menschen über den Menschen, der Zugriff auf Ressourcen der Natur, ökologische Probleme und solche der Leistungsgesellschaft angesprochen.
Der Versuch, grundsätzliche menschliche Verhaltensmuster nachzuzeichnen, findet auch unter ästhetischen Gesichtspunkten in der Fabel seinen Ausdruck. In einer sinnlich sehr ansprechenden Form und didaktisch geschickt polarisiert, werden im Laufe der Handlung in märchenhaft-utopischer Verfremdung zwei einander entgegengesetzte Standpunkte entfaltet. Sie stehen stellvertretend für alternative gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten und repräsentieren zerstörerische und aufbauende Kräfte des Menschen. Den Lesern wird dar Transfer der angeschnittenen Probleme auf unsere heutige gesellschaftliche Wirklichkeit nicht schwer gemacht.
Die Parabel schildert anschaulich die Ursachen und die Folgen von Unfrieden. Diejenige Insel, auf der Leistungs- und Profitstreben, Machtgier und Goldrausch herrschen, liegt einer anderen Insel gegenüber, auf der genügsamere, hilfsbereite Menschen leben, bei denen Nächstenliebe Vorrang vor Eigen- und Gewinnsucht haben. Gegen Ende der ereignisreichen Erzählung stürzt das Gebäude hybrider Fortschrittlichkeit und autoritärer Gesellschaftsstruktur zusammen. Es folgt die Beschreibung eines friedfertigen Zusammenlebens und befreiten Arbeitens. Insofern trägt das Buch von seiner Anlage her starken Hoffnungscharakter und stellt eindrucksvoll die Möglichkeit einer humaneren Welt zur Diskussion.
Nach Meinung der Jury ist das Bilderbuch „Die Menschen im Meer" eine vorbildliche, gleichnishafte Erzählung, die dem Friedensgedanken Rechnung trägt. In einer vor allem Kinder und Jugendliche ansprechenden Weise ergreifen die beiden Autoren überzeugend für eine Konfliktregelung ohne Waffen Partei. Die Jury vertritt die Auffassung, daß der Band in seiner gedanklichen Substanz schon von kleinen Kindern begriffen werden kann, gleichermaßen aber auch viele Erwachsene ansprechen wird. Es wäre zu wünschen, daß das Werk – sowohl die Bilder als auch der Text – eine möglichst große Verbreitung finden wird."
Vielleicht darf ich noch einige interessante Details hinzufügen, die wir erfahren haben, nachdem die Wahl dieses Buches feststand: die Autoren sind bereits mit anderen gegenwartsbezogenen und höchst einprägsamen Bilderbüchern an die Öffentlichkeit getreten, die mit Literaturpreisen ausgezeichnet worden sind.
Alle diese Arbeiten haben auch außerhalb des deutschen Sprachgebiets eine hohe Verbreitung gefunden.
Das trifft ebenso für den Band „Die Menschen im Meer" zu. der bereits auf amerikanisch, dänisch, englisch, französisch. niederländisch und schwedisch erschienen ist. Eine japanische Ausgabe wird zur Zeit vorbereitet.
Arbeiten für den Frieden ist – Gustav Heinemann hat das immer wieder betont – ein ständiges Bohren am harten Holze. Viele beschäftigen sich damit – und das ist notwendiger denn je. Mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher, mit dem in diesem Jahr ausgezeichneten Buch und sicher auch mit künftigen Büchern dieser Art, gleich ob sie einen Preis erhalten oder nicht, ist ein Weg beschritten worden, den es stetig fortzusetzen gilt. Ich bin der festen Überzeugung – es lohnt sich.
Ich danke noch einmal den Autoren, ihrem Verleger und den Mitgliedern der Jury. Unser Dank gilt aber gleichermaßen auch allen anderen Autoren und Verlagen, die sich um den Preis beworben haben. Sie haben durch ihre Teilnahme der Jury die Entscheidung nicht leicht gemacht. Unter den eingegangenen Vorschlägen haben sich mehrere Bücher befunden, die von der Jury ebenfalls als preiswürdig eingestuft worden sind, die aber zurückstehen mußten, weil nur ein Buch ausgezeichnet werden konnte.
Gustav-Heinemann-Friedenspreis 1982 für Kinder- und Jugendbücher verliehen
Die erstmalige Verleihung des Gustav-Heinemann-Friedenspreises der DGFK für Kinder- und Jugendbucher fand am 26. November 1982 im Restaurant Tulpenfeld in Bonn statt. In Anwesenheit der beiden Autoren des mit dem Preis ausgezeichneten Bilderbuches ,,Die Menschen im Meer". Jörg Müller und Jörg Steiner, begründete der Kuratoriumsvorsitzende Professor Dr. Hans-Adolf Jacobsen die Entscheidung, die von einer unabhängigen, 7 Mitglieder umfassenden Jury getroffen worden war und stellte unter dem Stichwort „Verbreitung des Friedensgedankens" noch einmal den Hintergrund dar, auf dem die Stiftung des Preises durch die DGFK erfolgte. Im Anschluß daran überreichte der Vorstand der Gesellschaft, Karlheinz Koppe, die Verleihungsurkunde und die mit dem Preis verbundene Geldprämie in Höhe von DM 10 000,-. Für die Autoren brachte Jörg Steiner den Dank über die Auszeichnung zum Ausdruck und betonte, daß der Name Gustav Heinemanns, nach dem der Preis benannt ist, auch in der Schweiz Achtung genieße.
Beide Autoren leben in Biel/Schweiz. Mit Ihren gegenwartsbezogenen Arbeiten haben sie schon mehrfach eine starke öffentliche Resonanz erzielt. Jörg Müller ist Grafiker und illustriert überwiegend Kinder- und Jugendbücher. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde er vor allem durch die Bilderserie über die Veränderung einer Landschaft „Alle Jahre wieder saust der Preßlufthammer nieder", für die er 1974 den Deutschen Jugendbuchpreis sowie den Sonderpreis des Premio Grafico di Bologna erhielt. Im Jahr 1976 veröffentlichte er in Autorengemeinschaft mit Heinz Ledergerber eine zweite Bildermappe mit dem Titel „Baggerzahn", in deren Mittelpunkt die Veränderung einer Stadt im Laufe einiger Jahrzehnte steht. Mit großformatigen, farbigen Bilderbögen und unter Verzicht auf jeden textlichen Kommentar werden diese Veränderungen in minutiöser Weise dokumentiert.
Jörg Steiner, der als Lehrer in Biel arbeitet, hat sich einen Namen als Schriftsteller und Bilderbuchautor gemacht Seit 1956 veröffentlichte er Gedichte, Erzählungen, Romane, Filmdrehbücher und Hörspiel die zum Teil auch übersetzt wurden. 1969 wurde ihm der Große Literaturpreis der Stadt Bern zuerkannt und 1976 erhielt er für sein Gesamtwerk den Großen Literaturpreis des Kantons Bern. Als Verfasser von Bilderbüchern wurde er vor allem durch sein Zusammenwirken mit Jörg Müller bekannt.
Die Zusammenarbeit der beiden Autoren weist bereits eine gewisse Kontinuität auf und wird von beiden als sich wechselseitig ergänzend begriffen. Im Werkstattbericht zu dem Bilderbuch „Die Menschen im Meer" heißt es dazu: „Jörg Müller denkt in Textabläufen, wenn er malt; Jörg Steiner denkt in Bildern, wenn er schreibt...“. Gemeinsam konzipierten sie außerdem erfolgreichen Bilderbücher „Der Bär, der ein Bär bleiben wollte" (1976) und „Die Kanincheninsel" (1977), für die sie mit mehreren Preisen bedacht wurden. Sie thematisieren darin die Entfremdung von und Zerstörung der Natur durch die fortschreitende Industrialisierung und Technisierung der Umwelt. In der Geschichte „Die Menschen im Meer" wird dieses Thema weitergeführt, indem zwei gegensätzliche Modelle gesellschaftlicher Organisation menschlichen Zusammenlebens dargestellt und in ihren jeweiligen Auswirkungen auf Menschen und Natur begreifbar gemacht werden. Das Anliegen, das damit verbunden wird, ist dasselbe: komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge in einer für Kinder nachvollziehbaren Form verständlich zu machen und dadurch zu einer Sensibilisierung gegen zerstörerische Einflüsse beizutragen.
In der Begründung für die von ihr getroffene Auswahl ging die Jury auf diesen Aspekt ausführlich ein (vgl. Rede von Professor Jacobsen S. 1 ff.) und hob hervor, daß mit dieser Sichtweise und dem „Hoffnungscharakter“, von dem das Buch getragen sei, der Verbreitung des Friedensgedankens Rechnung getragen werde.
Die Jury, die über insgesamt 36 eingegangene Buchtitel zu befinden hatte, setzte sich ausfolgenden Personen zusammen: Professor Dr. Paul Ackermann, Pädagogische Hochschule Reutlingen; Professor Dr. Klaus Doderer, Institut für Jugendbuchforschung, Frankfurt/M.; Peter Härtling, Schriftsteller, Mörfelden-Walldorf; Dr. Ingo Hermann, Redakteur beim ZDF, Schlangenbad; Professor Dr. Hans-Adolf Jacobsen (Vorsitz), Kuratoriumsvorsitzender der DGFK. Bonn; Helmut Jung, Deutscher Bundesjugendring, Gießen; Hille Störr, Verein zur Förderung guter Jugendliteratur, Bonn.
Zu der Veranstaltung, die mit einer kleinen Präsentation verschiedener Arbeiten der beiden Preisträger verbunden den war, war auch die Presse geladen. Als Gäste konnten für die Familie Heinemann Barbara Wichelhaus und Christa Delius, Töchter Gustav Heinemanns, sowie seine Enkelin Christine Rau, Ehefrau des nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau, begrüßt werden. Als weitere Gäste nahmen u. a. der Schweizerische Botschafter Chartas Müller, der Kulturattaché der Schweiz, Rudolf Staub, Herr Sauerländer, Verleger des prämierten Buches, mit seiner Frau, sowie für die Jury Frau Störr, Herr Doderer und Herr Hermann an der Preisverleihung teil.
Heidi Hilzinger: Kinder- und Jugendliteratur als Beitrag zur Friedenserziehung. In: Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung: DGFK-Informationen. Ausgabe 2/82. Bad Godesberg, Dezember 1982, S. 1-5