Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1980 - 1990 / Burkhard Steinmetz: Merksätze zur Friedenserziehung (1982)
l. Friedenserziehung wird in den verschiedensten Bildungsbereichen und Erziehungsinstitutionen versucht, professionell und nicht professionell. Friedenserziehung muß nicht auf ideale Rahmenbedingungen warten; sie trägt sähst zur Verbesserung ihrer Rahmenbedingungen bei. Ihre Möglichkeiten sind je nach pädagogischem Feld sehr unterschiedlich, weshalb man bei verschiedenen friedenspädagogischen Konzepten oft die gemeinsame Basis nicht wiedererkennt. Diese zu suchen ist Ziel der Merksätze, Hintergrund sind Erfahrungen aus der Arbeit des Vereins für Friedenspädagogik Tübingen.
2. "Frieden" als Ziel ist ausgewiesen in Gesetzen, Präambeln, Curricula, Beschlüssen usw. Es hat breiteste Legitimation wie die Menschenrechte und die dazugehörigen demokratischen Prinzipien wie Toleranz, Verantwortung, Selbstbewußtsein, Einfühlungsvermögen, Konfliktfähigkeit, Solidarität. Von dieser breiten Legitimationsbasis her ist Friedenserziehung zunächst konsensfähig. Zu dieser dem allgemeinen Friedensbegriff eigentümlichen Integrationskraft gesellt sich bei näherem Zusehen eine bedeutende Sprengkraft: Der Begriff "Frieden" wird kontrovers, wenn es um Konkretionen geht. Die Kraft einer Friedensarbeit bemißt sich u.a. daran, inwieweit sie nicht nur ein Ziel "Frieden", sondern vor allem die Wege des Friedens konsensfähig darstellen kann.
3. Man muß sich von der Vorstellung freimachen, daß es erstrebenswert sei, daß möglichst viele Menschen möglichst schnell und effizient zum Frieden erzogen werden sollen. Ein solch autoritäres Konzept geht von falschen Voraussetzungen und Zielen aus. Es findet sich beispielsweise in obrigkeitsstaatlichen Erlassen nach dem Motto "Wehrerziehung ist Friedenserziehung". Friedenserziehung muß im Widerspruch zu herrschenden unfriedlichen Zuständen entwickelt werden, und zwar auf demokratische Weise.
4. Friedenserziehung braucht einen dynamischen, handlungsorientierten Begriff von Frieden. Mit statischen Begriffen wie "Frieden durch Abschreckung" oder "Frieden als Abwesenheit von Gewalt" kann sie wenig anfangen. Frieden ist nicht irgendwo oder irgendwann anwesend; Gewalt kann nicht als irgendwie völlig abwesend gedacht werden; es gibt keinen Weg zum Frieden: Friede ist der Weg.
Frieden ist jeder Schritt zur Verringerung von Gewalt und zum Ausbau von Räumen, in denen sich besser leben läßt. Frieden ist sichtbar im kleinen Friedensschluß und nicht im Warten auf den absoluten Frieden am St. Nimmerleinstag. Frieden ist auch immer der Friede des anderen. Frieden gibt es nur in kleinen Portionen und man wird nie satt.
Dieses Konzept der Schritte zum Frieden erlaubt auch die Definition von Erfolgskriterien und die entsprechende Selbstreflexion.
5. Friedenserziehung ist Teil der politischen Arbeit für den Frieden. Sie erfordert daher immer eine Analyse der politischen Situation, und zwar in internationalen, nationalen und innergesellschaftlichen Zusammenhängen. Diese Analyse braucht eine doppelte Perspektive:
- Wo sind Bedrohungen des Friedens?
- Wo sind Entfaltungsmöglichkeiten für Frieden?
Eine aktuelle Situation kann klare Stellungnahmen erfordern; Friedenserziehung muß sich daher ihren politischen Standort suchen.
6. Friedenserziehung sucht in ihrem jeweiligen Arbeitsfeld die Anknüpfungspunkte, die schon vorhanden sind; sie nimmt die Betroffenheit der Menschen und ihre Fragen und Kenntnisse ernst; sie strebt auf eine Klärung und Bewußtmachung der eigenen Situation hin, um die Ausgangsposition für die eigene Arbeit zu finden. Von dort aus sind die realen Konfliktsituationen zu erkennen und zu verändern. Es gilt, die Welt mit offenen Augen zu sehen.
7. Friedenserziehung befaßt sich mit einer Fülle von Themen, je nach den Möglichkeiten der jeweiligen Bildungsarbeit und den inhaltlichen Prioritäten der Aktiven.
Eine Auswahl von Stichworten:
- Kriegsverhütung und Sicherheitspolitik;
- Kriegsursachen, Militarismus und Antimilitarismus;
- internationale und innergesellschaftliche Konflikte;
- Abrüstung, Entspannung, Völkerverständigung;
- Verletzung und Realisierung von Menschenrechten;
- Gewalt, Gewaltfreiheit, friedlicher Wandel;
- Angst, Aggression, Vorurteil, Feindbild;
- soziales Lernen, Konfliktbewältigung, alternative Lebensformen;
- ethische, philosophische, religiöse Grundsatzfragen.
Auch die Friedensforschung kennt als interdisziplinäre Wissenschaft keinen festgelegten Themen-Kanon.
8. Friedenserziehung geht davon aus, daß es eine objektive wie auch eine subjektive Betroffenheit des Individuums von mehr oder weniger friedlichen bzw. unfriedlichen Strukturen gibt. Die subjektive Betroffenheit wird bewußt in der Frage: Was können wir denn tun? Es gilt, in größeren Zusammenhängen zu planen und Bündnispartner zu suchen, aber im unmittelbar erreichbaren Umfeld zu handeln. So kann auch der beliebte Ausweg vermieden werden, der in der Forderung besteht, daß andere etwas für den Frieden tun sollten.
9. Unser alltägliches Sprechen vom Frieden bringt eine Mischung emotionaler und rationaler Elemente an den Tag. Friedenserziehung achtet darauf, daß Friedenssehnsucht und rationale Argumentation einander ergänzen und nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Verschränkung der Rationalität und der Emotionalität soll transparent gemacht werden, vor allem, um der Manipulation von ernstzunehmenden Gefühlen durch irreführende "Argumente" entgegenzutreten.
10. Das Schwerste ist die Glaubwürdigkeit des Erziehers selbst. An seiner Vor-Arbeit, an seinem persönlichen Beispiel sollen die anderen erkennen, inwiefern seine Prinzipien umsetzbar sind. Der Erzieher muß also bei sich selbst anfangen, sein Wissen vermehren, seine Sensibilität entwickeln, seine Konfliktfähigkeit verbessern. Auch er lebt in Gewaltverhältnissen, aus denen er Befreiung sucht.
11. Friedenserziehung ist keine Sache von Einzelkämpfern und Genies. Friedensarbeit ist immer Gruppenarbeit; jedenfalls sind Friedensinitiativen immer dort erfolgreich, wo sie Gruppen bilden können. In der Gruppe werden die Schritte zum Frieden geübt: Bildung von Konsens, Austragen von Konflikten, Aushalten von Gegensätzen, Toleranz, Lernbereitschaft, Kompromißfähigkeit. Die Gruppe verschafft Sicherheit und Identifikationsmöglichkeiten. Aus dem internen Gruppenbildungsprozeß heraus kann auch die notwendige Bündnisfähigkeit mit anderen Gruppen entwickelt werden.
12. Friedenserziehung prüft immer selbstkritisch, ob ihre Ziele, Themen und Methoden aufeinander abgestimmt sind. Dieses bewährte pädagogische Prinzip ist in Erinnerung zu rufen, weil Friedenserziehung gern appellativ arbeitet und noch wenig pädagogisch-handwerklich elaborierte Erfahrungen vorliegen. Deshalb sind Methoden der Selbstreflexion und Erfolgskontrolle wichtig.
13. Friedenserziehung und Friedensforschung gehören zusammen. Friedenserziehung muß das Wissen aus der Friedensforschung umsetzen, übersetzen, verbreiten und veranschaulichen. Andererseits kann Friedenserziehung niemals zu einem Marketing für akademisches Spezialistentum verkommen. Friedensforschung braucht die Rückmeldungen aus der friedenspädagogischen Arbeit, um die Relevanz ihrer eigenen Arbeitsgebiete und Forschungsansätze zu überprüfen.
Mangels öffentlicher Förderung hatte Friedenspädagogik in der Bundesrepublik Deutschland jedoch bis heute kaum Gelegenheit, sich parallel zur Friedensforschung eigenständig zu entwickeln und z.B. die zahlreichen Ansätze und Ausführungen, die aus Wissenschaft und reflektierter pädagogischer Praxis kommen, zu integrieren.
Burkhard Steinmetz: Merksätze zur Friedenserziehung. Beitrag zum Kongreß der DGfE in Regensburg im März 1982, unveröffentlichtes Manuskript.