Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1980 - 1990 / Burkhard Steinmetz: Friedenserziehung in der kirchlichen Praxis (1981)
Wer von Friedenserziehung spricht, betont gerne, daß der Friede im persönlichen Bereich beginne. Ich kann diese Definition durchaus gelten lassen, lege aber die Betonung auf das Wort "beginnen". Leider wird der Satz "der Friede fängt beim Einzelnen an" oft polemisch verwendet gegen Menschen, die sich mit Politik befassen und politisch diskutieren. Ich vertrete die These, daß gerade im Hinblick auf Frieden das private Leben und das öffentlich-politische Handeln zusammengehören. "Das Schwerste ist die Glaubwürdigkeit" hat Erhard Eppler als Titel eines Buches über seine Arbeit als Politiker gewählt. Unglaubwürdig ist in der Tat der Politiker, der von Frieden spricht und gleichzeitig mit dem Säbel rasselt. Unglaubwürdig ist der Friedensprediger, der seine Gegner durch Diffamierungen und Intrigen zu Fall bringen will. Unglaubwürdig ist auch der Biedermann, der behauptet, seinen Frieden mit Gott und seiner Familie gemacht zu haben, der aber den Kopf in den Sand oder, genauer gesagt, in den Fernsehapparat und ins Weinglas steckt und sich beklagt, wie schlimm die Weltläufe und insbesondere gewisse Politiker sind.
Man kann ohne Obertreibung feststellen, daß die Bemühungen u« Friedenserziehung, wie sie in den letzten Jahren zunehmend bekannt geworden sind, zu einem maßgeblichen Teil aus dem Raum der Kirche (und hier sind die ev. Kirchen der katholischen etwas voraus) kommen. Ohne diese Entwicklung hier nachzeichnen zu können, sei daran erinnert, daß die evangelischen Kirchen in Deutschland seit der Wiederbewaffnung, insbesondere seit der Einbeziehung Deutschlands In eine nukleare Eskalationsstrategie durch die Militärblocke, gespalten sind in der Frage, welches der richtige Weg zum Frieden sei. Zur Abwendung dieser Spaltung wurde 1959 die sog. "Komplementaritätsthese" formuliert, daß Friedensdienst mit und ohne Waffen gleichermaßen friedenserhaltend sei. Die Kontroverse ist bis heute nicht ausgestanden: sie lebt vielmehr wieder auf. Und das Ist gut so. Denn bis heute Hegt seitens der Kirchen keine klare Stellungnahme zum Problem des "gerechten" Kriegs Im Atomzeitalter vor.
Diesen innerkirchlichen Hintergrund muß man beachten, wenn man sich einen Überblick Über Friedens-Aktivitäten 1n der kirchlichen Praxis verschafft. Es geht dabei vor allein um folgende Arbeitsbereiche:
- Predigt und Schriftauslegung des Friedensgebotes der Bibel
- Seelsorge als "Heilendes Gespräch gegen die Angst"
- Religionsunterricht als das Schulfach, das "Frieden" wohl am häufigsten
thematisiert
- Weiterbildung der kirchlichen Mitarbeiter mit "Frieden" als Standard-Thema
- Jugend- und Gemeindearbeit (Hier werden häufig Raune für Initiativen bereitgestellt und auch eigene Veranstaltungen gemacht.)
- Betreuung von Kriegsdienstverweigerern und ZDLs durch Beistände, Berater und Vertretung in politischen Gremien
- Militärseelsorge
- Jugendverbände, die zentrale programmatische Aussagen und Aktionen zur Friedenserziehung machen
- Unterstützung der Friedensforschung in der "Forschungsstätte der Ev. Studiengemeinschaft", dem "Katholischen Arbeitskreis für Entwicklung und Frieden" und durch Mitgliedschaft in der "Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung"
- öffentliche Stellungnahmen (wie z.B. das gemeinsame Wort der Ev. Kirchen in der BRD und der DDR zum 40. Jahrestag des Kriegsbeginns)
- Basis-Initiativen wie "Ohne Rüstung leben", "Schritte zur Abrüstung", "Versöhnungsbund", "Pax Christi" usw.
Was ergibt sich daraus? Die Kirche, genauer gesagt, viele einzelne Gemeinden, Gruppen und Institutionen innerhalb der Kirche, gewähren Raum, geben Geld, investieren Arbeitskraft in Friedensarbeit und Friedenserziehung. Es wird auch deutlich, daß Friedenserziehung, wie Erziehung und Bildungsarbeit ganz allgemein, nicht nur verengt als die unmittelbare Praxis erzieherischer Tätigkeit gesehen werden darf, sondern daß auch die Rahmenbedingungen beachtet werden müssen wie z.B. die Erarbeitung von Informationen, die Weiterbildung von Mitarbeitern, das Suchen nach Zielgruppen, die Bereitstellung von Organisationsmitteln, die öffentliche Diskussion um Ziele und Inhalte von Erziehung.
Bei der Betrachtung friedenspädagogischer Praxis im kirchlichen Raum fällt weiterhin auf, daß die herkömmlich strenge Trennung und Begrenzung verschiedener Arbeitsbereiche vielfach aufgehoben wird:
- Gottesdienste werden im Rahmen von Friedenswochen zu öffentlichen Veranstaltungen;
- Religionslehrer holen Kriegsdienstverweigerer in den Unterricht;
- hauptamtliche Jugendfunktionäre befassen sich mit Friedensforschung;
- Kriegsspielzeug-Aktionen, die Sich gegen die Förderung kirchlicher Aggressionen wenden, werden zu politischen Demonstrationen.
Und schließlich ergibt sich, daß friedenspädagogische Praxis ganz unterschiedlich ausfällt, weil unterschiedliche Anforderungen gestellt sind. Die Warnung vor griffigen Rezepten und schnellen Erfolgserwartungen sei nochmals an der eingangs aufgeworfenen Frage erläutert, wie wir mit Konflikten und Störungen in unseren Beziehungen zu anderen Menschen fertig werden. Dabei handelt es sich um einen Aspekt von Friedenserziehung, bezogen auf eine therapeutisch-seelsorgerische Tätigkeit. Wie wichtig dieser Aspekt ist, geht schon daraus hervor, daß sehr viel Leid in dieser Welt durch unausgetragene, verschobene Konflikte und an anderer Stelle, meist gegenüber Schwächeren, abreagierte Aggressionen zustandekommt. Was nützt uns aber eine solche Seelsorge, wenn sie nicht begleitet ist vom Aufbau menschenwürdiger Lebensverhältnisse? Und manche fragen: Verhindern wir den Atomkrieg oder die weltweite Explosion des Elends dadurch, daß wir unsere Alltags-Wehwehchen in satten Westdeutschland kurieren?
Wenn soeben die unterschiedlichen Dimensionen friedenspädagogischen Handelns im kirchlichen Feld betont wurden, so führt dies zu der Frage, was denn das Gemeinsame in der Friedenspädagogik sei. Die in der Literatur vertretenen Ansätze von Friedenserziehung als politischer Bildung, Friedenserziehung als Erzeugen von Betroffenheit, Friedenserziehung als Handeln aus christlicher Motivation, Friedenserziehung als therapeutische Praxis u.a.m. führen hier nicht weiter. Wir haben im Verein für Friedenspädagogik Tübingen oft über diese Frage diskutiert, die zwar theoretisch gestellt ist, aber in der Praxis ausgesprochen wichtig wird: Es geht um nichts weniger als die Möglichkeit der Zusammenarbeit vieler verschiedener Menschen, denen Erziehung zum Frieden ein "Anliegen" ist. Einige dieser Grundsatzüberlegungen seien hier vorgestellt.
Man muß sich von der Vorstellung freimachen, es sei erstrebenswert, daß möglichst viele Menschen möglichst schnell und effizient zum Frieden erzogen werden sollten. Diese Vorstellung führt in die Irre:
- Keiner kann einen Vorschlag für die praktische Durchführung dieser Idee machen, es sei denn ein neuer Wehrkundeerlaß der Kultusminister.
- Die Vorstellung ist diktatorisch; sie geht davon aus, daß wenige wüßten, was die vielen machen sollten. Und wer sind die wenigen?
- Die Vorstellung ist unhistorisch, denn sie berücksichtigt nicht, daß vergangene und lebende Generationen gerade auf dem Gebiet des Friedens versagt haben und daß ein neues Friedensbewußtsein im Widerspruch zur herrschenden Generation entstehen muß.
- Die Vorstellung übersieht, daß Friedensfahigkeit Selbstbewußtsein, Toleranz und Einfühlungsvermögen voraussetzt, alles Eigenschaften, die nicht "an erzogen" werden können, Eigenschaften, die durch Glaubwürdigkeit, Vorbild und Schaffen von Freiräumen gefördert, aber nicht gepaukt werden können.
Zum Frieden erziehen: Da ist zuerst die Frage nach dem Erzieher selbst, nach seiner Persönlichkeit und Glaubwürdigkeit, so, wie er Inmitten von Gewaltverhältnissen lebt. Er lebt in dem Widerspruch, daß man andere nicht mit Gewalt zum Frieden erziehen kann.
Es stimmt, daß jeder, der für den Frieden arbeiten oder friedenspädagogisch wirken will, bei sich selbst anfangen muß. Aber wo? Bei Null kann niemand anfangen, denn jeder von um lebt in Konflikten, leidet unter Gewalt, übt sie selbst aus. Wir leben In einer Welt, wo wir den Unfrieden nicht lange suchen müssen, wo uns die Gewalt tagtäglich begegnet: sei es unmittelbar bei den geschlagenen Kindern, den weinenden Frauen, den verbitterten Männern, bei den 40 Verkehrstoten pro Tag oder sei es vermittelt durch Nachrichten, Illustrierte und Filme von Kriegen, von Terror, von Hungertoten. Und irgendwann begreift auch der "kleine Mann" den Zusammenhang: Er hört, daß Frieden für die US-Regierung nicht mehr der höchste Wert ist, daß Mittel für die UNESCO und die Entwicklungshilfe gestrichen werden, daß die Rüstungsproduktion erhöht wird, daß der Bundestag in seiner Haushaltsdebatte angesichts sog. leerer Staatskassen nicht über Abrüstung spricht, sondern über neue Rüstungsprogramme, daß Steuern erhöht werden ... und der kleine Mann liest seinen Lohnstreifen und fragt sich: Wofür bezahle meine Steuern? Was finanziere Ich?
Bei sich selbst anfangen, daß heißt Sensibilität für Leiden entwickeln, sich dem Abstumpfen - z.B. in Apathie und Aktivismus - zu entziehen. Diese Dialektik der Gewaltverhältnisse, In denen man lebt, aus denen man Befreiung sucht, denen man nicht entkommt, scheint eines der Grundprobleme von Friedenserziehung zu sein.
Friedensarbeit heißt daher immer Verringerung von Gewalt und zugleich Ausbau von Räumen, in denen es sich besser leben läßt. Friedensarbeit und Friedenserziehung kann Insofern von den Instandbesetzern lernen. Dies erfordert einen scharfen analytischen Blick. So z.B. die Erkenntnis, daß wir einen zukünftigen Krieg in Europa keinesfalls überleben werden, daß deshalb nach einem Wort Gustav Heinemanns der Friede der Ernstfall ist, hinter dem es kein Zurück mehr gibt. Es nützt aber nichts, nur auf die Bedrohungsvorstellung eines Atomkriegs zu starren, wenn nicht gleichzeitig nach Entfaltungsmöglichkeiten für Frieden gesucht wird. Die wachsende Friedensbewegung, die sich dieser Bedrohungsängste bewußt ist, eröffnet Wege der Abkehr von einer Verteidigungspolitik mit Atomwaffen, die den herrschenden Konsens einer ganzen Generation ausmachte.
Friedenserziehung ist keine Sache von Einzelkämpfern und Genies. Wir beobachten regelmäßig, daß sich Friedensgruppen bilden, die gemeinsam eine Idee, eine Aktionsform entwickeln und in ihren Alltag oder ihre Berufspraxis einbringen. Eines der wichtigsten Erfolgskriterien von Friedensinitiativen aller Art ist die Bildung und Ausbreitung von Gruppen. Die Gruppe muß ihre Identität finden, sich darüber auseinandersetzen, was sie unter Frieden versteht, woraus sich Ihr Engagement speist, welche Themen Schwerpunkte, Ziele und Methoden Ihr angemessen sind. In diesem Prozeß üben sich die Einzelnen in Toleranz, Lernfähigkeit, Konfliktbereitschaft und Fähigkeit zum Kompromiß. Die "Friede-Freude-Eierkuchen"-Initiativen sind meistens ein Strohfeuer: Erst flackert's, dann stinkt's.
So, wie sich Gruppen intern auseinandersetzen und einigen müssen, so müssen Sie auch ihre Bündnisfähigkeit nach außen entwickeln. Schon innerhalb der Kirche, die sich doch auf ein Evangelium beruft, gibt es Bündnisprobleme und Abgrenzungsbeschlüsse aller Art. Ideale Lernfelder für Kooperations- und Bündnisfähigkeit sind Friedenswochen. Sie konstituieren sich meist als lokale Initiativen mit den Ziel, daß verschiedene gesellschaftliche oder politische Gruppen unter einen Motto, wie z.B. "Frieden schaffen ohne Waffen", zusammenarbeiten und Veranstaltungen zur Friedens-Thematik anbieten. Das Symbol der Tübinger Friedenswoche 1960, der Bann, kann auch als Sinnbild ihrer Struktur verstanden werden: Aus vielen verschiedenen Wurzeln bildet sich ein Stamm, die Friedenswochen-Initiative. Dazu gehörten in unserem Beispiel folgende Organisationen:
Aktionszentrum Arme Welt, amnesty international, Bürgerinitiative zur Verteidigung der Grundrechte, Bund demokratischer Wissenschaftler, Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte Kriegsdienstgegner, DKP, Evang. Gesamtkirchengemeinde, Evang. Jugendpfarramt. Evang. Studentenpfarramt, Frauen gegen Militär, Die Grünen, GEW, JUSO. Kath. Hochschulgemeinde, Kreisjugendring, Pax Christi, Kriegsdienstverweigerer-Beratung, Selbstorganisation der Zivildienstleistenden, Terre des Hommes, Verein für Friedenspädagogik, VVN.
Der Stamm entfaltet sich In ein breites Geäst, zu einer vielfältigen Krone: Das sind die differenzierten Formen und Inhalte der Veranstaltungen während der Friedenswoche.
Den grundsätzlichen Überlegungen seien zwei Beispiele von Friedenserziehung in der kirchlichen Praxis angefügt. Es handelt sich um Konzeptionen, wie sie für die Jugendarbeit des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) in der BRD und für Friedensarbeit in Kirchengemeinden in der DDR entwickelt worden sind. Die oben dargestellten Beobachtungen und Überlegungen könnten als Kriterien bei der praktischen Realisierung dieser Konzeptionen angewandt werden.
1. Der "Gemeindetag Frieden" Innerhalb des Rahmenkonzepts "Erziehung zum Frieden" der Ev. Kirchen In der DDR
Als die DDR-interne Diskussion über Wehrerziehung In der BRD bekannt wurde, erfuhr man auch, daß die evangelischen Kirchen an Konzeptionen zur Friedenserziehung im eigenen Bereich arbeiten. Dabei war zu beobachten, daß das Thema "Friede" von Kirche und Staat als gemeinsames Thema verstanden wurde, wenn man auch durchaus kontroverse Ansichten entwickelte. Diese Kontroverse hat die Position der Kirchen in der DDR gestärkt.
In diesem Zusammenhang wurde eine friedenspädagogische Arbeitshilfe für einen Gemeindetag unter dem Thema "Was macht uns sicher?" erstellt. Für die verschiedenen Altersgruppen In den Gemeinden werden zahlreiche Aktionsformen vorgeschlagen, z.B. Diskussionen, Lieder, Bilderrätsel, Collagen, Lesungen, Rollenspiele, Textanalysen, Feste, Spiele und Gottesdienste. Mit der Themenstellung wird das menschliche Sicherheitsbedürfnis aufgegriffen und somit von einer grundsätzlichen Position aus die Frage der Sicherheitspolitik mit militärischen Mitteln kritisch angegangen. Im folgenden sei die Zielsetzung des Gemeindetages zitiert:
ZIELSTELLUNG DES GEMEINDETAGS "WAS MACHT UNS SICHER?"(1)
1. Der Gemeindetag hat den Gedanken von Frieden und Sicherheit zum Thema und entfaltet ihn im Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er geht aus von der Frage "Was macht uns sicher?"
2. Der Gemeindetag soll ein Versuch sein, durch Beteiligung der Gesamtgemeinde das Gespräch zwischen den Generationen und ihren Erfahrungen mit dem Thema Frieden/Sicherheit anzuregen.
3. Es ist beabsichtigt, die Teilnehmer auf vorwiegend erlebnisorientierter Weise an das Thema Sicherheit - als eine zentrale Dimension heutiger Friedensproblematik - heranzuführen. Dabei soll die Erfahrung vermittelt werden, daß Sicherheit vor allem eine Folge von Vertrauen, Offenheit und Zusammenarbeit ist.
4. In je altersspezifischer Weise sollen die Teilnehmer versuchen, Erfahrungen von Sicherheit in den persönlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen auf den Bereich politischer Friedenssicherung im gesellschaftlichen und weltweiten Rahmen zu beziehen. Sie sollen anfangen zu fragen, was Völker und Staaten heute wirklich sicher macht.
5. Die Teilnehmer des Gemeindetages sollen Frieden und Sicherheit als untereinander erfahrbare Wirklichkeit erleben und aktiv mitgestalten. Auf diese Weise soll zum Ausdruck kommen, daß jeder etwas für den Frieden tun kann.
6. Der Gemeindetag möchte in anfänglicher und bescheidener Weise die Gegenwart des Friedens Gottes unter den konkreten Bedingungen der Geschichte sichtbar machen. Er soll damit ein Zeichen der Hoffnung und eine Ermutigung sein, daß "kleine Schritte" in Richtung Frieden nicht vergeblich sind.
7. Der Gemeindetag will einen Anstoß zur Auseinandersetzung mit den angeschnittenen Fragen geben, die nach Möglichkeit in der Gemeindearbeit der darauffolgenden Wochen und Monate aufgegriffen und weiterbedacht werden.
Aus den Erfahrungen dieser Gemeindearbeit konnten einige Faktoren herausgestellt werden, die die Bemühungen um Friedenserziehung in den Gemeinden beeinflussen:
Friedenserziehung als eine Aufgabe der christlichen Gemeinde trifft heute auf breite Zustimmung, vielfach aber auch auf Skepsis und Ablehnung. Die Gründe für diese unterschiedlichen Einstellungen sind vielfältig; sie können in persönlichen Erlebnissen, in kirchlichen und religiösen Traditionen oder in gesellschaftlich-politischen Erfahrungen liegen. Als prägende Faktoren sind sie in der Gemeindearbeit sehr ernst zu nehmen.
A. Positive Anknüpfungspunkte
a. Erfahrung der Schrecken des Krieges. Für viele, vor allem ältere Menschen ist die persönliche Erfahrung des Zweiten Weltkrieges eine nachhaltige Aufforderung zum Umdenken und zu aktivem friedensstiftendem Tun. Im Erzählen der eigenen Geschichte werden solche Erfahrungen auch den Jüngeren vermittelt und prägen deren Einstellungen zu Frieden und Krieg mit.
b. Sensibilisierung für die globalen Menschheitsprobleme.
Die Konfrontation mit den harten Fakten z.B. der Rüstung oder mit der immer noch wachsenden Verelendung in Ländern der Dritten Welt schafft ein kritisches Bewußtsein für die Probleme von Frieden und Gerechtigkeit, das im Bereich gemeindegemäßer Friedenserziehung eine adäquate Umsetzung finden kann (Gemeindeseminare, Gesprächskreise, Friedenswochen).
c. Handlungsmöglichkeiten im Nahbereich. Die oftmals beklagte Unanschaulichkeit der politischen Vorgänge auf Weltebene führt zur Suche nach sinnvollen Aufgaben im Umkreis der persönlichen Friedensverantwortung. Oft stoßen Eltern bei der Erziehung Ihrer Kinder erstmals auf praktische Möglichkeiten der Friedenserziehung.
d. Ablehnung von Militarisierungstendenzen. Erfahrungen mit dem Eindringen militärischer Sprache und Verhaltens formen in eigentlich zivile gesellschaftliche Bereiche (z.B. Wehrerziehung, Wehrunterricht) werden für viele betroffene Menschen zum Auslöser für die Frage nach den Mitteln der Friedenssicherung im atomaren Zeitalter. Sie suchen in einer bewußten Friedenserziehung Antwort auf ihre oft belastenden Erfahrungen und fragen nach Möglichkeiten alternativer Friedenssicherung.
e. Beispiel der historischen Friedenskirchen. Die Entdeckung des Erbes der historischen Friedenskirchen hat viele Christen sensibel für das Versagen der eigenen Kirchen vor der Friedensfrage gemacht und in eine Haltung der Buße geführt. Die Fragen nach den Aufgaben des kirchlichen Friedensdienstes heute wird neu gestellt.
f. Vorbild- und Beispielwirkung. Vor allem für junge Menschen kann die Vorbild-Wirkung eines Menschen zum auslösenden Impuls für ein späteres aktives Friedensengagement werden (z.B. Gandhi und Martin Luther King als Vorbilder gewaltlosen Handelns)
B. Vorbehalte und Barrieren(2)
a. Verbale Barrieren. Die Worte "Frieden" und "Erziehung" wie auch ihre Verbindung lösen z.T. negative Empfindungen aus (Mißbrauch, Inflation des Wortes Frieden, "Friede, Friede und ist doch kein Friede", Gefahr des Resolutionismus. Z.T. auch beim Stichwort "Erziehung" negative Assoziation: Erzogen werden/ Passivität/ Lernüberdruß).
b. Fehlendes Bewußtsein der Komplexität der Friedensfrage. Im Bewußtsein vieler ist die Friedensfrage fixiert auf eine bestimmte Ebene: (Militärisch-industrieller Komplex, Außenpolitik), die der eigenen Entscheidungs- und Einflußmöglichkeit entzogen ist und darum Ohnmachtsgefühle auslöst.
c. Mangelnde Information, fehlende Durchschaubarkeit. Das Bewußtsein, nicht genügend und wahrhaftig informiert zu werden (z.B. über die Rüstungssituation oder Rüstungsausgaben) deshalb auch militärische und politische Konstellationen nicht durchschauen zu können, wirkt entscheidungs- und aktivitätshemmend.
d. Problem einer nur von "oben" ausgehenden Initiative bei kirchlichem Friedensengagement. Das Reden der Kirche in Sachen Frieden geht in der Regel von den Leitungsgremien aus. Das fehlende Zusammenspiel mit Initiativen von "unten" (Gemeinden) fördert eine Konsumentenhaltung und verhindert Kreativität und Aktivität auf breiterer Ebene.
e. Fehlende Aktionsmöglichkeiten. Das Übergewicht der Worte und das Fehlen von konkreten Angeboten für Aktionen und darüberhinaus das häufig kritische Reagieren der Kirchenleitungen auf konkrete spontane Aktionen hindern Lernbereitschaft und Aktivität.
f. Ungeklärte Einstellungen. Trotz erheblicher Arbeit (Studien etc.) sind auf breiter Basis grundlegende Fragen der Friedensethik keineswegs geklärt (z.B. Frage des gerechten Krieges, Widerstandsrecht, Einstellung zur Gewaltfrage, überhaupt die Beurteilung des Phänomens Krieg).
g. Personale Faktoren.
- Fehlende Risikobereitschaft, Dominanz angepaßter Verhaltensweisen.
- Fehlende Leidensbereitschaft, Ausklammerung der Dimension des Leidens aus dem Menschenbild.
Die hier zitierten Texte zeigen dem westdeutschen Leser, daß friedenspädagogische Arbeit auch bei unterschiedlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen immer wieder auf dieselben Fragen und Probleme stößt.
2. Friedenserziehung im Verband Christlicher Pfadfinder und Pfadfinderinnen (VCP)
Die friedenspädagogische Konzeption des VCP hebt sich Insofern von der anderer Jugendverbände ab, als sie konsequent versucht, an der traditionellen Arbeit des Verbandes anzuknüpfen. Damit können Fehler vemieden werden, die durch das Aufoktroyieren aktueller friedenspolitischer Themen auf die Jugendarbeit regelmäßig entstehen. Die in den vergangenen zwei Jahren gemachten Erfahrungen zeigen, daß viele VCP-Gruppen sich durch die von der Bundesleitung vorgegebenen Themenstellung "Internationale Begegnung - Völkerverständigung" nicht davon abhalten ließen, sich in die aktuelle sicherheitspolitische Diskussion einzumischen. Eine der Jugendarbeit unangemessene Politisierung des Gesamtverbandes fand jedoch nicht statt.
(3)Zunächst hatte der Begriff "Friedenserziehung" einfach deshalb eine gewisse Attraktivität, weil im Verband zwei Jahre lang über das Selbstverständnis diskutiert worden war und man nach einer Orientierung für den pluralistischen Verband suchte.
Allein das Wort entfaltet eine nicht zu unterschätzende Integrationskraft, weil sich konservative und progressive Strömungen damit identifizieren können und es obendrein durch verschiedene kirchlich programmatische Aussagen abgedeckt ist. Gerade die Rückbesinnung auf ethische Normen erklärt ein guter Teil der weithin anzutreffenden Bereitschaft, sich für Friedenserziehung einzusetzen.
Wer aber meint, daß durch einen solchen Grundsatzbeschluß allein schon Frieden einkehrt, sei es im Verband oder außerhalb, sieht sich schnell und gründlich getäuscht. Da Friedenserziehung Teil der politischen Arbeit für den Frieden ist, und inner einer aktuellen Analyse der politischen Situation bedarf, entfaltet sie auch eine Sprengkraft gegenüber manchem gerne gehegten politischen Tabu. Man stelle sich nur die Diskussion darüber vor. wer oder was denn heute den Frieden bedroht ( ...)
Immerhin hat diese Integrations- und Sprengkraft die Wirkung, daß man sich innerhalb eines Verbandes auf gemeinsamer Grundlage mit einer Sachfrage auseinandersetzt.
Solche politischen, verbandspolitischen oder pädagogischen Vorstöße zur Friedenserziehung sind jedoch zum Scheitern verurteilt oder versacken in Gremiensitzungen und Arbeitspapieren, wenn sie an den Bedürfnissen der Jugendlichen, für die und mit denen der Verband arbeitet, vorbeigehen. Friedenserziehung kann man nicht aufsetzen oder von oben in eine Organisation einspeisen. Die thematische und methodische Ausführung des Friedenserziehungsprogramms muß auf Wünsche und Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen und innerhalb der Handlungsfelder realisierbar sein, die die Jugendlichen haben. Wie leicht dabei die Regeln der Behutsamkeit und Umsicht verletzt werden können, zeigt der Fall eines "politischen Nachtgebets" auf einer Pfadfinder-Freizeit, wo die Jugendlichen von den gut gemeinten und attraktiv aufgemachten Friedensbotschaften ihrer engagierten Betreuer buchstäblich erschlagen wurden und sich in der Folge der Sache gegenüber weitgehend passiv verhielten.
Im VCP standen 3 Schwerpunkte der Friedenserziehung zur Diskussion:
a) demokratische Erziehung in der Jugendgruppe,
b) Gewissensbildung bei Wehrdienst/Zivildienst,
c) Internationale Begegnung/Völkerverständigung.
Die Bundesleitung hat sich für den letzteren Schwerpunkt entschieden und bietet Seminare und Arbeitshilfen zum Thema an.
Bei allem Engagement in der Sache stellt sich heraus, daß Sachwissen aus der Friedensforschung und Erfahrungen aus der Friedenspädagogik der Entwicklung der Konzeption für den VCP nützlich waren. Trotz mancher politischer und finanzieller Schwierigkeiten haben sich Friedensforschung und Friedenspädagogik in der Bundesrepublik so weit entwickelt, daß sie hilfreiche Gesprächspartner und Informanten für die Jugendarbeit sind.
STRUKTUR UND ARBEITSWEISE DES VCP
Der VCP Ist ein evangelischer Jugendverband, in den auch Erwachsene Mitglieder sind. Die Arbeit geschieht weitgehend föderalistisch, die einzelnen Gruppen sind frei in ihrer Entscheidung, welche Themen und Aktivitäten sie durchführen. Die Bundesebene ist nicht weisungsbefugt für die Arbeit in den Ländern; sie macht Angebote und gibt Anregungen für die Arbeit in den Gruppen. Die Kurs- und Schulungsarbeit geschieht primär in den Landesverbänden. Auf Bundesebene finden für den Gesamtverband einige Multiplikatoren- Seminare statt. Impulse und Hilfen für die praktische Arbeit werden vorwiegend schriftlich in Arbeitshilfen und Zeltschriftenartikeln gegeben.
Die Arbeit wird durch ehrenamtliches Engagement getragen. In allen Gruppen wird nach pfadfinderischen Methoden gearbeitet: kleine Gruppe, Fahrt und Lager, learning by doing.
ENTSCHEIDUNG UND ERSTE ÜBERLEGUNGEN
Im Mai 1979 beschloß die Bundesversammlung des VCP, "Pfadfinder für den Frieden" zum Leitgedanken ihrer Arbeit in den nächsten Jahren zu machen. Bewußt wurde kein Jahres Schwerpunkt "Friedenserziehung" beschlossen, da man darin übereinstimmte, daß der vielschichtige Bereich "Frieden" als Thema in einem Jahr nicht abgehandelt werden kann. Die Entscheidung, Frieden als Leitgedanken für die Arbeit zu setzen, ermöglicht es den Gruppen des VCP zudem, nach eigenem Interesse unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen.
Dem Beschluß war in der gleichen Sitzung ein Einführungsreferat zum Thema Friedenserziehung vorausgegangen. Die Entscheidung, den Leitgedanken "Frieden" statt eines Jahresschwerpunkts "Friedenserziehung"zu wählen, war Sicherlich mit beeinflußt durch das Referat, in dem die vielfältigen Formen von Friedensarbeit und der hohe Stellenwert von Haltung und Wissen bei der Friedensarbeit deutlich gemacht wurde.
Die Entscheidung, "Pfadfinder für den Frieden" zu sein, bedeutet keine Neuorientierung der VPC-Arbeit, sondern Betonung eines schon seit Beginn der Pfadfinderbewegung und auch In der Bundesordnung des VCP verankerten Bestrebens, in der Jugendarbeit einen Beitrag zum Frieden zu leisten.
LEITPRINZIPIEN
Für die Arbeit wurden folgende 4 Leitprinzipien gesetzt:
1. Unsere Arbeit orientiert sich an der KSZE-Schlußakte.
2. Unsere Arbeit geschieht im Zeichen christlicher Friedenstradition.
3. Unsere Arbeit geschieht bewußt in der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und Tradition.
4. Unsere Arbeit ist Teil der weltweiten Pfadfinderbewegung.
Diese 4 Leitprinzipien eröffnen eine Möglichkeit, die Arbeit, die sowieso in den Gruppen gemacht wird, zu qualifizieren: Es werden Aspekte einbezogen, die normalerweise nicht im Blick sind; Aktivitäten erhalten ein vertieftes Selbstverständnis und können in größere Zusammenhange eingeordnet werden.
Reisen ins Ausland sind Aktivitäten, die für Pfadfinder traditionsgemäß einen großen Stellenwert haben.
Mit Hilfe der 4 Leitprinzipien können z.B. folgende Überlegungen dazu angestellt werden:
Zu 1: Kennen wir das gesamte Europa einschließlich der sozialistischen Staaten? Kann unsere Reise als "vertrauensbildende Maßnahme" verstanden werden?
Zu 2: Was wissen wir über Formen des Glaubens in anderen Ländern? Sind wir bereit, fremden Menschen wie Brüdern zu begegnen?
Zu 3: Was wissen wir über die deutsche Geschichte und den Nationalsozialismus? Auf welche Traditionen sind wir stolz? Was möchten wir im Ausland über unser Land berichten? Wie antworten wir, wenn wir nach neonazistischen Gruppen in der Bundesrepublik gefragt werden?
Zu 4: Welche Bedeutung hat die Mitgliedschaft In den Weltorganisationen der Pfadfinder/innen für unsere Arbeit? Wie nimmt die nichtstaatliche internationale Organisation der Pfadfinder Einfluß auf das friedliche Zusammenleben von Völkern?
ARBEITSHILFEN
Die Bundesleitung hat zum Themenbereich "Internationale Begegnung/Völkerverständigung" 4 Arbeitshilfen herausgegeben.
Die Themen sind:
- Ausländer in unserem Land
- Internationales Pfadfindertum - eine Friedensbewegung
- Internationale Begegnung - mehr als Tourismus
- Kultur und Friede
Diese thematischen Arbeitshilfen sind keine Ausführungen zu den 4 Leitprinzipien, die ja nicht zum Thema der Gruppenarbeit gemacht werden sollen, sondern immer wieder in neuen Zusammenhängen auftauchende Orientierung für die Arbeit sind. Die Themen der Arbeitshilfen wurden unter dem Gesichtspunkt gewählt, an vorhandene Arbeit anzuknüpfen und sie zu qualifizieren. Außerdem sollten die Themen im gesamten Verband konsensfähig sein und eine Unsetzung In verschiedene Altersstufen gestatten. Dies wäre z.B. bei einen Thema wie Zivildienst/Bundeswehr nicht möglich gewesen.
Da Friedenserziehung im VCP nicht vorrangig als Einführung von Aktionstagen o.a. verstanden wird, können die Arbeitshilfen auch nicht als Hefte "durchgenommen" werden. Sie bieten also kein komplettes Programm für die Gruppenarbeit, sondern Mosaiksteine, die vom Leser in seinen Praxiszusammenhang eingearbeitet werden müssen.
Die Arbeitshilfen haben eine doppelte Zielgruppe: zum einen den Mitarbeiter, der einen Einstieg und Informationen zu verschiedenen Themen braucht. So ist er nicht darauf angewiesen, sich lediglich z.Zt. gängigen Themen anzuschließen, sondern kann für seine Gruppe und nach eigenem Interesse Themen auswählen. Zum anderen enthalten die Hefte Materialien und Texte, die direkt in der Gruppenarbeit eingesetzt werden können.
1) Gemeindetag Frieden. Berlin (DDR). 1979. Auch in epd-Dokumentation 2/80. Frankfurt/H 1980.
2) Quelle: masch Text 1980.
3) Der folgende Text ist entnommen der Dokumentation "Studientagung Erziehung zum Frieden", Verein für Friedenspädagogik Tübingen, 1980.
Burkhard Steinmetz: Friedenserziehung in der kirchlichen Praxis. In: Zeitschrift für Entwicklungspädagogik (ZEP). Unterentwicklung und Überentwicklung als Herausforderung für die Erziehung. Heft 3/4, 5. Jahrgang. Darmstadt 1981, S. 5-18.