Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1970 - 1980 / Winfried Bergermann: Jugendschutz als Friedenserziehung (1979)
"Ich lerne, daß Geschichte nicht bloß eine Aufeinanderfolge von Übeln ist, die einer wie ich nur ohnmächtig schmähen kann- sondern auch, seit jeher, eine von jedermann (auch von mir) fortsetzbare friedensstiftende Form" (Peter Handke)
"Friede" - ein Werbegag?
So banal der Inhalt dieses Handke-Satzes manchem Leser auch erscheinen mag, (alte Schulweisheit) die Situation, in der wir leben, gibt solchen „Weisheiten" genügend Existenzberechtigung, um sie immer zu wiederholen. Über den „gestifteten Frieden" läßt sich streiten:
In den über 30 Jahren seit Ende des 2. Weltkrieges wurden über 100 Konflikte, die Kriegen oder kriegsähnlichen Auseinandersetzungen gleichkommen, durch Anwendung von Waffengewalt „geregelt". Insgesamt starben seit 1945 etwa 10 Mill. Menschen durch Waffengewalt, fast ausschließlich in Länder der Dritten Welt.
Das Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut (SIPRI) weist auf eine Weltkriegsgefahr durch forcierte Rüstung hin:
Etwa 750 Milliarden DM Weltrüstungsausgaben wurden bereits 1976 geschätzt. In den letzten 20 Jahren hat der Rüstungswettlauf über 2,6 Billionen Dollar verschlungen und nach einer Berechnung von SIPRI dazu geführt, daß im Jahre 1976 Nuklearwaffen mit einer Explosionskraft von insgesamt 50.000 Megatonnen in den Arsenalen der Atommächte lagerten - 15 Tonnen TNT für jeden Bewohner dieses Planeten.
Pro Stunde werden auf der Welt mehr als 86 Mill. DM für Militär und Rüstung ausgegeben; das ist mehr als das 20-fache der gesamten staatlichen Entwicklungshilfe. Und SALT II stellt viel mehr eine Bedingung für weitere Rüstungsbemühungen dar, als daß sie diese zu begrenzen fähig wäre. Das mag vorerst genügen, um die Parole vom 30-jährigen „Frieden” zu beleuchten, freilich von einer etwas anderen Warte aus.
Jedenfalls muß es befremden, daß es angesichts so vieler „Friedensstifter” und des so oft gebrauchten Wortes „Frieden” noch soviel an Kriegen und Sprengkraft gibt.
“Friede” - ein Ausverkaufsartikel und was hat der Jugendschutz damit zu tun?
Die Satzung der „Aktion Jugendschutz Bayern e.V.” sieht vor, „dem Jugendschutz in Bayern eine zeitgemäße Prägung zu geben” und“neuen Anforderungen entsprechende Wege und Bereiche zu erschließen”. Daß eine „Erziehung zum Frieden”, was auch immer darunter verstanden wird, sicher zeitgemäß wäre, wenn auch keine so neue Anforderung, läßt sich wohl kaum bestreiten.
So nimmt es wohl etwas wunder, wenn erst allmählich der Jugendschutz wesentliche Ziele und Aufgaben außerhalb des klassischen „Schutzbereichs” wahrnimmt und zu erschließen beginnt. Der Bereich „Friedenspädagogik” gehört dazu.
Friedenserziehung als notwendiges Übel?
Sicher liegt ein Grund, der es erschwert, sich mit dieser Materie zu befassen und sie umzusetzen in der Heterogenität der Ansätze, ihrer Praxisferne, wie Kritiker behaupten und nicht zuletzt ihrer Folgenlosigkeit und der Zersplitterung der Disziplin. Während die Friedensforschung den skandinavischen Ländern und den USA weitreichende Impulse verdankt, gehen die friedenspädagogischen Diskussionen vor allem auf bundesrepublikanische Beiträge zurück. Die lange Dauer des Kalten Krieges, die Installierung des „Abschreckungsfriedens” durch Drohpolitik und der damit verbundene Rüstungswettlauf gaben damals den Anstoß zu neuen theoretischen und didaktischen Überlegungen, mit denen man eine Friedenstheorie und Friedenspraxis verfolgte. So entwickelte sich friedenspolitische Bildung als Sonderzweig politischer Bildung und Pädagogik unter den Bedingungen des Atomzeitalters.
Mit der friedenspädagogischen Dimension erhielt die Friedensforschung eine neue Effizienz, da sie als „angewandte” Disziplin auch Beiträge zur allgemeinen politischen Bewußtseinserhellung leisten wollte.
Die Friedenspädagogik geriet dagegen mehr in Abhängigkeit zur Friedensforschung, deren Erkenntnisse und Ergebnisse sie in politische Bewußtseinsbildung umsetzen sollte. Während anfangs die Friedenspädagogen mehr auf eine generelle Gesinnungsreform abzielten, getreu dem Motto:
„Da Kriege in den Köpfen der Menschen beginnen, muß in den Köpfen der Menschen Vorsorge für den Frieden getroffen werden” (aus den Gründungspapieren der Unesco), begriff man, daß theoretische, didaktische und erzieherische Elemente mehr miteinander verschränkt werden müssen. So initiiert Friedenspädagogik Lernprozesse auf der Ebene der zwischenstaatlichen Systemstrukturen, der sozioökonomischen und der personalen Strukturen.
„Friede” - kein eindeutiges Wort
Was nun aber der Gegenstand der Disziplin Friedenspädagogik konkret sei, darüber sind sich die Friedenspädagogen selbst keineswegs einig. Vielmehr gibt es auch in diesem Bereich der Wissenschaft unterschiedliche Vorverständnisse (“Vor-Urteile”) und Positionen, die Zweck und Ziel der Friedenspädagogik beeinflussen, wenn nicht gar bestimmen.
Jedenfalls zeigt sich bereits am Begriff, daß „Frieden” nichts Homogenes, Überzeitliches und Absolutes darstellt. Er muß eruiert, diskutiert, erkämpft und immer wieder gelebt werden. Allein die Vorstellungen von „Frieden” in verschiedenen Kreisen der Bevölkerung signalisieren recht unterschiedliche, teilweise konträre Auffassungen.
Bei verschiedenen Bevölkerungsbefragungen anläßlich von Werkwochen für Zivildienstleistende konnte ich immer wieder feststellen, daß allgemein die Ansicht vorherrschte, die Bundeswehr sichere doch den Frieden oder verteidige ihn, Kriegsdienstverweigerer demnach nichts zu dieser „Friedenssicherung” beiträgen, eventuell noch im Rahmen ihrer sozialen Hilfstätigkeit als ZDL friedliche, weil nützliche Arbeit leisten.
Dieses Vorverständnis vom Frieden als einem Besitzstand, den es nur noch zu verteidigen gilt, entspricht genau dem politischen Friedensverständnis als „Nicht-Krieg” bzw. „Angstfriede”, wie es in der Verteidigungs- Rüstungs- und Außenpolitik praktiziert wird. Dabei dürfte nach dem eingangs Erwähnten, aber auch bei einer nur halbwegs aufmerksamen Medienlektüre und Umfeldbeobachtung klar sein, daß wir weder im innergesellschaftlichen Bereich fast aller Staaten, noch im internationalen Bereich einen Zustand haben, dem wir ehrlicherweise den Namen „Frieden” geben könnten.
„Friede” als Abwesenheit direkter physischer Gewalt bzw. Krieg, von der Friedensforschung als „negativer Frieden” bezeichnet, ist wohl die gängigste und verbreitetste Interpretation, weil wohl die derzeit einzig denkbare Art einigermaßen zu überleben.
Dem entspricht auch der Zweig der Friedensforschung, der sich hauptsächlich mit der Verhinderung von Kriegen und bewaffneten Konflikten befaßt.
Aber auch im makroanalytischen Bereich mußte die Friedensforschung zunehmend erkennen, daß das Phänomen „Krieg” auch auf Bedingungsfaktoren zurückgeht, die nicht nur auf zwischenstaatlichen und kollektiver Ebene liegen, sondern genauso im innerstaatlichen Bereich und auf individueller Ebene angesiedelt sind. So entstehen Kriege nicht nur aufgrund aktueller oder vermeintlicher Bedrohungen, sondern auch durch eine Reihe innerstaatlicher Faktoren, wie militärisch-industrielle Interessen, technologische Bedingungen und psychologische Faktoren wie z.B. Feindbilder.
Friedenserziehung - Erziehung zur Gerechtigkeit
Doch der Friedenspädagogik geht es nicht nur um die Analyse und Verhinderung von Kriegen als internationale Angelegenheit, sondern gerade auch um die Untersuchung von Konflikten im innerstaatlichen und zwischenmenschlichen Bereich sowie deren gewaltfreier Lösung. Krieg ist ja nicht die einzige Form von Gewalt, wenngleich die stärkste und heutzutage vernichtendste. Das Ziel jeglicher Friedenspädagogik ist natürlich die Vermeidung von Kriegen, in ihrem Blickfeld aber liegen zunächst alltägliche Lebensbereiche und deren friedlose Gewaltsstrukturen. „Friede” ist im Verständnis heutiger Friedenspädagogik nicht schon das Fehlen direkter Gewalt.
“Friede” kann erst da beginnen, wo „strukturelle Gewalt” abgebaut wird. Unter „struktureller Gewalt” versteht man nach J. Galtung die Gewalt, die die Selbstverwirklichung des Menschen in einem Maße beeinträchtigt, das in krassem Gegensatz zu seinen Entfaltungsmöglichkeiten steht. Diese strukturelle Gewalt besteht in wirtschaftlichen, sozialen, politischen und ideologischen Verhältnissen, die Menschen daran hindern, Menschen zu sein und ihre Rechte zu verwirklichen.
Das II. Vatikanum hat zu dieser Art Frieden gesagt, er verdient nicht einmal der Anfang des Friedens genannt zu werden; er stellt eine unerträgliche Beleidigung der Armen dieser Welt dar.
Grob dargestellt bedeutet „Friede” die Überwindung ungerechter, „unmenschlicher” Verhältnisse, was niemals ein einmaliger (Gewalt-) Akt, sondern nur ein ständiger Prozeß sein kann. In unserer Gesellschaft sind unterschiedliche Interessen normal und - im Rahmen der bestehenden Grundordnung - akzeptiert. Ebenso gehören Konflikte zum menschlichen Zusammen- und Gesellschaftsleben. Lediglich die Methode und deren „Lösung” ist entscheidend für gerechte oder ungerechte Machtverhältnisse. Wo keine Konflikte auftauchen, muß eher deren Unterdrückung oder Verdrängung vermutet werden. „Nächstenliebe” heißt ja nicht, seine Aggressionen und Konflikte zu verdrängen und mit immer heiterem Gesicht (trotz Wut im Bauch) zur „Freude” seiner Mitmenschen herumzulaufen, sondern sich mit anderen auseinanderzusetzen und Interessengegensätze gewaltfrei (auch ohne Appell an Schuldgefühle!) zu bewältigen. Demnach wird Friede ein immerwährendes Bemühen um gerechte und gewaltfreie Lösungen zur Überwindung des Status quo bei zunehmender sozialer Gerechtigkeit sein müssen. Wunschvorstellungen von paradiesischen Harmoniezuständen helfen da nicht weiter, auch wenn dieser „Friede” oft genug als christliches Ideal verkauft wird.
Erziehung zum Frieden ist besser als der „Schutz” durch Verbote
Die „Aktion Jugendschutz” hat sich bereits verschiedentlich mit Themen der Gewaltanwendung bei Kindern und Jugendlichen befaßt.
Sei es, daß sie auf die zunehmende Brutalisierung im Schulalltag hinwies, oder sich besonders mit den Problemen von Kindesmißhandlungen auseinandersetzte und versucht hat, konkrete Hilfestellung zu geben und darüber Alternativen aufzuzeigen. Auch bei der Beobachtung gewaltverherrlichender und pornographischer Literatur und Medien wird zunehmend nicht nur mehr durch Indizierung und Verbote „geschützt”, sondern diese Phänomene werden in eine pädagogische Arbeit mit Jugendlichen und Erziehern (Multiplikatoren) einbezogen. Mit der beste „Schutz” für Jugendliche angesichts heutiger „organisierter Friedlosigkeit” dürfte wohl die Fähigkeit sein, Ursachen und Verursachungszusammenhänge von Gewalt zu erkennen, sich mit Gewaltphänomenen auseinanderzusetzen, um selbst ein Verhalten praktizieren zu können, das gewaltfreie Konfliktlösungsmöglichkeiten und Engagement für die eigene Friedensüberzeugung einschließt. Das Einüben in Methoden der”Gewaltfreien Aktion” und niederlagenloser Konfliktsbewältigung, sowie eine illusionslose Einschätzung von strukturellen Realitäten und Friedenschancen sind für Jugendliche sicher besseres Rüstzeug zur Lebensbewältigung als idealistische Schulbuchweisheiten über Staat und Demokratie und eine heile Welt versprechende Werbung seitens „Jugendreligionen” und Jugendmedien, aber auch besser als eine alle echte Alternativen verneinende und unsachgemäß polarisierende Parteipolitik.
Friedenserziehung unter heutigen Bedingungen kann sich jedoch nicht auf individuelle Konfliktbereiche beschränken, sondern muß zugleich die Makroebene des Konflikts, die organisierte Friedlosigkeit im nationalen und internationalen Bereich, in die pädagogische Konzeption miteinbeziehen.
Ziele einer Friedenserziehung
Ungeachtet der unterschiedlichen friedenspädagogischen Ansätze, die entweder der individual- o. sozialpsychologischen Kategorie, der Kategorie der politischen Bildung (Aufklärung) oder der der kritischen Friedenserforschung (Herausbildung eines gesellschaftskritischen Bewußtseins) zugerechnet werden können, lassen sich jedoch einige wesentliche Lern- und Bildungsziele festmachen.
Im kognitiven Bereich steht die Einsicht in die Zusammenhänge von strukturellem Unfrieden (auf gesellschaftlicher, nationaler und internationaler Ebene) und Friedensunfähigkeit im individuellen und zwischenmenschlichen Bereich wohl an erster Stelle. Erlebnisse und Erfahrungen der eigenen Sozialisationsgeschichte und aus den verschiedenen Lebensbereichen (Familie, Arbeit, Schule) u.a. sind hierbei entsprechend zu reflektieren und aufzuarbeiten. Ebenso sind Einsicht in die vorhandenen Interessen, Erkennen von Konflikt- und Kriegsursachen und deren Strukturen wichtige Elemente. Auch kritische Reflexion über Strategien zur Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse und Ideologien gehören hierher. Zum mehr affektiven Bereich gehören Erprobung und Einübung von Friedensmöglichkeiten und entsprechender Interaktionsformen, wie Erzeugung einer positiven Einstellung gegenüber Konflikt und Aggression, die Fähigkeit zu protestieren und zu verweigern, Einübung von Kooperationsfähigkeit, Solidarität und Mitbestimmungsfähigkeit, Interessen und Bedürfnissartikulation, sowie ein friedenspolitisches Engagement im gesellschaftlichen und internationalen Bereich.
Jugendschutz ist Friedensarbeit
Jugendschutzarbeit im weiteren Sinn ist demnach auch immer Friedensarbeit, wenn als Ziel gilt, junge Menschen ihre Lebenschance wahrzunehmen helfen und sie zu befähigen, sich in der heutigen Zeit zurecht zufinden. Jugendschutz muß daher immer auch die (friedens-) pädagogische Komponente seines Auftrags erkennen und umzusetzen versuchen.
Das bedeutet, daß in der Arbeit mit Multiplikatoren auf diese Lernziele aufmerksam gemacht und friedenspolitische Bewußtseinsprozesse initiiert werden. Nach außen hieße dies, daß sich die Aktion Jugendschutz aktiv an der Mitgestaltung der Lebensräume Jugendlicher beteiligt und alle jugendpolitischen Vorhaben und Entscheidungen an friedensrelevanten Kriterien mißt.
Angesichts der heutigen friedlosen Zustände kann sich Jugendschutz nicht mehr darauf beschränken, Jugendliche zu „bewahren” und schädliche Einflüsse von ihnen fernzuhalten, sondern muß auch mithelfen, jungen Menschen eine adäquate Auseinandersetzung mit den Problemen Gewalt und Krieg zu ermöglichen und an politischen Entscheidungsprozessen mitwirken.
Wenn Jugendschutz auch heißt, für künftige Generationen humane Lebensräume zu sichern, muß sie auch an der schrittweisen Veränderung und am Abbau friedloser Strukturen teilnehmen und ihren Einfluß geltend machen, wenn es darum geht, Feindbilder abzubauen. Gewalt als solche zu entlarven und Alternativen aufzuzeigen. Ich glaube, daß dies Perspektiven sind, die dem Auftrag des Jugendschutzes in der heutigen Zeit entsprechen und die Notwendigkeit einer Neuorientierung von „Jugendschutz” deutlich machen.
Bergermann, Winfried: Jugendschutz als Friedenserziehung. In: Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Bayern e.V. (Hrsg.): Jugendschutz heute: Informationen + Arbeitshilfen + Meinungen. München Nr. 6 - November 1979, S.1-3