Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1970 - 1980 / Nicklas/Gantzel: Außenpolitische Freund-Feind-Bilder in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1971 (1975)
Die umfangreiche empirische Untersuchung von außenpolitischen Freund-Feind-Bildern in der Bundesrepublik des Zeitraums 1949 - 1971, die 1971 in der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktsforschung (HSFK) mit Unterstützung der DGFK begonnen wurde und nun vor dem Abschluß steht (1), hat - wie wir meinen - eine Reihe wichtiger Erkenntnisse über die Struktur von Freund-Feind-Bildern, deren Entwicklung und deren Funktion in der Außen- und Innenpolitik erbracht. Als Untersuchung außenpolitischer Deutungsmuster auf verschiedenen Ebenen der Meinungsbildung (politische Elite; Vermittlungsmedien wie Zeitungen und Schulbücher; Bevölkerung) in einem längeren Zeitraum konnte sie auf kein Vorbild in der internationalen Forschung zurückgreifen; weil aber Freund-Feind-Bilder nur in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang wissenschaftlich sinnvoll bearbeitet werden können, mußte daher ein eigener, empirisch verwendbarer Modellansatz entwickelt werden. Neben dieser forschungsstrategischen Zielsetzung, die voll zu erreichen allerdings mehr beansprucht als was wir (2) zu leisten imstande waren, sehen wir die Bedeutung der Untersuchung in mehrfacher Hinsicht: sie hat ein umfangreiches Datenmaterial erarbeitet, das für weiterführende oder vertiefende Analysen verwendet werden kann; sie hat eine Reihe von theoretischen Hypothesen aus der Feindbildforschung überprüft und neue Fragestellungen entwickelt; sie ist geeignet, die Lösung methodischer Probleme voranzutreiben; sie stellt einen Beitrag dar zur Aufarbeitung der Geschichte der Bundesrepublik. Darüber hinaus will sie auch praktisch Bedeutsames leisten, nämlich beitragen zu einer rationalen Friedenspolitik, auch zu einer Erhöhung des Informations- und Rationalitätsgehaltes politischer Auseinandersetzungen über die friedenspolitische Strategie, ferner zu einer ideologischen Entrümpelung von Schulgeschichtsbüchern, und schließlich auch zu einer Verbesserung der Umfrageforschung im Hinblick auf außenpolitische Probleme. So hoffen wir (im Wissen um den experimentellen Charakter und die Unvollkommenheit des komplizierten Projektes), daß die Ergebnisse nicht nur dem wissenschaftlichen Diskussionsprozeß vorbehalten bleiben, sondern daß es möglich sein wird, daraus auch praktische Konsequenzen zu ziehen.
Auf dem hier begrenzten Raum ist es unmöglich, die Ergebnisse und Schlußfolgerungen der Untersuchung mit ihren methodischen und theoretischen Voraussetzungen auszubreiten. Wir werden uns daher auf die geraffte Darstellung ihrer Anlage und ihrer Bedeutung für die Friedensforschung und Friedenspraxis beschränken. Zudem werden wir auf der Basis bereits erarbeiteter Ergebnisse einige Problemkreise herausgreifen, die uns für die wissenschaftliche Begründung und Unterstützung einer Entspannungspolitik in Europa als wichtig erscheinen.
Konflikte und Kriege können nicht aus einer (je) einzigen Ursache heraus erklärt werden, sondern erfordern die Analyse dynamisch verflochtener Ursachenbündel (3). Eine wichtige Dimension dabei betrifft die sozialpsychologischen Faktoren wie Vorurteile, nationale Stereotypen, Haßstrukturen usw., die Spannungen erzeugen oder bestehende Konflikte verschärfen. In der Präambel der am 16. November 1945 in London unterzeichneten UNESCO-Verfassung heißt es: „Da Kriege in den Köpfen der Menschen beginnen, ist es notwendig, in den Köpfen der Menschen Vorsorge für den Frieden zu treffen". In diesem Sinne begrüßte auch der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann in der Ansprache vor der DGFK am 1. Dezember 1972 in Bonn besonders die Erforschung von Freund-Feind-Bildern.
Diese Auffassung darf nicht kurzschlüssig dahingehend interpretiert werden, daß Frieden allein auf dem Wege des Abbaus irrationaler Bewußtseinsstrukturen und verzerrter Wahrnehmungen zu erreichen wäre; denn sie sind mit sozioökonomischen Erwartungen und Lebensbedingungen, mit institutionellen Bedingungen politischen Handelns, mit Prozessen der Massenkommunikation, mit geschichtlichen Erfahrungen und dergleichen verbunden, die zusammen ihrerseits strukturell bedingte Interessenlagen schaffen. So gibt es auch die begründete Auffassung, daß die angedeuteten Bewußtseins- und Wahrnehmungsverhältnisse eher Folge als Ursache von politischen Konflikten sind. In einer Untersuchung, die Veränderungen in den realen Konfliktfronten mit Feindbildern und nationalen Stereotypen vergleicht, heißt es: „Die Umgruppierung der politischen Mächte hatte wenig Beziehungen zu nationalen Stereotypen, Vorurteilen, Feindschaften oder individuellen Attitüden beliebiger Art. Die nationalen Stereotypen und Attitüden sind der Umgruppierung eher gefolgt als vorausgegangen " (4).
Wie immer man zu diesem Henne-Ei-Problem stehen mag, fest steht jedenfalls, daß Feindbilder einwirken auf die Auseinandersetzungen zwischen den Akteuren im internationalen System, also auf die Staaten und Staatengruppen bzw. auf deren Regierungen, gesellschaftliche Gruppen und Bevölkerungen. Den Zusammenhang zwischen den konkreten Gegensätzen und den Einstellungen in der Öffentlichen bzw. veröffentlichten Meinung kann man sich am besten in der Form eines Kreisprozesses der gegenseitigen Beeinflussung vorstellen (5). In politischer Hinsicht stehen hier drei Aspekte im Vordergrund:
1. Der Legitimationsaspekt
In einer demokratischen Gesellschaft (bis zu einem gewissen Grad auch in einer autoritär oder totalitär beherrschten Gesellschaft) ist es notwendig, daß die Politik der Regierung von einem breiten Konsens der Bevölkerung getragen wird, nicht zuletzt um der damit verbundenen Risiken und Kosten willen. Das bedeutet mehr, als daß die Regierung und ihr Verwaltungsapparat sich formal auf die aus Wahlen hervorgegangene Mehrheit der sie tragenden Partei oder Parteienkoalition stützen kann. Sie muß für ihre Politik, wenn nicht mit ausdrücklicher Zustimmung, so doch wenigstens mit der stillschweigenden Billigung großer Gruppen der Gesellschaft rechnen können, um politische Ziele verwirklichen und die dafür erforderlichen Mittel mobilisieren zu können. Diese Voraussetzung ermöglicht, begrenzt aber auch den Handlungsspielraum der Regierung. Für die Feindbild-Problematik bedeutet dies: verbreitete Feindbilder in der Bevölkerung können einen konfliktforcierenden Kurs herbeiführen oder - dies scheint für die aktuelle Politik das wichtigere Problem zu sein - eine auf Entspannung gerichtete, langfristig angelegte Politik erschweren und schwierige Legitimationsprobleme schaffen.
2. Der verhaltenssteuernde Aspekt von Einstellungen
Im Alltagsverständnis gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wird eine Situation als real definiert, dann ist sie auch real in ihren Folgen (6). Das Bild von der Wirklichkeit wird von Bewußtseinselementen geprägt, die nicht unmittelbar - qua Information - den politischen Ereignissen, Krisen, Konflikten entstammen; sie werden in erster Linie geprägt von den Interessen, sozialen Erfahrungen und politischen Traditionen, denen das wahrnehmende Subjekt ausgesetzt war oder ist. Daraus bilden sich gewisse Schablonen (Muster), die die Auswahl aktueller Informationen steuern und in Zusammenhänge einbetten. Nach solchen im Kopf vorhandenen Wahrnehmungs- und Interpretationsmustern bestimmen sich die Vorstellungen über die politischen Ziele anderer Gruppen und die Beurteilung ihrer Verhaltensweisen, wie wenig sie auch mit der Realität übereinstimmen mögen. Sie haben in denjenigen Bereichen eine besondere, eventuell fatale Bedeutung, in denen ein unmittelbarer Erfahrungszugang normalerweise nicht gegeben ist, darunter in erster Linie im Bereich der internationalen Beziehungen (7). Der Zusammenhang zwischen Einstellungen, so wie sie mit bisher entwickelten Methoden (z. B. Meinungsumfragen (8), Inhaltsanalyse) erfaßbar sind, und Verhalten ist zwar noch unzureichend erforscht; man kann aber davon ausgehen, daß die Einstellungen das Handeln steuern. Dies nicht nur beim einfachen Staatsbürger, sondern auch bei den Politikern (9).
3. Der Aspekt der „self-fulfilling prophecy"
»Falsche" Einschätzungen der Realität haben kraft Verhaltenssteuerung oft die Wirkung, die Wirklichkeit so zu verändern, daß die Einschätzungen schließlich „richtig" werden - ein Prozeß, der in den Sozialwissenschaften als „sich selbst erfüllende Prophezeihung" bezeichnet wird. Der Grad der Wahrscheinlichkeit, mit dem es zu einem derartigen Prozeß kommt, hängt unter anderem davon ab, wieviele informationelle und institutionelle Kontrollinstanzen als Korrektiv in den Entscheidungsprozeß eingebaut sind; grundsätzlich ist jedoch kein Akteur der internationalen Politik gegen einen derartigen Prozeß voll abgesichert (10), und deshalb kann er zu einer eskalierenden Verschlechterung der Beziehungen zwischen zwei oder mehreren Staaten führen. Besonders groß ist eine solche Gefahr, wenn mit Drohmitteln Politik gemacht wird (wie defensiv die Absichten beider Seiten auch sein mögen), weil daraus nicht nur sich verselbständigende Rüstungsprozesse erwachsen, sondern gleichzeitig die Möglichkeiten der realitätsbezogenen Überprüfung der eigenen Vorstellungen verringert werden (11). Obwohl bisher selten konsequent praktiziert, kann der gleiche Prozeß natürlich auch in umgekehrter Richtung laufen: freundschaftliche Signale von einer Seite vermögen im Interaktionsprozeß zwischen Staaten ebenso die Wirklichkeit zu verändern (12).
Unsere Untersuchung setzte sich konkret zum Ziel, die Freund-Feind-Vorstellungen in der Bundesrepublik zu untersuchen, die für die Entspannungspolitik in Europa von Bedeutung sind. Es ging also vor allem um die Meinungsbilder und Deutungsmuster, in denen sich der Ost-West-Konflikt spiegelt. Die Analyse sollte Einblick verschaffen in die inhaltlichen Bestandteile des Freund-Feind-Schemas und in seine Entwicklung seit der Gründung der Bundesrepublik. Um die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ebenen ansatzweise zu erfassen, wurden verschiedene Materialien herangezogen: die außen- und deutschlandpolitischen Stellen der Regierungserklärungen und Reden der jeweils ersten Sprecher der verschiedenen Bundestagsfraktionen in den Debatten zu den Regierungserklärungen, und zwar als repräsentative Äußerungen der politischen Elite; wichtige Schulgeschichtsbücher (mit ihren diversen Auflagen) als ein längerfristig wirkendes Vermittlungsinstrument (13) der Meinungsbildung; schließlich die zugänglichen Ergebnisse von Meinungsumfragen verschiedener Sozialforschungsinstitute. Dabei wurden die Parlamentsreden und die Schulbücher mit demselben inhaltsanalytischen Verfahren quantitativ aufgeschlüsselt (14); von den Umfragen werden diejenigen herangezogen, deren Fragen den inhaltsanalytischen Codes vergleichbar sind und die sich über längere Zeiträume erstreckten.
Mit der Großen Koalition und dann mit dem Regierungswechsel 1969 ist die Deutschland- und Ostpolitik der Bundesregierung sichtbar in eine neue Phase getreten. Der Beginn dieser Neuorientierung liegt zwar weiter zurück als der Regierungswechsel, sie wurde jedoch vorher nicht konsequent und energisch in politische Aktionen umgesetzt. O. H. von der Gablentz unterschied folgende Phasen: die Spaltung 1945-49; den Kalten Krieg 1949-55; den westdeutschen Immobilismus 1955-66; die neue Ostpolitik seit 1966 (15). Mit gutem Grund kann man jedoch behaupten, daß die Ost- und Deutschlandpolitik bis 1966 im wesentlichen einem gleichbleibenden Grundmuster folgte, allenfalls geringfügige Anpassungen versucht oder unvermeidliche Modifikationen unternommen wurden, und erst nach 1966 eine Wendung eingetreten ist.
Diesbezügliche Fragen unserer Untersuchung waren unter anderem: Spiegelt sich diese Wendung in den Einstellungen, die in den verschiedenen Medien deutlich wer den? Wie groß war und ist die Handlungsfreiheit der bundesrepublikanischen politischen Führung im Hinblick auf den Konsens der Bevölkerung?
Ausgangshypothese war, daß der Spielraum einer deutschen Entspannungspolitik in bezug auf die Bereitschaft der Bevölkerung, sie zu tragen, viel größer sei als allgemein angenommen. Unsere Auffassung deckte sich in etwa mit derjenigen, die 1969 Waldemar Besson formulierte: „Künstliches Produkt eines neu entstehenden internationalen Systems, wie kaum ein anderer Staat sah sie (die Bundesrepublik) ihren Weg in der Konjunktur des Kalten Krieges an feste, tiefe Geleise gebunden . . . Reine Funktion des Ost-West-Gegensatzes zu sein, war das Gesetz ihres Anfangs . . . Freunde und Feinde waren damit auch für die Bundesrepublik festgelegt . . . Dabei scheint die öffentliche Meinung unseres Landes in vielen Punkten schon viel weiter zu sein, als unsere Politiker dies vermuten. Das gäbe schöpferischen Experimenten (im Hinblick auf Entspannung, d. Verf.) wahrhaft Spielraum" (16).
Wir formulierten damals, zu Beginn der Untersuchung (1971), daß mit einem sehr weitgehenden Konsens der Bevölkerung zur neuen Ostpolitik zu rechnen sei: „Einer flexibleren, weniger harten oder sogar in ihrer Grundlage veränderten Deutschland- und Ostpolitik hätte die Bevölkerung schon viel früher, vielleicht von Anfang an zugestimmt. Die Bundesregierung hätte ceteris paribus also einen weiteren Handlungsspielraum für Entspannungspolitik gehabt, als angenommen oder vorgespiegelt wurde." (17)
In diese Einschätzung mag damals etwas von der Euphorie eingegangen sein, die die erste Phase der neuen Ostpolitik begleitete. Wie ist diese Einschätzung heute angesichts der Ergebnisse unserer nun nahezu abgeschlossenen Untersuchung und des inzwischen veränderten, von Euphorie weit entfernten Meinungsklimas in der Bundesrepublik zu beurteilen?
Wir waren davon ausgegangen, daß es sich bei Meinungen und Einstellung zu außenpolitischen Fragen in hohem Maße um ein Reflexphänomen handelt. Das Feld der Außenpolitik ist weitgehend der unmittelbaren Erfahrung der Bevölkerung entzogen, Sie ist deshalb bei ihrer Meinungsbildung vollkommen abhängig von Informationen, die Ihr durch die Politiker, die Zeitungen, Radio, Fernsehen, die Schule usw. vermittelt werden. Zu einer Prüfung der Zuverlässigkeit und Vollständigkeit dieser durch vielfältige Auswahlprozesse gefilterten Daten ist der Normalbürger nicht imstande. Viel entscheidender aber ist, daß mit den Informationen zugleich Interpretationsmuster geliefert werden, die ebensowenig kontrolliert werden können. Solche Deutungsmuster aber sind erforderlich, um die Informationen überhaupt im Hinblick auf ihre Bedeutung und ihre Zusammenhänge einordnen zu können. Die Fakten „sprechen" erst, wenn sie in Sinnzusammenhänge gebracht werden können und diese Zusammenhänge werden „von oben", von den politischen Eliten, vermittelt über die Massenmedien, geliefert.
Die Regierung und die Parteien bieten solche Deutungsmuster in legitimatorischer Absicht an. Sie berufen sich dabei auf ausgewählte Informationen und Deutungsmuster. Angesichts der kaum gegebenen Nachprüfbarkeit ist aber anzunehmen, daß die Bevölkerung weitgehend den „amtlichen" Anschauungen folgt, daß sich ihre außenpolitischen Einstellungen nicht autonom (d. h. nicht nach dem klassischen liberalen Öffentlichkeitsmodell) bilden, sondern vornehmlich von der politischen Elite gesteuert werden.
Ein wesentliches Korrektiv dieser Abhängigkeit kann sich aus der Konkurrenz von Elitegruppen um die politische Macht ergeben; auch deshalb ist es für ein demokratisches System entscheidend, daß ständig eine echte Chance des Machtwechsels garantiert ist. Dieses Korrektiv wird allerdings außer Kraft gesetzt, wenn Regierungsmehrheit und Opposition aus vermeintlichen nationalen Interessen oder aus parteitaktischen Überlegungen heraus eine einhellige außenpolitische Position vertreten. Unter solchen Bedingungen kann die „abhängige Meinungsbildung" der Bevölkerung erst dann tendenziell in eine „autonome" übergehen, wenn die Kluft zwischen den angebotenen Deutungsmustern einerseits und der Wirklichkeit andererseits zu groß wird (18); daß dann die Betroffenen von der Wirklichkeit mehr erfahren, als es ihnen in der Regel in ihrem unmittelbaren Erfahrungsbereich möglich ist, setzt allerdings eine offene Gesellschaft mit einer Vielzahl unabhängiger und kritischer Informationsvermittler voraus (z. B. Journalisten; konkurrierende Zeitungen u. a. Massenmedien; Wissenschaftler).
Als Wissenschaftler hat man Skrupel, die eingehende Erörterung der methodischen Voraussetzungen und ihrer Probleme zu vernachlässigen, wenn man Forschungsergebnisse preisgibt. Wenn es hier dennoch geschieht, dann nur in der Absicht, anhand einiger Beispiele einen groben und ausschnittartigen Einblick zu geben.
Schaubild 1 bezieht sich auf den Vergleich von Bevölkerungsmeinungen und Äußerungen aus der politischen Elite. Es gibt zunächst die Entwicklung von Bevölkerungsmeinungen über die Sowjetunion wieder, wie sie von zwei Instituten (IFD Allensbach; DIVO Frankfurt) erkundet wurden; leider liegen sie nur für größere Zeitabstände oder nur für begrenzte Abschnitte unseres Untersuchungszeitraums vor. Für die betreffenden Jahre sind ihr die Anteile allgemeiner negativer Bewertungen der Sowjetunion an allen Aussagen über sie in den außenpolitischen Teilen der Regierungserklärungen und zugehörigen Bundestagsreden gegenübergestellt; die - negative - Bewertung eines Landes oder seiner Vertreter ist eine wichtige Komponente von Freund-Feind-Bildern, die sozusagen die Bilanz von grundlegenden oder situationsbezogenen, interessengebundenen oder ideologischen, affektiv-sympathischen oder antipathischen Einstellungen gegenüber dem Land zieht. Die weitgehende Gleichartigkeit der Bewegungsrichtungen (19) der jeweiligen Kurvenpaare ist zwar kein vollkommener Beweis, wohl aber ein Indiz für die abhängige Meinungsbildung der Bevölkerung. Erst gegen Ende der 60er Jahre deuten sich entgegengesetzte Entwicklungen an; die verstärkte Negativbewertung der UdSSR seitens der politischen Elite hängt wahrscheinlich mehr mit dem innenpolitischen Machtwechsel in Bonn als mit primär außenpolitischen Kriterien zusammen (20), steht aber jedenfalls im Gegensatz zu den Entspannungsbemühungen.
Wenn die These von der abhängigen Meinungsbildung der Bevölkerung zutrifft, dann erfordert die Analyse der Eliteäußerungen aus demokratietheoretischen wie politisch-ethischen Gründen eine besondere Aufmerksamkeit. In Tabelle 1 sind einige Daten aus den Regierungserklärungen und Bundestagsreden dazu herausgegriffen (21).
Die Indexgrößen für die Feindbildkomponente „Allgemeine Akteursbewertung" zeigen eine spiegelbildliche Polarisierung der Bewertungen der wichtigsten (d.h. am häufigsten in den Regierungserklärungen und Bundestagsreden genannten) Akteure; während die Westakteure zunehmend einseitig positiv bewertet werden, geschieht das gleiche in negativer Richtung gegenüber den Ostakteuren. Darin findet das Spiegelbild-Theorem der Feindbildforschung eine deutliche Bestätigung. Aus diesem Schema fällt nur die Einschätzung Frankreichs heraus; darin bildet sich das wechselhafte deutsch-französische Verhältnis ab, das erst seit der „Abenddämmerung" des Gaullismus eine Stabilisierung im Positiven zu erfahren scheint. Die schwankenden Werte für die sonstigen osteuropäischen Akteure (vor allem CSSR, Polen, Ungarn) widersprechen dem Ost-West-Schema der Bewertungen nicht, sondern bestätigen es; denn ein Übergewicht positiver Bewertungen fällt nur dann an, wenn diese Länder im Konflikt mit dem Hauptgegner UdSSR stehen (1956, 1968), während sonst die negative Bewertung ihres sozialistischen Systems oder ihrer Partnerschaft mit der UdSSR und DDR vorherrscht. Ein ähnlicher, wenngleich etwas modifizierter Schematismus ist an den Daten zur Bewertung der Ziele der Akteure, so wie sie von den Rednern gedeutet werden, und zu den Aussagen über die Glaubwürdigkeit der Akteure abzulesen.
In der amerikanischen Forschung (22) sind als weitere wichtige Feindbild-Komponenten die Einschätzung der Stärke und der Aktivität des Akteurs herausgearbeitet worden. Demnach war in bezug auf die Stärke-Einschätzung zu erwarten, daß der „Feind" als stärker wahrgenommen und dargestellt wird als die eigenen Verbündeten oder der eigene Staat. Die Analyse der Regierungserklärung und Bundestagsreden zeigt jedoch, daß erstens solche Stärkevergleiche hier bemerkenswerterweise sehr selten angestellt werden und zweitens - sofern die schmale Datenbasis eine solche Interpretation zuläßt - der theoretischen Voraussage nicht entsprechen. Offenbar muß die Theorie hier modifiziert werden, um z.B. den "Widerspruch aufzuklären, daß bei den meisten Akteuren die Einschätzung des „Stärker-seins" überwiegt. Deutlich wird jedoch die Dominanz der Supermächte, die relative Bedeutungslosigkeit der Stärke der DDR und anderer Osteuropäer (als abhängig von der UdSSR), und - dies wiederum entspricht der Hypothese - das wahrgenommene Stärkeungleichgewicht zwischen „Osten" und „Westen". - Im Hinblick auf den Indikator „Aktivität" wird dem Feind oder Gegner gemäß der Theorie eine größere einseitige Aktivität zugeschrieben, während die eigene Seite oder die befreundeten Akteure eher als reaktiv, partnerschaftlich-interaktiv oder gar passiv angesehen werden. Diese Erfahrung bestätigt sich tendenziell auch an den hier untersuchten parlamentarischen Äußerungen; die UdSSR und die Staatenkoalition „Osten" werden häufiger als einseitig aktiv eingeschätzt als die westlichen Akteure (unter denen Frankreich, wie bei den „Bewertungen", am schlechtesten wegkommt). Daß die DDR und die sonstigen Osteuropäer aus dem Schema herausfallen, ist Ausdruck der ihnen zugeschriebenen Satellitenrolle.
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In den Schulgeschichtsbüchern (23), die mit derselben Methode analysiert wurden, spiegelt sich das am Ost-West-Konflikt orientierte Freund-Feind-Muster in sehr ähnlicher, teilweise sogar noch krasserer Weise wider. So werden z.B. die Vereinigten Staaten als Akteur im internationalen System hochpositiv bewertet; 92 % aller bewertenden Textstellen urteilen positiv über die USA, nur bei 1,2 % der Stellen erscheint ein negatives Werturteil (und dies meistens im Zusammenhang mit der Darstellung der USA als Siegermacht des Zweiten Weltkrieges). Die Ziele der amerikanischen Politik werden nahezu einhellig positiv bewertet (98,2 %), sie ist immer nützlich (94,4 %) und glaubwürdig (89,9 %). Die Sowjetunion dagegen wird als Akteur hoch negativ bewertet (80,4 %). Daß die negative Bewertung nicht noch stärker auftritt, liegt daran, daß das Image der UdSSR so schlecht ist, daß die Schulbuchautoren sich negative Kennzeichnungen ersparen, weil sie sicher sein können, daß Ausdrücke wie „die Sowjets" oder „Rote Armee" ohnehin beim Leser negativ besetzt sind und entsprechende Assoziationen wachrufen. Die Ziele der Sowjetunion werden in hohem Maße negativ bewertet (95,5 %), ihre Politik als schädlich (89,9 %) und unglaubwürdig (97,7 %) dargestellt.
Die Daten über die Darstellung der westlichen und östlichen Akteure in den verschiedenen Materialien belegen also ein spiegelbildliches, stereotypes Grundmuster, das die internationale Politik - freundlich gesagt - holzschnittardg vereinfacht. Nicht nur, daß der Ost-West-Konflikt das beherrschende Raster abgibt, nach dem die weltpolitischen Ereignisse von 1949 bis 1970/71 eingeordnet werden; es liefert auch die Freund-Feind-Fronten, nach denen sich die Aufmerksamkeitsverteilung, die Bewertungen und Interpretationsmuster der Redner bzw. Autoren richten. Mit nur wenigen stereotypen Formeln wird das komplexe Beziehungsgeflecht des internationalen Systems gefaßt. Dies zu sagen bedeutet nicht, daß der Ost-West-Konflikt kein reales Phänomen darstellt oder daß z. B. positive und negative Bewertungen unzulässig seien; außerdem ist eine gewisse Vereinfachung von Komplexität unumgänglich, wenn man die politische Realität erfassen und verstehen will. Aber die Formeln, die zum Verständnis des politischen Geschehens in Europa angeboten wurden und werden, können nicht als geeignetes Instrument zum Verständnis einer differenzierten Wirklichkeit angesehen werden. Sie dienen viel eher dazu, den Realitätssinn zu verstellen und neue Erfahrungen unmöglich zu machen.
Besonders hat uns überrascht, daß sich das Darstellungsmuster auch gegen Ende unseres Untersuchungszeitraums wenig verändert, ja teilweise sogar noch verschärft - obwohl die Veränderungen in der internationalen Politik, also die weltweiten Entspannungsbemühungen und die neue Ostpolitik der Bundesrepublik, eine Abschwächung des Freund-Feind-Schemas erwarten ließen. Der Ansatz zu einer Erklärung dieses Phänomens ist wahrscheinlich darin zu suchen, daß es sich beim Aufbau von Feindbildern und deren Abbau um zwei verschiedene Prozesse handelt, die jeweils eigenen Gesetzen gehorchen. Die Bedingungen, die für den Aufbau von Feindbildern gelten, sind andere als die für deren Abbau.
Das Freund-Feind-Muster als ein Ordnungs- und Strukturierungsprinzip für eine komplexe Realität erfährt im Aufbauprozeß eine ständige Selbstverstärkung dadurch, daß es nicht nur die Informationen ordnet, sondern zugleich deren Auswahl steuert. Freund-Feind-Bilder sind zugleich Selektionsfilter für die Wahrnehmung: Es werden nur diejenigen neuen Elemente aus der Umwelt registriert, die ins Schema passen. So vermeidet der Filter verunsichernde Widersprüche im Kopf dessen, der in diesen Schemata denkt und wahrnimmt.
Bei dem Versuch, Feindbilder abzubauen, verkehren sich nun diese Mechanismen ins Gegenteil: was für den Aufbau und die Stabilisierung von Feindbildern förderlich ist, wird zum Hemmfaktor bei dem Versuch ihres Abbaus. Zunächst verstellen Feindbilder die Möglichkeit neuer Erfahrung. Von den vorgefaßten Mustern abweichende Informationen werden entweder erst gar nicht zugelassen oder aber so uminterpretiert, daß sie wiederum ins alte Schema passen. Lassen sich aber Veränderungen in der Realität nicht mehr ausblenden oder uminterpretieren, so entsteht eine zweite Sperre: sind die Feindbilder ein Mittel zur Erhaltung der inneren Übereinstimmung (kognitiven Konsonanz), so stürzt der Versuch, Feindbilder durch neue Erfahrungen aufzubrechen, die Menschen in eine kognitive Dissonanz. Die Vorstellungen in den Köpfen und die Realität wollen nicht mehr zusammenpassen, und das ist ein Zustand, der Unbehagen und Verunsicherung erzeugt. So findet derjenige eher Glauben, der vorhandene Denkmuster bestätigt, als der, der sie verändern möchte.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für eine Politik, zu deren Zielen der Abbau von Vorurteilen und Feindbildern und die Herstellung von mehr Realitätssinn zählen? Es bewahrheitet sich hier das Wort von Max Weber, daß Politik das geduldige Bohren eines harten Brettes bedeutet. Die Feindbilder in der Bundesrepublik, die im Ost-West-Konflikt virulent wurden, können auf eine Tradition von über einem halben Jahrhundert zurückblicken. Generationen haben an dem Schleier gewoben, der nun den Blick auf die Realität verhindert. Das Feindbild Sowjetunion und der Antikommunismus haben eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Entwicklung der Bundesrepublik und ihres Selbstverständnisses gespielt. Der Antikommunismus war in gewisser Weise die Integrationsideologie der Bundesrepublik, und was wir „freiheitlich-demokratische Grundordnung" nennen, ist formuliert worden und hat Konturen gewonnen im Gegensatz zur realen und vermeintlichen Bedrohung durch den Kommunismus. Nun wird aber dieses Einstellungssyndrom von einer Triebkraft der Selbstfindung der Bundesrepublik zu einem Hemmnis ihrer Politik.
Folgt die öffentliche Meinung sehr rasch beim Aufbau von Feindbildern, so ist der umgekehrte Prozeß ein sehr langwieriger und schwieriger. Wird dieser Prozeß zu stark forciert, so kann dies - wenn man die konservative Wende in der Bevölkerungseinstellung in der jüngsten Zeit so deuten will - zu einer Reaktivierung der alten Feindvorstellungen führen. Nur Beharrlichkeit und Augenmaß, um wiederum Max Weber zu zitieren, kann langfristig zu einem Erfolg führen. Vor allem aber dürfen sich die politischen Kräfte, die für weniger Vorurteile und mehr Realitätssinn in der Politik eintreten, nicht durch Reaktionen in der Öffentlichkeit, die dem alten Freund-Feindmuster folgen, in die Defensive drängen lassen und damit diese Muster bekräftigen.
(1) Neben dem voluminösen Forschungsbericht, der ausführlich die methodischen Erläuterungen, das Datenmaterial, die differenzierten Auslegungen der Ergebnisse usw. beinhalten wird, sind Veröffentlichungen für spezielle Leserkreise (z. B. Politiker, Lehrer) und eine allgemeinverständlichere Publikation für eine breitere Öffentlichkeit geplant.
(2) An dem Projekt waren neben den Autoren dieses Berichtes beteiligt: Jörg Becker (Analysen der Bundestagsreden), Edo Enke (Analyse der Bevölkerungsumfragen), Hans-Joachim Lißmann und Änne Ostermann (Schulbuchanalyse).
(3) Diese Komplexität ist selbst ein großes Problem, weil sie nicht selten zu gefährlichen Vereinfachungen veranlaßt, die die Komplexität bewältigen sollen.
(4) Siehe J. Bernard, The Sociological Study of Conflict, in: The Nature of Conflict, Paris:
UNESCO, 1959, S. 54. - Auch in unserer Analyse haben sich Anzeichen ergeben, daß Umgruppierungen - hier vor allem innenpolitischer Art - das Freund-Feind-Denken in der Bundesrepublik beeinflußt haben.
(5) Vgl. hierzu das graphische Schema in HSFK-Mitteilungen, Nr. 4, Frankfurt 1972, S. 110a.
(6) In den Sozialwissenschaften ist das als „Thomas-Theorem" bekannt. Siehe W. I. Thomas, The Child in America, New York 1928, S. 572.
(7) Auf das Problem, wie und unter welchen Bedingungen dann überhaupt ein Lernen, ein Einstellungswandel möglich ist, können wir hier nicht eingehen. Vgl. dazu die instruktive Abhandlung von Milton Rosenberg, Attitüdenänderung und Außenpolitik in der Ära des Kalten Krieges, in: Dieter Senghaas (Hrsg.), Zur Pathologie des Rüstungswettlaufs, Freiburg 1970, S. 205-271.
(8) Gerade in bezug auf Außenpolitik und internationale Beziehungen sind die Ergebnisse von Meinungsforschungsinstituten mit großer Vorsicht zu nehmen. Vgl. K. J. Gantzel, Bevölkerungseinstellungen zur Deutschland- und Außenpolitik, Methodenkritischer Kommentar und Tabellenwerk, Forschungsbericht für die Stiftung Volkswagenwerk, Frankfurt, August 1971 (unveröffentlicht, jedoch beim Verfasser einzusehen).
(9) Ein besonders drastisches Beispiel bietet das Feindbild des ehemaligen Außenministers der USA, Dulles. Vgl. David J. Finlay/Ole R. Holsti/Richard R. Fagen, Enemies in Politics, Chicago 1967, Kap.: Cognitive Dynamics and Images of the Enemy - Dulles and Russia (S. 25-96).
(10) Zur Gleichartigkeit etlicher Vorstellungen über die Welt im allgemeinen und den Gegner im besonderen bei amerikanischen und sowjetischen Eliten siehe die Analyse von J. David Singer, Soviet and American Foreign Policy Attitudes - Content Analysis of Elite Articulations, in: Journal of Conflict Resolution, VIII (1964) S. 424-485.
(11) Vgl. dazu Dieter Senghaas, Rüstung und Militarismus, Frankfurt 1972, S. 28-93. Zu einer Schilderung sowjetischer Bedrohungsgefühle siehe Ralph K. White, Images in the Context of International Conflict - Soviet Perceptions of the US and the USSR, in: Herbert C. Kelman (Hrsg.), International Behavior - A Social-Psychological Analysis New York 1965, S. 238—276.
(12) Dieser Gedanke liegt dem Konzept einer gradualistischen Entspannungsstrategie zugrunde, wie es entwickelt wurde von Charles Osgood, An Alternative to War and Surrender, Urbana, III, 1962. - Allerdings erfordert eine solche Strategie, soll sie Erfolg haben, viel Geduld und Beharrlichkeit; denn die langanhaltende Konfrontationsstrategie, die vorausgegangen ist, hat bei allen beteiligten Staaten Interessen und Routineverhalten in der Gesellschaft, besonders in Bürokratie, Militär, und politischen Apparaten verwurzeln lassen, die sich erst langsam lösen lassen.
(13) Als ein kurzfristig wirkendes Medium („kurzfristig" im Sinne des Vermittelns aktueller Informationen und des Abzielens auf den täglichen Leser) wurden in einer Paralleluntersuchung überregionale Tageszeitungen analysiert von Roland Koch, München.
(14) Zu diesem Zweck wurden die infrage kommenden Abschnitte der stenographischen Berichte des Deutschen Bundestages bzw. der Schulbücher zunächst in einzelne analytische Sätze zerlegt; jeder dieser Sätze drückte durch Subjekt, Prädikat und ggf. Objekt einen speziellen Sachverhalt aus, z.B. „die UdSSR hat die CSSR besetzt". Insgesamt ergaben sich so rund 8 500 einzelne Aussagen aus den Parlamentsäußerungen und rund 4 500 aus den Schulgeschichtsbüchern. Jede Aussage wurde daraufhin anhand eines ca. 90 Variablen umfassenden Fragen- bzw. Merkmalkatalogs aufgeschlüsselt, auf Lochkarten übertragen und durch die EDV-Anlage des Rechenzentrums der Universität Mannheim statistisch ausgewertet.
(15) O. H. v. d. Gablentz, Bisherige Deutschlandpolitik der Bundesregierungen, in: Heinrich Albertz/Dietrich Goldschmidt (Hrsg.), Konsequenzen - Thesen, Analysen, Dokumente zur Deutschlandpolitik, Reinbek 1969, S. 152-165.
(16) Bonn auf dem Prüfstand - Chancen westdeutscher Außenpolitik, in: Der Monat, XXI, Heft 244 (Januar 1969) S. 43 und 48.
(17) Mitteilungen der HSFK, Nr. 4, Frankfurt 1972, S. 107.
(18) Wenn z.B. jahrelang behauptet wurde, die Außenpolitik der Bundesrepublik würde die Wiedervereinigung bringen - und dieses Ziel dann in immer weitere Ferne rückt. Oder wenn z. B. die westliche Strategie darauf zielte, den wirtschaftlichen Zusammenbruch im Osten herbeizuführen - und dieser Zusammenbruch dann keinesfalls eintritt.
(19) Das unterschiedliche Ausmaß der Kurvenausschläge kann hier aus methodischen Gründen vernachlässigt werden.
(20) Nähere Ausführungen dazu in dem Beitrag von Jörg Becker und Klaus Jürgen Gantzelin:
„Friedensanalysen", Heft 1, Frankfurt, 1975, hrsg. von der HSFK in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK).
(21) Die in Anm. 13 erwähnten Variablen beziehen sich auf eine Fülle von Merkmalen: zur Konfliktbeteiligung der Akteure, zu ihrem Verhalten bzw. ihrer Verhaltensdisposition, zu ihren Zielsetzungen und Motivationen, zu ihren Kapazitäten und zu ihrer internen Struktur; darüber hinaus wurden einige rhetorische Merkmale der Reden bzw. der Schulbuchtexte erfaßt.
(22) Gemeint sind hier u. a. die Arbeiten von Charles E. Osgood/ G. J. Suci/P. H. Tannenbaum, The Measurement of Meaning, Urbana, III, 1957; O. R. Holsti, The Belief System and National Images - A Case Study, in: Journal of Conflict Resolution, VI (1962) S. 244-252.
(23) Untersucht wurden 58 Schulgeschichtsbücher für die Schulformen des allgemeinbildenden Schulwesens in vier Perioden (1950-54, 1955-59, 1960-64, 1965-69). Nähere Ausführungen zur methodischen Anlage der Untersuchung in dem Beitrag von H.-J. Lißmann, H. Nicklas und Ä. Ostermann zu Heft 1 „Friedensanalysen" (vgl. oben Anm. 20).
Verzeichnis bisheriger Veröffentlichungen zu dem Projekt:
Becker J., E. Enke, K. J. Gantzel, H. J. Lißmann, H. Nicklas: Analyse der Entstehung, Struktur und Wirkung außenpolitisch relevanter Feindbilder in der Bundesrepublik. In: Mitteilungen der HSFK, Nr. 4, Frankfurt 1972, S. 98-131.
Gantzel K. J.: Zur Entstehung, Struktur und politischen Wirkung von Freund-Feind-Bildern, in: DGFK-Informationen, Nr. 1/1972, Bonn, S. 13-15.
Nicklas H., H, J. Lißmann, Ä. Ostermann: Das Freund-Feind-Schema als stereotypes Interpretationsmuster internationaler Politik, in: Zeitschrift für Pädagogik, XIX (1973) Heft 2.
Becker J., H. J. Lißmannn: Inhaltsanalyse - Kritik einer sozialwissenschaftlichen Methode, in: Arbeitspapiere zur politischen Soziologie, Nr. 5, München 1973, S. 39-79.
Lißmann H. J.: Was taugen unsere Geschichtsbücher?, in: Hessische Lehrerzeitung, XXVI, Heft 10 (1973) S. 29-30.
Lißmann H. J., H. Nicklas, Ä. Ostermann: Feindbilder in Schulbüchern, in: Friedensanalysen, Heft 1, Frankfurt 1975.
Becker J., K. J. Gantzel: Feindbilder in Regierungserklärungen und Bundestagsreden, in: Friedensanalysen, Heft 1, Frankfurt, 1975.
Hans Nicklas/Klaus Jürgen Gantzel: Außenpolitische Freund-Feind-Bilder in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1971. In: Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (Hrsg.): Forschung für den Frieden. Boppart 1975, S. 231-244.