Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Wolfgang Kralewski/Hartmut Markert: Bedingungen Friedenspädagogischen Handelns von der Funktionsanalyse von Unterrichtsmodellen zur friedenspädagogischen Handlungsfroschung (1975)

Dieser Beitrag beschäftigt sich auf dem Hintergrund unserer Projekterfahrungen mit Bedingungen friedenspädagogischen Handelns und insbesondere mit der Frage, welche Bedeutung Unterrichtsmodellen für die Friedenserziehung zukommt. Zuvor soll jedoch kurz die Vorgeschichte unseres Projekts angedeutet werden, denn in ihr liegen zahlreiche Gründe, die Ablauf und Methoden mitbestimmt haben.
In den Jahren 1969 bis 1971 fand sich in Tübingen eine Gruppe von Studenten der Politikwissenschaft mit einem Angehörigen des Lehrkörpers der Universität zu einem Arbeitskreis zusammen, der systematisch die in- und ausländische Literatur aus dem Bereich der Friedensforschung durcharbeitete, in der Absicht, diesen neuen Wissenschaftszweig in den Lehr- und Forschungsbetrieb des Instituts für Politikwissenschaft einzuführen. Diese Bemühungen führten zunächst zu einer regelmäßigen Folge von Lehrveranstaltungen. Auf diese Weise wurde eine beachtliche Zahl von Studenten, hauptsächlich solche, die sich auf den Lehrberuf vorbereiteten, mit den Grundproblemen der modernen Friedensforschung vertraut gemacht.

Die Arbeitsgruppe war schon frühzeitig zu der grundlegenden Übereinkunft gekommen, daß Friedensforschung, wenn sie spürbare Auswirkungen in der politischen Praxis erreichen will, sich an den Bedürfnissen eben dieser Praxis zu orientieren hat, und daß sie es nicht dem Zufall überlassen darf, wo die von ihr erarbeiteten Ergebnisse einmal hinkommen und was mit ihnen geschieht. Mit anderen Worten: es geht nicht nur um die Weitergabe von Erkenntnissen auf der kognitiven Ebene, sondern ebenso um die Vermittlung von Handlungsanstößen. Die Methoden der Verbreitung müssen selber Gegenstand der Friedensforschung sein.

Diese Grundforderung läßt mehrere Schlußfolgerungen zu. Einmal kann daraus die Aufgabe abgeleitet werden, einen Zugangsweg zu den politischen Entscheidungsträgern zu organisieren. Dieser Weg wird von der Tübinger Gruppe nicht für falsch gehalten. Sie beschritt jedoch aus grundsätzlichen Erwägungen eine andere Richtung, wobei ihr die Alternative nicht schwer fiel: der Anspruch einer studentischen Gruppe, Politiker zu beraten und zu beeinflussen, wäre wohl nicht einmal belächelt worden. Der andere, unseren Möglichkeiten angemessenere Weg, ist der der Verbreitung von Resultaten der Friedensforschung in die gesellschaftliche Öffentlichkeit. 1971 wurde deshalb ein Angebot des Süddeutschen Rundfunks angenommen, an einer umfangreicheren Schulfunk-Sendereihe „Erziehung zum Frieden" mitzuarbeiten. Hier machten wir die Erfahrung, daß damals nahezu alle Grundfragen einer Verbreitung des Friedensgedankens über Massenmedien ungeklärt waren. Das Problemfeld erwies sich bald als viel zu kompliziert, um von einer kleinen Gruppe ohne praktische Erfahrung angegangen zu werden.

Im Vorfeld der Überlegungen für den Aufbau einer praxisnahen Friedensforschung in Tübingen stießen wir auf ein interessantes Verbreitungsmedium, nämlich die Unterrichtsmodelle zur Friedenserziehung, die damals bereits in beachtlicher Zahl vorlagen. Die der Konstruktion derartiger Modelle zugrunde liegende Zielvorstellung scheint ganz einfach zu sein. Ein Autor oder eine Gruppe verfaßt auf der Grundlage mehr oder weniger gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse unter Beifügung von didaktischen Hinweisen eine Lehreinheit über den Frieden. Sie kann wegen ihres nachvollziehbaren Ablaufplans von vielen Lehrern ohne intensive fachliche und pädagogische Vorbereitung im Unterricht ausgeführt werden und erreicht damit eine vielleicht sehr große Zahl von Schülern. Ein ideales Verbreitungsinstrument also?

Dieses Phänomen erschien uns dringend untersuchungsbedürftig und wir beantragten die Finanzierung eines Forschungsprojekts bei der DGFK über die „Funktion von Unterrichtsmodellen für die Friedenserziehung", das ab Herbst 1972 bewilligt und das zum 31. Dezember 1973 abgeschlossen wurde.

Hinsichtlich der Methode der Untersuchung mußte ein besonderes Problem gelöst werden. Es kam nämlich nicht nur darauf an, die dem Gegenstand angemessenen Verfahren zu entwickeln, sondern sie mußten auch dem Kenntnisstand und Leistungsgrad der Mitarbeiter entsprechen. Sie alle - mit Ausnahme des Leiters - standen noch vor dem Examen und sie alle - wieder mit der einen Ausnahme - waren Politologen, die sich in den Bereich der Erziehungswissenschaft einarbeiten wollten. Das erste Projekt hatte deshalb gleichzeitig die Funktion der Ausbildung von Fachleuten, nicht in Sonderprogrammen und speziellem Training, sondern in der Forschungsarbeit selbst.

Bestandsaufnahme

Die Arbeit begann mit einer Bestandsaufnahme der damals vorliegenden Unterrichtsmodelle. Thematisch wurden alle Texte als relevant angesehen, die den gegenwärtigen Zustand des internationalen Systems und/oder gesellschaftlicher Systeme als friedlos verstehen und eine Veränderung in Richtung auf mehr Frieden als erstrebenswert darstellen. Dabei wurde zunächst aus arbeitstechnischen Überlegungen der Bereich „Dritte Welt" ausgeklammert. Dann mußte eine Klärung erfolgen, was als Unterrichtsmodell zu verstehen ist, denn es gibt keine eindeutige, allgemein angenommene Definition. Wir verstehen darunter diejenigen Texte, die ein Minimum an Aussagen, Handlungsanweisungen oder Vorschlägen für Lehrer und Schüler zum Zwecke der intentionalen, zeitlichen, thematischen, medialen, sozialen und organisatorischen Strukturierung eines pädagogischen Feldes aufweisen. Unterrichtsmodelle sind somit einerseits abgegrenzt gegenüber reinen Materialsammlungen - seien es Texte, Dias, Tonträger u. ä. -, andererseits gegenüber reinen didaktischen Konzeptionen, die nicht auf konkrete Inhalte oder auf ein bestimmtes pädagogisches Feld bezogen sind.

Die Frage, wieviele derartige Modelle es inzwischen gibt, läßt sich nicht eindeutig beantworten. Bleibt man in dem weiten Rahmen der oben versuchten Abgrenzung und beschränkt sich auf die Texte, die über Verlage oder Institutionen mit Vertriebsapparat beziehbar sind (d. h. klammert man die Vielzahl des hektographierten Materials aus, das überwiegend innerhalb von Organisationen zirkuliert), so darf man für 1975 von einer Größenordnung von 150 deutsch-sprachigen Publikationen ausgehen. Rund 10 Prozent sind innergesellschaftlichen Konflikten gewidmet, rund 20 Prozent dem Problem von Krieg und Frieden, rund 70 Prozent dem Bereich 3. Welt. Die von uns berechnete Gesamtauflage dürfte bei etwa 375 000 liegen.

In der Schule gibt es - glücklicherweise - keine spezielle „Friedenskunde". Für welche Fächer werden dann die Modelle konstruiert? Es handelt sich um ein ganzes Spektrum vom Gemeinschaftskundeunterricht über Deutsch, Geschichte, Erdkunde zum Religionsunterricht. Einige Modelle sind fächerübergreifend konstruiert, andere wiederum beziehen sich auf kein spezifisches Fach. Auffallend ist der große Anteil der Materialien für den Religionsunterricht, der fast die Hälfte zumindest der qualifizierteren Beiträge ausmacht.

Die angesprochenene Schulstufe ist bei weitem überwiegend die Sekundarstufe II, Texte für die Grundschule und die Berufsschule fehlen fast ganz.

Besonders überraschte uns, daß wir kein Modell für den außerschulen Bereich, für die freie Jugendarbeit oder die Erwachsenenbildung fanden. Natürlich läßt sich manches, was für die Schule verfaßt wurde, mit einigen Änderungen auch für diese Felder verwenden. Für uns war dieser Befund jedoch der Anlaß, ein spezifisches Arbeitsbuch für die Erwachsenenbildung zu verfassen, das inzwischen in der Praxis erprobt wird.

Zu der Bestandsaufnahme gehörte auch die Frage, wie weit diese Publikationen bei den Lehrern, für die sie bestimmt sind, überhaupt bekannt sind. Eine Überprüfung dieses Sachverhalts mit dem Ziel einer repräsentativen Aussage war uns nicht möglich. Eine begrenzte Befragung von Lehrern aller Schularten in der Region Tübingen über ihre Kenntnis der Modelle zeigt allerdings, daß sie nur bei einigen wenigen bekannt sind. Die Frage, die sich an dieser Stelle aufdrängt, lautet: Wird hier an den praktischen Bedürfnissen der Lehrer und der Schulen vorbeiproduziert? Um der Beantwortung dieser Frage näher zu kommen, beschäftigten wir uns mit der fachwissenschaftlichen und der didaktisch-methodischen Qualität der Unterrichtsmodelle. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden im folgenden thesenhaft dargestellt.

Von der Funktionsanalyse zur friedenspädagogischen Handlungsforschung

Ünterrichtsmodelle scheinen uns nach wie vor unverzichtbare Träger der Kommunikation zwischen wissenschaftlicher und didaktischer Theoriebildung einerseits und pädagogischer Praxis andererseits zu sein. Wir sehen in ihnen zumindest theoretisch Medien pädagogischer Innovation, da sie gleichermaßen die Möglichkeit einer relativ komplexen Verarbeitung als auch die relativ schnelle Verbreitung - verbunden mit einer nicht zu unterschätzenden Entlastungsfunktion für Lehrer - bieten. Die praktischen Voraussetzungen für Ünterrichtsmodelle als Medium pädagogischer Innovation kann man allerdings in vielerlei Hinsicht als ungeklärt bezeichnen. Für die Friedenserziehung jedenfalls müssen wir davon ausgehen, daß Unterrichtsmodellen bis jetzt keine innovative Funktion mit Breitenwirkung hat zukommen können. Dies mag auch an der Struktur der von uns untersuchten Unterrichtsmodelle liegen. In verallgemeinerter Form lassen sich die in der Untersuchung gewonnenen Einsichten und die daraus abgeleiteten Konsequenzen wie folgt zusammenfassen.

1. Ein beträchtlicher Teil von Unterrichtsmodellen zur Friedenserziehung weist erhebliche Defizite im Blick auf eine friedenswissenschaftliche Verarbeitung der Themen auf. Andererseits sind diejenigen Unterrichtsmodelle, die sich von neueren Erkenntnissen der Friedensforschung leiten lassen, auffällig einer „materialen" Bildungstheorie (Klafki) verpflichtet, wenn sie ohne Reflexion des didaktischen Rahmens den Schülern schlicht eine Reihe wissenschaftlicher Texte oder ähnliches vorlegen wollen. Die didaktische Verarbeitung von sozialwissenschaftlicher Theorie bedarf gerade für die Friedenserziehung dringend einer intensiven Klärung.

2. Für den Bereich der Lernzielformulierung und Lernzieloperationalisierung kann man zwei Trends kennzeichnen, die vermutlich das Dilemma der aktuellen Curriculumententwicklung widerspiegeln. Es ist einerseits festzustellen, wie die Bereitschaft der Autoren von Unterrichtsmodellen zur Formulierung von allgemeinen und durchaus anspruchsvollen und komplexen Lehr-/Lernzielen zugenommen hat, ja geradezu zum professionellen Standard wird. Betrachtet man diese Lehr-/Lernziele jedoch auf der Folie potentieller Unterrichtsabläufe, so nehmen sie häufig bloß den Charakter deklamatorischer Absicherung an. Auf der anderen Seite laufen die Lernziele, die man als „konkret" und „überprüfbar" bezeichnen kann, Gefahr, ein neues „definites Schulwissen" (Rumpf) zu etablieren. Angesichts beider Trends zeigt sich, daß die Verfahren zur Herstellung eines überzeugenden Zusammenhangs von komplexen Lehr-/Lernzielen und dem Entwurf von komplexen Lernsituationen durch praktische Projekte noch erheblich verfeinert werden müssen.

3. Friedenserziehung hat es auch mit der Aufklärung über die Ursachen weltgesellschaftlicher Friedlosigkeit zu tun. Unterrichtsmodelle, die Probleme dieses Horizonts thematisieren, sind im Vergleich zu solchen, die die Friedlosigkeit sozialer Nahbereiche zum Gegenstand haben, offensichtlich mehr mit dem Problem zureichender Motivierung der Schüler belastet. Da werden nun zwar Ost-West- und Nord-Süd-Konflikt, die UNO, die Rüstungsproblematik usw. behandelt, es ist aber häufig nicht recht zu sehen, was die Schüler zu einer motivierten Auseinandersetzung veranlassen soll. Die Analyse der Unterrichtsmodelle und Berichte aus der Unterrichtspraxis legen es nahe, das Problem der Motivation in ein didaktisches Strukturierungsprinzip von Unterrichtsmodellen umzuformulieren: es müßte in systematischer Weise versucht werden, eine zu politischem Lernen und Handeln motivierende Betroffenheit zu erzeugen, indem die existentielle Gefährdung aller durch die weltgesellschaftliche Friedlosigkeit ausgewiesen wird.

4. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hat der für die Friedenserziehung wichtige Aspekt der Handlungsorientierung in den untersuchten Unterrichtsmodellen kaum eine Berücksichtigung gefunden. Die Autoren begnügen sich in der Regel mit dem Versuch, den Gegenstandsbereich in aufklärerischer Absicht zu strukturieren. Darüber hinaus wäre jedoch zu fordern, die Handlungsorientierung von Unterrichtsmodellen in wenigstens zwei Richtungen zu verfolgen. Einmal käme es darauf an, mögliche alternative oder komplementäre politische Handlungsstrategien zu thematisieren, die sich aus einer jeweiligen Analyse ergeben könnten. Zum anderen wäre wichtig, im Unterricht Arrangements vorzusehen, in denen gewonnene Kenntnisse und Einsichten umgangssprachlich reorganisiert und kommunikabel werden können.

5. Faßt man Unterricht insgesamt als Handlungsprozeß, der für die Bedürfnisse und die planende Gestaltung der Beteiligten offen sein sollte, so ist eine gewisse Verlegenheit bei den Autoren von Unterrichtsmodellen gegenüber einer solchen Forderung nicht zu übersehen. Sei es, daß mit dem Verweis auf die notwendige Offenheit auf konstruktive didaktische Arrangements überhaupt verzichtet wird, sei es, daß Planungsgespräche im Unterricht zwar vorgesehen sind, die aber - folgt man der Planung - ohne Konsequenz sein dürften: das Problem der Offenheit von Unterrichtsmodellen ist in einem konstruktiven Sinne noch ungelöst. Wir vermuten, daß man die Spannung, die zwischen Planung und Offenheit besteht, dadurch auflösen kann, indem Unterrichtsmodelle aus alternativen „Bausteinen" (pädagogischen Situationen) aufgebaut werden, über die die am Unterricht Beteiligten planend verfügen können.

6. Die von uns untersuchten Unterrichtsmodelle sind durchweg außerordentlich arm an Informationen über ihre Praxisbezüge. In den meisten Fällen ist nicht ersichtlich, ob es sich um erprobte Modelle handelt, und wenn ja, dann ist nicht zu erfahren, mit welchem „Erfolg", mit welchen Abweichungen, Ergebnissen usw. sie realisiert wurden. Für den wissenschaftlichen und praktischen Fortschritt der Friedenserziehung wäre es dringend erforderlich, neben den Planungstexten auch über Protokolle der konkreten Abläufe und Realisationsbedingungen zu verfügen. Nicht scheinbar perfekte Unterrichtsmodelle und ein schamhaftes Verschweigen unterrichtspraktischer Abläufe, sondern gerade die „Brüche" zwischen Planung und Realisation können einer Verfeinerung und Verbesserung der Unterrichtsplanungen und damit einer Verbreiterung der Friedenserziehung dienlich sein.

Die in den sechs Punkten knapp formulierten Ergebnisse aus der Funktionsanalyse von Unterrichtsmodellen veranlaßten die Projektgruppe, die Entwicklung von Unterriditsmodellen zur Friedenserziehung selbst im Rahmen einer „pädagogischen Handlungsforschung" aufzunehmen. Die entscheidenden Schritte eines solchen Programms liegen

- in der Entwicklung von offenen Unterrichtsmodellen in enger Kooperation mit Lehrern (und ggf. Schülern),
- in einer gemeinsam getragenen Erprobung, Evaluation und Revision der Unterrichtsmodelle,
- in der Beobachtung und Protokollierung von Problemen und Schwierigkeiten auf unterschiedlichen Wegen zu verschiedenen Praxisfeldern der Friedenserziehung.

Wir erhoffen uns von einem solchen Programm, mehr an erfahrungsgeprüften Einsichten in eine optimale Struktur und in die Realisationsbedingungen von Unterrichtsmodellen zur Friedenserziehung zu gewinnen, als dies bisher durch die Funktionsanalyse und theoretische Spekulationen möglich war.

Pädagogische Handlungsfelder

Will die schulische Friedenserziehung nicht allzu früh an den sozio-kulturellen Grenzen der gesellschaftlichen Umwelt scheitern, so ist es sicher erforderlich, neben der Schule außerschulische pädagogische Felder aufzusuchen und sie auf ihre Möglichkeiten einer Friedenserziehung hin zu prüfen. Über den Gedanken einer notwendigen Ausweitung ist aber auch von Interesse zu erfahren, wie sich im Unterschied oder in Gemeinsamkeit zum schulischen Unterricht Friedenserziehung in anderen Feldern gestalten läßt. Es soll daher zum Schluß kurz noch über erste Erfahrungen und Perspektiven einer schulischen und außerschulischen „friedens-pädagogischen Handlungsforschung" berichtet werden.

Projektbereich schulische Friedenserziehung

Im Mittelpunkt dieses Projektbereichs stand zunächst der Entwurf und die Konkretisierung eines Teilcurriculums zur Friedenserziehung, in dessen Konstruktion die oben geschilderten, aus der Funktionsanalyse bisheriger Unterrichtsmodelle gewonnenen pädagogisch-politischen und didaktisch-methodischen Aspekte eingehen sollten. Der didaktische Verarbeitungsstand in den untersuchten Unterrichtsmodellen und die politikwissenschaftlichen Vorarbeiten der Projektgruppe legten es nahe, das Teilcurriculum thematisch auf die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik hin zu strukturieren (Arbeitstitel: „ Verteidigung + Entspannung = Sicherheit?").

Im Sinne der „Offenheit" und „Handlungsorientierung" geht es uns dabei darum, schrittweise eine Vielzahl thematisch untergliederter und didaktisch-medial differenzierter Curriculumeinheiten zu entwerfen und zu erproben, die den Schülern eine reflektierte Auseinandersetzung auf verschiedenen Erfahrungsebenen mit divergierenden politischen Interessen und Handlungsstrategien ermöglichen. Ein solches offenes Curriculum kann nicht - wie uns schon die Funktionsanalyse zeigte - vom „grünen Tisch" aus entwickelt werden, weshalb die Projektgruppe früh versuchte, Kontakte mit einzelnen Lehrern und Lehrergruppen verschiedener Schularten aufzunehmen. In einem ersten praktischen Anlauf wurden Ausschnitte des Teilcurriculums auf die Bedürfnisse von Lehrern und Schülern einer ländlichen Hauptschule in Zusammenarbeit mit den Lehrern hin konkretisiert, erprobt und protokolliert. Dieser erste Versuch scheint unsere Vermutung zu bestätigen, daß ein verbreitungsfähiges Teilcurriculum zur Friedenserziehung erst am Ende eines wechselseitigen Prozesses von Planung und Erprobung stehen kann, in das vielfältige praktische Erfahrungen verarbeitet worden sind und das für unterschiedliche Lernbedürfnisse und Lernvoraussetzungen offen ist.

Projektbereich außerschulische Friedenserziehung

Teils aus Gründen der Relevanz, teils aus Gründen schon bestehender Kontakte konzentrierte die Projektgruppe ihr Interesse auf drei pädagogische Felder außerschulischer Friedenserziehung: die kirchliche Erwachsenenbildung, die offene Jugendarbeit und die Aktion Friedenswoche.

Vom Grad der Institutionalisierung und einer gewissen Konkordanz der Interessen her schien uns die kirchliche Erwachsenenbildung ein geeignetes und im Sinne einer sozialwissenschaftlich orientierten Friedenserziehung ein ergänzungsbedürftiges Feld zu sein. In Zusammenarbeit mit einer Pax-Christi-Basisgruppe und im Auftrag der diözesanen Arbeitsstelle für Erwachsenenbildung wurde ein Arbeitsbuch entwickelt, das die Problembereiche Aggression, gesellschaftliche Gewaltstrukturen, Rüstungskosten und soziale Not und Möglichkeiten der Friedensarbeit thematisiert. Die Projektgruppe hat hier die pädagogische Einführung und Beratung von Teams und Multiplikatoren, die Beobachtung und Auswertung einiger an dem Arbeitsbuch orientierter Veranstaltungsreihen und die Revision des Arbeitsbuches übernommen.

In Zusammenarbeit mit dem Referat außerschulische Jugendbildung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg entschloß sich die Projektgruppe zur Planung und Durchführung von Wochenendseminaren zur Friedenserziehung mit kommunalen Jugendhäusern. Ziel des Projektes ist auch hier die Erarbeitung eines verbreitungsfähigen Seminarmodells, in das die spezifischen Bedingungen dieses Feldes eingehen, und die Ausbildung friedenspädagogischer Kompetenzen bei den beteiligten Sozialpädagogen. Schon jetzt läßt sich sagen, daß es die Bedingungen dieses Feldes nur sehr begrenzt zulassen, didaktische Arrangements schulischer Friedenserziehung zu übernehmen. Mehr noch als bei der schulischen Friedenserziehung kann und muß es hier darum gehen, an den Problemen der Lebenswelt der Jugendlichen Sensibilität, Lernmotivation und Lernfähigkeit zu erzeugen und sie auf deren praktische Bewältigung vorzubereiten.

Das leitende Interesse, das sich an die „Friedenswoche" richtet, kann in der Frage zusammengefaßt werden, ob es sich dabei - und wenn ja in welcher Form - um ein geeignetes Lernmodell für die kommunale Öffentlichkeit handelt. Die Projektgruppe hatte die Gelegenheit, die Planung und Durchführung einer aus etwa 20 Einzelveranstaltungen aufgebauten „Friedenswoche" in Tübingen, die von verschiedenen Gruppen selbstverantwortlich getragen wurde, wissenschaftlich zu begleiten und auszuwerten. Von den mittels verschiedener Methoden (Vor-Interviews, teilnehmende Beobachtung, schriftliche Publikumsbefragung, Auswertung von Flugblättern und Texten) gewonnenen Ergebnissen, die in einem offenen Seminar dem Trägerkreis zur Information und Kritik vorgelegt wurden, erhofft die Projektgruppe Impulse, die zu einer Verbesserung von „Friedenswochen" -Aktionen in organisatorischer und didaktischer Hinsicht führen können.

Literaturhinweise

Publikationen von Mitgliedern der Arbeitsgruppe Friedensforschung, soweit sie im Rahmen ihrer Projekte entstanden:

Ackermann, Paul, Gotthilf G. Hiller, Woifgang Kralewski, Friedrich Kümmel, (Hrsg.): Erziehung und Friede. Materialien zur Diskussion, München 1971; darin von Mitgliedern der AG Friedensforschung:
- Schöning, Dietmar, Friedensforschung in der BRD, Kritik und Perspektiven (S. 7ff.)
- Meyer, Berthold, Das internationale Drohsystem - ein Arbeitsbereich der Friedensforschung (S. 39ff.).

Arbeitsgruppe Friedensforschung (Hrsg.): Dritte Welt im Unterricht - Unterrichtsmodelle und Materialien auf dem Prüfstand (im Erscheinen). Arbeitsgruppe Friedensforschung: Zur Funktion von Unterrichtsmodellen für die Friedenserziehung, in Chr. Wulf (Hrsg.), Friedenserziehung in der Diskussion, München 1973.

Arbeitsgruppe Friedensforschung (Hrsg.): Zur Funktion von Unterrichtsmodellen für die Friedenserziehung, Projektzwischenbericht (im Selbstverlag, Aufl. 200 Expl.) 1973.

Arbeitsgruppe Friedensforschung (Hrsg.): Zur Funktion von Unterrichtsmodellen für die Friedenserziehung, Projektschlußbericht (xerokopiert, nur für den Projektträger DGFK) 1974.

Battke, Achim, Hans-Peter Biege, Dagmar Schramm, Ulrich Storz: Friedenserziehung in der offenen Jugendarbeit, in: Materialien zur politischen Bildung (im Erscheinen).

Battke, Achim, Inge Brenner, Berthold Meyer, Burkhard Steinmetz: Von der Funktionsanalyse von Unterrichtsmodellen zur friedenspädagogischen Handlungsforschung (Projektinformation Nr. 1/75, im Selbstverlag, Aufl. 300), Juni 1975.

Battke, Achim, Berthold Meyer, Bernhard Schneider: Das Tübinger Projekt - Versuch handlungsorientierter Forschung in der Friedensarbeit, in: Bahr, Hans-Eckehard et al., Friedenswochen (Arbeitstitel, im Erscheinen).

Battke, Achim, Berthold Meyer, Bernhard Schneider: Friedenswoche Tübingen 1974 - Kritik und Konsequenzen (im Erscheinen).

Kralewski, Wolfgang: Eine Wissenschaft vom Frieden, in: Attempto, Heft 37/38 (1970), S. 20-23, nachgedruckt in: Die Schulwarte, 24, Heft 3/4 (1971). S. 3-7.

Kralewski, Wolfgang: Studien zur Friedensforschung in der BRD, ein Besprechungsaufsatz, in: Die Schulwarte, 24, Heft 3/4 (1971), S. 107-119.

Markert, Hartmut: Elemente eines handlungsorientierten Curriculums: Internationale Beziehungen, in: Peter Pawelka (Hrsg.), Internationale Beziehungen im sozialwissenschaftlichen Curriculum (im Erscheinen).

Markert, Hartmut: Handlungsforschung für die pädagogische Praxis, in: Materialien zur politischen Bildung, Heft 2/1974.
Markert, Hartmut: Zur Konstruktion von Unterrichtsmodellen zur Friedenserzie-hung, in: Chr. Wulf (Hrsg.), Kritische Friedenserziehung, Frankfurt/M. 1973.

Meyer, Berthold: Friedensforschung in Tübingen - Überblick und Perspektiven, in: Attempto Heft 37/38 (1970), S. 24—26.

Meyer, Berthold: Militarismus - Rüstungskomplex (BRD) - Militärhilfe (Sammel-rezension) in: Sozialwiss. Informationen für Unterricht und Studium, 1, Heft 3, (1972), S. 10-14.

Meyer, Berthold: Von der Analyse des internationalen Drohsystems zur Entwicklung von Übergangsstrategien; sowie: Inhaltsangaben und Materialien zur 1. und 3. Sendung der Reihe „Erziehung zum Frieden", in: Süddeutscher Rundfunk (Hrsg.), Schulfunk, Heft 5/Mai 1971, S. 251ff. und S. 264ff.

Meyer, Berthold: Methoden der empirischen Sozialforschung in der Friedenserziehung, in: Materialien zur politischen Bildung (im Erscheinen).

Meyer, Berthold, Henning Schierholz: Wehrkunde oder Erziehung zum Frieden? in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 8/74.

Meyer, Berthold, Ulrich Storz: Bundeswehr-Werbung und gesellschaftlich-militärische Integration, in: Blätter für deutsche und internationale Politik (im Erscheinen).

Öhlschläger, Rainer (Hrsg.): Gesucht Friede. Ein Arbeitsbuch für die Erwachsenenbildung, Stuttgart 1974.

Schöning, Dietmar: Sozio-ökonomische Innovation als Friedensstrategie, in: Attempto, Heft 37/38 (1970), S. 27-31, nachgedruckt in: Die Schulwarte, 24 Heft 3/4 (1971), S. 8-13.

Wolfgang Kralewski/Hartmut Markert: Bedingungen Friedenspädagogischen Handelns von der Funktionsanalyse von Unterrichtsmodellen zur friedenspädagogischen Handlungsfroschung. In: Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (Hrsg.): Forschung für den Frieden. Boppart 1975, S. 181-188.

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