Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1970 - 1980 / Karl Kaiser: Friedensforschung und Erziehung (1970)

Karl Kaiser: Friedensforschung und Erziehung (1970)

Erziehung bietet den indirekten Weg zur Durchsetzung einer Praxeologie des Friedens. Dies kann auf zweifache Weise geschehen. Die Friedenswissenschaft kann Einfluß auf die politische Wirklichkeit ausüben, indem die zukünftigen Führungseliten ausbildet und hierbei dafür sorgt, daß die Ergebnisse, Normen und Strategien der Friedenswissenschaft, also auch der gesamte Komplex einer Praxeologie des Friedens, von denjenigen sozialisiert wird, die später als Beamte, Politiker, Verbandsfunktionäre usw. das politische Geschehen beeinflussen bzw. politische Entscheidungen treffen. Es geht hierbei also darum, „friedensorientierte Praktiker" heranzubilden, die mit den Ergebnissen der mittel- wie langfristigen Friedensforschung vertraut sind. Ein Blick auf den (vornehmlich juristischen)Ausbildungsgang, den die zukünftigen Führungskräfte heute durchlaufen, zeigt in eigentlich erschreckendem Maße, wie wenig diese mit den sicherheitspolitischen Problemen des atomaren Zeitalters, den Ursachen und Bedingungen von Konflikten oder den Möglichkeiten nationalen Konfliktverhaltens vertraut gemacht werde». Hier steht die Friedenswissenschaft vor einer kaum in Angriff genommenen riesigen Aufgabe.

Das gleiche gilt für den zweiten indirekten Weg der Durchsetzung einer Praxeologie des Friedens, der Ausbildung jener Lehrer, die an den Volks-, Oberschulen oder Berufsschulen den zukünftigen Bürger erziehen. Die sozialisierten Werte, die Meinungen und das Verhalten dieses Bürgers bedingen nämlich nicht nur den Frieden im Innern, sondern auch die Außen- und Sicherheitspolitik des von ihm getragenen und demokratisch beeinflußten Staatswesens. Über den „friedensorientierten Lehrer" zielt also die Friedenswissenschaft auf den mündigen Bürger.

Die Erziehung der zukünftigen Führungskräfte und des zukünftigen Bürgers unterscheidet sich zwar in wesentlichen Punkten - vor allem hinsichtlich der Konsequenzen, die aus den unterschiedlichen zukünftigen Funktionen zu ziehen sind -, jedoch teilt sie viele Probleme; im übrigen sprechen beide partiell den gleichen Adressaten an. Hierbei wäre zwischen einer individuellen und einer gesellschaftlichen Dimension zu unterscheiden.

Das Problem einer Erziehung zum Frieden wird einmal als eine Frage der Beeinflussung von Individuen, ihrer Wertvorstellungen und ihrer Verhaltensweisen gesehen (1). Dies ist auf dein Gebiet der Friedenserziehung nach wie vor die vorherrschende Betrachtungsweise. Sie beruft sich oft auf die UNESCO-Präambel: „Da Kriege im Geiste von Menschen entstehen, müssen auch im Geiste der Menschen die Bollwerke des Friedens errichtet v/erden." Im Zentrum der daraus abgeleiteten Pädagogik steht der Versuch, Veränderungen von Einstellungen, Stereotypen, Vorurteilen und Images zu erreichen und zu neuen rationalen und funktionalen Formen des Verhaltens, vor allem für Konfliktfälle, zu erziehen. Über das Bewußtmachen und den Abbau von Vorurteilen über Völker und Gruppen, über ein besseres Verstehen für deren spezifische Strukturen und Probleme soll ein neues Verständnis für eine interdependent gewordene Welt geschaffen werden. Mannigfache Forschungsergebnisse der verschiedensten Disziplinen der Erziehungs- und Sozialwissenschaften sind für die pädagogische Praxis relevant. Ihre Auswertung befindet sich jedoch immer noch im Anfangsstadium. Hierzu gehören beispielsweise psychologische Untersuchungen über Aggression, über die Entstehung nationaler oder ethnischer Vorurteile, über den Prozeß des Abbaus von Stereotypen, über den Einfluß von Massenmedien auf die Sozialisation von Werten oder auf menschliches Verhalten. Aber auch innerhalb der Schulpädagogik selbst bietet das weite Feld der Didaktik der einzelnen Fächer wie Geschichte, Sozialkunde, Religion oder Deutsch der Friedensforschung ein reiches, bisher noch ungenügend bearbeitetes Arbeitsfeld. Hier berührt das Problem der Erziehung zum Frieden die Frage der Schulbücher, der Lehrpläne, der Sozialpädagogik und Schulpsychologie, des Lehrstils und der Schulstruktur, also den breiten Bereich der Bildungspolitik.

Zum anderen muß jedoch die Friedenserziehung in ihrer gesamtgesellschaftlichen Dimension gesehen werden. Die in der UNESCO-Präambel zum Ausdruck kommende Auffassung sieht das Problem der Erziehung nicht genügend im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und Institutionen en Determinationen von Frieden und Krieg. Diese Problematik kann nicht nur als eine Frage der Erziehung einer möglichst großen Zahl von Individuen gesehen v/erden (nicht ohne Zufall herrschte in dieser Denkrichtung in der Vergangenheit vor allem die Individualpsychologie vor). Beim Ausbruch kollektiver Gewaltanwendung spielen andere Faktoren eine große Rolle: geschichtlich gewachsene Institutionen, Traditionen, ökonomische Gegebenheiten, transnationale interdependente Zusammenhänge, internationale Strukturen usw. Sie alle sind mehr als bloße Summen individuellen Verhaltens. So wichtig also die Bewußtmachung von Aggressionen, die Herausbildung von Toleranz oder der Abbau von Vorurteilen auch ist, so müssen dennoch jene größeren, gesamtgesellschaftlichen und internationalen Zusammenhänge im Lernprozeß der Individuen offenkundig gemacht und Konsequenzen daraus gezogen werden(2).

 

1) Zur Friedenserziehung von Individuen vgl. Christel Küpper und Matthias Lobner: „Friedensforschung auf dem Gebiet der Pädagogik". In: Zukunfts- und Friedensforschung-Information, Sonderheft Pädagogik, Jg. 4, Nr. 3, September 1968,S.57 ff.

2) Ähnlich auch Senghaas: Abschreckung und Frieden, a.a.O., S.258 ff.

 

 

Karl Kaiser: Friedensforschung und Erziehung. In: Karl Kaiser: Friedensforschung in der Bundesrepublik. Gegenstand und Aufgaben der Friedensforschung, ihre Lage in der Bundesrepublik sowie Möglichkeiten und Probleme ihrer Förderung. Mit einem unter Mitarbeit von Reinhard Meyers ausgearbeiteten Verzeichnis von Forschungsinstitutionen und Gesellschaften sowie einer Bibliographie „Wissenschaft und Frieden". Studie im Auftrag der Stiftung Volkswagenwerk. Hannover 1970, S. 55-58.

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School