Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1970 - 1980 / Karl Friedrich Roth: Politische Bildung vor neuen Aufgaben? (1973)
Von dem großen - wenn auch nicht mehr in allen Aussagen bedeutsamen - Philosophen und Pädagogen Eduard Spranger stammt das Wort: „Der Primat des Politischen vor anderen Kulturangelegenheiten ist die Signatur unserer Tage." Politische Bildung ist deshalb seit Jahren nicht zu Unrecht ein immer bedeutsamer erscheinender Teil jeder Erziehung geworden. Die vielfältigen Aspekte, die gerade in jüngster Zeit um die bisherige Form, den Wert und Unwert der an den Schulen praktizierten politischen Erziehung diskutiert wurden, scheinen sich um eine neue Aufgabe zu erweitern. Seitdem der Heidelberger Politologe D. Sternberger „Frieden" als wichtigste „politische Kategorie" (1) bezeichnet hat, ist im Gefolge zunehmender atomarer Bedrohung der Erde durch fortdauernde Rüstungseskalation das Bemühen zur Friedenssicherung in gewaltigem Ausmaß gewachsen. In der Bundesrepublik hat die Initiative des Bundespräsidenten Dr. G. Heinemann, der sich damals nachdrücklich für die Förderung der Friedensforschung und damit zusammenhängender weiterer Aufgaben ausgesprochen hat, dazu geführt, daß Überlegungen für die Möglichkeiten einer Friedens- und Konfliktpädagogik einen neuen Stellenwert im öffentlichen Bewußtsein erhalten haben.
Theoretische Bemühungen um diese dringende Aufgabe sind in der Bundesrepublik in gewissem Umfang zwar seit der Katastrophe des 2. Weltkrieges nicht ausgeblieben (2), jedoch fanden sie offizielle Unterstützung im wesentlichen erst seit dem vergangenen Jahr, nachdem sich vorher private Institutionen (wie z. B. die „Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V. München" (3) dieser Aufgabe schon früher angenommen hatten.
Besonders die Bundeszentrale für politische Bildung hat durch die von ihr am 11. April 1970 herausgegebene Beilage der Wochenzeitung „Das Parlament" mit dem Aufsatz des Dozenten für Politikwissenschaft an der PH Nürnberg, Dr. Dr. Hans-Günther Assel, „Friedenspädagogik als Problem politischer Bildung" und durch die Dokumentation über die Arbeitstagung der Bundeszentrale für politische Bildung vom 15.-20. Juni 1970 in Saarbrücken mit dem Thema „Probleme der Friedenserziehung" auf die wartende Aufgabe aufmerksam gemacht. (Diese Dokumentation ist als Heft 90 der Schriftenreihe von der Bundeszentrale, 53 Bonn 1, Postfach, kostenlos zu beziehen.)
Neigung, Probleme zu verdrängen
Noch stellen sich diesem Problem bei dem Versuch der Verlängerung begrüßenswerter Einsichten in die schulische Praxis große Hemmnisse hindernd in den Weg. Sie wurden von Prof. Dr. Carl Friedrich Weizsäcker folgendermaßen umschrieben: „Im öffentlichen Bewußtsein (auch im pädagogischen - der Verf.) wird dieses Problem der Verhütung eines atomaren Weltkrieges heute weitgehend psychologisch verdrängt, obwohl es eine ständige intensive Diskussion der Experten über diese Fragen gibt. Man begnügt sich, wenn die Frage auftaucht, mit einer eigentümlichen Mischung von Sicherheit und Fatalismus, etwa ausgedrückt in den Sätzen: ‚Die großen Waffen sichern den Frieden' und ‚Wenn der große Krieg kommt, ist sowieso alles aus'. Man schiebt das Problem gerade wegen seiner Übergröße ab und wendet sich dann wieder den Sorgen und Interessen des Tages zu. Wenn aber eine politische Haltung die Gefahr eines großen Krieges herausfordert, so ist es diese." (4) In seinem bekannt gewordenen Buch „Die Lerngesellschaft - Das Kind von heute - Der Mensch von morgen" hat Karl Bednarik etwas ähnliches festgestellt, wenn er sagt, daß wir uns in einer „progressiven Lerngesellschaft" befinden und daß wir auch „alle paar Jahre dazu lernen, wenn nicht gar völlig neu und umlernen müssen", sowie an der Erziehungswirklichkeit folgendermaßen Kritik übte: „... Wir haben wohl Ansätze zur Charakterbildung und Menschenführung, wir haben psychologische Maßnahmen, um entstehende Neurosen zu bekämpfen, wir lehren die Knaben das Rechnen und Schreiben und vermitteln ihnen Berufe, aber auf den wichtigsten Gebieten, die für die männliche Entwicklung entscheidend sind, nämlich jenen des aggressiven Grundverhaltens..., überlassen wir sie - von wenigen Ausnahmen abgesehen - völlig sich selbst und ihren Altersgenossen." (5)
Gewiß ist Friedenssicherung und Friedensgewinnung in erster Linie eine Aufgabe der Politik, Diplomatie, des Völkerrechts und weiterer sozialer Bereiche. Aber auch der kulturellen Gesittung und nicht zuletzt der Bildung fällt dabei eine wichtige Aufgabe zu, können sie doch ein „öffentliches Klima für den Frieden" vorbereiten. Es ist vielleicht nicht uninteressant darauf zu verweisen, daß bereits vor einem Jahrzehnt in der „Bayerischen Schule" durch meinen Aufsatz „Erziehung zum Friedensdenken" (6) (Nr. 35/36 - 1961) und seitdem noch mehrere Male diese Thematik aufgegriffen wurde. Wie sehr Nietzsche mit seiner bekannten Bemerkung „der Geist bewegt die Welt auf Taubenfüßen" (d. h. mit kleinsten Schritten) recht hatte, mag man daraus erkennen, daß diese lebenswichtige Thematik auch in den jüngsten „Lehrplänen für die Grundschule Orientierungsstufe und Hauptschule" (Band 1 von „Schulreform in Bayern" hrsg. vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus 1970) unmittelbar nur bei der Soziallehre für die 9. Jahrgangsstufe mit dem Hinweis „kein Weltfrieden ohne Lösung der sozialen Spannungen" (S. 268) und beim Stoffplan für die 9. Klasse in Geschichte mit dem Begriff „Der Weltfriede als Aufgabe und Hoffnung" in Erscheinung tritt. Dabei hat der frühere Schriftleiter der „Bayerischen Schule" Carl Weiß schon im Jahre 1961 zum seinerzeitigen Bildungsplanthema „Um den Frieden der Welt" kritisch angemerkt, daß überhaupt keine weiteren grundlegenden Begriffe genannt worden sind. (7) Während bei den „überfachlichen Bildungseinheiten" in den Richtlinien für die Volksschuloberstufe vom Jahre 1963 das Thema „Um den Frieden der Welt" (8) noch mit folgenden Unterbegriffen „Die zunehmende Gefährlichkeit des Krieges - Friedensbestrebungen in der Vergangenheit - Bemühungen um den Frieden in der Gegenwart: Bündnisse, Gleichgewichtspolitik, Abrüstungsbestrebungen - Die Vereinten Nationen - Kulturelle Zusammenarbeit - Das Wirken internationaler Verbände und der Kirchen - Pflege der zwischenmenschlichen Beziehungen" vertreten war, ist man bei den neuesten Lehrplänen erstaunlicherweise wieder etwas bescheidener geworden.
Zugegebenermaßen handelt es sich hier um eine sehr vielschichtige und auch schwierige Problematik. Wenn aber die Erziehungstheorie und die Erziehungspraxis allzuviel Abstinenz bei diesen Fragestellungen übt, wird man sich nicht wundern dürfen, daß die Enttäuschung der Hoffnungen, welche nicht nur die Friedenswissenschaft, sondern auch andere wissenschaftliche Disziplinen (9) auf sie setzten, zu einer Schmälerung ihres Ansehens führen können. Man wird auch nicht sehr erstaunt sein dürfen, wenn ernstzunehmende (wenn auch zunächst absurd erscheinende) Fragen, wie die folgende, zum Friedensproblem gestellt werden:
„Sollte dieses Problem weder durch erzieherische noch sozialpolitische Maßnahmen befriedigend zu lösen sein, so könnte die Frage an die Genforschung lauten, ob künstliche Genmutation in Richtung auf ein friedliches Wesen Mensch möglich ist..." (10) Da sicher nur eine breite Reflexion und Diskussion über die weite Problematik einer „Erziehung zum Frieden" zu konkreten Schritten auf dem Weg zu einer Realisierung vorwärts führen kann, möchten die nachfolgend dargestellten Thesen nachdenklich machen und provozierend wirken sowie eine Reflexion und - wenn möglich - auch Diskussion in Gang setzen.
Sie erscheinen heute besonders wichtig, da immer noch für unsere gegenwärtige Bildungssituation die Aussage gilt: „Eigenartige Bildungsplanung, die für alle möglichen Fächer Spezialisten beauftragt und bezahlt, die aber kein Geld hat, daß sich Fachleute damit beschäftigen, wie der Mensch zum Frieden erzogen werden kann." (11)
Thesen zur Friedenserziehung (12)
A Feststellungen zur Sachlage
1. Friede wird heute abstrakt als wichtigste „politische Kategorie" (D. Sternberger) weitgehend anerkannt. Bei zugegebener Unausweichlichkeit von Konflikten aller Art untersucht eine sich entwickelnde Friedenswissenschaft Möglichkeiten zu gewaltloser Konfliktlösung. Der Erziehungswissenschaft und der Erziehungspraxis stellen sich die Aufgaben, wie zu der dadurch notwendig gewordenen allgemeinen Änderung des Bewußtseins, von Verhaltensweisen und Handlungsgewohnheiten ein förderlicher Beitrag geleistet werden kann.
2. Für diese Aufgabe ist zunächst auf breiter Ebene das notwendige Problem- und Aufgabenbewußtsein noch wenig entwickelt. Der dringlichen Arbeit stehen noch eine Reihe von Hemmnissen entgegen. Diese liegen in der Tatsache, daß die Erziehungswissenschaft als junge Wissenschaft noch grundsätzlich um ihre Anerkennung ringt, daß sie noch häufig sehr im Denken in der „pädagogischen Provinz" befangen ist, sich von der Indienstnahme für sachfremde Ziele nur schwer befreit und deshalb den erforderlichen Weltbezug als Problemzusammenhang mit dem Frieden sowohl in der Theorie als auch in der Praxis erst aufzunehmen beginnt. Unter dem Leistungsdruck der modernen Gesellschaft findet sie dazu noch nicht leicht den Abstand von nächstliegenden Aufgaben, deren Dringlichkeit nicht bestritten wird, und die Muße, um neue wichtige Einsichten sowie Erfahrungen zu gewinnen und zu verarbeiten.
3. Ansätze zu friedenspädagogischen Überlegungen und Forderungen gehen deshalb zu einem großen Teil von nicht unmittelbar pädagogisch-relevanten Gruppen (politischer, religiös-kirchlicher sowie allgemein wissenschaftlicher Art usw.) aus.
4. Die gegenwärtige noch weithin wirksame politische Praxis von Droh- und Gewaltstrategien erschwert zusätzlich die Inangriffnahme der drängenden pädagogischen Fragestellungen, da sie oft mehr als intentionale, pädagogische Aufklärungsbemühungen auf die heranwachsende Generation wirksam ist und Bewußtseinserweiterungen erschwert.
5. Aus dieser kurz dargestellten Sachlage ergibt sich, daß bei friedenspädagogischen Initiativen einerseits keinem übermäßigen Optimismus, aus der Situation des „Zwanges zum Frieden" (Carl Friedrich von Weizsäcker) andererseits jedoch auch keinem abgrundtiefen Pessimismus gehuldigt werden darf.
B Forderungen an eine Friedenslehre und Friedenspädagogik
1. Friedenserziehung muß mit aus diesem Grunde als ein permanenter Prozeß und zugleich als ein Bildungsprinzip, das in allen Erziehungsbereichen und Erziehungsfächern mit klaren Lernzielen wirksam ist, verstanden werden. Sie hat alle Ansätze zu friedenspädagogischen Bemühungen zu registrieren, zu verwerten und in Verbindung mit den Initiatoren auch gegen vorhandene Widerstände weiterzuentwickeln.
2. Eine geforderte Theorie der Friedenserziehung hat für die wertgebundene Friedenspädagogik aus der Tatsache der „Notwendigkeit des Friedens" sowie der in der bisherigen Weltentwicklung ohne Präzedenzfall vorhandenen Weltsituation (mit der Möglichkeit der Selbstvernichtung) die Frage zu erörtern, ob Erziehung in unserer Lage nicht überhaupt nur mehr als „Erziehung zum Frieden" definiert, analysiert und beschrieben werden muß. Dazu sind systematische und historische Untersuchungen in Verbindung mit einschlägigen weiteren wissenschaftlichen Disziplinen erforderlich. Gleichzeitig verlangt Friedenspädagogik die Erörterung von vorhandenen bzw. eventuell nicht vorhandenen menschlichen Voraussetzungen zur Friedensfähigkeit (Freud, Lorenz, Mitscherlich, Gamm usw.) sowie gegebenenfalls die Erkundung von Möglichkeiten zu deren Entfaltung. (Intentionale und funktionale Erziehungswege).
3. Theorie und erzieherische Praxis sollten dabei in einem neuen, lebenspraktischen Zusammenhang gesehen und verbunden werden, um ein speziell in Deutschland oft verhängnisvoll gewordenes Verhältnis der beiden Faktoren zu fruchtbarer gegenseitiger Ergänzung zu ermöglichen. (Überkommene Grundformen des Denkens - bzw. das dissoziative „Denken in Gegensätzen" - wären neu zu verstehen und zu bewerten). Die Umkehrung von „reinem" zum erfahrenden Denken wird ein notwendiger Schritt sein, mit dem die Erziehung auf den Spuren der Reformpädagogik die Menschen befähigen kann, die gewandelte Welt zu verstehen und in ihr zu leben.
4. Eine solche Aufgabe kann nur in interdisziplinärer aber auch nur in internationaler Zusammenarbeit auf weltweiter Ebene erfolgreich begonnen und weitergeführt werden, wobei die Erfahrungen vieler Kulturbereiche zusammenwirken müssen.
5. Ein neu zu gewinnendes Selbstverständnis der Erziehung als Friedenspädagogik hat die Kritik der Bedingungen des allgemeinen Unfriedens mit zu ihrem Inhalt zu erheben. Außerdem darf sie nicht verkennen, daß die Aggressionsproblematik nicht nur personalisiert werden kann, ohne gesamtgesellschaftliche Faktoren zu reflektieren.
6. Fragen, wie bisher in der Geschichte unserer Staatenwelt internationale und andere Probleme mit falschen Mitteln der Gewaltsamkeit gelöst worden sind, wie Haß- und Gewaltfronten entstehen konnten (nationale oder ideologische Verblendung, Vorurteile und Klischees, rassische und andere Ressentiments, welche Fremd- und Selbsttäuschung hervorrufen), wären in ideologiekritischer Haltung zu analysieren, um ein vertieftes und geschärftes Bewußtsein aufzubauen.
7. Friedenspädagogik hat unter Berücksichtigung der Frage nach dem Normativen Verhaltensweisen und Einstellungen, die dem Frieden förderlich sind, wissenschaftlich zu beschreiben und festzulegen sowie solche Verhaltenspostulate als Forderungen an die praktische Erziehung zu stellen. In diesem Zusammenhang wird die Frage des Erziehungsstiles (autoritär oder sozial-integrativ) besonders relevant.
8. In enger Verbindung mit einer ständig Erfolgsmessung betreibenden Praxis sind unter Berücksichtigung biologischer, sozial- und tiefenpsychologischer sowie soziologischer und historischer Voraussetzungen Modelle friedensfördernder Verhaltensformen zu entwickeln, welche attraktiv genug sind, negative Modelle unbeherrschter Aggression auszuschalten.
9. Diese weitreichende Aufgabe betrifft sämtliche Bildungs- und Unterrichtsbereiche von der ethisch-religiös-sittlichen Erziehung, welche Selbsterkenntnis, Selbstbestimmung und ethische Selbststeuerung des Menschen zu ermöglichen hätte, über eine zeitgemäße historisch-politische Bildung, die die Vergangenheit mehr befragt als darstellt, und Faktoren der Friedensgefährdung, die Geschichte der vermiedenen Kriege sowie die Geschichte der gewaltlos entstandenen Veränderungen im Leben der Völker und die Geschichte gewaltloser Kämpfe zu ihrem Gegenstand macht, bis zu allen weiteren Bildungskanons eines neuzeitlichen Curriculums. Neben der Erarbeitung von neuen Lehrzielen in den einschlägigen Fächern und der Entwicklung von Möglichkeiten zu praktischer Betätigung im Sinne der Toleranz, des fair-play und hilfsbereitem Verhalten gegenüber dem Mitmenschen sowie als Übungsfeld zur Pflege der verlangten „Tugenden" (Sensibilisierung) muß es darauf ankommen, die schöpferischen Fähigkeiten des Menschen nicht nur in der intellektuellen Bildung zu fördern, sondern auch in der Arbeit und Kunst (ästhetische Erfahrung) zum Ausdruck bringen zu lassen sowie sie die Harmonie und den Rhythmus in der Natur erkennen und schätzen zu lehren.
10. Die Realisierung derartig weitreichender Pläne, welche einer education permanente gleichkommt, erfordert Aktivität und Planung nach vorhergehender Reflexion, die nicht dazu führen darf, auf Aktion zu verzichten (ohne in „Aktionismus" auszuarten), in sämtlichen Bildungsbereichen von der Familie und dem Kindergarten (antiautoritäre Erziehung?) angefangen über alle Arten von Schulen und Bildungsstätten bis zur Erwachsenenbildung.
11. Besondere Aufmerksamkeit muß dabei den starken Einflüssen, die noch in diesen genannten Bereichen und besonders auf dem Gebiet der „geheimen Miterzieher" (Massenmedien usw.) friedenspädagogischen Intentionen entgegenarbeiten (bewußt und unbewußt), zugewendet werden, um diese Wirkungen allmählich besser zu erkennen, abzubauen und durch positive Einwirkungen zu ersetzen.
12. Über die Frage hinaus, wie man als Voraussetzung jeglicher Friedenspädagogik „Friede mit sich selbst" gewinnen kann, sollten Themen einer Friedenslehre ebenfalls „Friede in Gemeinschaften und Gruppen" (Friede zwischen Ehepartnern - Friede zwischen alt und jung - Friede im Betrieb, in Gemeinden und politischen Verbänden) bilden.
13. Für die langfristige Aufgabe der Friedenspädagogik sind neue unterrichtliche und erzieherische Methoden zu entwickeln, die bei Verhinderung von Streßsituationen bei Erziehern und zu Erziehenden optimale Erfolge unter Einsatz moderner Bildungsmittel (akustisch-visuelle sowie programmierte Unterrichtsformen) versprechen.
14. Als Träger einer Erziehung zum Frieden sind im Augenblick vor allem Minderheiten gefordert, welche begünstigt durch die Entfaltung einer kritischen Wissenschaft sich mit starkem persönlichem Engagement, Mut und sogar Verwegenheit gegen mächtige Institutionen, Traditionen und Herrschaftsinteressen durchsetzen müssen. Dabei ist nicht zu übersehen, daß Friedenserziehung - wie vielleicht jede Erziehung - eine „reale Utopie" (Chr. Küpper) darstellt und jede ungebührliche Dramatisierung der Problematik nur schädlich sein kann.
15. Für Berufserzieher, denen bei einer zukünftigen Friedenspädagogik eine besonders wichtige Aufgabe zufällt, wird es bedeutsam sein, daß sie ihrer ambivalenten Stellung gegenüber der Gesellschaft, deren Normen sie als ihr Repräsentant einerseits vor der Jugend vertreten und die sie andererseits zugleich mit dem kritischen Auge des auf Veränderung dieser Gesellschaft abzielenden Pädagogen sehen müssen, bewußt bzw. bewußt gemacht (Lehrerbildung) werden.
Anmerkung zur Literatur:
Interessenten an weiterführender Literatur werden auf die Zusammenstellung in Nr. 19/1969 der „B. Sch." S. 443 verwiesen. Seitdem sind an Neuerscheinungen wichtiger Art für den Pädagogen zu nennen: „Der Friede im Blickfeld der Pädagogik" (Tagungsbericht der Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V., München) 94 S. DM 5,- und „Zur Grundlegung der Friedenserziehung" v. M. R. Lobner (Arbeitsheft 2 der genannten Studiengesellschaft) 1970,168 S. DM 6,-. Bei ihr ist auch eine umfangreiche Bibliographie zur Friedenserziehung erhältlich (44 S. DM 5,-).
„Einführung in die Wissenschaft von Krieg und Frieden" v. B. V. A. Röling (Neukirchener Verlag des Erziehungswesens 1970, 275 S.). Dieses ausgezeichnete Werk ist von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, kostenlos erhältlich.
Über die Situation der Friedensforschung in der Bundesrepublik und die bescheidenen Ansätze einer Friedenspädagogik orientieren:
„Friedensforschung in der Bundesrepublik" v. K. Kaiser (Vandenhoeck u. Ruprecht Göttingen-Stiftung Volkswagenwerk 1970, 269 S.) sowie vom Inhaber des Lehrstuhls für Politikwissenschaft an der PH München-Pasing P. Noack „Friedensforschung - ein Signal der Hoffnung?" (Eurobuch-Verlag Freudenstadt 1970,150 S.).
„Muß Krieg sein?" v. Jerome D. Frank (Verlag Darmstädter Blätter 1968, 491 S.) mit einem Vorwort v. Senator J. W. Fulbright und f. d. deutsche Ausgabe von Prof. Dr. H. J. Gamm) führt in die psychologischen Aspekte von Krieg und Frieden ein. - In „Möglichkeiten und Wege der Friedenserziehung" von K. Fr. Roth (Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft mbH. Essen 1970, 32 S.) findet der an einer kurzen Einführung interessierte Erzieher den Zugang zu theoretischen und schulpraktischen Überlegungen für die Konfliktpädagogik. In „Ist Friede machbar?" (Band 51 der „Münchener Akademie-Schriften") Kösel Verlag München 1969, 139 S., hat u. a. auch der jetzige Kultusminister Prof. Dr. Hans Maier zum Friedensthema Stellung genommen.
Die Diskussion um friedenserzieherische Fragestellungen hat sich neuerdings verbreitert und zusätzlich eine „kritische" Dimension erhalten. Gleichzeitig scheint es, daß ein zunächst etwas modisch bestimmtes öffentliches Interesse an friedenswissenschaftlichen und friedenserzieherischen Problemen infolge der gewachsenen Aktualität der Fragen des Umweltschutzes und der Lebensqualität abgenommen hat.
Durch die am 27. Oktober 1970 in Bonn gegründete „Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Friedens- und Konfliktforschung", die sich auch friedenserzieherischer Grundlagenforschung zuwendet, sind inzwischen eine Reihe von Forschungsaufträgen vergeben worden.
In der theoretischen Diskussion um die Friedens- und Konfliktpädagogik haben sich auch kontroverse Auffassungen entfaltet und die Problematisierung bisheriger Thesen nimmt ihren Fortgang.
Wer sich über die Jüngere und jüngste Entwicklung auf dem komplexen und schwierigen Feld friedenserzieherischer Probleme unterrichten will, sei auf nachfolgende Werke aufmerksam gemacht:
„Friedensforschung - Friedenspädagogik" von Rainer Kabel und H. G. Assel als Heft 88 der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung für das inzwischen vergriffene Heft 90 „Probleme der Friedenserziehung" bei der Bundeszentrale für politische Bildung (53 Bonn 1, Postfach) erschienen und von dort kostenlos erhältlich.
„Waffenlos zwischen den Fronten - Die Friedenserziehung auf dem Weg zur Verwirklichung" von H. 0. Franco Rest. Verlag Styria Graz-Wien-Köln 1971,347 Seiten.
„Frieden - Herausforderung an die Erziehung" (Probleme - Orientierungshilfen - Unterrichtsmaterialien) von 0. Dürr, Calwer Verlag Stuttgart 1971, 240 Seiten.
„Friedenspädagogik heute" von Pfister/Wolf, Universitätsverlag Becksmann, 78 Freiburg i. Br., Postfach 1555, 102 Seiten, 1972 „Zur Theorie und Praxis der Friedenspädagogik" von Johannes Esser, Jugenddienstverlag Wuppertal 1973.124 Seiten.
Als Arbeitshefte der „Studiengesellschaft für Friedensforschung" München sind inzwischen weiter erschienen:
Heft 3 „Friedenserziehung im Schulunterricht" - aus dem Niederländischen, 123 Seiten
Heft 4 „Unterrichtsmodelle zur Friedenspädagogik l - Thema: Südamerika", 90 Seiten
Heft 5 „Unterrichtsmodelle zur Friedenspädagogik II - Thema: Zum Problem der Aggression", 152 Seiten
Während die genannten Hefte 2 bis 5 von der Studiengesellschaft für Friedensforschung e. V. München zu beziehen sind, sind die zuletzt erschienenen Arbeitshefte „Historisch-politische Friedenserziehung" v. A. Kühn, G. Haffmanns u. A. Genger sowie „Politisches Lernen in der Grundschule" v. P. Ackermann beim Kösel Verlag München herausgekommen, bei dem auch die in Vorbereitung befindlichen Hefte „Manipulation durch Sprache" (Arbeitstitel) sowie „Rüstung und Abrüstung" (Arbeitstitel) erscheinen werden. Als Medienpaket zur Friedenserziehung (m. Tonband, Dias, Folien und Begleitmaterial mit Arbeitsblättern ist soeben beim Calig-Verlag, München, das Tonbild „Der Sieg heißt Friede" als gutes optisch-akustisches Hilfsmittel für die Hauptschul-Abschlußklasse erschienen und dürfte bei den Stadt- und Kreisbildstellen bereits zum Teil erhältlich sein.
An pädagogischen Zeitschriften haben „Bildung und Erziehung" Ernst Klett Verlag Stuttgart, Heft 5/1972 und „Zeischrift für Pädagogik", Beltz Verlag, Weinheim, Heft 2/1973 den Themen der Friedenserziehung gewidmet.
Anmerkung: Eine vom Verfasser des vorliegenden Beitrages erstellte Unterrichtsskizze zur Friedenserziehung in der Grundschule „Die Toten der Kriege mahnen zum Frieden" ist als im Auftrag des BLLV hergestellter Sonderdruck aus der Zeitschrift „Die Scholle" bei Einsendung eines mit der Anschrift versehenen Freikuverts (normales Briefkuvert mit 25 Pf frankiert) von Karl Friedrich Roth, 897 Immenstadt, Bahnhofstr. 23, erhältlich.
1) Siehe Dolf Sternberger „Begriff des Politischen - Der Friede als dar Grund und das Merkmal und die Norm des Politischen", Frankfurt 1961.
2) Vgl. Literaturbericht zur Friedenserziehung von Karl Friedrich Roth In „Gesellschaft - Staat - Erziehung" Heft 6/1970, S. 410-413.
3) Anschrift: 8000 München 19, Bernhard-Borst-Str. 3.
4) In „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung" (aus Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament" Nr. B 1/71 v. 2. Januar 1971, S. 5).
5) Verlag Molden, Wien-München 1966, S. 7/8.
6) Der genannte Aufsatz wurde in dem Sammelband „Friedenspädagogik" aus der „Erziehungswissenschaftlichen Reihe" der Akademischen Verlagsgesellschaft Frankfurt/Main 1970, 188 S. (Hrsg. Prof. Dr. H. Rohrs) unter den 13 Beiträgen von A. Schweizer, Carl Jaspers, Maria Montessori, Carl Fr. v. Weizsäcker usw. aufgenommen.
7) In „Die Bayerische Schule" Nr. 26/1961.
8) Vom Verfasser des vorstehenden Aufsatzes wurden in dem mit einem Preis ausgezeichneten Buch „Erziehung zur Völkerverständigung und zum Friedensdenken" (Verlag Ludwig Auer Donauwörth 1967, 128 S.) auf geschichtlicher und sozialkundlicher Grundlage die wesentlichen Punkte herausgearbeitet, die für eine persönlich-aktive Friedenserziehung junger Menschen notwendig sind. Eine kurze Einführung liegt In seiner ebenfalls im Buchhandel erhältlichen Broschüre „Möglichkeiten und Wege der Friedenserziehung" (Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft mbH. Essen 1970,32 Selten) vor.
9) In „Internationale Beziehungen" (Fischer Lexikon Nr. 7, 1969, Hrsg. H. D. Bracher/E. Fraenkel) heißt es: „Friedenspolitik muß bei der Erziehung des Menschen als eines gesellschaftlichen Wesens einsetzen" (S. 119).
10) Aus „academia" (Zeitschrift des Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen CV Heft 5/1970. S. 185).
11) Aus „Erziehung zum Frieden durch Versöhnung" (Hrsg. Deutsche Pax-Christisektion) zum Welttag des Friedens am 4.1.1970, Frankfurt/M., S. 11.
12) Diese Thesen, die manchen Erziehern zunächst fremdartig erscheinen mögen, wurden auch auf der Gesamtsitzung der BHSt am 7.11.1970 in Markt-Oberdorf zur Diskussion gestellt.
Karl Friedrich Roth: Politische Bildung vor neuen Aufgaben? - Überlegungen zur Konflikt- und Friedenspädagogik. In: Wissenschaft und Praxis, 10. November 1973. Bayerische Schule, S. 13-16
Karl Fr. Roth, Oberlehrer, Jahrgang 1916, verheiratet, 1935 Abitur an der Oberrealschule Kempten, 1935-1937 Studium an der Hochschule für Lehrerbildung München-Pasing, nach anschließendem Wehrdienst, Kriegsteilnahme und Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion bis 1950, Schuldienst an der Grundschule Immenstadt, Kreisbildstellenleiter und Mitarbeiter in BLLV-Gremien sowie in der Studiengesellschaft für Friedensforschung e. V. München, der Pax-Christi-Fachkommission „Friedenserziehung", dem VdH-Arbeitskreis „Konfliktforschung und Friedenserziehung", Mitglied des Kultur- und Schulbeirats des Landkreisverbands Bayern und stellvertretender Vorsitzer des Pädagogischen Landesbeirats Bayern des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Veröffentlichungen: „Erziehung zur Völkerverständigung und zum Friedensdenken (Verlag Ludwig Auer Donauwörth 1967), „Möglichkeiten und Wege der Friedenserziehung" (Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft mbH. Essen) und Aufsätze in Fachzeitschriften zur Friedens- und Konfliktpädagogik.