Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1970 - 1980 / Johan Galtung: Neue friedenstrategische Rollen: Frieden als Beruf? (1974)
Carl-von-Ossietzky-Vorlesung
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!
Es ist eine große Ehre für mich, hier in Bonn zu Ihnen sprechen zu dürfen, als der erste Gastprofessor des Carl-von-Ossietzky-Lehrstuhls für Friedens-und Konfliktforschung. Ich wünschte, ich könnte Deutsch in Sprache und Schrtft so beherrschen wie Carl von Ossietzky - aber da mir das nicht gegeben ist, muß ich Sie bitten, mein gebrochenes Deutsch mit etwas Geduld anzuhören.
Carl von Ossietzky: Einheit von Leben und Werk
Ich habe gerade jetzt sehr viel von Carl von Ossietzky gelesen und habe es außerordentlich interessant gefunden. Ich habe seinen Stil bewundert, ich habe auch die konkrete politische Kritik in seinen Schriften vorbildlich gefunden als Ausdruck seiner Zeit, als Zeitspiegel - aber ich habe keine eigentlichen »Zitate" finden können. Ich haben den Eindruck gewonnen, das Wichtigste an Ossietzky war nicht der Inhalt dessen, was er geschrieben hat, sondern die konkrete Stellungnahme an sich, sein Mut, seine Einsicht, sein Formulierungsvermögen: seine Fähigkeit, eine Gesellschaftsstruktur transparent werden zu lassen - aber das Wesentliche an ihm war seine Handlung. Sein Leben war sein bestes Werk.
In seiner Rede im Jahre 1936 hat der Vorsitzende des Norwegischen Nobelpreiskomitees, Fredrik Stang. etwas ähnliches über Carl von Ossietzky gesagt; nämlich, daß es das Wichtigste war, in Carl von Ossietzky ein Symbol der Antimacht gefunden zu haben - einen Menschen, der immer bereit war, offen zu sprechen, Kritik zu üben und seine Worte in Taten umzusetzen. Die beste Friedensforschung ist immer die reflektierte Friedenshandlung; die beste Wissenschaft ist die Praxis, ist in Handlungen umgesetzte Theorie. Carl von Ossietzky ist dafür ein gutes Beispiel.
Wenn man die alten Zeitungen in Norwegen durchschaut, dann stellt man fest, daß dieselben Kräfte, die heute gegen Friedensforschung, gegen Verständigung und gegen die Schaffung eines wahren Friedens gerichtet sind, auch damals schon, 1936, gegen Carl von Ossietzky gerichtet waren: die Polarisierung war genau dieselbe. In Carl von Ossietzky hat man deshalb ein gutes Sinnbild für die Friedensforschung gefunden, wie wir sie heute zu verwirklichen versuchen. Es ist heute Abend meine Aufgabe, das ein wenig zu vertiefen: deswegen habe ich als Thema gewählt „Neue friedensstrategische Rollen:Frieden als Beruf?" mit einem Fragezeichen.
Ich möchte mit der Feststellung beginnen, daß die Friedensproblematfk früher, sagen wir vor 10 oder 20 Jahren, viel einfacher war: durch die Forschung wird alles immer komplizierter. Ich glaube, das ist vielleicht auch unsere Aufgabe; möglicherweise haben wir ein verschleiertes Interesse daran, denn würden wir die Dinge nicht ständig komplizierter machen, stets weiter differenzieren, hätten wir als Forscher vielleicht bald keine Arbeit mehr. Aber andererseits glaube Ich sagen zu können, daß wir auch einiges herausgefunden haben.
Vielleicht sehen wir zum Beispiel heute deutlicher, daß es liberale und marxistische Friedensvorstellungen gibt; aber vielleicht sehen wir auch heute deutlicher, daß „Liberalismus contra Marxismus" eine falsche Dichotomie ist - aber wir leben immer unter dem Druck falscher Dichotomien, besonders in den Vorstellungen vom Frieden.
Liberale Friedensvorstellungen
Die liberalistischen Friedensmodelle stellten sich Frieden als eine Ordnung zwischen Staaten, einer Reihe beliebiger Staaten, vor; also eine wohlausgeklügelte Ordnung bilateraler und multilateraler zwischenstaatlicher Beziehungen. Wenn man diese beiden Formen weiter unterteilt in ad-hoc-Beziehungen und permanente Beziehungen, dann ergeben sich daraus unmittelbar die vier Hauptformen von Diplomatie:
1. die bilaterale ad-hoc- oder Gesandten-Diplomatie;
2. die bilaterale permanente oder residente Diplomatie;
3. die multilaterale Konferenzendiplomatie und
4. die internationalen Organisationen auf Regierungsebene, die international governmental organisations oder „IGO's".
Stellt man dies In einem Koordinatenkreuz dar Entwicklung, dann sieht man, wie seit der Renaissance der Diplomatie eine Z-Figur durchlaufen worden ist: von den ersten Unterhändlern mit weißer Fahne, dann zu den fast 40 000 bilateralen Diplomaten, die es heute gibt (die Zahl ist etwa so hoch wie die Anzahl der Jesuiten), und über die phantastische Menge internationaler Konferenzen hin zu den rund 500 internationalen Organisationen auf Regierungsebene, die wir heute haben. Dabei kann man jede beliebige Staatsform einsetzen, vorausgesetzt, man findet auf der bilateralen Ebene ein Gleichgewicht, bzw. auf der multilateralen Ebene eine Organisationsform, die eine gewisse Isomorphie mit der bilateralen Ebene ausdrückt und fähig zu Problem- oder Konfliktlösungen ist. Frieden wird dann ais eine Struktur auf einer inter- oder supranationalen Ebene angesehen, die sui generis existiert; das Intra-nationale spielt eine sekundäre Rolle.
Wer sind dann die konkreten Träger dieser liberalen Friedenslösungen? Das sind die Professionellen, Menschen, die speziell dafür ausgebildet wurden, Diplomaten und Experten. Während sie früher aus den Kreisen des Adels kamen, werden sie heute nicht mehr mit „Sir" angeredet, sondern mit „Herr Dr." - und kurioserweise sind dieselben Leute, die sonst sehr anti-„Sir" sind, sehr häufig außerordentlich pro „Herr Dr." und sehr verärgert, wenn man diesen Titel wegläßt. Kurz gesagt also: es ist eine Oberkaste von Professionellen, die sich da einmischen und sich anschicken, ihre Macht für ihre Friedenslösungen in der Praxis voll einzusetzen.
Marxistische Friedensvorstellungen
Dann gibt es marxistische Formen von Friedensvorstellungen, die selbstverständlich das Gegenteil des eben Gesagten sind: sie stellen die Frage nach dem Zustand der Gesellschaften in den Vordergrund. Das Wichtigste ist die Beschaffenheit der einzelnen Gesellschaften und nicht die Beziehung zwischen ihnen. Und für diese Gesellschaften gibt es nur ein Hauptbedürfnis, nämlich die Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaft - und wenn diese Aufhebung generell in der Welt verwirklicht ist, und die sozialistische Gesellschaft überall auch, dann kommt der Frieden als ein Extra-Geschenk für die Menschheit hinzu. Dann könnte es eigentlich auch keine Probleme mehr geben, denn Krieg und Unfrieden waren ja, richtig betrachtet, nur Ausdruck der kapitalistischen Kräfte bei der Suche um Absatz und Märkte und Verschleierungen der Widersprüche innerhalb der Gesellschaft, um die Klassengesellschaft zu verstärken und zu befestigen.
Wer sind dort die Träger, konkret: die Menschen, die solche Vorstellungen verwirklichen? Die Träger sind dort eben nicht die Professionellen, sondern die bewußt gemachten Arbeiter, die Proletarier. Manchmal sagen die Proletarier allerdings nicht so klar, was sie wünschen, deswegen brauchen sie einige Studenten als Sprachrohr, und die Studenten sind sehr gern dazu bereit und bringen auch einige Professoren in den Kampf ein. Allgemein ausgedrückt: man ist Träger des Friedens, wenn man Träger der Revolution Ist. Das Intra-nationale ist das Eigentliche - internationale und supranationale Beziehungen sind nur Epiphänomene.
Diese beiden Ideologieformen haben etwas gemeinsam: sie sind typisch westlich dahingehend, daß sie vom Fortschrittsglauben erfüllt sind. Hinzu kommt die Vorstellung, daß es auserwählte Menschen gibt, daß es einen engeren Kreis von Erstklassigen gibt - die Professionellen hier, die wahren Proletarier dort - und einen großen äußeren Kreis Zweitklassiger. Der erstklassigen Klasse gehört die Welt und insbesondere die Zukunft: sie sind ein wenig gleicher als die anderen, obwohl sie selbst eine Ideologie der Gleichheit vertreten. Darin steckt ein Problem, das zwei Hauptkomponenten hat, erstens, wenn man unter dieser Gleichheitsideologie etwas tut, verwirklicht oder verändert, dann immer arbeitsteilig. Auch angesichts des Friedens gibt es Herren und Knechte: die Herren auf der liberalen Seite sind die Professionellen, die Knechte sind alle anderen; die Herren auf der marxistischen Seite sind die Arbeiter und die Söhne und Töchter der Arbeiterklasse, die Knechte sind all die anderen. Auf beiden Seiten halten sich die Herren für erleuchtet - und zwar beide von wissenschaftlicher Einsicht und fundamentalem Glauben an ihre Rolle.
Der Mensch: Subjekt oder Objekt
Zweitens hat diese Arbeitsteilung dann als Konsequenz die faschistoide Annahme, daß die nicht erstklassigen Leute nicht ganz Menschen sind; sie sind Gegenstände, Objekte, nicht Subjekte ihrer Geschichte. Und weil sie Objekte sind, ist es auch möglich, diese Objekte nicht nur zu manipulieren, sondern zu opfern; denn es gibt eine Entfremdung zwischen den Erstklassigen und den Zweitklassigen. Beispielhaft dafür sind auf allen internationalen Konferenzen der Professionellen beider Supermächte die Vorstellungen und Diskussionen über die Terrorbilanz, über „first strike" und „second strike", „capabllity", „credibility" und „commitment", die immer davon ausgehen, daß diese Professionellen sich in Gebirgen, Höhlen oder Bunkern verstecken, in denen alles bestens vorbereitet ist; und die anderen, die draußen bleiben, das sind die Geiseln - als Faustpfand und Opfer der geschichtlichen Verläufe. Dasselbe gibt es auch in der marxistischen Lösung: wenn zum Beispiel Kulaken im Wege standen, dann war es möglich, diese Menschen zu opfern, weil sie ja nur zweitklassig waren und sich nicht im Zentrum, am Motor des historischen Fahrzeugs befanden.
Keine Professionalisierung des Friedens
In diesem Zusammenhang steht Gandhi dann für mich als eine Aufhebung dieser Krise westlichen Denkens, Gandhi, der betont hat, daß sein Friedensbegnff alle einschließt und jeden einzelnen beteiligt - wenn das nicht so wäre, dann wäre es kein Friedensbegriff. Das ist also meine erste These: eine Theorie, die als Träger der Zukunft nur einen begrenzten Teil der Menschheit hervorhebt, ist eine schlechte Theorie. Sie kann alle anderen Vorteile haben, sie kann empirisch mit den besten Daten übereinstimmen, sie kann deduktiv perfekt und als axiomatisches System wie eine gotische Kathedrale gebaut sein, alles mag sich wunderbar ableiten lassen - sie bleibt doch eine schlechte Theorie, wenn sie als Basis einer neuen Klasseneinteilung gelten kann. Deshalb behaupte ich, daß es eine Hauptaufgabe der heutigen Friedensforschung sein muß, sich gegen jede Professionalisierung des Friedens zu wenden und gegen jede mechanistische und im Grunde genommen faschistische Einteilung der Menschen in apodiktisch friedensfördernde und friedenshemmende Gruppen.
Wenn ich in diesem Zusammenhang „faschistisch" sage, dann gerade deshalb, weil wir wissen, welche Haltungen und Entfremdungen sich entwickeln, wenn Menschen nur noch als Gegenstände betrachtenswert sind.
Strukturelle Gewalt
Welchen Beitrag kann denn nun die Friedensforschung in dieser Richtung leisten? Um das verständlicher zu machen, möchte ich gern ein wenig über „strukturelle Gewalt" sagen. Daß es Strukturen gibt, die organisierte Friedlosigkeit darstellen, trifft gewiß zu; daraus kann man aber nicht folgern, daß Kategorien von Menschen, wie Professionelle oder Proletarier, notwendigerweise die einzigen Friedensträger wären. Der Friedensbegritf hat sich ja ständig weiterentwickelt: als man unter Frieden noch die „absentia belli" verstand, Frieden also nur als Abwesenheit der direkten Gewalt auf Kollektivebene definierte, da war „Frieden" mit dem Selbstverständnis der liberalen Professionellen vereinbar. Der Frieden wurde dadurch Aufgabe der Außenpolitik und blieb auf diese beschränkt. Mit Außenpolitik aber beschäftigen sich die Diplomaten, die Leute in den Auswärtigen Ämtern und einige andere, das heißt also, daß diese Friedensdefinition eine besondere Kaste hervorhebt - für Leute im allgemeinen, für die große Masse, gab es keine eigentlichen Friedensaufgaben.
Wir führten in den Jahren 1967 bis 1969, um die gegenwärtige Lage zu erhellen, in acht europäischen Ländern sowie Indien und Japan eine Fragebogenuntersuchung durch. Neuntausend Menschen wurden über Einstellungen, Vorstellungen und Haltungen zur Zukunft interviewt, und unter den 180 Fragen bezogen sich sehr viele auf die Friedensproblematik. Auf die Frage „Was ist die wichtigste Problemstellung für die Zukunft der Welt?" gab es immer Antworten, die sich irgendwie auf Krieg und Frieden bezogen, dabei aber immer international gesehen, auf Weltebene. Wenn man dann die nächste Frage stellte, „Was ist Ihre Friedenstheorie? Wie kann man den Frieden verwirklichen?", gab es darauf ganz viele Vorschläge - auf Papierebene. Und auf die Frage „Was können Ste dafür tun?" kamen überhaupt kaum noch Antworten. Einige sagten „Ich könnte vielleicht versuchen, ein besserer Mensch zu werden, oder vielleicht im familiären Bereich zu wirken oder an einer Demonstration teilnehmen." Die Demonstration, so könnte man sagen, war das Maximum an Friedenshandlungsvorschlägen; aber nicht etwa, weil alle diese neuntausend Menschen so phantasielos wären, sondern weil die Welt so gemacht ist und die Arbeitsteilung so verzweifelt tief geht, daß friedensbejahende Menschen ohne Friedensaufgaben bleiben und diese wichtigste Aufgabe der Menschheit fast ohne Träger, die diese Ideale verwirklichen könnten, bleibt.
Ausbeutung, Durchdringung, Fragmentierung, Marginalisierung
Was geschieht aber, wenn man den Friedensbegriff der „absentia belli" mit dem Begriff der „strukturellen Gewalt" erweitert, der durch die folgenden vier Hauptkomponenten definiert wird: Ausbeutung, oder vertikale Arbeitsteilung - eine Arbeitsteilung, die stets viel besser ist für die Leute oben, als für die, die unten bleiben: Durchdringung - also ein Prozeß, der die Autonomie der Menschen, die unten stehen, bedroht und aushöhlt und ihr Bewußtsein korrumpiert; Fragmentierung - das alte und immer wieder neu anwendbare „divide et impera"; und Marginalisierung - also die Tendenz, sich in die Zuordnung in innere und äußere Kreise zu fügen; wenn man Unfrieden, Gewalt, auch in dieser Richtung, strukturell definiert, dann hat man etwas gefunden, was sozialistische Revolutionen, wie wir sie von Osteuropa kennen, leider außerordentlich gut überlebt, etwas, das nicht nur dem Kapitalismus immanent ist.
Der Kapitalismus ist eine Produktionsform. die diese Struktur unmittelbar verwirklicht, besonders in seiner imperialistischen Variante; aber diese Struktur findet sich nicht nur dort. Zwar begünstigt und besitzt der Kapitalismus Produktionsmonopole und Monopole auf viele andere Dinge - aber er hat kein Monopol auf strukturelle Gewalt.
Man sieht das Problem ganz deutlich, wenn man beispielsweise gerade „Frieden als Beruf“ betrachtet, und kommt automatisch auf die vier obengenannten Kategorien: wer einen Beruf hat, ist in einer Kaste, die die Ausübung des Berufs monopolisiert und alle anderen als fragmentierte Klienten behandelt, die deren Bewußtsein durchdringt, immer behauptet, alles besser zu wissen, und somit eine vertikale Arbeitsteilung, also Ausbeutung, betreibt. Jeder Beruf, jede Profession, ist eine Form struktureller Gewalt - wobei es natürlich Abstufungen gibt; Berufe, denen mehr oder weniger Gewalt immanent ist. Zu den gewalttätigsten gehört zum Beispiel die United States Air Force: auf großen Schildern an der Nouasseur Air Force Base, in der Nahe von Casablanca, steht mit außerordentlich großen Buchstaben geschrieben „Peace is our Profession" - und nicht nur dort: ich habe es auch in der Bundesrepublik gesehen. Wenn das Frieden ist, und wenn das „Frieden als Beruf" sein soll - dafür bin ich nicht zu haben.
Das Interessanteste an dem Begriff der strukturellen Gewalt ist vielleicht, daß man damit ein Netz hat, mit dem man ganz viele Vögel fangen und „festmachen" kann, nicht nur die gewöhnlichen alten Vögel, sondern zum Beispiel auch uns, die Intellektuellen. Man hat damit ein Instrument, durch das man auch Intellektuelle, auch Friedensforscher, als friedlos erkennen kann, genau jene Professionelle, die immer behaupten „Ich weiß ..." und Fragestellungen und Antwortsdimensionen definieren. Gibt es dann aber überhaupt noch neue friedensstrategische Rollen, die mit einem erweiterten Friedensbegriff vereinbar sind und die Friedensaufgaben demokratischer verteilen? Ich glaube schon, und ich möchte es mit einer kleinen Liste von fünf - nicht Definitionen, nicht Beispielen, sondern - Illustrationen verdeutlichen.
Erstens, die Bürgerinitiativen - Hans-Ekkehard Bahr Bürgerinitiativen und andere aus der Bochumer Universität haben ein wichtiges Buch darüber geschrieben. Bürgerinitiativen sind für mich der Beweis für die Falschheit der Dichotomie von Evolution und Revolution, indem sie sie aufheben. Wir leben ständig unter dem Druck vieler ebenso falscher Dichotomien; warum ist diese falsch? Wenn man Revolution sagt, setzt man üblicherweise immer voraus, daß sie auf der Ebene des Nationalstaats abläuft: man könnte eine Revolution in Deutschland machen, aber nicht in Niedersachsen - eine „Revolution in Rheinland-Pfalz" wäre schier eine semantische Unmöglichkeit.
Revolution auf Mikroebene
Die Fragestellung ist aber nicht Bundesrepublik oder Rheinland-Pfalz - es geht nicht um die Größe des Territoriums. Es gibt ganz andere Formen von Revolution, die wir heute kennen; seit 1968 gibt es Revolutlonen auf der Mikroebene, in den Schulen, in den Gefängnissen, den Krankenhäusern, in Universitäten, an Instituten, sogar an Instituten für Friedensforschung. Wir haben zum Beispiel in Oslo versucht, unsere Definitionen von struktureller Gewalt an unserem Institut anzuwenden, und haben dabei gefunden, daß es eine kleine Kaste von Forschern gibt, die die Assistenten und Sekretärinnen fragmentieren, durchdringen und ausbeuten. . . Was macht man da? Zum einen haben wir versucht, Lohngleichheit einzuführen. so daß eine Sekretärin mit 7 Jahren Berufserfahrung genau denselben Lohn bekommt wie ein Doktor mit 7 Jahren sogenannter „Erfahrung“ - also Erfahrung im Universitätsleben. Wir haben auch versucht, die Forscher mehr auf der Schreibmaschine schreiben zu lassen und die Sekretärinnen an der Forschung teilnehmen zu lassen, und wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht; daraus entwickelt sich Kreativität. Dies aber nur, um zu verdeutlichen, daß die Begriffe von Gewalt, Revolution, Frieden, usw. so entwickelt werden müssen, daß man nicht immer nur die anderen damit festmachen kann, sondern daß sie unsere Bereiche selbst betreffen.
Ich verstehe also die Bürgerinitiativen als eine Vielzahl von Revolutionen auf der Mikroebene: es handelt sich dabei dann um Stadtteile, um einzelne Betriebe, Institute, ganz allgemein um Organisationen, aber auch um die Familie. Das ist schon etwas, wenn in der kleinsten Familie Vati oder Mutti das kleine zweijährige Kind fragen: „Was möchtest du gern zum Essen haben? Es gibt zwei Möglichkeiten." - statt zu sagen: „Hier ist dein Essen!"; das hat etwas mit dem Gegenteil von Marginalisierung zu tun, nämlich mit Teilnahme, im weiteren Sinne auch mit Solidarität, Autonomie, Egalität. Eine ganze Menge dieser Mikrorevolutionen schließen weder eine große Revolution noch auch eine allgemeine Evolution aus - denn fast alle derartigen Dichotomien sind falsch. Erstens handelt es sich fast nie um Dichotomien, sondern um Tricho- und Polytomien, und zweitens gibt es immer Kombinationsmöglichkeiten; es gibt immer ein „tertium".
Frieden ist machbar
Das Wichtigste ist aber, daß man mit diesen Bürgerinitiativen gegen strukturelle Gewalt kämpft, daß Erfahrungen gesammelt werden, Autonomie verwirklicht, Frieden gemacht wird - daß breite Kreise lernen, daß (und wie) Frieden machbar ist. Dabei ist nicht so wichtig, daß strukturelle Gewalt gefährlich ist, weil sie in direkte Gewalt umschlagen kann; das war die alte Vorstellung, die sich auch in der Charta der Vereinten Nationen findet, bei der Frieden noch als „absentia belli" definiert wird. Nein: strukturelle Gewalt ist Unfrieden, ist Gewalt; also ist auch der Kampf gegen strukturelle Gewalt eine aktive Friedenspolitik. Vor allem aber lernen die beteiligten Menschen zu sagen, daß sie nicht mehr Konfliktobjekte sein wollen, sondern Konflikt-Subjekte sind.
Und dabei leben wir in einer Gesellschaft, in der nach wie vor die Arbeitsteilung zwischen den Subjekten und den Objekten eines Konflikts eine der entscheidensten ist. Schon das kleine Kind sieht im allgemeinen nur den schönen Schein der Oberfläche. Es ist fast immer - besonders in der Mittelklasse - so, daß Familie oder Eltern sich in einem konfliktlosen Zustand präsentieren: denn Konflikte sind etwas, was man alleine bespricht, wenn die Kinder nicht dabei sind. Man erspart den Kindern die Konflikte, hält sie bewußt von Konflikten fern, bestenfalls wachsen sie mit sehr beschränkten Teilnahmemöglichkeiten auf. Im Schulalter werden den Kindern eventuelle Konflikte abgenommen und als Rohstoff von Lehrern, Eltern und Organisationen bearbeitet; denn man glaubt, die Kinder seien nicht reif dafür. Sie werden dann 18 und mehr Jahre alt und geraten in Konflikte - aber dann waren ihre Möglichkeiten, durch Konflikte zu eigenen Erfahrungen zu gelangen, außerordentlich beschränkt, und deswegen ist ihr Konfliktlösungs-Repertoire außerordentlich gering. Das macht sie manipulierbar.
Das Wichtigste an den Bürgerinitiativen ist also, daß man selbst Erfahrungen mit Konflikten sammeln kann. Käme jemand von außerhalb, ein Dritter, und sagte „Hier bin ich. Ich kenne mich aus in Konflikten. Sie haben da einen sehr interessanten Konflikt, ich möchte ihn gerne für Sie lösen!" - dann müßte man diesen Menschen, strukturell betrachtet, als Dieb bezeichnen: denn er nimmt den anderen, was für diese eine Möglichkeit persönlichen, und damit auch sozialen, Wachstums gewesen wäre. Ich könnte hier noch einflechten (obwohl ich Finnland sehr bewundere), daß Finnland sich mittlerweile zum Spezialisten dafür entwickelt hat, Konflikte anderer als Rohstoff zu nehmen und sie in Helsinki zu veredeln. Während Konfliktlösungsversuche beispielsweise in Genf eine blühende Hotelindustrie hervorgebracht haben, wächst in Finnland die Konfliktlösungsindustrie selbst, mithin auch das finnische Außenamt.
Verweigerung
Die Bürgerinitiativen stehen also an erster Stelle. Zweitens: die Verweigerung und, unter gewissen Umständen, der Verzicht auf bestimmte Positionen in gewissen Gesellschaften, die durch Gewaltkomponenten gekennzeichnet sind. Ich glaube, es wäre eine gute Idee, eine Liste internationaler Firmen, von „multinational corporations" zu erstellen, aus der hervorginge, welche internationalen Konzerne (entsprechend den zuvor entwickelten Kriterien) für die meiste strukturelle Gewalt in der Welt verantwortlich sind. Dann könnte man jedem, der einen Beruf sucht, davon abraten, ihn bei den 20 Firmen finden zu wollen, die diese Liste anführen. Dasselbe gilt für Regierungen: es gibt Regierungen, bei denen es bedeutsam ist, mit ihnen nicht zusammenzuarbeiten, und auch unter diesen Regierungen gibt es Ministerien, die schlimmer als andere sind.
Ich glaube, gerade in unserer Zeit darf man Regierungen nicht mehr als sakrosankt betrachten. Man darf sie eigentlich nur als Teilgruppen unserer Gesellschaft verstehen, die keine besondere Legitimität besitzen, außer, daß sie gute Arbeit leisten, nicht bloß für ihre eigenen Bevölkerungen, sondern für die ganze Welt. Und diese ihre Legitimität muß jeden Tag erneut angezweifelt werden; man sieht das besonders deutlich am sogenannten Watergate-Skandal, der aber nur ein Teil eines viel größeren Skandals ist - vielleicht ist die ganze Gesellschaft, die Watergate hervorgebracht hat, ein Skandal, und Watergate ist nur eine Ausdrucksform dafür, ein Symbol.
Transparenz
Drittens: Ich habe schon etwas über Transparenz gesagt, und wie bewußt Carl von Ossietzky sie eingesetzt hat. Ich glaube aber, daß es viel dramatischere Formen gibt als Analysen und das, was Friedensforscher machen, und ich denke dabei an Daniel Ellsberg, um nur ein Beispiel zu nennen. Zwischen Ellsberg und Ossietzky finde ich einige ganz interessante Parallelen: typisch ist beispielsweise, daß Ossietzky kein Spion für eine fremde Macht war, und daß auch Ellsberg sich als „Spion für die Menschheit" definierte.
Ellsberg war früher einmal genau der „Frieden-als-Beruf-Mensch im Sinne der US Air Force gewesen; er war an der Aufstellung dieser phantastischen Gleichungen und Diagramme beteiligt worden - hier militärischer Input, dort militärischer Output. Ersteres ist das Zerstörungspotential, letzteres sind die Getöteten; man kann sie dann in megabodies messen, à 1 Million Getötete - in Vietnam hat man es zu vielleicht 3 megabodies gebracht. Ellsberg war ein Teil dieser monströsen Fabrik, wie auch die anderen Intellektuellen in Boston, an der Harvard University oder dem Massachusetts Institute of Technology, er war ein „Spezialist" wie sie alle. Sie hielten sich für erstrangige Intellektuelle, die gegen eine fünftrangige Macht kämpften - bis sie sehen mußten, daß sie fünftrangige Intellektuelle im Kampf gegen eine erstrangige Macht waren.
Sie hatten die Steigerungen der Quantitäten berechnet und in Kurven ausgedrückt, Expertisen verfaßt über militärische inputs und megabody outputs, und sie hatten dem auch eine obere Grenze gesetzt, die berühmte „unacceptable damage". Aber dann erlebten sie, daß diese Grenze so ganz anders verlief in einer Gesellschaft mit totaler Mobilisierung der Kreativität der gesamten Bevölkerung - ganz anders, als sie es sich analog zu der ihren, der heutigen amerikanischen, vorstellen konnten. Ellsberg hat sich verändert dabei - man könnte geradezu biblisch sagen, wie Saulus auf dem Wege nach Damaskus hat er sich gewandelt; die Bekehrung war total, und jetzt ist er, wie er selbst sagte, ein anderer Mensch.
Megadans statt Megabodies
Wie wäre es, wenn man dann statt megabodies ein megadan einsetzte („dan" für Daniel Ellsberg)? Das wären also eine Million, das wäre genau das richtige Maß - zum Beispiel einige in jedem Außenministerium, in jedem Verteidigungsministerium, in den multinationalen Firmen, in jeder Organisation, die die Mittel der strukturellen oder direkten Gewalt beherrscht, verwirklicht, einsetzt oder verschärft Ein weiterer Schritt wäre, wenn man allgemein die Veröffentlichung von Geheimnissen in Krisenzeiten wie dem Vietnam-Konflikt als etwas außerordentlich Positives ansehen würde. Wir kennen ja jetzt die Pentagon-Papiere; was man da so außerordentlich gut feststellen kann, ist, daß diese Geheimnisse selbstverständlich nicht zum Schutze der Menschheit dienten, noch zum Schutz der Vereinigten Staaten - es waren Geheimnisse zum Schutz der Regierung, zum Schutz des Präsidenten, darin liegt der Unterschied. Die meisten geheimen Papiere sind von dieser Art.
Mobilisierung der Ellsbergs
Die Rolle Ellsbergs wäre also eine neue friedensstrategische Rolle, und die Mobilisierung der Ellsbergs dieser Welt wäre eine ebenso lohnende wie wichtige Aufgabe. Dann wäre das Monopol der Regierungen, Geheimnisse zu haben, ernsthaft bedroht, und ich glaube, das wäre sehr gut. Wenn in diesem Jahr das norwegische Nobelpreiskomitee ebensoviel Mut hätte wie das der Jahre 1935/36, dann müßte zweifellos Ellsberg der Preisträger sein.
Viertens: ich glaube, daß es sehr viel nachzuholen und zu tun gibt angesichts der neuen Technologien und der neuen Wissenschaftszweige, Wir haben erleben müssen, wie fast alle Wissenschaftler sich in einem Land der westlichen Welt, des Humanismus, des Christentums, für den Krieg haben mobilisieren lassen. Die Forschung am Massachusetts Institute of Technology wurde fast ganz durch das Pentagon finanziert, aber das gilt auch allgemein: es war eine unglaubliche Mobilisierung für einen Krieg, den wir jetzt erschreckend gut kennen, über den wir fast alles wissen. Furchtbar an diesen Erfahrungen ist die Erkenntnis einer Vereinbarkeit, ja, Gemeinsamkeit zwischen Kriegen und Wissenschaft - man hat erkannt, daß die Wissenschaft aus sich selbst heraus für den Krieg disponiert ist.
In unserem Wissenschaftsmodell ist die vertikale Arbeitsteilung schon eingeplant, fest eingebaut; man kann die Frage stellen, ob es ein gutes Gesellschaftssystem ist, daß eine kleine Elite fördert, die sich selbst als Wissenschaftler bezeichnet und die anderen als Klienten, als Studenten, als Nichts versteht, deren Bewußtsein gestaltet und bestimmt und die anstehenden Probleme als Monopol betrachtet. Darin liegt das Problem, nicht nur für die Friedensforschung, sondern für jede Wissenschaft: ein Forscher, der sich nicht bemüht, seine Wissenschaft zu popularisieren, handelt paternalistisch. Eine Lösung wäre vielleicht, Wissenschafisbegriffe zu entwickeln, die weniger geteilt sind, die alle einbeziehen, mit denen jeder arbeiten kann.
Selbstverständlich haben wir alle davon gehört, daß man das im heutigen China versucht. Ich weiß nicht, ob das wahr ist - es kann auch Heuchelei sein; Ich weiß aber, daß man es in unserer vertikalen Gesellschaft jedenfalls überhaupt noch nie versucht hat. Deswegen haben wir auch eine Wissenschaftsproduktion und -technologie, die die Vertikalität der Gesellschaft widerspiegelt und integriert hat - eine Technologie, deren jedes einzelne Ergebnis einer politischen Struktur, nämlich der unseren, entspricht. Und wenn wir dann versuchen, diese Struktur an andere Länder weiterzugeben, dann ist der Erfolg unserer Entwicklungshilfe immer derselbe: eine Reproduktion unserer Gesellschaft und ihrer Probleme, nur verzehnfacht.
Demokratisierung der Außenpolitik
Schließlich fünftens: die Demokratisierung der Außenpolitik. Damit meine ich nicht nur eine Vermehrung außenpolitischer Debatten und Studienkreise, noch mehr Literatur, die wir Forscher herstellen und an die Bevölkerung weitergeben; ich meine aber auch nicht Abstimmungen innerhalb eines Landes über außenpolitische Initiativen - gerade nicht! Nehmen wir einmal an, die Vereinigten Staaten wären vollkommen demokratisch, eine direkte Demokratie - welche Bedeutung hat denn Demokratie? Ich glaube, das heißt immer noch, daß alle diejenigen, für die die Entscheidungen relevant werden, berechtigt sein müssen, am Entscheidungsprozeß teilzunehmen. Das ist für die gegenwärtige Außenpolitik gewiß nicht typisch; und es würde auch überhaupt nichts ändern, wenn die gesamte amerikanische Bevölkerung (etwa 210 Millionen, davon 1/3 Stimmberechtigte) über die Bombardierung oder Nicht-Bombardierung Kambodschas abstimmen könnte. Warum denn nicht? Weil diese Entscheidung zum Beispiel für die Bauern, für die armen Leute in Kambodscha, auch ein wenig relevant ist, und die haben dabei kein Stimmrecht. Ein Relevanz-Begriff in der heutigen Welt kann keine nationalen Grenzen kennen; deshalb ist es ein schlechtes Demokratisierungsmodell, die Vorschläge zur innenpolitischen Demokratisierung auf außenpolitische Entscheidungsprozesse übertragen zu wollen.
Um es zu verdeutlichen nehmen wir zwei Länder an, beide in etwa dreiteilig: oben die Regierung, unten das Volk und dazwischen die Forschungseliten, auch die Friedensforscher, mitten zwischen Regierung und Volk. „Zwischen" eigentlich in dem Sinne, daß die Friedensforscher weder Kontakt mit der Riegierung haben noch mit dem Volk; und deshalb versuchen die einen, nach oben Kontakte zu knüpfen und die anderen nach unten, und die meisten von uns sind ein wenig schizophren, glaube ich - aber das ist vielleicht nicht so schlimm, weil wir sowieso in einer schizophrenen Welt leben.
Der Forscher als Call-Girl
Also: die alte Politik war genau diese Politik zwischen den Regierungen, und die Friedensforscher als Call-Girl versuchten, als Lobbyisten, ganz wie die anderen auch, Einfluß auszuüben. Das ist im Grunde die sehr übliche Rolle als Prostituierte; der Forscher als hoch bezahltes Call-Girl, stets mehr oder weniger willig, Rationalisierungen oder Ideologien zu produzieren. Das taugt wenig, und es ändert auch nichts, weil er immer noch annimmt, daß Außenpolitik nur „von oben" gemacht werden kann. Diese ganze Struktur ist außerordentlich elitistisch, wie wir es sehr deutlich am Ost-West-Konflikt erkennen können. Die „kleinen Leute" sind überhaupt nicht daran beteiligt, und sie interessieren sich natürlich auch Oberhaupt nicht für das, was beispielsweise in Helsinki vor sich geht.
Eine andere Vorstellung wäre, daß der Forscher sich ans Volk wendet, mit ihm zusammenarbeitet, eine neue Struktur entwickelt und verwirklicht und damit Druck gegen die Regierungsmacht ausübt. Das entspricht aber im Grunde auch noch dem alten Modell. weil dabei immer noch vorausgesetzt wird, daß die Einheit der Außenpolitik der Nationalstaat ist, und daß ihre Zieigruppe die außenpolitischen Eliten sind.
Von Volk zu Volk
Ich denke an etwas ganz anderes: Verknüpfungen direkt von Volk zu Volk. Wenn Regierungen als eine Teilgruppe betrachtet werden können, dann muß man auch alle anderen Gruppierungen in Betracht ziehen und beteiligen. Es wäre zum Beispiel sehr gut gewesen, wenn in diesem Sommer eine Nebenkonferenz der Gewerkschaften in Helsinki hätte durchgeführt werden können. Wie stellen sich die Gewerkschaften ein Gesamteuropa vor? Zum Beispiel die Gewerkschaften in Gdansk in Polen und jene von Renault in Paris - die haben so in etwa dieselben Erfahrungen mit ihren sogenannten Eliten gemacht. Eine Konferenz untereinander wäre gut, dann eine internationale Organisation, später die Möglichkeit, mehrere Kontakte auf internationaler Ebene einzurichten - das wäre ein viel besseres außenpolitisches Modell.
Oder denken wir an die Studenten: die erste wirkliche Zusammenarbeit zwischen dem polnischen und dem französischen Bildungsministerium war vor drei Jahren eine Konferenz über die Studentenunruhen - und man ist nie auf die Idee gekommen, wegen der vorherigen „Ruhe" der Ordinarien Konferenzen abzuhalten. Die Polen hatten einige Erfahrungen damit, vom März 1968 in Krakow, und die Franzosen hatten ihre Erfahrungen mit den berühmten „événements de mai" von 1968. Natürlich war das Thema nicht etwa, wie man den Studenten helfen kann, sondern ein Austausch von Erfahrungen, wie man sie besser bekämpfen kann, um solche Konflikte künftig zu vermeiden. Dieser elitäre Austausch von Erfahrungen auf Gipfelebenen wird heute Frieden genannt - Ich halte das für ein semantisches Verbrechen!
Außenpolitik: kein Monopol der Regierungen
Ohne allgemeine Bevölkerungsteilnahme besteht die Möglichkeit, daß nur eine neue Konfliktformation eingeleitet wird, bei der die Regierungen, und besonders die Supermächte, auf der einen und die Bevölkerungen auf der anderen Seite stehen werden. Selbstverständlich ist es so, daß einige Länder für diese Volk-zu-Volk-Außenpolitik mehr oder weniger aufgeschlossen sind - kein Land ist aber total verschlossen, wie natürlich auch kein Land total dazu bereit wäre. Aber denken wir nicht wieder in Dichotomien! Es gibt immer neue Möglichkeiten. Die wichtigste Beschränkung unseres Denkens liegt nach meiner Meinung an diesem Punkt: dem alten Vorurteil, daß Außenpolitik im allgemeinen, und insbesondere der Frieden, ein Monopol der Fürsten wäre - und daß die Regierungen von heute die legitimen Nachfolger der Fürsten seien.
Und deshalb führt hier eine gerade Linie von den Bürgerinitiativen auf lokaler Ebene zur außenpolitischen Demokratisierung (zu non-governmental foreign policy) auf der Weltebene. Es ist unerläßlich heute, die Gesellschaft wieder transparent zu machen, in bestimmten Situationen das Verweigern gewisser Positionen zu ermöglichen, die Entwicklung neuer Technologien und neuer Wissenschaftsbegriffe zu fordern und zu fördern. Und das, mehr oder weniger, war mein Thema: einige neue friedensstrategische Rollen so zu definieren, daß sie nicht neue Professionskasten mit sich bringen können.
Ich möchte nur noch zum Abschluß sagen, wie froh und dankbar ich für die Berufung auf diesen Lehrstuhl und für die Gelegenheit zu dieser Antrittsvorlesung bin.
Recht vielen Dank!
Johan Galtung
wurde am 24. Oktober 1930 in Oslo geboren. Nach Besuch der höheren Schule studierte er an der Osloer Universität Mathematik, Soziologie und Philosophie. Er promovierte hier 1956 in Mathematik und 1957 in Soziologie. Von 1957 bis 1960 war er als Assistant Professor am Department of Sociology der Columbia University in New York tätig, danach an den Universitäten von Santiago de Chile und Oslo.
Galtung ist Gründer und war langjähriger Forschungsdirektor des „International Peace Research Institute" in Oslo. Er ist Herausgeber des dort erscheinenden international renommierten „Journal of Peace Research" sowie Mitherausgeber des „Bulletin of Peace Proposals".
Galtung war Gastprofessor u. a. des University College Kampala, der University of Essex, der International Christian University of Tokyo, der University of Cairo, der Jawaharlal Nehru University in Neu Delhi und der Universität in Zürich.
Johan Galtung: Neue friedensstrategische Rollen: Frieden als Beruf? In: Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Knfliktforschung e.V.: DGFK-Hefte Friedens- und Konfliktforschung, Nr. 3, Januar 1974.