Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Hermann Pfister: Thesen zur Friedenspädagogik (1973)

1. Friedenspädagogik ist im technischen Zeitalter eine unbestrittene Erfordernis, da der Friede die einzige Alternative zu einem atomaren Untergang der Menschheit dargestellt.

2. Friede wird hier als Weltfriede, politischer Friede, relativer Friede verstanden, und zwar in vierfacher Hinsicht:
2.1 Als bloßer Nicht-Krieg, als Abwesenheit von gewalttätiger Auseinandersetzung zwischen den Völkern in globalem Ausmaß, also als sog. Negativer Friede oder Drohfriede (Senghaas)
- mit dem möglichen Vorteil:
Ausgangspunkt für politische/diplomatische Bemühungen zur Herstellung eines besseren FRIEDENS zu sein (in einer Welt nämlich, die noch nicht gelernt hat, ohne gegenseitige Bedrohung durch das Gleichgewicht des Schreckens, die Möglichkeit des atomaren Patts und die damit verbundenen Freund-Feind-Bilder und regionalen militärischen Blockbildungen auszukommen);
- mit den Nachteilen: die Konfrontation zu versteifen, Freund-Feind-Bilder zu fixieren und zu verinnerlichen, und zwar als systemimmanente Folge des internationalen Drohsystems; unnötig viele Produktivkräfte und materielle Grundlagen, die einer besseren Welt dienen könnten, zu blockieren bzw. zu absorbieren; dadurch die tieferen Ursachen des Ungleichgewichts in der Welt (Nord-Süd-Gefälle zwischen den reichen Industrienationen des »Nordens~~ und den armen sog. Entwicklungsländern des -Südens-) zu vergrößern. Das II. Vaticanum nennt diesen Rüstungswettlauf keinen „sicheren Frieden", „eine der schrecklichsten Wunden der Menschheit" und behauptet: „...er schädigt unerträglich die Armen".
2.2 Als positiver Friede, der charakterisiert ist durch weitgehende Abwesenheit von Gewalt, Freiheit von Hunger, Armut, Angst und Zwängen aller Art, und die Verwirklichung möglichst vieler humaner Existenzmöglichkeiten erlaubt.
2.3 Als dynamischer Prozess, der nie in einen Zustand endgültiger statischer Harmonie aller Bereiche des menschlichen Lebens einmündet (Idealutopie; antik: -goldenes Zeitalter«, religiös: "Paradies- bzw. -Reich. Gottes«), sondern immer nur durch die Relativität der Konfliktlösung mit Kompromisscharakter definiert ist.
2.4 Als Maximierung von Konfliktlösung und Minimierung der Anwendung seelischer und körperlicher Gewalt. Hier wird also bereits die Methode angesprochen, während in 2.3 mehr der Akzent auf der Relativität des Friedens liegt.

3. Dieser Friede ist nicht in erster Linie das Ergebnis oder die Summe vieler guter Einzelwillen (ethisch wertvoller friedfertiger Gesinnungen einzelner), sondern vor allem das Ergebnis der Beseitigung friedenshemmender und der Schaffung friedensfördernder Strukturen.

4. Strukturen sollen hier, abgesehen von Mentalstrukturen einzelner und mikrosozialer Kollektive, vorwiegend als wirtschaftliche, soziale, politische und ideologische Strukturen verstanden werden.

5. Friedenspädagogik kann angesichts der Thesen 1-4 nur einen begrenzten Beitrag leisten, den Frieden im Sinne des Weltfriedens zu schaffen.

6. Ihr Dilemma besteht in der Aufgabe, zwischen der Erziehung, von einzelnen und kleinen Gruppen beispielsweise zu angemessenem Konfliktlöseverhalten und der Veränderung der Makrostrukturen eine Verbindung herzustellen.

7. Das bedeutet, dass ihre Beschränkung auf einzelne und Gruppen im individualethischen oder mikrosozialen Bereich der Gesinnungsänderung nicht nur äußerst problematisch, sondern sträflich einseitig ist. Eine Friedenspädagogik in diesem beschränkten Selbstverständnis kann von jedem sozioökonomischen und politisch-ideologischen System toleriert werden, ja für autoritäre Systeme sogar eine Alibi-Funktion haben.

8. Begründung: Erziehung - mithin auch Erziehung zum Frieden - soll den einzelnen befähigen, einerseits eine ich-starke Person zu werden, andererseits sich wirkungsvoll mit der Umwelt auseinanderzusetzen. Eine ich-starke Person entsteht nicht, wenn durch einen strukturellen Rollenkonflikt zwischen einer konfliktlösenden Funktion und/oder dem Bewusstsein um die Notwendigkeit struktureller Veränderungen in den Makrostrukturen -und den Praktiken bzw. Strukturen einer autoritären bzw. Drohgesellschaft schizophrenes Verhalten permanent erzeugt wird. Sich aber wirkungsvoll mit der Umwelt auseinanderzusetzen bedeutet doch im technischen Zeitalter, den Frieden ein Stück voranzubringen. Auch dies ist nicht möglich, denn eine so erzogene Person wird nicht in stand gesetzt, auf Makrostrukturen verändernd einzuwirken.

9. Erziehung zum Frieden muss also über den individualethischen Bereich bzw. mikrosoziale Strukturen hinaus die Menschen ertüchtigen, auch auf Makrostrukturen einzuwirken.

10. Da auf Makrostrukturen nur soziologisch relevante Gruppen einwirken können, muss Erziehung zum Frieden (Friedenspädagogik) Möglichkeiten und Notwendigkeit der Solidarisierung der einzelnen bzw. Kleingruppen mit soziologisch relevanten Großgruppen aufzeigen und, wenn möglich, auch einzuüben versuchen. Dadurch bleibt dem einzelnen bzw. der Kleingruppe das Identitätsbewusstsein nach der bisherigen Art der Sozialisation (im friedenspädagogischen Sinn) erhalten, und er bzw. die Kleingruppe kann einen relativen Schritt auf den Frieden hin tun und durch das „Erfolgserlebnis" als Rückkoppelung eigenen Verhaltens neue Ermutigung erfahren.

11. Für Friedenspädagogik (Erziehung zum Frieden) als Praxis gelten die Grundsätze jeder erfolgreichen Erziehung, soweit die Pädagogische Tatsachenforschung und die Lernpsychologie solche Gesetzlichkeiten ermittelt haben: Sie geschieht nicht nur rational/intellektuell durch lehrerzentrierte Informationsvorgabe und auf Seiten des Lernenden durch rezeptives Aneignen von Wissensstoff sowie reproduktives Repetierenkönnen des Gelernten, sondern
- was den kognitiven Bereich betrifft, durch schülerorientiertes bzw. gruppenpädagogisches Vermitteln von funktionalem Informationswissen, Erarbeiten von einsichtigem Verständniswissen und der Stimulierung von schöpferischem (kreativem) Denken, im affektiven Bereich
- individuell durch Erprobung von Regulierungsmöglichkeiten der Antriebe, Strebungen und Gefühle,
- sozial durch Erprobung aller Fähigkeiten der Kommunikation und Kooperation; dabei stehen individuelle und soziale Erprobung in einem Verhältnis der Wechselwirkung und Komplementarität.

12. Nach diesen Thesen I-II, die sich vornehmlich auf das globale Leitziel der Erziehung zum Frieden beziehen und nur teilweise didaktische und methodische Vorentscheidungen beinhalten, ist es notwendig, dieses Leitziel in Grob- und Feinziele im Sinne eines Curriculums der Friedenserziehung aufzugliedern.

13. Daran werden sich methodische Überlegungen anschließen müssen, wie die verschiedenen Lernziele in geeigneter Weise vermittelt werden können und sollen.

14. Der letzte Problemkreis wird dann - ganz im Sinne curricularer Überlegungen - die Frage der Prüfinstrumente betreffen, mit denen kontrolliert werden kann, ob die so ausgewählten (didaktische Vorentscheidung) und geeignet vermittelten (methodische Vorentscheidung) Lernziele des Friedens auch erreicht worden sind (Effektivitätskontrolle).

15. Trotz all' dieser Überlegungen, Friedenspädagogik könne und solle eine Verbindung zwischen Mikrostrukturen der Sozialisation und sozioökonomischen bzw. politisch-ideologischen Makrostrukturen herstellen, bleibt Friedenspädagogik immer begrenzt, solange die Entscheidungen im Makrostrukturbereich eines Staates und/oder der Weltgesellschaft sich nicht annähernd mit den hier dargelegten Prinzipien einer effektiven Friedenspädagogik decken - wohl eine Realutopie, wenn man die Relativität solcher Kongruenz betont.

16. Also wird Friedenspädagogik für die nahe Zukunft in einem Spannungsverhältnis zu den Makrostrukturen einer friedenshemmenden oder gar -hindernden Gesellschaft stehen müssen und kann nur Initialzündungen geben, die von Minderheiten über die Transmissionshebel soziologisch relevanter Großgruppen in der Gesellschaft im Sinne von Innovationsprozessen an die Gesamtgesellschaft weitergegeben werden.
(Vgl. dazu die beiden Schemata in Pfister/Wolf: „Friedenspädagogik heute", S.61 und Einlegblatt am Ende des Buches!)

H. Pfister: Thesen zur Friedenspädagogik. In: Probleme des Friedens Info: Erziehung zum Frieden. 3-6/1973, S. 37-40

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