Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Hans-Günther Assel: Zehn Thesen zur Friedenspädagogik* (1970)

Vorbemerkung: Friedenspädagogik bedeutet eine große Hoffnung und Chance in unserer Zeit. Sie sagt dem alten Freund-Feind-Denken den Kampf an, weil sie nicht davon überzeugt ist, daß gesellschaftliche Strukturen einen permanenten Antagonismus erzeugen müssen. Unsere Friedlosigkeit beruht nicht zuletzt darauf, daß es dem Menschen bisher nicht gelang, jene positiven Anpassungsprozesse zu initiieren, die nötig sind, um in der modernen Welt mit komplizierten technologischen Strukturen ein menschliches Zusammenleben zu fördern. Nur der aggressive, mißtrauische und ungeliebte Mensch baut sich eine friedlose Welt auf, welche in blinden Emotionen verharrt, anstatt die Welt zu planen, in der sich Frieden und Freiheit für alle realisieren läßt. Der Mut, über die trennenden Gräben hinweg Formen der Kooperation zu entfalten und im vernünftigen Ringen miteinander Lösungen des Ausgleiches zu schaffen, welche Frieden und Freiheit mit Vernunft und Moral schrittweise erstreben, ohne an Weltfriedensutopien oder an Wunschträume zu glauben, die den Menschen von allen Konflikten, von Einsatz und Verantwortung befreien, dieser Mut, der Friedensbrücken nicht nur in Gedanken und Worten, sondern auch in der Tat und in der politischen Praxis aufbaut, ist von der Friedenspädagogik zu entwickeln. Sie hat den Weg zu finden, der die Welt von der Konfrontation, zur Kooperation übergehen lässt und ein gegenseitiges Verstehen der unteilbaren Verantwortung weltweit fördert. Insofern wird die Kategorie des Friedens zu einer Grundkategorie politischer Pädagogik.

1. These: Friedenspädagogik hat durch Deskription und Analyse zu zeigen, daß wir inter-nationale Probleme in der Geschichte unserer Staatenwelt bisher mit falschen Mitteln gelöst haben: nämlich mit Krieg. Sie hat daher eine „Anatomie des „Krieges" zu entfalten mit den entscheidenden Fragen: Warum finden überhaupt Kriege statt? Wer sind ihre verantwortlichen Träger? Mit welchen Mitteln werden Völker und Nationen zur Kriegsbereitschaft angestiftet?

2. These: Friedenspädagogik hat zu analysieren, wie Haß- und Gewaltfronten entstehen. Sie beruhen meistens auf nationaler oder ideologischer Verblendung. Vorurteile und Klischees, hyperpatriotische, nationale, rassische und ideologische Ressentiments lösen Fremd- und Selbsttäuschung aus, die nach kritischer, skeptischer und ideologiekritischer Haltung verlangen. Ideologie- und Konfliktkritik sind wirksame Mittel, um ein vertieftes und geschärftes Bewußtsein aufzubauen.

3. These: Friedenspädagogik hat jede Form von politischem Irrationalismus, der sich auf Macht- und Gewaltpolitik verläßt, zu entlarven und zu zeigen, daß die Macht im Atomzeitalter nur noch als „gelähmte Macht" zu verstehen ist, weil die Supermächte nicht mehr in der Lage sind, ihre vollen Machtpotentiale in die Waagschale zu werfen, wenn sie nicht in eine destruktive Irrationalität zurückfallen wollen.

4. These: Friedenspädagogik hat zur konsequenten Gewaltlosigkeit zu erziehen, weil sich Konflikte nur noch in „gewaltlosen" Formen austragen lassen, wenn die Eskalation politischer Unvernunft unterbleiben soll. Wir produzieren negative Einstellungen, um künstlich Feindschaft, Provokation und Aggression aufrechtzuerhalten, Diese „gemachten" Haltungen nehmen wir zum Anlaß des Konfliktes, um geistige Absperrung und Isolierung zu rechtfertigen, anstatt sie durch verstärkte Kommunikation zu überwinden.

5. These: Friedenspädagogik hat den sozialen Weltfrieden durch Einsicht in die Existenzlage der unterentwickelten Völker zu einem besonderen Anliegen zu machen. Die positive Einstellung zu einem „weltweiten Lastenausgleich" wird viele Vorurteile der Länder der Dritten Welt gegenüber den reichen Industrienationen abbauen helfen. Konkrete soziale Friedensprogramme und der persönliche Einsatz im Entwicklungsdienst werden dazu beitragen, dichotomisches Denken im Sinne eines internationalen Klassenkampfes zwischen Nord- und Südstaaten der Erdkugel zu eliminieren.

6. These: Friedenspädagogik hat zu zeigen, daß politische Ordnungsformen keinen Ewigkeitswert besitzen. Veränderungen in den Strukturformen müssen mit dem technologischen und bewußtseinsmäßigen Fortschritt Hand in Hand gehen. Daher ist zu einem Veränderungswillen aus Einsicht zu erziehen, der weder die weit- und gesellschaftspolitischen Strukturen noch die eigene Denkstruktur unberührt läßt und sich ebenso gegen jede Verblendung durch Feindattrappen wie gegen negatives Anpassungs- und Konformitätsdenken wendet.

7. These: Friedenspädagogik hat sich dafür zu verwenden, daß die geistigen und materiellen Ressourcen gegen Hunger und Unwissenheit, gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit eingesetzt werden. Repression und Manipulation sind Herrschaftsmittel, die in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften einen Leistungsdruck erzeugen, der zum Konsumzwang und zur Konsumhaltung führt, die nur noch im Verkauf und im Genuß von Gütern den Lebenssinn erblickt. Die Beseitigung „profitabler Verschwendung" kann zur Deckung von Bedürfnissen dienen, wo einseitige Versagungen von Befriedigungen Aggression hervorrufen. Die Probleme der Überflußgesellschaften sind ebenso zu erörtern wie die der Mangelgesellschaften, weil sich in beiden Fällen akute Freiheitsbeschränkungen einstellen.

8. These: Friedenspädagogik hat das Verständnis für die Triebstruktur des Menschen zu fördern, da die Erkenntnis, daß der Mensch ein aggressives und unfriedliches Wesen ist, sträflich vernachlässigt wurde, weil philosophische Systeme und Ideologien die Triebwelt mit ihrem Bannfluch belegten. Die Möglichkeiten für vernünftige Ersatzhandlungen und bestimmte Spielformen oder Sublimierungen und Abreaktionen wurden bisher nicht erörtert. Wir aber müssen wissen, welcher Mißbrauch mit den aggressiven Neigungen zu treiben ist und wie man durch Feindattrappen Haß und Fanatismus hervorrufen kann.

9. These: Friedenspädagogik hat sich mit dem Problem der vernunftgemäßen Organisation der Staatenwelt zu stellen und hierfür Möglichkeiten zu erörtern und Modelle zu diskutieren, die eine gewaltfreie Welt realisieren. Eine weltweite Gewaltverzichtspolitik und die Verbesserung und der weitere Ausbau des Völkerrechtes können erste Schritte auf einem Weg sein, der zu größeren Kooperations- und Integrationsprozessen führt. Die geistige Bereitschaft dafür in einer gefährdeten Welt zu wecken, stellt kein geringes Verdienst pädagogischen Bemühens dar.

10. These: Friedenspädagogik hat sich für eine politische Ethik in der modernen Industriegesellschaft einzusetzen. Die große Kluft zwischen technologischer Entwicklung und politischer Ethik macht eine Mangelerscheinung deutlich, die dem Verantwortungscharakter im Atomzeitalter nicht gerecht wird. Wissenschaftliche Konflikte sind nach dem Kriterium der Wahrheit und politische Konflikte durch Verantwortungsethik zu lösen. Wenn wir dem Chaos und der Barbarei entrinnen wollen, müssen alle Gefährdungen der Menschlichkeit, die Friedlosigkeit als Krankheit durch eine politische Ethik überwunden werden.

In: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (Hrsg.): Probleme der Friedenserziehung. Arbeitstagung der Bundeszentrale für politische Bildung vom 15. – 20.6.1970 in Saarbrücken. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Heft 90. Bonn 1970, S. 51-54

*Die Thesen sind zuerst in dem Beitrag: Friedenspädagogik als Problem politischer Bildung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament B 15/1970, S. 46 f. erschienen.

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